szmmctag

  • Das neoliberal befreite Ich wagt einen freien Gedanken und kommt auf ''Das bedingungslose Grundeinkommen'' als Beförderer der Humanität (Utopische Reserven I)

    ''Ist doch auch so! Jeder muss sehen, wo er/sie bleibt, ich muss auch arbeiten, meine Knochen hinhalten, um durchzukommen, da kann ich nicht andere durchfüttern. Jeder muss zusehen, dass er ans Arbeiten kommt! Man muss doch sehen, wo man bleibt.''

    Otto ''Pegida'' Normalverbraucher zur Idee, das jemand gar wollen könne, nicht arbeiten gehen zu müssen

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    ''Compare the best of their days, with the worst of your days
    you won't win: with your standards so high and your spirits so low...
    So: just do your best and oh, don't worry, oh,
    the way you hang yourself is all so unfair...''

    Morrissey, Do your best and don't worry

    Die Dekadenzform des Süßen ist ja bekanntlich die Klebrigkeit und so kleben wir wie Fliegen im Fliegenleim am süßen Kitt der neoliberal flurbereinigten Welt. Hätten sich die Vordenker der marktwirtschaftlich ''befreiten'' Welt des frühen 20. Jahrhunderts ab ca. 1920ff ihren idealen Modellkonsumenten vorstellen oder beschreiben sollen, sie wären hoch entzückt, den Modellkonsumenten und -marktteilnehmer des Jahres 2015 kennenzulernen: den perfekten glücklich konsumierenden Idioten, der sich als souveräner ''kritischer Konsument'' wähnen darf, um ein perfide austariertes System der Anhäufung und der Profitgier zu erhalten. Dieser idiotische Modellkonsument oder modellierte Idiotenkonsument entspricht in seinen Grundeigenschaften dem Menschenbild der Vordenker der entfesselten Marktwirtschaft: ein dem Naturrecht überantwortetes Individuum, das zuzusehen hat, wo es bleibt.

    Nun wird mancher sagen, wie oben aufgeführt: ''Ist doch auch so! Jeder muss sehen, wo er/sie bleibt, ich muss auch arbeiten, meine Knochen hinhalten, um durchzukommen, da kann ich nicht andere durchfüttern. Jeder muss zusehen, dass er ans Arbeiten kommt! Man muss doch sehen, wo man bleibt.''

    Sehen Sie, lieber Leser, diese allzu leicht zustimmungsfähige Aussage ist exakt die scheunentorweit geöffnete Hintertür, durch die das Naturrecht in die Ideologie der intellektuellen Befürworter der totalen Marktwirtschaft eindringt und das Thomas Hobbes'sche Diktum ''Jeder Mensch ist seinem Mitmenschen ein Wolf'' zum munteren Motto der ganzen Veranstaltung ''Kapitalismus entfesselt'' gemacht wird. Da gelangt man schnell an die Grenzen der Menschlichkeit der Marktwirtschaft, die mit Menschlichkeit und einem wohlwollenden Menschenbild nichts zu tun hat, da erweist sich der Zivilisationsgrad und das Maß der Fortschrittlichkeit des Denkens der Marktwirtschaft: es ist in Bezug auf das Menschenbild nicht fortschrittlich, sondern degenerativ: der Mensch wird per definitionem zum Naturwesen erklärt, das kämpfen und sich schinden muss, es kann kein Mitleid erwarten. Der Markt entspricht dabei der Natur: es geht hier so zu, wie es nun mal zugeht, man kann und will das alles nicht ändern und wer nicht arbeitet, der wird zugrunde gehen...wer nicht mehr zahlen kann, wer nicht mehr essen kann, der hoffe nicht auf die Hilfe anderer: der hat zu krepieren oder massiv abzusteigen. Der Markt ist die Natur! Keinen Schritt darüber hinaus in Sachen Mitmenschlichkeit möchte das System machen.

    Dabei wird das neoliberal ''befreite'' Individuum, das in Wahrheit im rauhen kalten Wind der Marktwirtschaft um seine Existenz zu kämpfen hat (wobei ''Freiheit'' hier ohnehin immer: ''Recht des Stärkeren, wirtschaftlich Vermögenderen'' bedeutet) dressiert und geschliffen, um schon früh zu verinnerlichen, was Scheitern und Hängenbleiben im System bedeuten. Wo die Ansprüche hoch sind, jedoch der Ehrgeiz und jeder Ansporn dagegen nur gering (um mal den Tenor des oben zitierten Morrissey-Songs aufzunehmen), da wirds schwer mit dem heiligen Erfolg und im Vergleich zu den glitzernden Anderen, den idealen Konsumenten, den ''perfect achievers''', den VIP-Halbgöttern, steht der prekäre Unterambitionierte schnell nicht nur da wie der komplette Systemverlierer, sondern wie etwas, das abgeschafft, zumindest aber an den Stadtrand beseitigt gehört. ''Vergleich doch mal bitte dich an einem schlechten Tag mit IHNEN, wenn sie einen guten Tag haben (also eigentlich immer, denn sie sind ja Gewinner!) : das kannst du knicken! DU schaffst das nicht. Und wie du dich jetzt hängen lässt, das ist echt nicht fair: gib jetzt endlich dein Bestes und mach Dir keinen Kopf darüber, wie es anders oder besser sein könnte, das sind ohnehin alles nur Blütenträume, Du ruminierender Spinner! Wir müssen das System erhalten. Keiner kann und wird dich am Ende durchfüttern.''

    Und so schleppt sich das neoliberal befreite Selbst, das ja auch kaufen und zugewinnen will, um mitspielen und mitreden zu können, irgendwohin und beutet sich selbst fortwährend gegen seine Interessen und besseres Wissen aus. Es weiß gar nicht wirklich warum, es fragt sich auch nicht weiter, warum es sich ausbeuten lässt und wer es eigentlich ausbeutet, wer es überhaupt hierhin getrieben hat. Es spürt nur dumpf wie eine Ameise, das es eben muss, weil es sonst hängen bleibt. (Es bleibt aber so oder so hängen!)
    So kann sich das neoliberal befreite Selbst zumindest in seiner Überforderung noch mit der eigenen Überforderung als Auszeichung dekorieren. Die Überforderung wird dann nicht als Problem erkannt, sondern erzwungenermaßen zum lohnenden Opfer für und im Sinne des ertüchtigenden Systems erklärt und in diesem Sinne an Dritte kommuniziert (was weiterhin das System konfirmiert) : man ist zwar komplett überfordert, nur ist das wahrscheinlich auch gut so. Der Anschein macht was her, so kann einem später keiner vorwerfen, man würde etwa eventuell ''nichts tun''. Der Anschein des Arbeitens am absoluten Limit hat etwas System-Authentisches. Das eigene Leistungsethos brizzelt vor Vergnügen: auch die totalitäre Marktwirtschaft kennt ihren ''Helden der Arbeit''.

    Im Hintergrund lachen die ThinkTank-Intellektuellen der marktwirtschaftlichen Naturrechtes zu alledem ihr gebleachtes Gewinnerlächeln. Lachen darüber, was für einen Scheiß sie der Politik in den letzten Jahrzehnten zur Realisation angedreht haben und wie gut das funktioniert hat. Jeder denkt jetzt in Euro und Dollar und Yuan. Jeder denkt jetzt allein noch in marktwirtschaftlichen Kategorien, denn alles ist möglich und der Absturz lauert an jeder Ecke. Nicht, dass die am Ende alle noch ins Nachdenken kommen.
    Die exekutierende Politik hat man nachhaltig gut verarscht: ''Hartz IV, um mal in Deutschland zu bleiben, ist das Perpetuum mobile zum andauernden Heranschleusen prekärer und billiger Ausbeutungskräfte, die jeden Scheiß machen müssen. Wenn die sich ausruhen zu müssen meinen, soll der Staat das arbeitsscheue Pack zwei, drei Monate bezahlen, wenn sie wieder frisch sind, dann schnell wieder hinein mit den ''explorable Human Ressources'' ins Amazon-Lager, die ganzen hyperintellektuellen, aber grundnaiven ''mechanical turks'' kommen ins Legehennenzellen-Büro in die Call-Center, PR-und Werbeagenturen und dann skimmen wir deren Kreativität aber mal sowas von ''underpaid'' ab! Dazwischen simuliert ihnen mal die angestrebte Auszahlung eines Mindestlohnes, liebe Exekutivpolitiker. Unsere PR-Lobby wird euch dann schon ein Modell aufzeigen, wie wir diesen Mindestlohn maximal unterlaufen und sabotieren können. Und so mit allem...''

    Was ich gedacht hätte: Fortschritt (übrigens auch der so heiliggesprochene technische Fortschritt) mache sich irgendwann vor allem auch daran fest, dass der Mensch es schafft, nicht mehr der Sklave der Erhaltung der Bedingung seiner Existenz zu bleiben, sprich: nicht arbeiten zu MÜSSEN, um zu essen. Dass es jedem frei steht, ob er arbeiten gehen mag oder nicht. Dass man ihn aber auch zur Arbeit ''zwingen'' kann, dass man ihn zur Kompensation für diesen Zwang dann aber konsequent gut! bezahlt. Dass der Staat den Bürger aber da, wo er nicht arbeiten mag, auch bezahlt (wenn auch weniger gut). Ich spreche von einer Grundsicherung durch den Staat, die dem Menschen die Würde schenkt und ein Leben, das diesen Namen auch verdient, in dem nicht der Großteil seiner Lebensenergie aufgezehrt wird durch das Abrackern für die gemietete Behausung und den Erwerb von Lebensmitteln. Fortschritt wäre es, wenn wir nicht mehr uns selbst überlassen wären, nur weil wir nicht arbeiten wollen oder nicht so hart oder weil wir weniger arbeiten wollen: Fortschritt wäre eine Grundsicherung der Existenzbedingung. Wahrer Fortschritt bedeutet, über den Naturzustand hinauszukommen.

    Der neoliberale Fortschritt dagegen ist statt an das Menschenbild an die Entwicklung von Geräten und Maschinen gekoppelt: wenn diese immer funktionaler werden, nennt man das Fortschritt. Wenn der Mensch in dieser Marktnatur leidet und knechtet und zum Ding wird, das sich permanent selbst ausverkaufen muss: das nennt man neoliberalen Fortschritt. Dass, wenn ich nicht arbeite, ich verrecke und das keinen schert, weil ich ja nicht gearbeitet habe, es mich also zurecht trifft: das nennt man neoliberalen Fortschritt. Wenn einen der Staat zur billigen Arbeitskraft abstempeln kann, die gefällligst dem kalten marktwirtschaftlichen System ihre warme Lebenskraft zu opfern hat: das nennt man neoliberalen Fortschritt.

    Ich aber nenne Fortschritt das Recht des Menschen auf seinen Grunderhalt unter jeder erdenklichen Bedingung! Den Menschen so weit es geht aus dem Naturzustand zu lösen, nenne ich Fortschritt. Die Zivilisation und die Regierung ist einzig und wahrhaft fortschrittlich, die ihren Bürgern die Existenzangst abnehmen kann. Sie garantiert ihren Bürgern natürlich nicht fortwährenden Zugewinn und Konsum, sondern sie sichert ihm die wichtigste und radikalste Basis für seinen Seelenfrieden: eine unbedingte Grundsicherung, die ihm die ärgsten Nöte des Lebens abnimmt und die seine Subsistenz sichert. Dafür greift sie weder in sein Freiheitsrecht ein, sodass sie ihn nicht zur Ertüchtigung oder zur Simulation von Ertüchtigung zwingt, wie das derzeitige sogenannte ''Sozial''modell, noch erwartet sie dafür eine Kompensation: eine solche Bedingungslosigkeit der Subsistenz hebt das Menschenbild gewaltig.

    Hier hört man die Konservativen und ewigen Betonköpfe aufstöhnen: ''Und das soll Fortschritt sein?! Dann geht nichts mehr voran und keiner geht mehr arbeiten. Soweit kommt es noch, dass die Faulen sich einen schönen Lenz machen!''
    Diese Betonkopf-Stimmen trauen dem Menschen keine Eigeninitiative zu, die unabhängig von Zwang und ''incentive'' erfolgt. Soviel wird überall herumexperimentiert und Kreativität ist der Abgott der Marktwirtschaft des silicon-valley-Kapitalismus, aber den Mut hat man nicht, den Menschen aus der Pflicht zur Arbeit zu entlassen? Und auf die Grundsatzfrage, ob man mit dem Menschenbild überhaupt irgendwohin wollen darf, kann ich nur antworten, dass man unbedingt mit den Menschenbild irgendwohin wollen darf: anders als die Neo-Darwinisten, die der totalen Marktwirtschaft nach dem Munde reden, und die den körperlich und geistig gestählten Idealkonsumenten heranzüchten wollen, will ich lieber vermuten: veredelt den Geist des Menschen, stärkt das Soziale und die Wohlfahrt! Sorgt dafür, dass der Mensch auch ohne Arbeit gut! leben kann. Dies mögen die Blütenträume des humanistischen Idealismus sein, mir bedeuten diese Träume jedenfalls alles!!

    Klar, im Hyperium, wie ich das sich global entfaltende Imperium des marktwirtschaftlich totalitären ''Schneller, Höher, Weiter!!'' auch weiterhin konsequent nennen werde, im Hyperium jedenfalls wird weiterhin von der Profitseite her auf das ''Hyper'' hinzugestrebt: mehr Macht, mehr Ressource, mehr Ausbeutung, mehr Produkt, mehr Wirtschaftsleistung, mehr Technik (die Technik hat der Mehrung des Konsums und des Profites zu dienen, nicht eigentlich dem Menschen selbst), mehr Konsum, mehr Wachstum...

    Das Hyperium stellt ein Imperium der gelebten dynamischen ''Vorwärts!'-Idiotie/Ideologie dar. Es werden dem Menschen keine anderen Ziele mehr vorgeschlagen als wie er es irgendwann schaffen wird können, die perfekten Konsumentscheidungen zu treffen. Das ist das Leben im Jahr 2015, im Zeitalter des Hyperiums, einer hysterischen Gegenwart, die ultradynamische Zukunftsvorstellungen nur simuliert und fortlaufende Gegenwart reproduziert, als schüfe das die Zukunft. Es gibt da keine Benennung wesentlicherer Ziele als die der permanenten Entwicklung von ''gadgets and devices'', so als vollzöge sich mit der Evolution der digitalen Welt automatisch die Fortentwicklung des Menschenbildes.

    Stattdessen werden wir aus Richtung der digitalen Welt fortwährend manipuliert und in unseren Status rekonfiguriert: ''Du bist und bleibst neoliberal zu befreiendes Selbst, du hast zu arbeiten und dich ausbeuten zu lassen, damit du kaufen kannst und damit du etwas, (andere dagegen richtig viel) dazugewinnen können, Du hast zu mehren und anzuhäufen. Schau, wir stellen dir die optimale Technik bereit, weiter zu konsumieren, weiter bewusst zu werden in Bezug auf Produkte, das ist der immerwährende Glanz, der dich dein Leben lang weiterlocken wird, sofern Du nur deinen Beitrag leistest: ertüchtige dich im System, reib Dich auf, häng dich rein, sei nicht unfair, lass dich nicht hängen und häng dich nicht auf. Du sollst brennen, aber wenn du brennst, dann brenn bitte für das System, und bitte brenne nicht aus! Dein Burn-Out nimmt nur das Gesundheitssystem unnötig hart in Anspruch. Dann mach lieber ein projektbezogenes Sabbatical, lass Dich von den anderen neoliberal befreiten Individuen crowdfunden, wenn dich sonst keiner mehr bezahlt oder sonst keiner dir mehr was ermöglicht. Das haut dann zwar auch nur so gerade hin und du wirst betteln müssen, aber das ist nun mal die conditio sine qua non der Welt im Hyperium: schlag Dich auf dem Zahnfleisch durch und lerne es, dieses Sich-Durchschlagen, deine systemimmanente Zähigkeit allen als spannendes Abenteuer zu verkaufen: denn ums Verkaufen geht es ja!''

    Nun, Sie haben verstanden, was ich mitteilen wollte, lieber Leser: es ist ein erbärmliches Menschenbild. Es ist gar kein Bild vom Menschen, beim näheren Hinschauen entpuppt es sich als verpixelte Oberfläche. Das ''Menschenbild'' der totalitären Marktwirtschaft und der politischen Systeme, die dieses in den letzten sieben Jahrzehnten infiltriert hat, ist eine Ideologie der ausschließlichen Marktbefähigung, bei der partizipative Modelle einer Souveranität des Bürgers nur imitiert werden und die Freiheit im Modell nur simulative Option ist. Freiheit heißt in dieser Welt ausschließlich ''Freiheit des Marktes''. In Bezug auf den Menschen dagegen ist sie eine Freiheit ex negativo, kältestes Naturrecht, archaischer Einschnitt in die Moderne, Rückschritt in den common sense des Mittelalters (''Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.''), die Freiheit allein des drohenden Niederganges des neoliberal befreiten Selbsts bei ausbleibender Anstrengung und fehlender Ertüchtigung.

    Erst wenn es der Mensch gelernt hat, sich und seinen Mitmenschen eine existentielle Grundsicherung zu garantieren und zu gönnen, die nicht ausschließlich und unbedingt an die Aufnahme von Arbeit gekoppelt ist, wird er wahrhaft fortschrittlich wirken können. So aber sind wir knechtende Tiere, archaisch um ihren Lebenserhalt kämpfende, in Existenzangst verglühende Kreative, mickrige Spinner, die, während sie groß das Maul aufreißen, von hinten der eiskalte Wind des Abstiegs zugig anweht und denen schon die Wölfe heulen...

    Gönnen Sie mir, gönnen Sie sich, gönnen Sie vor allem aber Ihrem Mitmenschen das Grundrecht auf eine Grundsicherung seiner Existenz, ohne jede Bedingung. Das ist millionfach sozialer als jedes Netzwerk, das ist ein Menschenbild, das hebt die Stimmung, den Geist, den Mut und das Herz in herzlosen Zeiten...

    ...nächstens mehr...

