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  • Believe the Hype! --- Die Gentrifizierung der digitalen Welt (Von ''Divide et impera'' zu ''Sell and Control'') 2

    Die 1990er Jahre dürfen jedenfalls auch in Sachen digitaler Entfaltung getrost als das ''naive Jahrzehnt'' bezeichnet werden. Denn ähnlich wie der wildgewordene Westen den Postsozialistischen Wilden Osten einfach komplett aufkaufte und unkritisiert kapitalistisch ''gentrifizierte'', wurde das zunächst libertär-anarchische Internet komplett auf- und eingekauft und monetarisiert (auch hier wieder per exemplum der Verweis auf den absehbaren Niedergang von blog.de und die fehlende Profitbasis. Jeglicher ursprüngliche, nicht-monetäre Netz-Idealismus, wie es ihn früher noch verbreitet gab, ist dahin. Keiner käme nun auf die Idee, die Seite aus reinem Idealismus lebendig zu halten).

    In den 1990-er Jahren wurden ja überhaupt erst die early adopter des Internets konditioniert bzw.: selbige konditionierten das Internet: ''Wir entdecken eine Welt und schaffen Sie überhaupt erst, indes wir Sie entdecken...und entwickeln.'' Das alles kam anfangs herrlich anarchisch und mit einem ständigen, der eigenen Einstellung gegenüber süffisantem Lächeln als Kommentar, während man ''online'' war, daher: ''Ich surfe jetzt mal ein bisschen im Internet.'' oder etwas hipper zu dieser Epoche: ''Ich geh mal cyber.'' Man amüsierte sich über die so nur genannte 'Geschwindigkeit', mit der das T-Online-Modem es einem ermöglichte, ein maximalverpixeltes Bild herunterzuladen oder eine etwas datenreichere Website aufzurufen, während man nebenbei getrost drei, vier Kapitel in seinem analogen Buch weiterlesen und einen Kaffee bereiten konnte, bis die Seite oder der Download dann stand. Die vom Alltag in der harten Realität erlösenden ''virtuellen'' (das Lieblingsmodewort der 90-er Jahre) Spielereien in allen möglichen Formen und auf allen möglichen Foren gingen los. Dabei war immerhin die Anfangszeit des Internets geprägt von der Ano- und Pseudonymität, gerade um einen kontrollfreien Raum zu schaffen: eine anonyme Community beherrschte die virtuellen Foren, wie man sich dies im Zeitalter der facebook-diktierten Klarnamen-Transparenz nicht mehr vorzustellen vermag. Die digitale Welt galt hier noch als alternative Spiel-Welt, eine Möglichkeit, die immer spannender wurde, die man aber immer mit einem überlegenen Lächeln kontern konnte, wenn man dann ''offline'' ging. Der Ausdruck klingt nach einer Form des Ausschaltens und der Distanznahme, die der digitalen Moderne anno 2015 völlig fremd ist. ''Offline'' ist keine Kategorie mehr, nach der man den ausbleibenden Kontakt mit der digitalen Sphäre einordnet. Sowohl der Einzug des Smartphones in die Lebenswelt, als auch die Dauerdigitalität der Mitmenschen und technischer Steuerungssysteme haben die Digitalität ubiquitär werden lassen und so schrumpft der Begriff ''offline'' auf eine nostalgisch-romantische Zwergengröße zusammen. Die Digitalität dagegen liegt so sehr in der Luft, dass man fast meint, sie zu atmen. Zudem ist sie bereits derart implizit, dass sie keinen treffenden Ausdruck findet und nicht philosophisch thematisiert wird (zumindest nicht im Mainstream-Diskurs). Ich wiederhole an dieser Stelle meine Theorie: Das Implizite ist das selbstverständlich herrschende Prinzip, das Explizite dagegen das letztmalige Aufglühen eines Begriffes einer Sache/Größe/Kategorie, bevor diese endgültig verschwindet.