  • Fettige Bücher, die nach Leichen riechen (Aus der Welt der Bücherbarbaren II)

    ''Aber ich kann denselben Gedanken auch viel weitläufiger, wie folgt, vortragen...''

    Jean Paul, Aus der Vorrede zum ''Siebenkäs''

    Entschuldigen Sie bitte, ich wollte noch einmal ÜBER Bücher schreiben.

    Inzwischen gehe ich fest davon aus, dass meine verbliebenenen Leser, die immer mehr werden ('Leser', nicht: 'verbliebene'), , dass also meine Leser Bücherfreunde sein müssen, da sie sich doch sonst die aus- und anmaßenden Bleiwüsten, (seien selbige auch bloße digitale Bleiwüsten-Kulissen), des raumgewinner-Autoren sicher nicht nur nicht gefallen ließen, sondern folgerichtig auch ihn auffordern würden, kürzer über Langgedachtes zu schreiben. Ich rede mir also zwangsläufig bis zwangsneurotisch ein, an mir verwandte Geister zu schreiben, was doch wahrlich nicht das Schlechteste sein kann in Zeiten, da einem alle und alles ekelhaft nah rücken möchten, aber so wenige (zum Glück nicht die Masse der Mitteilenden!) Seelennähe zu erlangen vermögen. Wenn diese Wenigen verständige Leser sind: so will ich sie um mich scharen, gleichwie ich mich um sie scharen will: wir wollen uns schon schweigend verstehen!

    Dennoch weit davon entfernt, länger über Kurzgedachtes zu verfassen, gewinne ich weiter schreibend Raum oder bilde mir vorzüglich ein, dies zu tun, indem ich etwas daher schwadroniere über die Lust, Kilos und Kilometer an Holzpapier zu wälzen und diese dabei notorisch-neurotisch vor jeglichem Verschleiß zu schonen: ich spreche von meiner Bibliophilie.

    Sie erinnern sich: ich bin Bücherliebhaber. Ich spreche weiterhin von echten Büchern aus Papier, die ich anfassen kann, nicht von den digitalen Emporkömmlingen, die man e-books getauft hat, die aber mit einem echten Buch soviel zu tun haben wie Soja-Tofu mit einem Schweinebraten.

    Meine Bücherliehbarbarei (ein schönes Wort, dieser Verschreiber, ich meinte allerdings: Bücherliebhaberei!) bringt es (dennoch?!) mit sich, dass ich hin und wieder nicht der Versuchung widerstehen kann, zB bei ebay auf Buchjagd zu gehen. Das Problem an Büchern aus zweiter (plus x) Hand besteht im bekannten Phänomen ''Wundertüte'': man ersteigert ein gebrauchtes Buch, wichtige Hauptfragen jedoch klären sich in der Regel erst bei Ankunft des Buches in seinem neuen Zuhause: sieht es wirklich so gepflegt aus, wie vom Verkäufer angepriesen? Wie wird es riechen? Ist es überhaupt die Ausgabe, die angepriesen wurde? (wahrlich keine Selbstverständlichkeit, denn es gibt auch unter den Bücherverkäufern Bücherbarbaren, die zu vermuten scheinen, dass der Buchkäufer das Buch ohnehin nur als Schrankdeko nutzen wird, da ist es ja egal, wenn er statt der gewünschten angepriesenen Suhrkamp-Ausgabe eines Buches, selbiges faktisch dann allerdings in einer verstaubten nikotingelben Bertelsmann-Büchergilde-Ausgabe von 1964 nach Hause geliefert bekommt nach dem Motto: ''Text ist Text, wen interessiert das Buch als Körper und Hülle seines Inhaltes?'' Dieses bücherbarbarische Denken hat sich übrigens in die digitale Moderne gerettet: es ist das Denken des e-book-Besitzers: ''Text ist Text, wen interessiert Körper und Hülle seines Inhaltes?'').

    Womit ich bei gebrauchten Büchern, die ich auf dem Second-Hand-Markt erschwang, sei dieser analog oder digital, am meisten hadere, sind die am Buch manifest werdenden Auswüchse der Bücherbarbarei des Vorbesitzers in den leider nicht allzu selten auftretenden Fällen, in den eben der vormalige Besitzer des Buches mehr ein Missbrauchender war als ein Hüter seines Bücherschatzes. Da wird mir dann zB ''Beton'' von Thomas Bernhard geliefert, und ich läse auf dem Titel am liebsten eher ''Nikotin'' statt ''Beton'', da das Buch braungelbstichig ist und zwar durch und durch und es widerlich ''duftet'' nach einem Raucherlesezimmer, in welchem ein Kettenraucher dreißig Jahre lang drauflosgeraucht hat und in welchem zudem ich mir neben den Büchern alles zwangsläufig pipinikotingelb vorstellen muss, natürlich auch die Tapeten, die Gardinen, sein Sitzmöbel, den Raucher, seine Gattin, womöglich alles...das Buch trägt nachgerade eine Haut aus Nikotin, einen ekelhaften nikotinfettigen Firnis, der dem Gewicht des Buches wahrscheinlich um die 25g beisteuert.

    Gerüche sind bei Büchern ohnehin ein Thema. Es besteht ein gewaltiger Unterschied zwischen meinem sakralen Bücherschrein, meinen neugekauften Büchern aus dem klassischen Buchhandel, die hinter Vitrinenglas in einem Bücherschrank einen würzig-aromatischen Buchpapierduft verströmen, den ich alle paar Wochen einmal für wenige Sekunden mit geschlossenen Augen des Nachts in absoluter Ruhe aufsauge, ein paradiesischer Duft, der mich direkt beruhigt, bevor ich das Glas geschwind wieder schließe (die Zyniker mögen sich ihren Kommentar verkneifen, denn natürlich werden diese Bücher nicht nur als Schrank-Aromenspender genutzt, sondern auch gelesen) und den Gerüchen, die einem entgegenschlagen aus Second-Hand-Büchern, bei denen man nur mutmaßen mag, woher sie ihren Geruch genommen haben. Vom Buch, das nach alter Dame und ihrem welk-blumigen Parfüm riecht, über das Buch, das so duftet, als habe es jahrelang in Küchen gestanden, in denen es Zwiebel, Speck-und Knoblauchdunst zu fangen gedacht war bis hin zu einem Buch, das ich erst neulich erhielt (ausgerechnet Jane Austens ''Northanger Abbey'' in einer optisch so ansprechenden Ausgabe), das aber so roch, als wenn vormaliger Besitzer desselben in seiner Wohnung mumifiziert sei und in dem einem Jahr des Verdörrens seines Leichnames in der Wohnung, der in meiner Vorstellung erst nach einem Jahr aufgefunden wurde, in diesem Jahr seiner Mumifikation also, sage ich, seinen gesamten ausströmenden Leichenduft auf seine Buchsammlung übertragen hat. So zumindest riecht meine Jane Austen-Ausgabe und wer wollte beim großen Wechselspiel des Bücherbesitzes auch einen solchen oder einen diesem nahekommenden Fall ausschließen?

    Eine Andere schafft es, einem eine Ausgabe von Peter Handkes ''Die Lehre der Sainte-Victoire'' anzudrehen, welche riecht (aber absolut nicht so aussieht!), als hätte die Vorbesitzerin sie über Jahre systematisch mit einer kräuterreichen Delikatess-Remoulade bestrichen. Was mir in der Küche das Speichelwasser im Munde zusammenlaufen ließe, sorgt nach der Immanuel Kant-ischen Definition des Ekels als ''Materie am falschen Orte'' in meinem derart riechenden Buch nicht nur für eine unbehagliche Vorstufe von Brechreiz, sondern verleidet mir jegliche weitere Lust an der Lektüre.

    Ach, was sind der Verfehlungen an Büchern durch Nutzer nicht noch mehr? Nicht wahr, man könnte beispielreiche und kiloschwere Kompendien darob verfassen?...und vielleicht füge ich alldem noch etwas hinzu. Es ist noch früh in der Nacht und ich finde Ressourcen genug, mich weiter kühl zu echauffieren. Sprechen wir über weitere Makel an vorbesessenen Büchern, sprechen wir über handschriftliche Einträge in et ex libris.

    Ganz abgesehen davon, dass manche Menschen ihre Bücher aus Gott weiß welchen Gründen als Malbücher für ihren ausladenden Kulischwung zu benutzen scheinen, erstaunt es mich immer wieder, second-hand Bücher mit liebevollen, bisweilen verliebten Ursprungs-Widmungen zu erschwingen, die der derart Beschenkte herz- und lieblos, wahrscheinlich sogar ungelesen, weiterverkauft hat auf dem kalten Markt der Profiteure. Oftmals finden sich auch viele Glossen und Kommentare in manchen Büchern, zu meinem Glück dann in der Mehrzahl doch nur Graphit statt Kuli und von einer auf der nach unten offenen Intelligenz-Skala des Kommentierenden abhängenden Denkschärfe bis -faulheit zeugend. Da gibt es in einem Erzählband von Kafka einen Bleistift-Kommentar der Vorbesitzerin zu einer erzählten Frauenfigur: ''Liederliches Weib!'' und einige Seiten später, als dieselbe Frauenfigur wieder auftaucht: ''Die alte Schlampe!'', was einen immerhin vernehmlich amüsiert. Andere schaffen es, in ihren Bleistift-Glossen derart viele und geniale Fußnoten zu dem Originalwerk zu verfertigen, dass man nach einiger Zeit schon ungeduldig über unglossierte Seiten des Originalwerkes hinwegliest, um möglichst schnell wieder zu den Glossenkommentaren des Vor-Lesers zu gelangen.

    Ein anderer Leser-Kommentator mag dem Buchautoren Thomas Bernhard in seinem Buch ''Holzfällen'' dessen charakteristisch-genialen Stil nicht lassen und überhebt sich nicht der Mühen, den Autoren unter kontinuierlich sich steigernder und sich am Bleistift-Druck manifestierender Wut fortwährend zu korrigieren und selbigem Stilfehler vorzuwerfen, wo Bernhard komplett bewusst Ellipsen, Wiederholungen und Austrizismen verwendet. Macht nichts, unserem bücherbarbarischen Hobby-Lektoren geht es um die Reinheit der deutschen Sprache und so wird in kleinkarierter Fehlersuchblick-Manier zum Fehler erklärt, was Stil sein wollte. Die lesende Nachwelt muss erfahren, dass unser Hobby-Lektor Herr Georg Knipplein, so entnehme ich es dem pedantischen exLibris, sein strenges Scherflein dazu beigetragen hat, die deutsche Sprache (und einige ausgesuchte Leser der imaginierten Nachbesitzerwelt des Buches gleich mit dazu), vor der Verhunzung durch einen gewissen Thomas Bernhard bewahrt zu haben.)

    Schlimmer als alle mit stoischer Miene irgendwie noch zu ertragenden Schadstufen wie zB beriebenen Seiten, gestösselten Ecken, ziehharmonikafaltigen Buchrücken, Mängelexemplar-Stempel-Büchern, (bei denen das ansonsten wie von einem Bücher-Engel überreichte makellos-blütenweiße Buch nur durch den Mängelexemplar-Stempel seinen Mangel erfährt, was logisch die Geltung des alten aristotelischen Grundgesetzes von Ursache und Wirkung maximal irreparabel auf den Kopf stellt), schlimmer als alle weiteren routiniert zu ertragenden Schadstufen also sage ich, wie Druckstellen, Eselsohren, Bücherskorpionen samt der von ihnen bejagten Büchermilben, dieser famosen Fauna der Buchwelt, weiteren Schadstufen wie leichte Welligkeit durch Vernässung, Nachdunklung der Seiten, Stockfleckigkeit bei sehr alten Büchern und was dergleichen mehr ist an Ungelittenheiten, weit schlimmer also endlich als all diese Defizienzen zu ertragen sind am Buch: Fettflecken!

    Bereits vor einigen Jahren schrieb ich in diesem Blog von einer alten Arbeitskollegin, die mir gänzlich ungerührt und mit unproblematisch wirkender Miene die Ausgabe des ''Stundenbuches'' von Rilke zurückgab, welches sie sich von mir geliehen hatte. Der auf dem Band befindliche Charakterkopf des Autoren lag nunmehr in einem riesigen Fettfleck grundiert, speckig glänzte sein Antlitz und sein Haar, aus dem ''Stundenbuch'' des doch auch in seinem Leben selbst so zartbesaiteten Rilkes war ein ''Fettbuch'' geworden, in Butter gegossen, was einen durchweg widerlichen Eindruck machte, zumal auf einen lipidophoben Menschen wie mich.
    Das bringt mich abschließend für heute ganz am Rande auf ganz besondere Zeitgenossen, die es schaffen, nach dem Genuss des unfassbar fettigsten Zwiebelmatjes' ungerührt und ungewaschen, zudem auch ungefragt und natürlich unaufgefordert meine sündhaft teure Napoleon-Biographie von Johannes Willms zur Hand zu nehmen, mit zwieblig-fett-triefenden Händen tatsächlich dieses wundervolle Buch zu entweihen und mir zugleich mit dem Buch einen seelischen Makel zu versetzen, der irreparabel ist, für immer ein zwieblig-fischfett-triefender Fleck auf meinem bücherliebenden Herzen, ein durch Bücherbarbarei mir versetzter Schock, ein nachhallendes Trauma, eine pestilente Verfehlung und ein schauriges Miasma, die mir allesamt die Lektüre solcher Werke und noch vielmehr jegliche Verleihfreude auf immer verleidet...

    ...nächstens mehr...

  • Heil Dir im Dichterkranz II...Einige erbauliche Erörterungen zur Kondition der schriftlichen Mitteilung von Mensch zu Mensch-Maschine in der Zeit ''Jetzt''

    ''Die Seele voll dummdreisten Mutes haben, das Hirn voller Pläne und das Wort gegenwärtig, und dann eine Feder haben, die nicht schreiben kann oder mit größter Mühe einen Buchstaben alle zwei Stunden...''

    Sören Kierkegaard, Stadien auf dem Lebenswege

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    Über dein Schreiben zu schreiben, das heißt auch: du verhältst dich wie ein Parasit zum eigenen Schreiben, auch zu den Bedingungen deines eigenen Schreibens...über das Schreiben zu schreiben ist das süße Gift im Fundus des Schreibenden, ist Text gewordene Schreibstarre....starr gewordenes Schreiben.

    Zwing dich rein, schreib, schreib...lass ab von mir, Dämon der Starre, lenk ab von mir, Ablassender, lass ab von mir, Ablenkender...

    Wer schreibt, der bleibt (wer er ist), der stagniert...alles Quatsch: wer schreibt, der reist, der weist schon weiter über sich hinaus, aus sich hinaus...eine Exkommunikation der bösen Geister, eine purificatio daemonium, eine vorfrühlingshafte Läuterung der bösen und faulen Sitten im Kehrausfeuer des Schreibens, also raus raus raus damit, alles muss raus, alles muss brennend raus...everything must go!!

    Und natürlich muss auch alles gehen im Haus des Dichters, im Haus der Oden und des Öden, der Poesie und Prosa, der Elogen und Epoden, der Parerga und der Paralipomena meiner Prokrastination, alles muss gehen: Epik-Fail und die auf ewig selbe lyrische Leier, dramatische Dröhnung, Melodie und Dissonanz, die panglossisch gestimmte Zither, welcher ich hier noch in fortgeschrittener Nacht in die Saiten klampfe, dass die Nachbarn ihren spitzen Ohren nicht trauen, das hat ihr paranoides Stör-Gehör noch nicht gehört: die Lauten und Weisen einer halben Waise, die E-Zither spielt, alles andere als ''unplugged'', nachts um 3.38Uhr, zu unchristlicher Zeit...

    ''Wenn du durchs Feuer gehst, sollst du nicht brennen.'', heißt es irgendwo bei Jesaja, das ist ja zunächst einmal ganz gut gesagt, was aber, wenn das Feuer IN mir? Kehraus, Feuer!

    Schreib, schreib, schreib, zieh Dich aus, alles muss aus...

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    Setze nochmal ganz neu an, lass die Feder scharren, behagliches Geräusch in der Nacht. Du bist da bei denselben Geistern oder mit ihnen, mit all denen, die die Schreibgespenster kannten, Shakespeare, Kafka, Dostojewskji, Kierkegaard, überhaupt jeder, der den grausigen Dämonen des nächtlichen Schreibens vor Dir erlag oder Ihnen hingegeben war. Themen schwenken wie nichts Gutes, das heißt doch auch: es steht böse um dein Schreiben. Nach Leibniz entsteht das Böse aus der Faulheit der Tugend und des Unvermögens (aus reiner Faulheit heraus), gut zu sein...also ist das Böse defizient, es entspringt mangelndem Fleiß des guten Willens und der aufrichtigen Tat...drum schreibe ich faul weiter, böse weiter und die Poesie ist mir über all der Reflektion nun auch verflogen, das lass ich so stehen, das mag so angehen.

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    Auch Fastenzeit jetzt?!...was soll man auf Speise verzichten, hieße es nicht hier eher, dem rauschenden Raunen des Digitalen entfliehen, den News entgehen, fastest du nicht übers Jahr schon all das Gedröhne, das bedeutungsschwangere, aber grundleere Rauschen der social media-Kanäle, wie ist das alles nicht deines, wie bist du da Eremit, da bist du ja weitab von alledem wie einst Hieronymus in seinem WLAN-freien Gehäuse, ein semi-analoges Schalentier, ein Entzogener, wie will man dich erreichen, wie dich adressieren? Bestellen kann man dich nicht, wer auch wollte Dich abholen?

    Schreib Dich aus, schreib das aus, alles muss raus...

    Es ist aber DIES kein Krankheit erst der digitalen Moderne: dass die Meldedummheit die Kondition aller Kommunikation ist, so wie es alle halten: die Prokrastination der tieferen Mitteilung, von der inhaltsreichen Mitteilung hin zur Statusmeldung hin zum bloßen Abwerfen von Lebenszeichen...''Ich lebe, das soll reichen.'' Die Sperrigkeit bröckelnder Kommunikation.

    Wie Du aber alte Briefe liest aus Kriegen, die waren, einhundert Jahre alte Briefe derzeit, da geht Dir die Differenz auf: da früher verstanden es die Leute, wurden sie auch hundertmal Opfer des eigenen Schreibaufschubes, dass, wo Sie dann aber endlich schrieben und zum Schreiben überhaupt kamen, Sie alles zusammenfassen konnten, was ''in der Zwischenzeit'' zwischen der früheren Mitteilung, der Pause und der darauffolgenden Mitteilung geschehen war, sogar so, dass das Schildern dieser ''Zwischenzeit'' fast Buchformat errang.

    Der social-media-chat zerfetzte Mensch ''Update-Version 2015'' dagegen kann nicht mehr zusammenfassen und längere Episoden seines Lebens im Erzählen bündeln oder vor den Augen eines adressierten Lesers Revue passieren lassen: was er nicht in Echtzeit vermitteln kann, damit steht er wie ein Zungen-degenerierter Zwerg in seiner Aphasie vor dem Berg dessen, was er mitzuteilen hätte, wenn er nur könnte und sich nicht so ständig wieder überholt fühlen würde von der Echtzeit ''JETZT'' ''JETZT'' JETZT''...complete reset, das alles holst Du im Schreiben nicht mehr auf. Wer erzählt noch Geschichten im Zeitalter von whatsapp? Deshalb ist die digitale Mensch-Maschine auch so kommunikationsbehindert: sie kennt keine ''Zwischenzeit'' mehr, entweder wird unmittelbar aufdringlich kommuniziert oder aber es wird kein Rekurs mehr genommen auf ''Zwischenzeiten'': Echtzeit ''JETZT''! Was vergangen ist, wird nicht einmal mehr subsumiert, ist keines Erzählens wert. Erzählen kostet Zeit und bindet an eine Zeitform zurück, die nicht mehr verstanden, weil nicht ertragen wird: die Vergangenheit und sei es die nächste. Sie aber brauchen reine Echtzeit.

    Der chat ersetzt eine Gesprächskultur, die bis dato immer auch Erinnerungskultur war. Der chat ist Echtzeit-Kommunikation. Sozusagen geschriebenes Telephonat. Briefe, vielleicht auch noch gut geschriebene Mails; das waren noch Gespräche und Erinnerungsstücke zugleich, nachhaltige Kommunikation, so mag man es nennen. Chat dagegen ist Wegwerf-Gespräch, kommunikativer Konsum, irgendwie sexy und time-passing as it's happening, aber schon wenige Stunden danach müllig, unzeitgemäß und keinem aktuellen Anlass mehr entsprechend...man kann den Chat-Verlauf dann löschen und in den digitalen Orkus entlassen. ''Bist Du auch bei whatsapp?''

    ''Last night what we talked about made so much sense,
    but now that the haze has descended it don't make much sense anymore...''

    Arctic Monkeys, From the Ritz to the Rubble

    Überhaupt sind dies deine Vexier-Dämonen, so kommt es Dir vor: die Chat-Hirne, die social-media-Verstrahlten, die Untiefen, die Kommunikations-Zombies (du stellst dabei immer schon in Rechnung, dass nicht jeder so ein okkupationswilliger Tyrann und Patriarch der Mitteilung ist und sein kann, wie Du es bist, wenn du dich erst einmal aus der eigenen Meldedummheit entfesselst (denn auch in Dir wohnt diese zähe Kraft, die andere hier und da abmahnen müssen, das vergiss vor allen Dingen nicht, Rasender!)...was für eine Naturgewalt Du dann aber selbst bist, was für ein ungebundener Prometheus des euphorischen Schreibens, schrecklich, archaisch, episch, Bleiwüsten-Schöpfer, eine Text-Macht, ein Rausch, eine Überforderung...).

    Poesie-Verlust. Aber oh, doch auch: Du schrecklich schön schreibendes Tier...

    ...nächstens mehr...

  • Vorspiel zu einer Tyrannei der Gegenwart des hässlichen Deutschen (eine Karikatur mit grotesker Fratze)

    ''Hello, Hello, not speak Englisch! We are in Germany here, bei uns im Büro heißt es auch immer: Amtssprache Deutsch!!''

    (Der Fahrer einer Mitfahrgelegenheit von Köln nach Berlin zu einem ahnungslosen Mitfahrer aus Gambia, der sich mit einem anderen Mitfahrer auf dieser Fahrt, der zufällig auch der Autor dieser Zeilen ist, auf Englisch unterhalten wollte und stattdessen fahrerverordnet den Rest der fünfstündigen Fahrt zu schweigen bevorzugte.)

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    Der Untergang eines sinnleer gewordenen Abendlandes zeichnet sich an seinen digital durchgedreht-beschleunigten Grabgesängen ab. In sinnleer gewordenen Staatsformen kommt es mit historischer Notwendigkeit immer zur Herrschaft der Floskel und der Attitüde über die Substanz. In sinnleer gewordenen Staatsformen muss daher nach einem Terrorakt immer direkt in Reflexphrasierung ''unsere freie Demokratie verteidigt werden.'', in sinnleer gewordenen Staatsformen muss der Doppelklang ''Arbeit und Wachstum um jeden Preis'' alternativlos die denkbar mutigste Parole einer ewigen Gegenwart sein, die man uns als Zukunft---verkauft.

    In sinnleer gewordenen Staatsformen wie auch der Deutschen Bundesdemokratischen Republik (oder so), um mal ins Thema überzuleiten, reagiert die Politik mit ihr so notwendig erscheinenden Ideen auf marginaler werdende Beteiligungszahlen der Bürger an den Wahlen wie zB mit dem ratlosen Aktionismus, die Wahllokale an den Wahlsonntagen bis 20 Uhr aufzulassen und die Briefwahl bekannter zu machen, als liege das Geheimnis höherer Wahlbeteiligungen in der zu überwindenden Grundbequemlichkeit des faulen und unmündigen Bürgers zu suchen (der Konsument, pardon: Bürger, benötigt verbraucherfreundliche Wahlzeiten, dann geht er sicher auch wählen?).

    Das grundverängstigte Abendland Deutscher Nation ist Adressat aller Schrecken dieser Welt, es beherrscht die Hohe Kunst, alles in der seltsamsten Reflektionsakrobatik am Ende auf sich selbst beziehen zu können, das Abendland wittert Kalifate auf europäischem Boden und die Barbarei russisch-asiatischer Steppenbewohner im Waffenrock an den Rändern seiner Euro-gezogenen Grenzen, versteht aber janusköpfig zugleich in seiner ihm von den Medien zugeschriebenen Rolle als ''Putin-Versteher'' ''den Russen'' irgendwie auch ganz gut.

    Der Chor des untergehenden Abendlandes rekrutiert sich aus dem Neuen Deutschen Michel, den braven empörten Deutschen als Kleinzins-Sparer und unverdrossenen Merkel-Wähler, der sich vielleicht schon ein kleines Bisschen zur AfD durchgerungen hat, mit seinen 40-50 Aktien im Depot, den Typus des kleinkarierten Besitzstandwahrers mit seiner Riester-Rente und Investitionen in Misch-Anleihen mit gestreutem Risiko, der mit Unbehagen sieht, wie kopftuchtragende Frauen in den Bus einsteigen und seine Kinder mit Türken und Russenkindern in eine ''Multikulti''-Klasse gesteckt werden.

    Der Chor des untergehenden Abendlandes besteht aus biederen deutschen Flurputzern und bis an die Zähne gartengerätbewehrten und Bankberater-beratenen Provinzbürgern, die utopieferner nicht sein könnten. Jedes Denken, das nicht kompatibel ist, zum schönen muffigen Denkfundus aus den guten alten Zeiten ca. BRD 1950-er, ist ''Utopie'', ist ''linke Umverteilung'', ist ''Träumerei'', ist ''Gutmenschentum'', ist per se abzulehnen und hat nicht gedacht zu werden. ''Wir haben das immer so gemacht.'' Die Griechen sollen gefälligst sparen und ihre Schulden zurückzahlen, der Hartz-IV-ler und der Obdachlose sollen gefälligst mal arbeiten gehen und das System erhalten: ''Das muss ich auch, 40 Stunden die Woche die Knochen hinhalten!'', die Türken sich anpassen und nicht überall Moscheen bauen, die Russen und Polen klauen die teuer erkauften vollkaskoversicherten Autos und überhaupt ist jeder ganz wie ''mein Papa'' seines eigenen Glückes Schmied, ''ich hab früher auch nicht gejammert, keinem auf der Tasche gelegen und wollte nichts geschenkt bekommen'', so ungefähr klingt der gutgehende Deutsche, der seinen Besitzstand und seine Denkferne zu wahren hat.

    Es empfiehlt sich dem gutgehenden Deutschen unbedingt, produzierte Realität zu konsumieren und dann diese Realität zu reproduzieren. Staatsbürger-TV-Nachrichten setzt grob den zu denkenden Denkbrei auf, der dann entweder aufgenommen oder ausgespukt wird, wichtig ist aber unbedingt und auf jeden Fall immer alles, was in den Talkshow-Formaten nach dem Tatort Thema ist (und das Twittern nicht vergessen!), das ist die neue allgemeine Bildung, das ist gestern der ADAC, heute Pegida und morgen wieder der ''Terror unter uns'', relevant aber ist das allemal und der hässliche Deutsche muss dazu schnell eine Meinung entwickeln, a) um unbedingt mitreden (wozu und wobei auch immer, Hauptsache: mitreden, sonst ist man außen vor in der Meinungsrepublik!) und b) um das Problem kultivieren zu können, das besprechen die Lehrer (auch und gerade sie oft die übelst denkbaren Reproduzenten und Vermittler vorgefertigter Vorstellungen von ''Realität'') in der nächsten Schulwoche mit den Kindern in einer speziellen Themenstunde, nachdem der Berater von der Commerzbank (die Figur oft Vorzeige-Deutscher mit ''Migrationshintergrund'' als Idealbeispiel für den mustergültig angepassten Deutschen mit sublim ausgesandtem Drohsignal gegen die ''ausländischen'' Mitschüler in der Klasse) mittwoch früh die SoWI-Stunde bei den 8-Klässlern hinter sich gebracht und den Kindern der gefährdeten Mittelschicht des gefährdeten Abendlandes das Börsenspiel der Commerzbank angedreht und die Riester-Rente erklärt hat.

    So produziert die selbsterklärte Elite eigentlich fortwährend den Durchschnittsdeutschen, den typischen BRD-1950-er-Jahre-Kopf voll von Ideen des permanenten Wirtschaftswachstumes, des Wertes der Arbeit, der besonderen Geltung alles Deutschen auf Erden und seiner rastlosen Gemütlichkeit, die in ihrem Provinzmief gern mal unter sich bleibt und die alles Internationale lieber auf ihren klimakillenden Reisebedarf einschränkt.

    Der hässliche Deutsche lauert am Fenster oder im Internet auf alles, was nicht richtig läuft in seiner Nachbarschaft, lauert auf ungeputzte Hinterhöfe oder Flure, lauert auf ''Russen unterm Dach'', lauert auf nicht korrekt getrennten Müll und nichtgeschlossene Türen zum Hinterhof, lauert auf den eigenen Parkplatz beparkende Autos und Lärm im Haus, schimpft auf den Aldi- oder Lidl-Mitarbeiter (die haben es verdient, die sind so billig, auf die muss man einfach schimpfen dürfen, sozialdarwinistische Hygiene!) dass der Kassenauslauf zu kurz und natürlich die Schlange zu lang und ''sowieso wie immer nur wieder eine Kasse auf ist in dem Sauladen hier'' und dass er im Discounter nicht produktberaten wird. Die Discounter-Mitarbeiterin wird in den Augen des derart dummdeutschen Konsumenten doch exakt aus diesem Grunde von ihrem Discount-Arbeitgeber (unter)bezahlt: dass man sie pauschal für eigentlich alles beschimpfen kann.

    (Der stockbiedere Deutsche wählt im GEZ-finanzierten Staatsbürger-TV ''Unsere besten Deutschen'' (oder sowas) und regt sich später wochenlang über die ihm irgendwie relevant erscheinende Manipulation ebendieser Charts auf. Ebenso schaut er am liebsten Filme und Serien in piefig synchronisiertem Deutsch ''Warum schaust du die Filme denn lieber im Original? Wir leben doch in Deutschland hier!'')

    Der stockbiedere Deutsche hat das Gefühl, das alles, was ''auswärts'' passiert, bald auch in seinem Hinterhof passiert, ein Terrorakt, Enthauptungen, Ritualmorde, Diebstahl, Vergewaltigung, das alles bald auch in seinem unkrautbefreitem Hinterhof. Der gutgehende Deutsche verhält sich wehrhaft und zäh gegen alles Neue, Neues ist Gutmenschentum, Neues ist Spinnerei, Neues bringt nur unschöne Zugluft in seinen 1950-er-Jahre-Denkmief, Neues bringt nur die Frau weg vom Herd und ab vom Kinderkriegen, Neues bringt nur das gute deutsche Schnitzel runter vom Teller, Neues bringt nur mit sich, dass plötzlich jeder zweite schwul ist und überhaupt: alles Alternative ist weiträumig zu umfahren für den braven Deutschen, der weiter ewig sein Sparbuch hochverzinst sehen will, der weiter ewig sein Auto ohne Geschwindigkeitsbeschränkung fahren, der weiter ewig vollkaskoversichert protzen, der weiter ewig steuerminimiert vererben, der weiter ewig seinem hirnlosen 40-Stunden-Job nachgehen, der weiter ewig sein von Papa, Mama und den Großeltern überliefertes Weltbild bestätigt sehen und alle um sich herum akzent- und ironiefreies, aber dialektreiches Deutsch sprechen hören möchte.

    Ich habe jetzt keine Lust mehr...

    ...nächstens mehr...

  • In höllisch brennender Sorge...eine raumgewinner-Enzyklika

    Präludium in infernis:

    Wir beobachten aus dem kühleren Hintergrund des neutralen Betrachters einen Menschen, der in der Hölle und an einen Pfahl gebunden, bereits seit 1000 Jahren unter den begleitenden Höllenschmerzen direkt über den Flammen vor sich hin schmort. Als unser armer Sünder denkt, dass es nach einem Jahrtausend doch nun ein gerechtfertigtes Ende mit dem Brennen haben muss, wird er auf die recht Seite gewandt. So schmort er weiter vor sich hin, 1000 Jahre lang. Es muss doch nun ein Ende mit der Qual haben, es fühlt sich so an, als habe er bereits für die vollständige Menge der Sünden der gesamten Menschheit gesühnt, so hat er jetzt tapfer seit 2000 Jahren als Rostbratmensch die Flammenquallen erlitten, da wird der Spieß wiederum gewendet und diesmal wird sein Rücken geröstet. Nach weiteren 1000 Jahren kann er sich nichts mehr vorstellen, das er noch zu büßen hätte, da dreht sich der Pfahl einmal mehr und er wird an der anderen Flanke gebraten. Ahnt er die Ewigkeit seiner Qual...?

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    Diese (von mir reformulierte, nicht zitierte) Darstellung des Menschen(bildes) als höllischer Dönerspieß entnehmen wir dem faszinierenden Buch des leider viel zu früh verstorbenen Historikers Heinz Dieter Kittsteiner, ''Die Stabilisierungsmoderne'', der diese Darstellung wiederum den groben Holzschnitten aus dem barocken Werk des gelehrten Humanisten Justus Georg Schottelius (1612-1676) entnommen hat. Auf einem dieser Holzschnitte werden auch die drei fatalen Grundbedingungen menschlicher Qualen in der Hölle genannt: ihre Ewigkeit, ihre Unabwendbarkeit und ihre Ungnädigkeit.

    Schaut man sich die Weltlage abseits der Hysterie um IS-Splatter-Terror und revitalisierten Al-Quaeda-Aktionen, abseits des auf kleiner Flamme köchelnden Konfliktes in der Ukraine, abseits der deutschen Bauchnabelschau in Sachen Pegida-Karneval (was für eine aufgeblasene Debatte um irgendwelche braunen Clowns, die zu staatstragenden Figuren herbeigeschrieben werden), abseits der völlig durchgedrehten Geldüberflutung des EU-Raumes durch die EZB und Mario ''Alles wird gut und besser durch intelligente Finanzpolitik''-Draghi an, dem übrigens die ZEIT ein Drei-Seiten-Interview als Werbeforum für seine Kapital-Idolatrie zur Verfügung stellt, schaut man sich also, sage ich, abseits von alledem und dem sonstigen hot shit, der durch die Medienmangel gedreht und unseren Augen und Ohren als schmackhaft zu konsumierender Infobrei aus Sensationalismus, hysterischer Angstmacherei und Paranoia, sentimentalischem Betroffenheitsjournalismus und Ratgeber-Simulation dargereicht wird, so lässt sich endlich konstatieren, dass wir ähnlich wie der Dönerspieß-Mann in der Hölle wie aufs Ewige hinaus die selben Qualen erleiden:

    2015! Wollten wir nicht ganz woanders sein mit unserem Menschenbild? Was hat es mit Aufklärung zu tun, wenn die Welt sich weiterhin, dieses Mal nur digital, um all die alten Themen dreht, die Erde schonungslos plattgemacht wird, die Ausbeutung der Arbeitnehmer wieder Formen angenommen hat, die wir so wahrscheinlich seit fast 100 Jahren nicht mehr hatten (dazu weiterhin wahrscheinlich nächstes Mal der schon vor Monaten wolkig für ''demnächst'' angekündigte Eintrag auf diesem Blog), wenn uns heilsamer, dabei zugleich idiotischer Durchhalte-Optimismus durch die Presse eingetrichtert wird in der Art suchmaschinenoptimierter Laber-Rhabarber-Titel: ''Warum das alles aber letztlich doch super ist.'' oder ''Welche Chancen darin begründet liegen!'',

    Wenn unsere Vorfahren Vorstellungen von der Zukunft 2015 hatten, haben Sie so ausgesehen, wie das, was man nun also geboten bekommt? Es wird uns immer so schön verkauft, in was für einer prächtigen Zeit wir leben, in welchem Wohlstand, wie toll das Internet uns frei gemacht hat und uns in seligeren Tagen, die folgen werden, von aller Last und Lästigkeit menschlicher Physis befreien wird, wie wundervoll bewusst wir konsumieren können, wie frei wir sind, wieviele Chancen wir haben und all das Re-Phrasieren der ewig alten Leier seit 1990. Die Frage, die sich aber bei kritischer Betrachtung stellt: wie eng ist eigentlich unsere Vorstellung von der Zukunft des Menschen?Die Antwort bekommen man postwendend hausgeliefert, wenn man sich zeitgenössische Aussagen über die Zukunft einmal genauer anschaut: die Spannen für die Vorstellungen von ''Zukunft'' gehen maximal einige wenige Jahre nach vorn, bleiben so eher Gegenwart als Zukunft und müssen immer pragmatisch rückgebunden sein, am besten auch ökonomisch zu verantworten und ökonomisch zu begründen mit der Aussicht auf Wirtschaftswachstum und ''Chancen-Märkte''. Wichtigste Fragen werden nicht gestellt, exakt die Fragen, die am meisten bedeuten würden.