    Doch nun wirklich einmal zurück zum Thema, vergessen Sie nicht: wir wollten noch über die 1990-er Jahre als Wegbereiter des totalen Konsumzeitalters verhandeln. It all got so fucking fast! Nicht umsonst lautet der Untertitel des Generationenromanes von Douglas Coupland's ''Generation X'': ''Tales for an accelerated culture''.
    Dabei war in der ersten Hälfte der 90-er Jahre, obwohl das Internet schon heranwuchs, das kommerzialisierte Hype-Fernsehen der sich dieser Rolle allerdings gänzlich unbewusste Pionier der digitalen Welt. Telephonische Partizipationsmodelle und Audience-Polls gingen schon in die Richtung des Ausbrechens aus der Einbahnstraße des ''elektronischen Mediums'' als reinem Sender, bei dem der ''Zuschauer'' nur eben dies war und vorerst blieb: ''Zuschauer'', passiver Rezipient. Daraus wollte das Medium immer mehr ausbrechen, allein schon um des Potentials der umgekehrten Senderschaft wegen. Anfangs musste allerdings noch das TV das neue Phänomen Internet erklären, so wie zB hier biederdeutsch:

    www.youtube.com/watch?v=k0tVl_iYmos

    ...oder hier in der guten alten Naivität der Digital Natives/Digital Naives (der interviewte Experte lobt die Trollfreiheit des Netzes anno 1993. Wenn es denn je so war, fragt man sich im trollverseuchten Netz der Jetztzeit: where have we lost it? ) :

    www.youtube.com/watch?v=KDxqfgIDvEY

    ...und erst recht ganz zu Beginn wiederum das TV als furchtbar idiotischer Erklär-Bär einer Welt, die gerade erst entstehen SOLLTE! :

    www.youtube.com/watch?v=mfMrVKnGzwg

    ...man sollte gerade im Falle dieses letzteren Videos immer vor Augen haben, wie das Projekt Internet hier im wahrsten Sinne des Wortes VERKAUFT wird...und das von company-instrumentalisierten Kindern. Das werbefinanzierte Video richtet sich an die ganze Familie, immer auch schon das Kind als dankbaren und unkritischen ''consumer to come'' im Auge, das es nur noch abzurichten gilt, um es zum perfekten unkritischen Konsumenten der näheren digitalen Zukunft zu erziehen. Zudem erklärt hier das Medium Fernsehen das neue Hype-Medium Internet...the passing of the torch!

    In gewisser Hinsicht gegenüber der Vermutung kapitalistischer Anschlussfähigkeit unschuldig waren also nur die early adopter des Internets, der gewöhnliche gutgläubige 0815-User, derweil schon zu dieser frühen Pionierzeit die Profiteure in den Big Companies genau wussten, was für ein ''Maschine'' zur Profitmaximierung sie da zur Hand gereicht bekommen haben und wie man diese Maschinerie instrumentalisieren kann, um die ohnehin schon dynamische Profitjagd dieser Zeit noch um ein Vielfaches zu steigern. Der ganze idiotische Erklärsprech solcher Videos läuft jedenfalls immer schon auf den Bullshit-Sermon hinaus: ''Bitte kaufen Sie hier.'' Es fallen Brand-Names ohne Ende, die in der neuen ''digitalen'' Umgebung anno 1995 nur so unauffällig wirken, weil sie der neuen medialen Umgebung naturgemäß zu sein scheinen. Das anfangs so harmlos wirken wollende Video mutiert dann aber schnell zum reinen Commercializer. Leite die Leute erst einmal auf die Web-Seiten, die anhängige Werbung tackern wir dann nach einiger Gewöhnungszeit schon dran. Aber all diese Dinge erkannten die User nicht, die sich durch ihre Anfangsbegeisterung zu exakt den Idioten konditionieren ließen, deren Nachfolger auch heute noch meinen, dass ein hyper-kommerzialisiertes und den ''User'' kontrollierendes und observierendes Internet nun einmal so zu sein hat, wie es sich aktuell präsentiert.

    Die Geschäftsmodelle der Zukunft sind auf exakt diesem Bullshit-Believe gebaut und notorischen facebook-Usern und produktanpreisenden Bloggern und Youtubern der Gegenwart darf die Tatsache, dass sie nie voll-analog gelebt haben nicht als Ausrede dafür dienen, warum sie auch weiterhin an ein voll durchkommerzialisierte digitale Welt glauben und diese durch Produkttesten und Marken-Photographieren/-Inszenieren in ihrer Existenz bestätigen und reproduzieren. Und die sich selbst in ihrer digitalen Existenz wahlweise als/oder/und Projekt-Produkt verkaufen/verkaufen lassen.