    Anstelle dessen wird ein Menschenbild inszeniert und festgeschrieben, dass uns das Immergleiche als Entwicklung verkaufen will. Genau dieses Festhalten am Immergleichen und an den Werten des expansiven Kapitalismus führt am anderen Ende dazu, dass durch die Hintertür die alten bösen Dämonen aus dem verloren geglaubten Fundus des Weltentheaters wieder auf die Bühne hervortreten und eifrig mitmischen: die archaischen Blutrituale, Panzerkettenrasseln, Aberglauben und (Cyber-)Mystizismus, Piraten auf hoher See, Sklaverei in Asien und Afrika, die anmaßende Herrschaft von fanatischen Vertretern der Buchreligionen (gibts den Koran und die Bibel eigentlich auch als ebook? Ja, gibt es!), die neoliberalisierte Feudalherrschaft und eine Zerstörung der Umwelt, besser: des Menschenlebensraumes, die an finsterste Zeiten des Raubbaus an der Natur nicht nur erinnert, sondern diese übertrifft. Alle diese bösen Geister (und viele ungenannte mehr) uralter Zeiten entsteigen dem Fundus und wir dachten doch, sie seien bereits überwunden.

    Dies liegt auch daran, dass die aufklärerischen Ideen des Westens sich über all die Jahre transformiert haben hin zu einer Idolatrie der Marktwirtschaft. Der Markt ist ein Heilsversprechen geworden und ''ersetzt'' die alte okzidentale Idee eines Christentums der mitmenschlichen Nächstenliebe (die in praxi natürlich auch kaum gelebt wurde). Der Markt ist die Heilsinstitution der Gegenwart. ''Extra oeconomiam nulla salus'', um es mal in Abwandlung des gelehrten Wortes des Kirchenvaters Cyprianus von Karthago auszudrücken, es gibt kein Heil außerhalb des Marktes. Jeder der außerhalb des angebeteten Marktes agieren will oder vielleicht auch: muss, ist ein Paria, ein Drop-Out, fundamentalistischer Troglodyt in Afghanistan oder arbeitslos in Berlin-Marzahn, Koranleser oder Amish, soll aber mit der westlichen Lebenswelt nichts zu tun haben und hier in ''unserer Gesellschaft'' nicht weiter ins Auge fallen.

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    Nun mag mancher einwenden, man schimpfe über die fehlende Modernität und Entwicklung der Welt, vergesse darüber aber wohl doch mal ganz sicher die digitale Welt.
    Darauf ist zu antworten, dass die digitale Welt statt der so euphorisch herbeigebeteten Schwarmintelligenz, gegen die ich von Anbeginn an auf diesem Blog polemisiert habe, dem bereitwillig gläubigen Abnehmer-Publikum die Intelligenz geraubt und den Schwarm gebracht hat. Der Schwarm verhält sich zum Individuum richtungsweisend: wohin die Masse läuft, da sollst auch du hin laufen, Individuum. Das dabei nicht notwendig Intelligenz, sondern eher eine Art tendenzieller Bewegungsdrang der grossen Masse in eine beliebige! Richtung erzeugt wird (der dann aber alle folgen ''müssen''), ein Drang zur gelenkten Bewegung also, den wir alle zB an der Hysterie der digital bewegten Welt wahrnehmen, hätte bei etwas nüchternerem Blick von Anfang an klar sein können. Der Schwarmintelligenz wage ich seit jeher ihr geschwisterliches Pendant, die Massenblödigkeit, entgegenzuhalten.

    (Eine fast ratlos wirkende Frage, die ich des Öfteren gestellt bekomme, lautet: ''Was glaubst Du, wie wird etwas wie zB ein youtube-Video oder ein Tweet viral?''. Diese Frage klingt schon in ihrer Formulierung so, als wenn es ein Rezept gebe, wie man sein Video oder seinen Tweet oder dergleichen so ''zubereitet', dass er massenkonsumiert wird, dass sich die Masse darauf stürzt und das Grund-Mem meines viralen Phänomens kopiert, teilt, imitiert, diskutiert. Die banale Antwort auf diese eigentlich berechtigt neugierige Frage lautet: es gibt kein Rezept. Der Schwarm (die Masse!) stürzt sich nicht auf das ''intelligenteste'' Mem oder Internet-Phänomen, weil es notwendig intelligent ist, sondern...it just happens. Oder fanden Sie es erwähnenswert relevant oder originell, dass eine Schülerin auf Twitter darüber meckert, dass sie zwar ''Gedichtsanalysen'' (sic!) kann, aber nicht weiß wie man Miete, Versicherungen, Rente stemmt (oder so ähnlich). Es ist einer aus einer Unzahl idiotischer bis belangloser ephemerer Posts wie sie millionenfach rausgehauen werden am Tag. Warum hat der Elephant ausgerechnet an DIESER Stelle sein Geschäft verrichtet? Zack, der Elephant musste mal sehr spontan ein großes Geschäft erledigen, da hat er eben exakt an dieser Stelle sein großes Geschäft verrichtet. Eine magischere Formel wird es für die Viralität eines Internet-Phänomens leider nicht geben als: die absolute Kontingenz!)

    Die Bottomline meiner wieder mal ausufernden Exkursionen ins unwegsamere Terrain: das Internet und die daran gekoppelte Ökonomie der totalen Konsumbefähigung wird den Menschen nicht retten vorm Niedergang seines Bildes von sich selbst. Es ist an der höchsten Zeit, sich wieder als Mensch zu begreifen und nicht als digital-gelenkten und ansonsten völlig bewusstlosen Konsum-Glücksrezeptor.

    Es ist überhaupt das Grundproblem eines Großteils der Menschen geworden, dass Sie Konsumenten von Realität geworden sind. Ein Signum dieser Zeit lautet: ''Kultiviere einen Vorrat an renitenten Ideen, aber lebe dabei so angepasst wie möglich und nimm die Realität als gegeben hin, so kommst du auch einfacher durch''! Die Gesellschaft der westlichen Moderne lebt maximal angepasst an vorgegebene Realitäten, akzeptiert das ihr als ''alternativlos'' angedrehte und verkaufte westliche Lebensmodell fast widerspruchslos, gönnt sich aber zur Kompensation von dieser tatsächlichen Konformität und kapitulierenden Schlaffheit vor den so täglich reproduzierten Lebensverhältnissen zumindest ein notorisches Arsenal an formelhaft zum Ausdruck gebrachter Unzufriedenheit, Unmutsbekundungen gegen die Politik und die Presse, deren Produktion von Angst und Hysterie sie aber nur allzu gern übernimmt. (Der tiefere Glauben aber an das System zeigt sich, was Deutschland betrifft, an der Günther Jauchisierung des Diskurses: was in diesen hohlen TV-Formaten diskutiert wird, muss diskutabel sein. Pegida, IS, Schulreformen, Ernährungsdebakel...genau, das alles muss diskutiert werden. Alles schlecht...alles verändern, sofort! Aber nächstes Mal wieder Merkel wählen.) Aus all dem Protest folgt also so gut wie gar nichts, weil der panikkonsumierende westliche Modellbürger die Augen gar nicht wirklich öffnet: er wirkt weiter im System als Agent des Glückes anderer und seine Erschöpfung und ihm zum Wesen gewordene Grundmüdigkeit kommt nicht auf die radikal einfache Konsequenz: du musst dein Leben ändern!

    Eine solche Änderung des Lebens bedeutet nicht allein: bewusster einkaufen und sonntags auch mal Bio-Fleisch. Sie bedeutet nicht allein, dass man jetzt vielleicht doch mal weniger Müll produziert und ein Mal weniger im Jahr in den Urlaub FLIEGT. Die Änderung des Lebens bedeutet die radikale Konsequenz: Du musst dein Leben ändern, aber nicht, um im System bestehen zu können. Dies bedeutet mit dem System auch sich selbst in die radikale Frage zu stellen: warum wirke ich in und an einem System mit, dass mich den lieben langen Tag lang vor Wut und diskutierfähiger Resignation vor den gegebenen Verhältnissen kotzen lässt?

    Der zum Konsumenten herabdiskutierte ''moderne'' Mensch begreift sich folgerichtig zunehmend als Abnehmer, als Konsument von Realität (wenn Sie die ZEIT oder von mir aus auch die überregionale Tagespresse etwas aufmerksamer lesen, werden Sie sicherlich bereits bemerkt haben, wie sehr man sich selbst zunehmend als Kunden/Konsumenten und nicht etwa als ''Bürger'' betrachtet, was kein Wunder darstellt, angesichts der Überflutung mit ''verbrauchernahen'' Themen! Im Zweifel diskutiert man auch in der Tagespresse lieber ausführlich über die ''Fünf Gründe, warum Apple mit seinen iPhones einen solchen Erfolg hat'', (wie z.B. die SZ kürzlich und es müssen natürlich unbedingt fünf Gründe sein), als über die zunehmend verpfuschte Sozialpolitik der Bundesregierung).

    Dass er Realität auch zu produzieren und somit umzuformen vermag jedenfalls, kann sich der Mensch überhaupt nicht mehr vorstellen. Dies ist der Vorteil der Terroristen, auch wenn sich der Terrorismus derzeit noch auf religionsbasierte Fundamentalismen reduziert: neben den wahrhaft effizienten Implementeuren von Realität wie den ''oberen Zehntausend'' aus Wirtschaft und Politik, gegenüber welchen wir gemeine ''Bürger/Konsumenten'' nur willfährige Exekuteure und Schergen sind in der Ausführung und Reproduktion dessen, was Sie als Realität postulieren, sind die Terroristen authentische Produzenten von Realität. Dies lässt sich daran ermessen, dass das von ihnen bekämpfte System auf ihre destruktiven Aktionen hin ein zunehmend hohes Maß an Stressbewältigung und Kompensationskräften aufwenden muss, um sich zu reparieren und seine systeminterne Logik zu erhalten. Auf solche Stressoren reagiert das System übrigens prima facie durchgängig und notwendig mit Hyper-Affirmation: man liest und hört dann schnell wieder überall, wie feige und hinterhältige Attentäter einen Anschlag auf die Freiheit des westlichen Bürgers begangen haben und dass es daher noch notwendiger geworden ist, dass System und seine Bedingungen zu unterstützen und zu reproduzieren. (Daher auch die absonderliche Vulgarität vieler Medien nach dem Charlie-Hebdo-Anschlag: Pressefreiheit meinte man damit überbetonen zu müssen, dass man sich darin überbot, Charlie-Hebdo-Karikaturen auf den eigenen Frontseiten abzudrucken. Einen hilfloseren Ausdruck für fehlende Souveränität gegenüber dem Unbegreiflichen kann man sich kaum ausdenken.)

    Es geht aber darum, dass der Mensch sich generell wieder mehr als Individuum, als Produzent von Realität erweisen muss. Terror am System kann man auch ohne Waffe in der Hand ausüben. Grundsätzlich zweifeln,diesem Zweifel dann aber auch Konsequenzen folgen lassen. Anti-ökonomischer Terrorismus kann auch schon sein, seinen Ausbeuterjob zu schmeißen, laut zu sagen, was man denkt, statt es beim Verrichten seiner Bürotätigkeit nur vor sich hin zu zischeln. Moderner anti-ökonomischer Terrorismus benötigt weder einen theologisch fundierten Fundamentalismus, um sich zu kaschieren noch benötigt er die Waffe: was er aber benötigt, ist die Radikalität des Gedankens und der Tat gegen das System, mit welchem man nicht mehr einverstanden ist. Terror, d.h. immer noch: Schrecken! sollen die empfinden, die diese Realität ''für uns'' konzipiert haben, damit sie profitieren. Wenn Ihnen die Begrifflichkeit des Terrors nicht zusagt, sagen Sie Aktion! Aktion gegen die eigene Unzufriedenheit...raus aus dem Meckerkasten und mutig rein ins anti-systemische Getümmel...

    Es geht darum, sich als handlungsfähiges autonomes Individuum zu begreifen, die ewige Luther-Variation: hier stehe ich, ich kann auch anders! Ich empfinde es als sehr unangenehm, dass ich immer mehr Menschen um mich herum, die fortwährend über ihre Lebensverhältnisse klagen, die Gebetsmühle drehen höre: ''Ich kanns aber auch nicht ändern, man muss ja sehen, dass man am Ball bleibt.''

    Doch, Du kannst es! Du musst es sogar, um Deine Achtung vor Dir selbst zu bewahren. Nicht überlegen, was Du ändern kannst, um weiter im System zu bestehen. Überlege, was Du an Dir ändern kannst, um das System zu ändern.

    (Bevor es mir hier zu erbaulich wird, endige ich lieber. Sie müssen mich nicht meiner prokrastinierten Titel gemahnen. Bei alledem schuldbewusst weise ich auf die wie immer unabweisliche Zukunft hin...leutselig wie immer verkünde ich zudem bevorstehende tiefere Gedanken über die Seelenruhe, die Askese, den Verzicht und ähnliche, der Zeit ungemäße Botschaften).

    ...nächstens mehr...

  • Je ne suis pas Charlie: Terrorkonsum und der Islamismus als unfreiwilliger Erfüllungsgehilfe westlicher Hegemonie

    ''Nach seinen künftigen Plänen gefragt, hatte mir Bin Laden geantwortet: 'Sie werden sie, so Gott es will, in den Medien sehen und hören.''
    Aus: Peter L. Bergen, Heiliger Krieg Inc.

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    Wer mal wieder ein Beispiel brauchte, wie schnell aus ideologisch motiviertem Terror kapitalistischer Kommerz, letztlich also: Popkultur wird, beachte nur, wieviel man für ein Billig-T-Shirt mit der Aufschrift: ''Je suis Charlie.'' für den eigenen zur Schau zu stellenden Billig-Protest bezahlt...dies kann jeder ''Verbraucher'' leicht vergleichen. Sie können sich das z.B. auf ebay anschauen:

    http://www.ebay.de/itm/Je-Suis-Charlie-T-Shirt-fur-Frauen-Charlie-Hebdo-GOTS-FAIR-TRADE-/181635890945?pt=DE_Damen_T_Shirts&var=&hash=item2a4a57bf01

    Immerhin Fair Trade! Wollen Sie einen Kommentar dazu oder denken Sie sich selber Ihren Teil, lieber Leser? Aber huch, da habe ich mein Thema falsch aufgewickelt, ich wollte doch über das Politikum ''Charlie Hebdo'' handeln, nicht über das entstehende Fashion-Label gleichen Namens.

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    Es brauchte nur ein paar Tage, da waren schon die Ikonen geschaffen, die Hexenjagd auf den Islam wieder eröffnet und Konsumenten werden getriggert: sie können jetzt wieder Protest einkaufen zum Vorzugspreis. Wogegen Sie protestieren oder wofür oder was das überhaupt alles bedeuten soll? Es ist nicht wichtig, die Hauptsache: Oh my God, it's viral!!
    ''Und wie geil ist das denn, ich kann mir die Ballervideos auf youtube unzensiert anschauen, krass, den Kopfschuss muss man doch gesehen haben, wenn man die Welt angemessen verstehen will, weißt du, was ich meine? Ach so, vor dem Video hat youtube/Google im Einklang mit dem Einsteller noch schamlos einen Werbeclip geschaltet? (lukratives Business!)...egal, den kann ich ja in 5 Sekunden skippen.''

    Da kann es auch schonmal passieren, dass in Amerika Leute in selbstgedruckten T-Shirts zu sehen waren auf denen ''Jesus is Charlie'' stand, die hatten das französische Original nicht exakt genug gelesen, als Ami ist man auch nicht Muttersprachler des Französischen, da geht das dann schon klar, ''Jesus is Charlie'', richtet sich ja sicher auch irgendwie gegen Islamismus.
    Auch völlig missverstanden wurde es von einer Schülergruppe aus Großbritannien, die ich neulich in der Bahn sah und die aus Solidarität mit Charlie Hebdo schwarze T-Shirts trugen, auf denen ''I like Charlie'' stand. Was war da los? Falsch übersetzt? Der Angelsachse tut sich ja gemeinhin recht schwer mit dem Französischen. Aber das passt schon ganz gut. Der Protest (oder was auch immer das darstellen will) ist genauso viral wie so viele andere schwachsinnige Facebook-Phänomene a.k.a. 'digitale Eintagsfliegen' , da haut es schon hin, wenn man Charlie einfach mal ''thumbs up'' gibt: I like!

    Und so nähen Billigarbeiterinnen in Bangladesh sich jetzt die Hände wund, was das Zeug hält, damit die Welt nun eifrig ''I like Charlie'', pardon: ''Je suis Charlie!''-T-Shirts konsumieren kann. Das sieht übrigens Charlie Hebdo selbst in seiner neuen Ausgabe exakt genauso:

    http://www.planet.fr/societe-charlie-hebdo-si-vous-navez-pas-eu-le-dernier-numero.764177.29336.html?page=0%2C4

    Und auch das Satiremagazin selbst wird jetzt erstmal ein paar Wochen lang von den ''Verbrauchern'' aus Sensationalismus und der gierigen Hoffnung auf Wertsteigerung über die Jahre gekauft wie Sucht, auch da hängt ein Markt dran. Mancher versuchts einfach mal mit selbstersonnenen Phantasiepreisen, könnte ja klappen mit zB der letzten Ausgabe des Satireblattes vor! dem Attentat:

    http://www.ebay.de/itm/CHARLIE-HEBDO-Heft-Zeitung-Journal-Orig-Ausgabe-Nr-1177-vom-07-01-2015-/201264768944?pt=Zeitschriften&hash=item2edc50a7b0

    Kurz: aus dem Terrorakt ist ein einträgliches Gewerbe geworden, der Markt hat sich direkt an das Phänomen angesogen, das Internet beschleunigt und viralisiert die Vermarktung dieses Terroranschlages in einer Weise, die wir nicht einmal im Ansatz begreifen und überschauen können. Natürlich haben wir jetzt bald dann auch alle die Schnauze voll von ''Charlie Hebdo'' und den anhängigen News, aber für den Moment taugts noch und der Verkauf boomt. Auch die Presse kommt aus dem Über- und Fehlinterpretieren der ganzen Chose gar nicht mehr hinaus, gesucht wird weiterhin der originellste Deutungansatz.

    Von den ekelhaftesten Regungen der konservativen Presse, jetzt unbedingt gegen den Islam! generalmobil machen zu müssen, den linken ''Multikulti-Traum zu überdenken'' (so die mittlerweile völlig Amok laufende und irrlichternde FAZ) und irgendwelche ostentativen Demutsübungen und Protestbekundungen der ''muslimischen Gemeinde in Deutschland'' zu fordern, will ich hier lieber mal schweigen, sonst artet dieser Eintrag wieder in unermessliches Wutbürgertum meinerseits aus. Auch über die Pegida will ich einmal mehr nicht schreiben, dieser Entsprechung der Piraten-Partei, nur eben auf rechts gedreht: über den Verein wird in ein paar Monaten keine Schwein mehr reden und keine diesbezuegliche Themensau mehr durchs Dorf gejagt werden.
    Die werden medial aufgeblasen, um die Publikumslust nach braunem Grusel zu bedienen, da fängt der Heißluft-Themenballon nochmal ordentlich an zu quietschen, bevor er lautstark platzt (und auch wenn historienkundige Leser das jetzt so wittern: der Franz von Papen-Vibe dieser Metapher trägt hier ausdrücklich keine anspielungsreiche ironische Nuance!) und dann hat es sich auch wieder mit diesen Schreihälsen.

    Zu diesem gesamten Themenfeld ''Rolle der Presse'' hat sich jedoch der gute Trithemius, mein gefühltes schreibendes Alter ego, schon an meiner Statt echauffiert, da lesen Sie also auch lieber gleich seinen exzellenten Beitrag dazu:

    http://trithemius.twoday.net/stories/charlie-hebdo-pegida-luegenpresse-und-wir-versuch-einer-bestandsaufna/

    Ich darf mich vielleicht noch über Idioten aufregen, die sich anmaßen, die Anschläge auszunutzen, um unsere verstärkte Überwachung durch die Geheimdienste einzufordern. Ich habe es ein paar Male lesen müssen, um irrtumsfrei zu konstatieren, dass es sich bei diesem nun mal wirklich: Pamphlet! hier nicht um Satire handelt:

    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/jan-fleischhauer-fordert-ausweitung-der-telefonueberwachung-a-1012717.html

    Der ekelhafte Duktus des Titels geht mir schon ans Eingemachte: ''Speichert endlich...!'' Macht endlich dies und das...wann erkennt ihr endlich? Grauenhaft agitierender ''Journalismus''!

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    Ich wende mich der Frage zu: Und was denken sich jetzt die islamistischen Fundamentalisten, wie fällt ihre erste Bilanz aus? In den al-Quaeda-Headquarters, ob im Jemen oder Afghanistan, wird man jetzt, natürlich auf Arabisch, des Öfteren über die Chef-Planer dieses Attentates den bekannten ''Big Lebowski''-Fluch: ''Bekackte Amateure!'' vernehmen. Die Rache der Satire an diesem martialischen Terrorakt ist das klassische PR-Eigentor: die Märtyrerrolle der Attentäter wird vom Westen sowieso nicht verstanden, die Märtyrer sind jetzt die französischen Karikaturisten, auch sie wahrlich keine Unschuldsengel dort oben, gefeiert wird das Spektakel ''Charlie Hebdo'', der islamistische Terrorakt an sich gerät erstmal in den diffusen Hintergrund. Zudem kurbelt das Unterfangen westlichen Konsum an, schafft Pop-Ikonen und wird viral in einer Weise, die die Drahtzieher dieses Anschlages so sicher nicht intendiert hatten.

    Dabei war es doch so ein ein kluger Schachzug der islamistischen PR. Willst du den Terror in den Köpfen verankern ist die Goldene Grundregel: ''Trage ihn in die Städte, besser noch: in die Metropolen!''. (''12 Tote bei Terroranschlag auf Redaktion in Donaueschingen'' erzählt einfach keine spannende Geschichte, da erschreckt sich kaum einer. In der Provinz, da wohnt keiner, da stirbt man nicht im Spektakel, da ist einem ein Terroranschlag einfach zu abstrakt. Als zB die beiden Hebdo-Attentäter auf ihrer Flucht in der nordfranzösischen Provinz mit einer einzigen Geisel in einem Industrielager versackt waren, musste das Attentat im jüdischen Supermarkt in Paris als neuer Headliner herhalten, damit der Liveticker bei aller Digitalität nicht vor lauter Ereignislosigkeit über all die langen Stunden einfror, die Story schien hier in Manier einer klassischen Antiklimax abzuflachen.)

    Zur Optimierung der Intensität des Terrors also wähle man eine symbolische location oder einen Racheakt, der zugleich eine Geschichte erzählt. Der ''Verdiente Rache''-Mythos! Der Zugriff des langen Armes der Meuchelmörder auf die blasphemischen Satiriker, das zB ist so ein guter und gerechtfertigt wirkender Plot. Dieser Plot wird in die Metropole getragen (siehe New York, 9.11. 2001). Der Plot muss so spektakulär sein, dass er medial optimal adaptierbar ist. Er muss so knallen, dass seine Bildgewalt wieder für die nächsten 10-15 Jahre reicht (denn öfter schafft man so einen Terror-Knaller, einen derartigen ''direct hit'' als zwar chronisch unterfinanzierter, dabei aber dauerüberwachter Geheimbund nicht so recht).

    Der Plot stand funktional perfekt, was aber ist schiefgelaufen aus Sicht der islamistischen Fundamentalisten? Selbst wenn sie so gern die westlichen Medien als Transmissionsriemen ihrer im tieferen Kern nihilistischen Agenda nutzen, sind auch sie nicht immun gegen die verteufelte digitale Zwickmühle: was immer du in sie einspeist verwandelt sich. Die eingespeiste Info/Message kann zu Dir zurückkehren als Knieschuss, als Teakholz-Bumerang, du wirfst ein Stöckchen und es apportiert dir ein Monstrum, so kommt es, wenn man sich als terroristische Zelle nicht anders gegen das System zu wehren weiß, als indem man das System nutzt, um das System zu stürzen. Hier aber hat sich ebenso gut das westlich geprägte Medium den Islamismus einverleibt als storyteller, als Nachrichtenlieferant, als zu inszenierendes radikales Anderes, als Blaupause für alles irritierend Fremde. Wo in der westlichen Welt die allgemeine ''Heile Welt-Formel'' steht und eine Insel der Seligen für das Abendland konstruiert wird, kommt es gelegen, eine antagonistische dunkle Macht präsentieren und inszenieren zu können, die sich einer solchen ''Heilen Welt'' böswillig entgegenstellt und den Fortschritt der Menschheit boykottiert. Dann ist alles, was sich gegen den pragmatisch-rationalen Chorgesang: ''Wirtschaftswachstum, -wachstum, -wachstum!'' stellt und nicht 24/7 in der Kategorie ''marktwirtschaftliche Dauer-Erektion'' denkt, per se unbedingt bösartig: Islam(ismus) böse, Putin böse, Arbeitslose böse, Griechen böse usw.

    Während sich zwei Terror-Organisationen, also al-Quaeda (oder eine seiner inoffiziellen Outlet-Filialen wie derjenigen im Jemen) sowie der IS Überbietungsschaukämpfe der Grausigkeiten auf unseren Medien liefern, konsumiert der Westen den Terror und das anhängige Theater des Grauens bereitwillig, verklärt ihn durch virale Phänomene, die mystisch-verklärende Dimensionen annehmen, beweist, dass es definitiv eine skalierbare Qualität der Opfer gibt (einige wenige weiße europäische oder: ''okzidentale'' Opfer, in europäischen Metropolen ermordet, wiegen ungleich schwerer als tausende afrikanische oder nahöstliche Terroropfer, die in Afrika oder Nahost am Terror krepieren: ''Für die ist das doch Alltag!'') und singt weiter hohle sentimentale Lieder auf eine ''Freiheit der westlichen Demokratie'', die man jetzt erst recht betonen und laut anstimmen müsse. Man kann sich nicht mehr retten vor derartigen Ergüssen der Tages- und Wochenjournaille.

    Statt das System ''imperialer Westen'' an seinen eigenen Widersprüchen scheitern zu lassen aus sich selbst heraus, haben die Fundamentalisten den Westen wieder ''von außen'' attackieren wollen. Jetzt wird sich der westliche Diskurs beim Bauchnabelkreisen wieder auf ewighin die völlig falschen Fragen stellen: wie kann man besser überwachen? Wie kann man unsere Konsumenten (verzeihen Sie: die Bürger) besser schützen? Wie kämpfen wir noch härter gegen den Terror an? Wie schützen wir uns vor allzu viel Zuwanderung (da fühlt sich jetzt der querulante Ökonom Hans-Werner Sinn wieder berufen und exerziert noch ein bisschen Migranten-Mathematik vor) ? Wie behandeln wir die Feinde der offenen Gesellschaft (gemeint sind damit natürlich Muslime)? (ich kann diesen seit Charlie Hebdo totzitierten Buchtitel nicht mehr hören: ''Die offene Gesellschaft und ihre Feinde!'').

    Die richtigen Fragen wären gewesen: wie wollen wir in diesen System leben und arbeiten? Wie schaffen wir soziale Gerechtigkeit? Wie lösen wir uns vom Diktat des Wachstums? Wie schaffen wir eine wahrhaft offene Gesellschaft überhaupt, in der auch die Muslime integriert sind? Wie kommen wir weg vom Pflichtdiktat der Wirtschaftslobby in den Parlamenten? Wie implementieren wir das bedingungslose Grundeinkommen?
    Wie wehren wir uns gegen die Überwachungsgesellschaft? und dergleichen mehr.

    Stattdessen müssen wir die Gewaltpornographie konsumieren, die der Fundamentalismus liefert und die der Westen durch seine medialen Plattformen bestellt. Viele schauen sich diesen Müll stumpf an und gehen dann in ihrem ''Je suis Charlie'' T-Shirt auf die Straße, virale Trauer simulieren. Das ist ungefähr so, als ob ich in einem Osama bin Ladin T-Shirt einer katholischen Begräbniszeremonie beiwohne. Man kann sowas machen...aber!

    Einer der nächsten Einträge soll die Ideologie des Islamismus genauer unter die Lupe nehmen.

    ...das bedeutet: nächstens mehr...

  • Der Markt und die Müdigkeit oder: Standortrisiko 'Lässigkeit'!

    ''...seitdem ich arbeite, mutiere ich immer mehr zu einem dieser Zombies und Angst macht mir das, weil ich sicher weiß, dass ich so eigentlich absolut nicht bin. Ich beschäftige mich allein noch mit dem Arbeiten. Wo ist die entspannte Person, die ich früher einmal war, bloß hin?"

    Aus der Email einer arbeitstätigen Freundin (Dezember 2014)

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    ''Wer sich in seiner Lebensführung den Bedingungen kapitalistischen Erfolges nicht anpasst, geht unter oder kommt nicht mehr hoch.''

    Max Weber, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus (1920)

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    ''Die Deutschen können sich Lässigkeit, Selbstzufriedenheit, Immobilität und Überbezahlung nicht länger leisten...''

    Meinolf Dierkes/Klaus W. Zimmermann in: Der Sozialstaat (1996)

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    Mit solchen agitatorisch-hysterischen Parolen aus wirtschaftsliberalen Hetzerköpfen bekam man es ab Mitte der 1990-er Jahre bei der Zeitungslektüre massiv zu tun, die Leier war immer dieselbe: mehr arbeiten für weniger Lohn und vor allem keine Zeit mehr zum Entspannen für ''die Deutschen''! Das Ganze gipfelt dann um 2001 in die Agenda 2010, die mich u.a. das SPD-Parteibuch und mein Juso-Shirt verbrennen ließ (weniger pathetisch hatte ich es damals gerade nicht). Die SPD mutierte von da an zu einem permanenten Leichenbegängnis ihrer selbst und ihrer Ideale. Eine Partei, die zwar noch mit ''SPD'' gelabelt war, die aber keinen vitalen sozialen Inhalt mehr vorweisen konnte (und daher anno 2014 und nun auch bald 2015 bestens als charakter- und charismafreier CDU-Appendix und Merkel-Wahlverein herhält). Sigmar Gabriel, dies sei nur mal am äußersten Rande wie nebenher erwähnt, setzt tapfer-brüllend die Totengräbertradition, bzw die besinnliche Grabpflege der Sozialdemokratie fort, nachdem Gerhard Schröder und Konsorten damals die Bestatter der ausglühenden Reste der großen alten Partei waren (Münteferings ekelhaftes ''Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!'' dröhnt einem da noch besonders nachhaltig im Gehör nach, selbst wenn es ein Paulus-Zitat darstellte.)

    Der eingangs zitierte Zustand allerdings, den besagte arbeitstätige Freundin in ihrer Email sich selbst diagnostizieren musste, rührt nicht zuletzt von solchen hysterischen Parolen aus der mobilisierenden Marktwirtschaft her: der unentspannte Zombie als Arbeitsknecht für das System. Hier ist Deutschland, hier ist totale Marktwirtschaft und Merkel, hier hat man nicht lässig zu sein, die Lässigkeit wird in Deutschland schnell zum Standortrisiko. Auch diesen Begriff muss man jüngeren Lesern wahrscheinlich schon erklären: in den hysterischen Jahren der endgültigen Installation der totalen Marktwirtschaft ab 1995 konnte man mit besorgter und bedenkenschwerer Miene im Grunde fast alles zum Standortrisiko erklären, sogar die Zimmerpflanzen in Großraumbüros und den Kaffee in der Arbeitspause: Standortrisiko, kann sich Deutschland nicht leisten!
    Da aber, wo mir im Austausch gegen eine tugendhafte Tüchtigkeit und aufbefohlenen Aktionismus meine Lässigkeit abgenommen werden soll, möchte ich nicht Staatsbürger sein und wähle auch weiterhin die mir zutiefst ins Genom geschriebene Lässigkeit und Unaufgeregtheit.

    Das ist das Grundproblem des marktwirtschaftlichen Totalitarismus anno 2014/15: seine schnöden Heilsversprechen tragen sich immer dünner, wie Nähte an Textilien, die bald reißen werden. Die Leute werden müde und tranig, ausgebrannt und erschöpft dimmen sie nach Feierabend vor sich hin, erleiden medialen Burn-Out, konsumieren irgendwas und lassen apathisch die agitierenden Stimmen aus Politik, Wirtschaft und PR-Büros auf sich einwirken. Aber jeder ist doch schon längst all diese bullshit operators leid, die uns erklären wollen, wie toll wirtschaftlich auch das Jahr 2015 wieder für alle fleißig! Beteiligten sein wird, wenn wir uns nur anstrengen, zu unterdurchschnittlichen Löhnen (den sogenannten Mindestlohn schon einbedacht!), im Schweiße unseres Zombie-Angesichtes arbeiten und nach der Arbeit und dem Heimpendeln dann noch tüchtig konsumieren und am besten noch zum Jahreswechsel Gauck und Merkel ihre hohlen marktliberalen Phrasenraketen steigen lassen, die ihnen aus der Lobby vorgeflüstert wurden. Dann wird es wirklich ein ganz tolles Wirtschaftsjahr 2015 für ''die Deutschen'', versprochen!

    Dagegen stelle ich fest: die Müdigkeit und die Erschöpfung im Zusammengriff mit der uns mies gemachten Lässigkeit sind überhaupt erst der Quell vorrevolutionärer Gesinnung! Die Steigerungsform der Müdigkeit ist der Verdruss, der allerdings, wie wir in diesen Tagen sehen, sein gefährliches Potential schnell ins falsche Lager gleiten lassen kann. Dennoch oder gerade drum mein Appell an alle Erschöpften: lebt eure Arbeits- und Systemmüdigkeit aus, seid unproduktiver und lässiger, vor allen Dingen: verbessert euch nicht und haltet euch fern von dem Optimum.

    Wenn nämlich das einzige Heilsversprechen der totalen Marktwirtschaft Wachstum, Konsum und Profit sind, darf man sich nicht wundern, wenn die Menschen als ausgebrannte Lohnsklaven dumpf in der Gegend vor sich hinvegetieren. Die Heilsversprechen DIESES Glaubens sind so prekär wie seine Löhne der in ihm dienenden Arbeitsameisen und der Transferempfänger von Gnaden des ''mobilisierenden'', sich nicht einmal selbst mehr ernsthaft so nennenden ''Sozial''staates. In diesem System herrscht eine systemzersetzende Grundmüdigkeit und Abgeschlagenheit der Ziele: ausgebrannt sind die Lohnsklaven, ausgebrannt sind die Politiker, ausgebrannt bis zum Anschlag sind die ''Interest, Currency and Value-Manager'' in den Banken über ihren Hedgefonds, ausgebrannt sind die Kinder, die im Limbus ihnen auferlegter Dauer-Betriebsamkeit zu noch nicht ausgewachsenen Erwachsenen herandarben und deren Hirne in Vorbereitung auf die Höllenqualen des Systemes erst mit diesen üblen Bullshit-Ideen infiltriert und dann schon völlig geistig verschlissen und verdorben werden, ausgebrannt ist der Ressourcen-Planet, auf dem alles Ressource ist, selbst der Mensch, vor allen Dingen sogar der Mensch, ''human ressources''. Ausgebrannt ist dieses ganze Scheiß-System. Wachstum, Wachstum, Wachstum...meine Fresse: was für ein Stress! Wer hatte nochmal abgeraten von der Lässigkeit?!