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    Ich spule noch einmal etwas zurück: MTV (Markenmotto: ''Believe the Hype!'') stellt eine der wichtigesten Schnittstellen zwischen dem TV der 1990er und dem heranwachsenden Internet derselben Zeit dar! Die Geburtsstunde dieses Senders liefert im Bereich TV eine Parallele zur fundamentalen Logik des kommerzialisierten Internets: das MTV der 1990-er Jahre lebte vor, wohin die Kommerzialisierung und Gentrifizierung einstmalig anarchisch-rebellischer Strukuren führt. (Der Aufstieg und Niedergang der Band Nirvana inklusive des Selbstmordes ihres kryptisch-charismatischen Sängers Kurt Cobain lassen sich am Phänomen MTV entlang festmachen.) Ein Sender wie MTV steht, so bedeutungslos er auch heute sein mag, für die schillernde mediale Metamorphose des werbefinanzierten ''Infotainment/Music/Reality-TV'' der 90-er Jahre hin zum Internet als Verkaufsmedium.

    Ganz abgesehen davon, dass das MTV der 2000-er Jahre dann zum reinen Werbeträger mutierte, zum Coca-Cola finanzierten Klingelton-Verkäufer, laut, schrill, bedeutungslos, nachdem es zu allem Überfluss zum Pay-TV-Modell überlief. (Dies eine Entwicklung, die auch der digitalen Welt nicht fremd ist.) Aus 'Sex, Drugs and Rock' Roll' wurden 'Hype, Buy and Get'. Wo irgendwann die Musikvideos nur noch die Werbung unterbrachen, hatte das Profitsystem die Freiheit und jeden authentischen Widerstand geschlagen...das nächste Unterhaltungssystem, das die Gentrifizierung der Köpfe und Ideen noch schneller schaffen könnte war das Internet, das gerade erst entstand. Noch war hier alles, langsam, laienhaft und behelfsmäßig, but: oh the future was about to come very soon.

    Das Internet, diese unschuldige virtuelle Spielwiese, als die es begann, diese Nerd-Utopie eines machtneutralen cyber space trug durch die ihm innewohnende ''connectivity'' einen unschätzbaren Vorteil für das Big Business: ''Vernetzt Euch''! war kein unschuldiger Imperativ, durch den man durch den reinen Spaß an der gigantisch beschleunigten Freude die Kontaktfähigkeit der Menschheit erhöhen wollte, sondern die Vernetzung sollte stehen für die Potenzierung des Produkt-Bewusstseins und der Aufmerksamkeitsfähigkeit: nun also hieß es nur noch, jeden einzelnen Netzknoten zum Verkäufer und Käufer eines Produktes zugleich werden zu lassen.

    ...nächstens mehr...

  • Die Geburt der digital kolonialisierten Konsumzombies in den 1990-er Jahren

    ''For whom is the Funhouse fun?''

    John Barth, Lost in the Funhouse

    Aber die 1990-er Jahre markieren einen Wendepunkt: das erste postsozialistische Jahrzehnt blinkte den Siegeszug des völlig enthemmten Kapitalismus und des bevorstehenden Hedonismus, der zum Ideal erkoren worden war, bereits deutlich an. Die 1990-er Jahre waren in dieser Hinsicht ein einziger Transit auf dem Weg in die digital überforderte Marktstaat-Gegenwart anno 2015: nichts war hier, wie es auf den ersten Blick schien. Was wie ein bleibender Eindruck wirkte, war jeweils nur ein trügerisches Changierbild: wo eine Jugend sentimental vom Aufbruch in neue Zeiten und eine apolitische Wildwest-Freiheit träumte (eigentlich war der wirkliche Traum ja der vom ''Wilden Osten'' oder wie auch immer man das Vakuum-Territorium der postsozialistischen Staaten auch nennen wollte), in welcher man eine Freiheit auszuleben hoffte, die sich dann später nur einkaufen ließ, entstanden bereits Experimentierfelder der Installation neoliberaler Ideen. Die völlig ungehemmte, durch expliziten Hedonismus katalysierte Bereitschaft zum Konsum-Kapitalismus war endlich entfesselt. Coca-Cola, Nike und United Colours of Benetton sponserten plötzlich Underground-Festivals. Der Widerstand und renitente Strukturen ließen sich einkaufen und selbst zum Produkt machen. Die Gentrifikation der Kultur in all ihren Facetten wurde in den 1990-er Jahren erstmals spürbar.

    Die BRD als neoliberaler Agent der Verbreitung des Konsum-Kapitalismus amerikanischer Prägung hatte kurz zuvor die DDR (bzw ihre konsummangelnden Bürger) ja nahezu eingekauft. Hier ging es weniger darum, dass ''zusammenwachsen'' sollte, was ''zusammen gehört'', wie es im Jahre 1989 fortlaufend von allen westdeutschen Politikern wie ein Mantra rephrasiert wurde, sondern es ging darum, einem bislang den kapitalistischen Strukturen völlig entzogenes Land nach seiner Implosion ein diametral anderes Wirtschaftssystem aufzustülpen und den Osten als ''Labor'' für den Einbruch der Marktwirtschaft in ein marodes Wirtschaftssystem zu nutzen. Die von Kohl angedrohten ''Blühenden Landschaften'' bedeuteten ja vor allen Dingen: sogenannte Entwicklungsökonomie zu betreiben, letztlich aber: neue Profitmärkte zu erschließen und den totalen Konsum auszurufen, von dessen markttreibender Dynamik man dann im Westen selbst überrollt wurde wie von einer gewaltigen Welle: consumerism unbound!

    Das Motto der 1990-er Jahre musste daher fast notwendig lauten: ''Wer davon nicht geblendet wird, muss blind sein!''
    Die neue Parole lautete: Politischer Widerstand wird eingekauft! Nach einer Weile dann proklamiert dieser eingekaufte Widerstand ganz von allein exakt das System, das ihn zuvor eingekauft hat, als alternativlose Instanz. So war es in diesen Jahren seit spätestens 1995 plötzlich so gar nicht mehr chic, ''dagegen'' zu sein. Hippies, Punks, Grunge und ähnliche Underground-SubCultures: das alles war gelaufen und durch und vorbei; das habituelle und immer noch vorhandene attraktive Restflimmern solcher Bewegungen konnte man mit einem sentimental all dem überhobenen Lächeln als souveränem 'finishing move' eintüten und fortan als ''attitude'' verkaufen, vor allem da es nun galt, unwidersprochen dem Konsum zu frönen. Daher auch die öde Glätte und allzu durchschaubare affirmative Haltung der Kunst und Literatur der späteren 1990-er Jahre: da wimmelt es zB in der jungen Literatur dieser Zeit von Markennamen und der detailreichen Schilderung von Konsum- und Drogenexzessen, wobei hier selbst der Drogenexzess nicht mehr aus Opposition gegen und Flucht aus dem perfiden System erfolgten, sondern Affirmation und Bekenntnis zum System war: Kiffen und Koksen FÜR den Konsum. Nicht zuletzt daher auch die yuppiehafte Glattrasiertheit dieses Zeitalters (die bereits in den börsenboomenden frühen 1980-er Jahren bis zum großen Börsencrash von 1987 ihre feucht-fröhlichen Urständ gefeiert hatte, in der zweiten Hälfte der 90-er dann aber plötzlich hyperaffirmativ wiederaufflammte).