    Und dennoch wird der auf Dauer Ausgebrannte, der längerwierig Erschöpfte, der after work-Depressive und daher Gelähmte zum Aussätzigen und zum Ketzer in diesem System-Glauben. Der ermattete Unarbeitswillige wird von da an zum Untermenschen-Inventar gezählt, der der Marktreligion abtrünnig Gewordene wird zum Kriminellen erklärt:

    ''...und doch ist die Todesstrafe für unverbesserliche Verbrecher und Taugenichtse (!!) nicht nur gerecht, sondern auch eine Wohltat für den besseren Theil der Menschheit; dieselbe Wohlthat, welche für das Gedeihen eines cultivirten Gartens die Ausrottung des wuchernden Unkrautes ist.''

    Ernst Haeckel, Natürliche Schöpfungsgeschichte, 1904

    Mehr dazu lesen Sie lieber hier noch einmal, dann muss der Autor dieses sich nicht über Gebühr wiederholen:

    http://raumgewinner.blog.de/2011/02/08/arbeitsscheu-agentur-brandgefaehrlichen-implikationen-moderner-arbeitsmarktpolitik-10546480/

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    Das System hat sich übrigens ''seinen'' Darwin, da wir mit diesem Thema ja irgendwie gerade dort nahebei stehen, bestens einzuvernehmen gewusst: nicht genug damit, dass Darwin das Menschenbild wieder zurück ins Tierreich befördert hat, konnte man auch durch Über- und mutwillige Fehl-Interpretation legitimatorisch mit ihm arbeiten: der Sozialdarwinismus der Ökonomie war geboren, der den Stärksten und Tüchtigsten als einzig befähigt ansah, in einem auf brutalen Wettbewerb bestehenden System zu überleben. Der Kapitalismus des ''nails, claws and teeth''...erlaubt ist, was Profit herausschlägt, der animalische Status des Menschen in diesem System ist damit als gerechtfertigt zementiert! Außer der Profitmaximierung und dem entnervenden und lähmenden Konsum werden alle anderen Größen und vor allen Dingen Werte!, die unser Menschenbild doch prägen sollten, ignorant ausgeblendet.

    Denn was wird uns versprochen? Ein guter Lohn, wenn wir denn schon hart arbeiten müssen oder ein müßiges Leben in Ruhe und Seelenfrieden, zumindest aber doch vielleicht ein Grundeinkommen?! Ach, was...Wachstum, Konsum, mehr Arbeit, das allein wird uns versprochen. Das kann zB bedeuten, dass zwei Eltern, die beide berufstätig auf Vollzeit sind, dennoch auf Hartz IV angewiesen sind und sich so stigmatisieren lassen müssen stellvertretend für die Installateure dieses Systemes, die aber uns die Lässigkeit austreiben wollen. Arbeiten Sie doch bitte einfach Vollzeit zum absoluten Existenzminimum, damit Sie dieses tolle System erhalten helfen können! Beuten Sie sich gefälligst selbst aus, damit wir Ihnen weiterhin Scheiße verkaufen dürfen, wir simulieren Ihnen dann schon rechtzeitig die Ausschüttung eines Hungerlohnes, den die Politik dann als ''Mindestlohn'' verkaufen darf.

    Der Markt hat auf die Müdigkeit und die Erschöpfung des sich schindenden Menschen im Prinzip überhaupt keine andere Antwort parat als die hysterische Sanktion oder die verstärkte Agitation. Die Müdigkeit seiner Teilnehmer ist dem totalen Markt im Wesentlichen zutiefst zuwider! Erschöpfung, Mattigkeit, Abgeschlagenheit, Krankheit, Schlaf und generelles Ruhebedürfnis, das stellen aus Marktsicht allesamt Produktivitätshemmnisse dar, die es eigentlich so nicht geben darf. Das aber ist zugleich auch der größte Fehler des invasiven Kapitalismus: er berechnet nicht konsequent genug mit ein, welche Korrosivkräfte die Müdigkeit eines Großteiles der Marktagenten auf selbigen zurückwirken lassen: die Lähmung und Unproduktivität, der Verdruß und der Verschleiß wirken zersetzend auf das Marktsystem und den mit ihm so eng, allzu eng bis zur Ununterscheidbarkeit verwobenen Politikbetrieb ein...

    Wenn also, um mal ein Modewort zu benutzen, die Erschöpfung und die Lässigkeit ''kontraproduktiv'' sind, dann müssen ''die Deutschen'' unbedingt noch ''kontraproduktiver'' sein, damit die totale Marktwirtschaft zerbricht. Hier wächst nämlich außer der Müdigkeit und dem Verdruss nicht mehr viel, hier profitieren nurmehr die üblichen Verdächtigen, hier konsumiert man sich besinnungslos, aber nichts ist zu spüren von Lässigkeit, von Ruhe, von entspannter Mitmenschlichkeit. Alles nur Krampf, Lobby, alternativ- und hirnlos, Merkel, Pegida, Gartenzwergspießbürgerdenken, Wischeimer-vor-die-Tür-Steller, gereinigtes fleißiges Deutschland und überhaupt: zwangsverordnete Idioten-Diskurse!

    Dies ist ein Aufruf zur Lässigkeit, zum Ausschlafen und zur Unttüchtigkeit, zum Umweg, zum Abhängen, zur Ratlosigkeit, zur bekenntnisreichen Müdigkeit,...(nur, falls das irgendwer bis hierhin nicht verstanden haben sollte.)

    ...ach, lieber nächstens mehr...

  • Über Bücher sprechen, wenn man sie gerade nicht liest: der Büchergrabscher und sein unwillkommenes Tagewerk (eine Typologie I)

    ''Bücher sind nur dickere Briefe an Freunde''.

    Jean Paul, Aphorismen
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    ''Procul, o procul este profani!''

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    ''Es waren Goethes sämtliche Werke, welche ein Trödler, der mich mit alten Büchern und vergilbten Kupferblättern in ein vorzeitiges gelindes Schuldentum zu verlocken pflegte, hergebracht hatte, um sie mir zur Ansicht und zum Verkauf anzubieten. (...) Ich war eben mit 'Dichtung und Wahrheit'' zuende, als der Trödler hereintrat und sich erkundigte, ob ich die Werke behalten wolle, da sich sonst ein anderweitiger Käufer gezeigt habe. Unter diesen Umständen musste der Schatz bar bezahlt werden, was jetzt über meine Kräfte ging. Die Mutter sah wohl, daß er mir etwas Wichtiges war, aber mein vierzigtägiges Liegen und Lesen machte sie unentschlossen und darüber ergriff der Mann wieder seine Schnur, band die Bücher zusammen, schwang den Pack auf den Rücken und empfahl sich.
    Es war als ob eine Schar glänzender und singender Geister die Bühne verließen, so daß diese auf einmal still und leer schien...''

    Gottfried Keller, Der grüne Heinrich

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    Exakt wie der Protagonist aus Kellers ''Der grüne Heinrich'' empfinde ich seit längerer Zeit selbst des Öfteren, spätestens zu den Zeiten, wenn zB ein Umzug ansteht und es gilt, so um die zwanzig Bücherkisten (andere erledigen das mit einem! e-book, aber meine Haltung zu diesem elektronischen Parvenü, zu dieser Textlizenz, die gerne Buch wäre, es aber nicht ist, kennen Sie ja zur Genüge) im worst case bis in den vierten Stock einer Behausung zu schleppen (welches Herauftragen der Bücherkisten zumindest ich dann selbst übernehme, um mir seitenhiebende Kommentare der verständlicherweise entnervten Helfenden zu sparen oder naive Fragen wie: ''Kaufst du denn jetzt immer noch Bücher?'' Was soll ich darauf antworten: ''Nein, aus Platzgründen habe ich damit aufgehört.''? Ein wahrer Bücherliebhaber wird damit nie aufhören können, es sei denn er wird zB irgendetwas über 65 Jahre alt:

    http://raumgewinner.blog.de/2012/01/24/besitz-besessenheit-exempel-buechern-briefen-12507498/

    Auch den Ratgeber-Kommentar: ''Kauf dir doch lieber nur noch Reclam-Bändchen!'' habe ich schon gehört und der Kommentator befand sich in der Naivität seiner unbescholtenen Aussage so extrem im Modus ''Wissensvorsprung'', dass ich zumindest Mitleid mit ihm hatte. Sie verstehen, ich liebe Ratschläge dieser Art und wenn ich den Begriff ''Reclam-Bändchen'' schon nur höre, kommt meine Germanisten-Idiosynkrasie quasi allergisch wieder zum Vorschein. Verstehen Sie mich nicht falsch, auf Reisen zB liebe ich die ihren eigenen Verschleiß nahezu herbeiflehenden Reclam-Bände allein schon aus Gründen der Praktikabilität, aber eine allein aus diesen kleinen Buchwürmchen bestehende ''typischer Germanistik-Student-Bibliothek'' erscheint mir doch ziemlich kleinkariert.)

    Jean Paul nannte Bücher, s.o., ''dickere Briefe an Freunde'' und so manches Buch ist wiederum ein noch dickerer Freund als so mancher leibliche Freund selbst es einem sein mag. Nun ist nicht jedes Buch in der Heimbibliothek ein solcher Freund, zu manchen steht man irgendwie in unklarer und entfremdeter Beziehung, manch Buch hat man zu seiner Zeit überschätzt und schaut es nun scheel an, die Grade der Beziehung zu einem jeden einzelnen Buch sind divers. Sogar manch unbekannte Schönheit versteckt sich in rückwärtigen Räumen und Schranknischen, entzieht sich der Aufmerksamkeit fast bewusst und harrt des Gelesenwerdens, scheint der aktiven Botschaft für eine Zeit zu harren, die mich geeigneter dafür finden mag. Manchmal geht es so sehr auf, dass man ein Buch ''jetzt'' in dieser speziellen Zeit lesen soll (nicht zuvor, als es nicht passte), dass die Lektüre dieses Buches ''gerade jetzt'' über einen kommt wie eine Epiphanie.

    Wir wenden uns nun einem großen und zugleich schmerzhaften Thema zu: dem Buchverleih. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich eines meiner Bücher verleihe ist ungefähr so hoch wie die, dass Sie, lieber Leser, in der Restlaufzeit Ihres Lebens noch auf den Mars fliegen. Verschenken, das ist ja etwas ganz anderes, aber verleihen: nimmermehr. Ich erinnere mich an diese wundervolle Szene in Film ''Rain Man'', in der Tom Cruise als Bruder des Autisten Raymond Babbitt, den Dustin Hoffman verkörpert, dessen Bücher nur kurz anrührt und der Bruder schon über diese eine Berührung seiner Bücher durch einen ''Zweiten'' fast existentiell verzweifelt und laut aufjault. Man kann sich dies in folgendem Video so ca. ab 4.00 min. (beachten Sie bitte unbedingt auch die Reaktion ab 4.30 min.!!), anschauen. Vor allem die heimtückische Kombination aus einem unangekündigten Besuch und der Tatsache, dass dieser unangekündigte Besuch dann noch die eigenen Bücher sinnlos berühren will, macht den ganzen Horror einer Handlung aus, die für den unangekündigten Büchergrabscher nur 'Situation', für den Bücherliebhaber aber eine nachhaltig auf ihn einwirkende Verstörung darstellt:

    http://www.youtube.com/watch?v=zljDDJsPPRM&index=3&list=PLI1zuZdCSlNYqqNJVxltfl5uh_D-gNHRa

    Ungefähr so geht es mir mit meinen Büchern selbst: wenn jemand Interesse an einem Buch bekundet, händige ich es ihm, nachdem ich es ihm erst einmal feierlich und unter einigen Nutzungsauflagen und meiner strengen Aufsicht aus dem Schrank geholt, aus dem Regal gezogen habe, nur halbherzig aus, reiche es mit sich noch gegen die Übergabe sträubenden Fingern an den Interessenten weiter, verkneife mir das doch etwas übergriffig wirkende: ''Hast Du dir auch die Hände gewaschen?'' mit einem rückversichernden Blick auf die Hände des Empfängers, achte peinlichst darauf, dass nicht in einem Akt unbewusster Grobschlächtigkeit der Empfänger beim ''Anschauen'' bereits den pfleglich behandelten Buchrücken (so es ein Taschenbuch ist) derart überdehnt, dass er danach vor lauter Falten aussieht wie um Jahre gealtert. Es gibt Menschen, die exakt das tun, du vertraust ihnen ein Buch vor deinen Augen an, sie ergreifen es mit ausgesuchter Grobheit, schlagen es so weit auf, dass man meinen könnte, sie wollten aus unerfindlichen Gründen noch die letzte unbedruckte Innennische der Falz ausleuchten (und so zugleich den Buchrücken unwiederbringlich malträtieren), blättern lustlos, ('erst plätten, dann blättern!' ist ihr Motto), aber zugleich doch wie wild mit vernehmbar lautstarkem Seitenschlag völlig ungesteuert durch das Werk ohne dahinein zu lesen, überreichen einem dann das bereits in nur wenigen Sekunden bis zur Unkenntlichkeit vor meinen eigenen Augen vergewaltigte Buch, sagen: ''Mein Ding ist das nicht.'' und ziehen ihrer Wege). Das Grundausmaß einer gewissen Barbarei des Individuums wird nicht zuletzt im Umgang mit Büchern oft sehr deutlich.

    Dazu geziemt sich die Frage: ''Darf ich?'', bevor man ein Buch aus einem ''fremden'' Regal zieht, statt es einfach unangekündigt ans Tageslicht zu befördern, aufzureißen, durchzuschlagen und es dann einfach kommentarlos und, im besten Falle, an seinen gegebenen Standort, zurückzustellen.
    Als ich übrigens gestern in einem Buchladen unterwegs war, erblickte ich einen Mann, der in vorweihnachtlicher Ungeduld und unter der offensichtlichen Agenda ''Geschenkekauf'' durch eine ihm ebenso offensichtlich fachfremde Buchabteilung marodierte, ein von ihm soeben nur sehr flüchtig angeschautes und dann verworfenes Buch bestialisch in das Bücherregal zurückdrücken, dass es nur so stauchte, er stopfte und knautschte und knickte. Derart hat dieser Unmensch, der noch unter Fluchen und meines Blickes gewahr geworden, in seinen ungeduldigen Bart brummte: ''Die ganze Bücherscheiße steht hier aber auch so eng rum!'', Tolstois arme ''Anna Karenina'' in der schönen dtv-Taschenbuchausgabe zu einem künftigen ''Mängelexemplar'' vergewaltigt.

    Es gibt Menschen, die auf diesen bauernhaften Umgang mit Büchern, sie mögen wenngleich Bücherliebhaber sui generis sein, zumindest noch reflektieren, von ihnen hört man dann oft diesen Satz: ''Ein Buch ist für mich vor allen Dingen einmal ein Gebrauchsgegenstand.'' Das mag sich nun so verhalten, allein, meine Bücher sind nicht als Gebrauchsgegenstände dieser ruppigen Zeitgenossen vorgesehen, die schon bleistift-, vielleicht gar kulibewehrt sich den armen, ihrer Gewalt hilflos ausgesetzten Büchern nähern, bereit, zu biegen, zu plätten, zu brechen und martialisch zu blättern, Eselsohren zu generieren und ganze Bücher ohne Lineal mehr durch- als zu unterstreichen, am besten noch kunterbunt. Oh, the Horror...

    Aus diesem grundsätzlichen Missverständnis zwischen den Arten des Bücherliebhabens des ''Nutzers'' eines Buches und des ''Lesers'' um der bloßen Idee willen, entsteht das anhängige und grobe Missverhältnis zwischen dem literarischen Connaisseur einerseits und dem belämmerten Bücherbarbaren andererseits, dem wir uns bereits in allernächster Zeit in der zweiten Reihe dieser kleinen Folge nähern wollen. Wir werden den anmaßenden Bücherbarbaren dort als veritablen Konsumenten des Textes vorstellen, dem das ''ausgelesene'' Buch nach seiner Lektüre nurmehr bloße Verpackung für den Text und somit Müll ist, weil er sich ja weder mit dem Text noch mit dem Buch je wieder auseinandersetzen wird.

    ...nächstens daher mehr...

  • Maschinenstress und mein Archiv der Aussichtslosigkeit im digitalen Biedermeier

    ''Ermahne Deinen Freund, über diese Leute da großzügig hinwegzusehen, die es ihm zum Vorwurf machen, dass er einen schattigen Platz und die Muße gesucht, dass er auf eine Amtswürde verzichtet und,obwohl er mehr erreichen könnte, ein ruhiges Dasein allem anderen vorgezogen habe...''

    Aus dem 36. Brief des Seneca an seinen Freund und Mahner Lucilius

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    ''Your social network is owned by advertisers.

    Every post you share, every friend you make and every link you follow is tracked, recorded and converted into data. Advertisers buy your data so they can show you more ads. You are the product that’s bought and sold.

    We believe there is a better way. We believe in audacity. We believe in beauty, simplicity and transparency. We believe that the people who make things and the people who use them should be in partnership.

    We believe a social network can be a tool for empowerment. Not a tool to deceive, coerce and manipulate — but a place to connect, create and celebrate life.

    You are not a product.''

    Zitiert aus den hehren Worten des sogenannten ''Manifesto'' des sozialen Netzwerkes 'Ello', an das man sich und das genannte Netzwerk besser noch einmal erinnert, wenn es in ein paar Jahren von den Investoren mitsamt seinem Ursprungsanspruch ja doch wieder als Datengoldgrube verscherbelt werden wird.

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    Oh tempora, oh Internet...

    Es ist nachgerade unschön, ständig über etwas schreiben zu müssen, dass einen ablenkt, nervt, begeistert, irritiert, provoziert, dass man liebt und hasst und dass man darüber dann in solche Texteinleitungsphrasen wie diese hier verfallen muss. Und dann sogar fühlt, dass jeglicher Begriff für dieses Objekt der zwiespältigsten Begierden es nicht (mehr) trifft, ''das Internet'', die ''virtuelle Welt'', das ''Digitale'', alles verlegene Termini für den größten Herausforderer des menschlichen Geistes. Ich bleibe letzterdings gern, im Sinne von ''deus (oder besser: 'mens'?) in et ex machina'' beim Begriff der 'Maschine', der bei aller Antiquiertheit dennoch stark wirkt, auch wenn er das Phänomen nicht erschöpfend beschreibt.

    Diese Maschine ist eine Welt geworden, die wir erst in ihrem Entstehen entdecken und beschreiben. Bisher fanden wir entstehende Welten nur vor und prägten sie um. Nun aber haben wir eine Welt überhaupt erst erschaffen, entdecken diese seltsam fremde Welt im Beschreiben (und beim Erschaffen) und während wir sie beschreiben wollen, wozu wir Zeit brauchen, weil wir ja beobachten und einordnen müssen, hat sie sich schon wieder komplett verändert, was immer auch heißt: uns! verändert. ''Nun'', werden die analogen Veteranen unter meinen Lesern sagen, das war auch schon im ''guten alten'' analogen Leben so. Aber wir wollen uns schon darauf einigen: Veränderungen gingen in der rein analogen Welt deutlich langsamer vonstatten. Ein wenig konnte man die Gegenwart immer durch Beschreibung zumindest auf gewisse Zeit hin manifestieren und einordnen. Man war noch nicht derart bloßgestellt als Getriebener eines Mediums, eines Systems.

    (Es lohnt sich, hier ein interessantes Paradox festzuhalten: in rein analogen Zeiten gingen Entwicklungen technischer Natur oft derart langsam vonstatten, dass man sie kaum bemerkte. In der digitalen Zeit hingegen gehen Veränderungen und technische Entwicklungen derart schnell vonstatten, dass man sie kaum bemerkt.)

    Die Befähigung jedenfalls des Ein- und Zuordnens ist gründlich verlorengegangen, wie jeder merkt und auch gern auf diesem Blog hier im Dutzend in älteren Einträgen zur Ratlosigkeit als neue Konstante des Menschenbildes nachlesen kann. (Überhaupt zeugt ja nun einmal ganz offensichtlich der gesamte Raumgewinner-Blog selbst von einer Ratlosigkeit, die sich im Beschreiben ihren Raum nimmt und sich der Dinge im Beschreiben überhaupt erst klar wird.)

    Dieses an- und aufgeforderte System der Beschleunigung kann nicht mehr ''in aller Ruhe'' beschrieben und im ''Macht euch mal alle lieber locker, ich durchschaue das dann schon für euch.''-Gestus des Intellektuellen erhaben abgelehnt werden. Die kontemplative Zeit zu einem solch irrwitzigen Unterfangen fehlt und die Beschleunigung wurde zur Idealvorstellung dieses Systems erklärt. Hierin ist die digitale Maschinerie natürlich ihrer Ziehmutter, der totalen Marktökonomie, (dem invasiven Kapitalismus), nicht unähnlich, die auch jegliche Aktion um der Aktion willen aktiv halten will und in diesem Zwang zur Ertüchtigung und Agitation zur Arbeit und Beschäftigung das Individuum nicht mehr SEIN lassen will.

    Informationsübersättigung (ich nannte die Impulse von Input da, wo dieser gänzlich sinnlos bzw im strengeren Sinne uninformativer Datenmüll ist, der einfach nur in einen ''eindringt'', an anderer Stelle ''Exformation'') zehrt ein Unmaß an psychischen Ressourcen zur Informationsstressbewältigung auf und man wundere sich nicht, dass die digitale Acedia eine produzierte Krankheit ist, die wohl nur Arglose weiterhin harmlos als 'Zerstreuung' beschreiben würden. Ich schreibe über diese Zerrüttung durchaus als selbst Betroffener, staune aber erst recht nicht schlecht, wenn ich zB mit Kindern zwischen 10 und 16 Jahren konfrontiert werde, die sich die einfachsten Dinge nicht einmal mehr wenige Sekunden merken können ohne kurze Zeit danach schon wieder nachzufragen, was man denn gemeint habe. Hier wächst die erste Generation heran, die Wissen nicht mehr im körpereigenen 'Rechner' Gehirn abzuspeichern bereit ist, sondern sich allein! auf externe Datenspeicher verlässt: ''man muss nur wissen, wo man suchen muss.'' Es lässt sich prognostizieren, dass das Lernen der Zukunft vorrangig der Kompetenzbefähigung dienen wird, sich ''ganz grob'' in der digitalen Maschine orientieren zu können, um durch die Maschine im analogen, physischen Leben orientiert zu WERDEN.

    Da stehen, sitzen und liegen wir nun alle ratlos vor, an, sicher auch zu guten Teilen schon in der Maschine und fühlen uns von derselben wie aufgefressen, als permanent produzierender Datenstrom von ihr aufgesaugt und konsumiert, während wir mittels der Maschine selbst konsumieren, fühlen uns im Uneigentlichen unterhalten und beobachten gedeihlich unsere Genussrezeptoren beim Abstumpfen. Wenn man sich Idiotie verkaufen lässt, muss man sich am Ende nicht wundern, als Idiot verkauft zu werden.

    Durch das im Übrigen unablässliche Trommelfeuer aus Werbung, Kaufgebettel und Zizilliarden von Reizen, dem sich die durch die totale Marktökonomie durchdrungene digitale Welt ausgesetzt sieht, beschallt und belauert uns die digitale Donnerbüchse mit einem Ausmaß an Kaufimperativen und Produkt''informationen'', Premiumangeboten und ach, Gutscheinen auch, dass man über all dem Bestreben, ständig in Effizienz und Euro zu denken, ständig marktökonomisch zu agieren und zu kommunizieren, dass überalledem also, will ich sagen, die souveräne Autorenschaft über das eigene Leben vermittels einer gesunden Reizsteuerung völlig verlorengegangen ist.

    Sollte die Maschine sich also je das menschliche Bewusstsein proaktiv aneignen ''wollen'', wären die besten Grundvoraussetzungen auf dem Weg dahin bereits erfolgt: zerrüttete Hirne erzeugen Knecht-Charaktere. Wie sich die virtuelle Naturkraft ''Intelligenz'' in ihrem bei alledem dennoch absolut blinden Drang nach ihrem Erhalt, ihrer Optimierung, ihrem Raumgriff und ihrer Verbreitung völlig unabhängig von dem Menschen als ''Träger'' machen könnte und übrigens auch immer schon war, lesen Sie dann aber lieber in einem der nächsten Raumgewinner-Einträge. Soviel aber sei schonmal gesagt: dem Menschen wird kein veritabler Humanismus jenseits der Technik mehr in Aussicht gestellt. Vorausgesetzt wird, dass die Entwicklung der digitalen Technik und der Maschinerie den Menschen schon irgendwie automatisch mit-befördern wird. Ein derartiges ''Menschenbild'' ist in Wirklichkeit, dazu auch mein letzter Eintrag, ein Maschinenbild. Wer daran keinen Makel erkennt und einer solchen Übersteigerung des Digitalen hin zur gottgleichen Effizienz proaktiv Lanze bricht, aus dem spricht schon der Maschinengeist. Ein Gehirn, das seine Autorenschaft bereits an das Kollektiv ''digitale Maschinerie'' abgegeben hat. Sozialer Fortschritt ist nicht zu erkennen, es werden anscheinend allein eine Bedien- und Verwöhnkultur für Partikularinteressen implementiert. Wo wird verbindlich in Aussicht gestellt, dass der Zweck der technologischen Evolution der Mensch und sein sozialer Fortschritt sind? Dass die Technologie derart dem Menschen dient, statt, wie umgekehrt zu beobachten, der Mensch der Technologie? Stattdessen bezweckt die Evolution der Maschinerie allein wieder die noch beschleunigte Entwicklung derselben unter beachtlicher Fehl-Fokussierung auf die Maximierung der Konsumökonomie.

    Auch hier gilt wieder die Symbiose: das System (die totale und invasive Marktwirtschaft) dient der digitalen Maschinerie, die digitale Maschinerie dient dem System. Diese Rückkoppelung erzeugt exakt die unmenschlichen Stressoren, die nur Maschinen aushalten (und produzieren), die aber jedes Gehirn notwendig zerschießen.Die digitale Spielwelt, wie wir sie jetzt kennen und mit jedem Klick reproduzieren und evoluieren, steht und fällt in ihrer Festigkeit mit dem invasiven Kapitalismus bzw wird der Kapitalismus durch die digitalen Techniken erst invasiv. Das Internet ohne den invasiven Kapitalismus wäre wieder die alte semi-digitale Brache, wie die Veteranen unter uns sie seit den mittleren 1990-er Jahren noch kennen, lieben und hassen gelernt hatten. Eine verschrobene unperfekte, aber größtenteils werbefreie Cyberwelt aus Zeiten vor facebook, Google und Konsorten, bevor das Netz von kommerziellen Syndikaten und Geheimdiensten in Dienst genommen und infiltriert, übernommen und gentrifiziert wurde und im Vorbeigehen die alten Wildwest-Ideale der Cyber-Pioniere eines freien Internets als utopische Alternative zu eigentlich allem auf den Mond geschossen wurden.

    Hier sei nun jedoch weiters von der Überforderung durch die Maschinerie die Rede bzw von einer ''Abhilfe'' dagegen, auch wenn der Begriff grausam, weil schon wieder in Richtung Ratgeberliteratur schwankend, klingt. Dennoch bleibt mein Mittel gegen die digitale Überforderung und Zerrüttung der Versuch einer Re-Analogisierung meiner Lebensschritte...das überreizte Gehirn muss sich analoge Kompetenzen überhaupt erst wieder antrainieren. Ein Beispiel wünschen Sie? Natürlich ein Beispiel, also:

    Ich kann nur über die Langsamkeit wieder zur Ruhe meines Geistes finden nach Tagen der Zerrüttung. Ein Diskurs, der irgendwie verbindlicher ist, als das Klickgewitter aktueller Fundstück-Links kann sich nur über nachhaltigere Formen der Diskussion entwickeln. Ein Diskurs setzt Verweildauer und Konzentration aller Beteiligten voraus. Früher tat man diese Dinge u.a. in Zeitungen, Diskussionen und Debatten über Wochen bildeten einen Diskurs heraus. Dazu war also zumindest eine gewisse Halbwertzeit und übrigens auch nachvollziehbare Nachhaltigkeit eines Themas vonnöten.

    Das Internet entwickelt keine Geschichte im Sinne einer ''history''. Zizilliarden von stories auch hier, aber das alles bildet im digitalen Medium kein ''Ge-Schichte'', denn seiner flüchtigen Natur gemäß bleibt es reine Oberfläche, verwischbar, kann keine Tiefe generieren, alles bleibt flach und wirkt irgendwie 'nebeneinander'. Archivierte Zeit findet im Internet auch kein Gepräge, sondern ähnelt einem abgelegten Nebeneinander, auch wenn zugegeben alte Links im Internet archaisch wirken können wie nichts sonst. Aber synchrone! Vergangenheit ist eben keine Vergangenheit und kann daher kein Ge-Schichte bilden, innerhalb derer das Unterste das Älteste darstellen würde (was übrigens auch bedeutet, das keine Tiefe erzeugt werden kann). Deshalb haftet alten Informationen im 'Internet' eher eine Zombie-Präsenz als wirkliche Vergangenheit an, so zB wenn man digital einen Zeitungsartikel von 2009 liest. Legen wir, wo wir gerade in dieser Ecke sind, eine Weile den Schwerpunkt auf den Vergleich mit der analogen Papierkultur.

    Statt klicken heißt es bei mir in der letzten Zeit: kramen. Ich gehöre noch zu jener Gattung aussterbender Dinosaurier, die tatsächlich seit nun auch schon wieder 20 Jahren hingehen und sich hier und da Artikel aus der Zeitung ausschneiden, also so ganz niedlich analog mit Schere und Beschriftung des Artikels mit Füller in Sachen Datum. Derart ist bei mir schon eine ganz gedeihliche Sammlung an Zeugnissen der Vergangenheit zusammengekommen, die schon so manchen Umzug um zwei, drei Kisten erschwert hat (um hier nicht von dem Hekatomben an Archivarmaterial und leider auch einigen Manuskripten zu sprechen, die mir Feuer und Wasser geraubt haben und welch weitere ich bei einem Umzug vor Jahren aus Gründen mietnomadenähnlich in einem Keller hinterlassen musste, darüber vielleicht einmal zur gegebenen Zeit ein Eintrag an gleicher Stelle, wenn Sie möchten, (das alles ist selbstredend, der Natur der analogen Sache geschuldet, unheimlich langweilig, aber so ist dies ja dieser gesamte Blog und Sie lesen doch weiter), nun jedenfalls: als ich letztens einen Artikel aus dem Jahr 2006 suchte, an den ich mich noch sehr lebhaft erinnerte und den ich für einen Eintrag verwenden wollte, gab es da leider keine Suchmaschine, die mir vermittels der Eingabe von 2,3 Schlagwörtern erlaubt hätte, diesen Artikel direkt zu finden. Nun, jedes gute Archiv weiß um die Bedeutung von Ordnung, logischen Ablagefolgen und thematischer Registration, um die Suchwege abzukürzen bzw ökonomisch zu machen. Davon kann bei mir Amateur natürlich leider keine Rede sein, die Kisten sind eher bewährt grobmotorisch in Holzfällermanier nach den Kategorien ''Wirtschaft und Verbrechen'' (also: Wirtschaft), ''Feuilleton'' und ''Diskurs der Gegenwartskultur'' (also: Rest) geordnet. Im Zweifel wühle ich dann auch schonmal in allen Kisten rum, bis ich den entsprechenden Artikel gefunden habe oder, wie in diesem speziellen Fall, auch mal nicht (ich bleibe aber dran).

    Was ich aber bei allem Suchen bemerke ist, dass die Umwege, die mich gerade nicht direkt finden lassen, Funde und Nebenblicke erlauben, die die digitale Zielstrebigkeit und Schnelligkeit zwar konterkarieren, aber eine unglaubliche Diversität und Ausgewogenheit der Information erzeugen. Man verbleibt dann zwar nicht brennscharf am Thema, aber der interessierte Blick erweitert sich. Dies alles mal ganz abgesehen davon, dass man hier Geschichte wirklich sieht, spürt, riecht. Der sensorische Faktor mag vielen albern erscheinen, aber so manch archivierter Käse entpuppt sich beim Kramen in Kisten dann auch als solcher, was bei älteren Einträgen im Internet, die irgendwie immer noch Aktualität vorgaukeln ob der im Hintergrund leuchtenden digitalen Oberfläche, nicht sobald der Fall sein dürfte. Ganz abgesehen davon, dass sich über das physisch greifbare Mitschleppen des Materials durch den Wechsel der Umstände, Zeiten und Orte eine autobiographische Bindung an das Material ergibt, die einen ganz besonderen Zauber und ''Mehrwert'' einträgt.

    Einen ganz anderen Vorteil empfinde ich bei meiner Suche nach zB dem Artikel von 2006: da ist nichts und niemand im Hintergrund, der mich bei meinen Recherchen trackt, verfolgt, mir vermittels von Bots und Robotermitlesern oder sonstigen dienstbaren Schergen über die Schulter schaut und mir meint, mit grell aufblitzender Werbung nicht nur die Augen, sondern auch den geschundenen Geist verblenden zu müssen durch Dauerseiteneinschlag von Kaufimperativen oder mich nach politischem Interesse ausspäht, ob ich mich etwa demnächst dem Gruselkarneval fundamentalistischer Muslimimitatoren anschließe oder Putin-Versteher bin oder die Nachfolgeparteien ehemaliger, als Unrechtsstaaten verschmähter Länder wähle. Nein, hier sitze ich und wühle ich, schneide mich hier und da an einem Stück Papier, spüre und rieche die Vergangenheit in Form eines Archivmaterials, das unter meinen Händen prekär wird und dadurch das Physische eines Körpers, die Greifbarkeit, die Lästigkeit und den Verfall, nicht aber den verlogen heilsoptimistischen ''ewigen Glanz'' des Digitalen, widerspiegelt.

    Ich schweife natürlich ab, das macht der sentimentale Blick, der einziehende Winter und überhaupt die Tatsache, dass man neben dem Verfassen eines Eintrages für die digitale Welt, nicht über Bedarf im Analogen schnüffeln und sich von einem Schwarm grüner Papageien im kahlen Walnussbaum vor dem Fenster ablenken lassen sollte...lassen Sie mich Sie, lieber Leser, auf ein diesmal hoffentlich näheres nächstes Mal vertrösten. Sie haben verstanden und ahnen einmal mehr, was ich eigentlich noch alles schreiben wollte, warum ich überhaupt geschrieben habe und weshalb Sie es sich auch das nächste Mal wieder antun werden, diese Bleiwüsten zu wälzen. (Ich bemühe mich schon so gut es nur geht, diesen Blog nicht nur design-technisch zu einer veritablen Bleiwüste werden zu lassen und so ungnädige Leser zu vergrätzen und vielleicht wird es mir noch gelingen, nur viel Hoffung habe ich nicht).

    ...nächstens mehr...

  • Code Z73: Der Nietzsche-Zombie-Nazi-Pop und die Übermaschine im Fin-de-cyber-Siècle oder auch: ''Der geistbetäubende Knall der digitalen Donnerbüchse''

    ''...all dies (...) verdankt sich eben der Dekadenz, der Unfähigkeit eines von der Übermacht des Bestehenden schon bis ins Innerste beschädigten Subjekts, den Spielregeln eben dieses Bestehenden noch Genüge zu tun.“

    Theodor W. Adorno, Versuch über Wagner

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    ''...Zivilisation ist nichts als Spannung.''

    Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes

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    ''...how disappointed would dead idealistic philosophers be to see such power in our hands all wasted on greed?''...

    The Strokes, Ize of the world

    Eingetrübte und apathisch-depressive Stimmungen nach langen Phasen der freudigen spannungsvollen Euphorie sind sowohl dem Individuum als auch der Historie alles andere als unbekannt. Insofern kann die Stimmung einer décadence, eines lähmenden Abstiegs auf hohem Niveau, wie sie derzeit im Westen empfunden wird, nicht überraschen.

    In Zeiten der Hysterie als Folge der digitalen Dekadenz wird jeder kleinste schiefe Blick des anderen auf mich ein ''gefährlicher Blick'' und gehört strafrechtlich eingeordnet und verfolgt. Der konservative Soziologe Arnold Gehlen gab diesem Phänomen einer überzüchteten und übergriffigen ''Moral'' in seinem 1969 erschienenen problematischen Werk ''Moral und Hypermoral'' eine doch sehr treffende Bezeichung.

    Phänomenen einer solchen Hypermoral begegnen wir in diesen Tagen auch in unserer ''modernen'' Gesellschaft auf Schritt und Tritt, das geht vom wieder einmal totzitierten Veggie-Days auf Geheiß über die sexuelle Nötigung durch bloße interessierte Blicke bis hin zur Beschreibung einer Straftat auf der Basis datengestützter reiner Mutmaßung, BEVOR diese überhaupt begangen wird (präkognitiv-prognostische Kriminalistik), eine weite Bandbreite von Verfehlungen also, die es durch eine hysterisch digital-medial aufgehetzte, in ihrer Kollektivpsyche zutiefst verunsicherten Gesellschaft, zu beschreiben und zu verurteilen gilt: das schnell zurhandene Urteil und die anschließende Ver-Urteilung quasi-moralischer Verfehlungen verleihen der Masse Sicherheit und Festigkeit der Bestimmung in einer ansonsten zunehmend als unsicher und schwankend empfundenen Welt. Da rettet die ach so herrliche Marktwirtschaft auch nicht mehr viel an Freiheit für das Individuum. Ebenso wenig wie dies der Optimierungswahn tut. ''Wir könnten soviel mehr sein, wenn wir nur wollten.'' Jaja, alles schon klar, das wussten schon die alten Griechen und es gilt unbezweifelbar, wird aber leider in die völlig falsche Richtung gedacht von der digitalen ''Avantgarde'', die in Wirklichkeit nur die Agenten und dienstbaren Schergen zur endgültigen Festigung der ''alternativlosen'' totalen Marktwirtschaft stellt.

    -------------

    Vielleicht also wollte ich auf etwas ganz anderes hinaus und bevor ich mich hier schon gleich zu Beginn verstolpere, fangen wir lieber noch einmal anders an: jeglicher Alltagsverrichtung und jeglichen Optimierungsbemühungen (mag man diese selbst nun verherrlichen, ablehnen oder mögen sie einen auch gänzlich kalt lassen), stellen sich folgende starke Hemmkräfte entgegen:

    Die wichtigsten Bremskräfte jeder Tätigkeit und jeden Aktionspotentiales, zumal wenn es letzteres zu optimieren gilt, heißen Müdigkeit, Erschwernis, Unlust und Lästigkeit. Die beste Hemmung gegen die Ausführung einer Handlung in ANgespannter Geschwindigkeit ist die ENTspannte Langsamkeit, die zurückgenommene Besinnung auf die auszuführende Aktion, die sich in der Zeit Raum nimmt und dadurch spürbar wird. Deshalb verschafft die Langsamkeit Ruhe und Bestand, Festigkeit und Gewissheit.

    So gibt es auch Medien der Langsamkeit. Alles was Körper hat, ist zunächst immer träge und birgt gewaltige, weil der Gravitation besonders stark ausgesetzte Trägheitspotentiale. Physisch greifbare, nicht lichttechnisch-elektronisch-digitale Medien sind daher immer notwendig langsam und in gewisser Hinsicht, hat man erst einmal von der lichttechnischen Geschwindigkeit ''profitiert'', träge und sperrig. Eine Kerze ist eine langsamere Lichtquelle als eine Neon- oder OLED-Leuchte. Das Buch ist ein langsamerer Textkörper als ein ''e-book'', eine papierene Zeitung ein langsamerer informationsspender als der Online-Auftritt derselben Tageszeitung, die Handschrift ein langsameres Mitteilungsmedium als virtuelle Zeilen, der Brief ein langsameres und neutral gefasst, ''lästiger und trägeres'' Mitteilungsmedium als die Email oder die whatsapp-Textnachricht.

    Jegliches Medium der Langsamkeit jedoch schafft Ruhe und den Raum für Reflektion, denken wir dabei nur an die Kerze und ihr unausrechenbares Licht, denken wir auch an den Unterschied zwischen der Lektüre eines mit allen Sinnen voll auszulotenden Buches und dem entgegen die oberflächliche Lektüre und digitale Kälte einer Textlizenz namens 'e-book', denken wir an die verlangsamende Handschrift im papierenden Brief gegenüber der virtuellen Nachricht.

    Der Digitaloptimismus, wie ich nun einmal alle Bemühungen der silicon valley-Industrie nennen möchte, den Menschen ganz in der Tradition des Transhumanismus über sich selbst hinaus in die Bereiche der Überschreitung seiner eigenen von der Natur gesetzten Grenzen und Bedingungen zu treiben, ist der festen Überzeugung, dass der Mensch sich ständig optimieren muss, gesünder werden muss, leistungsfähiger werden muss (ein durchschaubares Tugend''tuning'', damit wir alle härter im kapitalistischen System knechten können), sich noch abhängiger von apps und künstlicher Intelligenz machen muss, noch mehr Daten liefern und sich selbst noch mehr aus- und berechnen muss. Damit verlangt dieser Transhumanismus mit seinem hysterischen Ruf nach ''augmented reality'' und permanenter Optimierung vom Menschen letztlich das Unmögliche: dass dieser über sich selbst hinaus denken soll. Hier wird eine Spezies aufgefordert, sich so lange zu verbessern, bis sie selbst in all dieser Optimierung verschwindet. Jeder Leser, der schon einmal einen app-abhängigen Datenknecht mit seinem Smartphone einige All-Tage lang beobachtet hat, bekommt eine recht konkrete Anschauung davon, wie der ''neue Mensch'' aussehen wird: ein wirrer und verwirrter Agent der digitalen und ihn ausrichtenden Kräfte, ein orientierungslos Orientierter (also Gelenkter). Ein sich allen menschlichen Misslichkeiten überlegen wähnender Hysteriker, der auf seine vom ''device'' zugespielten Impulse wartet, Impulse, sich zu orientieren, Impulse, zu kommunizieren und damit Daten zu erzeugen. Impulse, zu konsumieren, Impulse, zu bezahlen, Impulse, auch die letzten Zonen möglichen selbstständigen Denkens aufzugeben, und sich der präskribierenden Orientierung der ''Maschine'' hinzugeben und sich nach ihren commands im analogen Raum auszurichten, diesen Raum zu gestalten und ihn zu virtualisieren.

    In Sachen Selbstvermessung sollte die einfache Faustregel gelten: ''So genau muss ich es gar nicht wissen.'' Wenn ich zu genau über alles bescheidweiß, am besten noch bis ins kleinste Spezifikum datenbasiert, weiß ich am Ende gar nichts mehr. Dann gerät der Datenwahn vom BEschreibenden Element zum VORschreibenden Medium: ''Just do it!'', das alte Werbe-Motto, bekommt dann eine ganz andere, unangenehm drängelnd-bevormundende Implikation. ''Tu's einfach, ok?!''

    Jeder digitalbasierte Optimismus freut sich so also über die falschen Ziele. Dieser aufbefohlene Pseudo-Optimismus meint und adressiert nicht mehr originär den Menschen in seiner belämmerten Gegenwartsseligkeit, den trägen Fleischklumpen namens 'Homo sapiens'. Der Digitaloptimismus ist auch eine Art von Nietzsche-Pop: den Menschen von seiner (Mangel-) Natur ''befreien'', indem man ihn der kältesten Naturlehre übergibt oder dieses zum Menetekel der ''Menschwerdung'' macht nach Art des 'survival of the fittest'. Die am besten an die digitale Maschinenlogik angepassten Menschen werden auf Dauer überleben bzw sich durchsetzen. Aus den Notwendigkeiten und trägen Zwängen der physischen Natur geht es also direkt in das Reich der digitalen ''Natur'', in der der Mensch der Notwendigkeit des digitalen Kommandos, der digitalen ''Naturgesetze'', ausgesetzt ist.

    Dann aber dürfte auf Dauer allein die digitale Maschinerie überleben (Stichwort: Evolution der künstlichen! Intelligenz) oder was bitte ist noch ''fit'' an einem Menschen und seiner ihm innewohnenden ''analogen'' Denkzentrale Hirn, der all seine lästigen Probleme zu ihrer Lösung direkt den Apps übergibt, ganz so wie man den Pferden das Denken überlässt?! So wird das menschliche Gehirn zum bloßen Rezeptor ihm (bzw. seinem Geist) überhaupt nicht mehr entstammender Ideen: dies ruft eine neue unerahnte Unmündigkeit des Menschenbildes statt irgendeiner belastbaren Form der 'smartness'' auf den Plan. ''Let's get smart'', heisst auch so ein bescheuerter Spruch aus einer Nische des silicon valley.

    So ist Nietzsches Wunschbild des Übermenschen in der Neuzeit also tatsächlich gewandelt zum Bild der ''ÜberMaschine'', denn dem Menschen bleibt kein existentieller Platz mehr da, wo er sich allein noch technikbasiert zu optimieren meint und stattdessen nur die Maschine und ihr Weltwissen optimiert.

    --------------------

    Jeder Individualist und Abweichler wird von diesen Heilsbotschaften aus dem silicon valley nicht mehr adressiert: angestrebt wird allein die banalisierende und tumbe Herrschaft des Kollektives, wie es auch in allen anderen Totalitarismen böse Tradition ist, in jedem Faschismus und jedem radikalen Sozialismus und selbstverständlich auch jeder marktkonformen ''Demokratie''. Das Individuum zählt nicht. Unser Zeitalter schreit in seinen Werbebotschaften gerade deshalb überall so laut: ''Mein, Mein, Mein!!'' oder ''Dein, Dein, Dein!!'' (''Deine Vorteilswelt, lieber Paul Duroy!!''), weil es in Wahrheit nicht ansatzweise um das Individuum geht. Das Kollektiv soll herrschen, die digitale Maschinerie als perfektes Instrument eines totalitären und totalen Kapitalismus, eine Marktwirtschaft, die alles weiß, uns ausrichtet und kontrolliert und aus einstmaligen Individuen bloße Erfüllungsgehilfen des Systems macht, dienstbare Subjekte, Ameisenarbeiterwesen, Agenten des Glückes anderer.

    So wird jeder, der dem Erfolgs- und Optimierungswahn zwecks des Erstrebens von Profit nicht folgt oder folgen mag von den digitalen Heilsversprechen ausgeschlossen, als existierte er überhaupt nicht. Der digitale Optimierungswahn hat auf den Miserabilismus des gefallenen und gescheiterten Menschen/Individuums überhaupt keine Antwort parat, er will nur gesunde Sieger, Optimierer und Erfolgsmenschen (er)schaffen, mit Verlierergeschichten kann er nichts anfangen, will sie nicht hören und letztlich: abschaffen. Reiner Nietzsche-Zombie-Nazi-Pop.

    Wer aber in diesem System ständig brav mitläuft und sich fortwährend updatet, läuft den digitalen Dingen irgendwann nur noch hinterher, wobei dabei immer schon abzusehen ist, dass derselbige schon kurz darauf vom Medium ''Beschleunigung'' abgehängt sein wird. Erscheint es da nicht eher stolz und stilvoll, in seinem eigenen Tempo zu schreiten in aller Gemächlichkeit?

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    ''Vervielfältigung ist insofern ein Fortschritt, als sie die Verbreitung des Einfältigen ermöglicht.''

    Karl Kraus, Sprüche und Widersprüche

    ''...außerdem bin ich der festen Überzeugung, unsere Epoche versteht die folgende Sentenz schon ganz gut ohne weitere Erläuterung: 'Die eigene Idiotie wird uns immer erst am Anderen bewusst und ersichtlich.''

    Aus einer Korrespondenz des Paul Duroy an seinen Bekannten R.

    Beispiel und Exkurs: Internetlektüre von sog. ''Online-Zeitungen': selbst im noch seriösest sich gebenden Blatt der schiere Sensationalismus. Die suchmaschinenoptimierte Herausgabe einer Zeitung führt zu exakt dem boulevardesken und immer idiotischer (weil komplett austauschbar) wirkendem Bescheidwisser-Journalismus (''Zehn Gründe, warum...'' ; ''Wir sagen Ihnen, worauf es dabei ankommt.'' ; ''Warum der Siegeszug des IS jetzt noch zu stoppen ist.'', etc.), der uns auf allen Info-Websites entgegenirrlichtert. Soviel Schein-Bedeutung und Aufblasen von Debatten wie im sog. Online-Journalismus schadet auf Dauer jedem aufgeklärten Diskurs. Der beschleunigte Sensationalismus, dessen katastrophisch-pointierte Titel Leser um der Klickzahlen willen locken statt aufklären und mit Hintergrund informieren wollen (und stattdessen nur Propaganda und Mystizismus unterfüttern oder sogar erzeugen), untergräbt jedes ruhig abwägende ''common sense''-Einschätzungs- und Einordnungsvermögen des Lesers immens. Daher auch die völlig unkontrollierte Expansion und irgendwie dauerhaft ungelöste oder sogar in Frage zu stellende ''Problematik'' derzeitiger ''Debatten'', wie die um die Ukraine, den IS-Terror, Ebola, etc...ich schrieb es andernorts: wo die Zeit zum Einordnen und Abwägen von Eindrücken fehlt, entstehen Hysterie und Kontrollverlust, Verwirrung des Weltbildes und -verständnisses und letztlich Indifferenz und Stupor.

    'Stupor' verstanden als nurmehr paralysierte Rezeption der als Wert an sich so hoch gepriesenen ''Information'' (deren Bedeutungsgehalt sich zunehmend in Richtung ''Daten'' verschiebt). Das Projekt handelt also nicht davon, uns zu informieren sondern uns zu berechnen. Wenn der Leser einen Artikel klickt, wird er ja nicht nur in seine Richtung gehend informiert, sondern erzeugt durch den Klick ein Datum. Je nach technischem Stand des Informationstellers erzeugt dieser harmlose Klick ein weites Feld der Datenerzeugung und somit Berechnung des Individuums. Informiertwerden ist im digitalen Bereich also kein Wert mehr an sich, sondern vor allen Dingen auf der bedeutenderen Kehrseite ein Problem der Daten-Produktion zwecks Berechenbarkeit). Der wenn überhaupt noch vorhandene ''Geist'' des Nachrichtenempfängers geht auf Abstand oder ''verpufft'' nach und nach gänzlich (dazu unten mehr).

    Wenn Beschleunigung zum Medium wird, welches nicht nur kollateral als Abfallprodukt einer agitierten Aktionsgesellschaft entsteht, sondern auch die Forderung des optimierungswütigen Zeitgeistes an das jeweils zu beeinflussende und auszurichtende Subjekt ist, landen wir in exakt der Oberflächen-Gesellschaft, die uns alle derzeit: wo nicht nervt, da doch den Verstand irritiert und eigentlich auch: beleidigt.

    --------------------------------------------

    Aufgrund der unmenschlichen Beschleunigung und der Anforderungen des Digitaloptimismus, die sich natürlich auch in die Arbeitswelt fressen, läuft bei so manchem Zeitgenossen der Gesellschaftsvertrag im Modus ''innere Kündigung'' und wen wunderts? ''Einfach nicht mehr hingehen, einfach nicht mehr mitmachen.'', das wäre ein der Zeit ungemäßer, aber rettender Absentismus vom Zwang des digitaloptimistischen ''Systems'' zur Partizipation an und Affirmation der agitierenden Idiotie, auf die sich irgendwie alle einigen können sollen.

    Auf der Kehrseite der app-basierten Generalmobilmachung lauert uns eine latente Ermüdung auf, das Verschleiß- und Erschöpfungspotential, dem die moderne Weltgesellschaft beschleunigt unterliegt, ist grenzenlos. Diese Müdigkeit am und im System des kommandierten Konsums, des andauernden Orientiertwerdens und der permanent einzuhaltenden Effizienz bricht überall aus den Fugen, selbst die einst so hoch gepriesenen ''Märkte'' sind aus den Fugen geraten und versuchen, sich mit letzten verzweifelten Hardcore-Aufputschmitteln des Turbo-Kapitalismus, also zB einer Zinspolitik bei fast 0% und ähnlichen ''Prolonging the Magic''-Präparaten noch irgendwie am Leben zu halten. Dieses ganze Finanz-Gehechel und all die stressigen Systemrettungsmanöver zehren von und zerren massiv an einem jeden von uns. Die Folge ist eine universale Übelkeit, die in Müdigkeit und post-stressorische und postkonsum-traumatische Paralyse übergeht: ''Ich kann und will nicht mehr!''

    All die (natürlich auch wieder aufgeputschten) Erschöpfungsdiskurse, die in den Medien geführt werden, belegen dieses Phänomen. Die Lust an der eigenen Selbstausbeutung wirkt nicht mehr so überzeugend sexy und Systemkonformität kann im Grunde jeder, daher entdeckt mancher die Vorzüge des Impediments, sprich: man wird träge, betreibt Politik durch Nichtstun, das wiederum ist im wesentlichen Kern ein brutaler Verstoß gegen das Dogma der effizienten und proklamiert ''alternativlosen'' Tätigkeitsgesellschaft und gerade deshalb entdeckt man die Lust am Nichtstun oder Schlendern aus Trotz gegen das kommandierte Mitmachen. Träge Bremskräfte, die auf das System einwirken, werden zu einer Form von Politik. Ermüdung und Erschöpfung werden Politik. Jeder Burnout eine Petition gegen die Überforderung und Selbstausbeutung.

    Lassen wir also dies für heute, nicht zuletzt als Folge meiner eigenen Übermüdung über dem Text als Desiderat im Raume stehen: Code Z73 und unsere sperrige Langsamkeit als Anleitung zum besseren, nicht: optimalen! Leben. Wir verschleißen im analogen Leben schon genug:

    http://raumgewinner.blog.de/2014/06/10/verschleiss-laestigkeit-18633046/

    ...was brauchen wir da noch die digitale Agitation?

    ...nächstens mehr...

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