    Überall tauchten seit den frühen 1990-er Jahren die neo-yuppiesken ''Karriereschweine'' auf, vereinzelte ''Börsen-Heinis'', wie wir sie in der Oberstufe nannten, wurden erblickt: solche Mitschüler als ''early adopters'' damals noch klotzartiger Riesenhandys, die in Anzugjacke und Jeans, oft mit FAZ unterm Arm auf dem Schulhof standen, verlacht von uns langhaarigen Grungern, die wir mit Zigarette im Gesicht noch in Träumen von ewiger destruktiver Energie und Jugendrebellion steckten. Kurt Cobain war noch nicht tot, die Welt für uns noch eine Zeit lang in Ordnung. Wir konnten nicht ahnen, dass die Zukunft nun den glatten technoiden Karrieristen gehören sollte, den Ravern und Frankfurt-/Berlin-Techno-Jüngern, den weekend-party-people, den love parade-Jüngern, all diesen sich selbst im System ausbrennenden Arbeitstierchen, die unter der Woche im Büro knüppelten was das Zeug hielt und so das System am Laufen hielten, dafür am WE aber die Sau rausließen. Da sahen wir mit unseren Grunge-Attitüden und der Gitarre unterm Arm bei aller Jugend schon direkt alt aus...sich kaputtmachen ohne Sinn und Zweck war nicht mehr gefragt. Feiern durfte man zwar ab sofort wie ein Irrer, aber bitte schön dann auch: unter der Woche arbeiten bis zum geht nicht mehr und kaufen, was das Zeug hält. Die Berlin-WE-Feierterrortouristen zeugen heute noch von dieser Attitüde. In Berlin wohnen und den nach wie vor unvereinbaren Vibe der Stadt verstehen und zumindest mal auf längere Dauer überprüfen? ''Nee, ist mir zu sehr Metropole, aber dort 72 Stunden Party machen am verlängerten WE? Geil, auf jeden Fall!! Berlin, Alter!''

    Noch ein anderer Großer Traum, der in den 90-ern geträumt wurde, platzte in der desillusionierten Diesseitigkeit der ersten Jahre des neuen Jahrtausends: der Traum von der digitalen Sphäre als Utopia einer freien selbstbestimmten Gesellschaft. Auch hier waren die frühen 1990-er zunächst im Diskurs prägend gewesen: Cyber everything! Vom immerhin faszinierend anderssichtigen Cyber-Optimismus einer Donna Haraway und ihrem ''Cyborg Manifesto'' von 1985 bis hin zu den ersten Elogen auf die Cyber- (oder Virtual) Reality eines zB Ray Kurzweil oder Jaron Lanier (der sich von seinen frühdigitalen Blütenträumen komplett gelöst hat und in der Gegenwart die Abkehr vom frenetischen Digital-Optimismus einfordert, wie zB in ''You are not a gadget'' von 2012) wurden technoide Gegenwelten ersonnen, die den Menschen für immer aus seiner ihm anhaftenden irdischen Beschwertheit und von allen physischen Lästigkeiten befreien sollten. Wo das noch nicht drin war, da wurde unter Nerd-Idealisten zumindest dies angestrebt: der Verfolg ewiger Glückseligkeit und Unbeschwertheit durch das Internet, eine Welt ohne die Last und die Mühe der Arbeit und dem lästigen Streben nach Geld und Profit.

    Der Weg dagegen, den die digitale Welt 25 Jahre nach ihrer ''Geburt'' in ihrer vernetzten Form eingeschlagen hat, zeugt von einem Platzen all dieser Träume auf fast allen Ebenen: die Weltgesellschaft (deren ''Drive'' wir derzeit ex negativo in der beängstigenden Dynamik der weltweiten Massenmigration durch die kollateralbeschädigten Weltbürger bestätigt finden) wurde massiv beschleunigt und die Marktwirtschaft dem menschlichen Denken wie ein Code implementiert. Digital kolonialisierte Zombie-Hirne wirken als kontrollierte Agenten der Profiteure im System mit, als ließen sich tatsächlich keine Alternativen leben, denn man kann selbige ja nicht einmal mehr denken. Omnivore Datenfresser wie facebook und Google haben das Internet gentrifiziert und bilden im Grunde die eigentliche Matrix des Netzes. Menschen, die ihre Daten mehr oder weniger freiwillig zur Verfügung stellen, um sich kontrollieren, algorithmisieren und beobachten zu lassen, taugen nicht als freie Bürger, sondern sind eher disponierbare Agenten der Zwecke monopolistischer Konzernen und oligarchischer Profiteure. Von der Kontrolle und Überwachung des Bürgers und des Internets, die Regierungen und Regime anstreben, hin zur Kontrolle des Bürgers DURCH das Internet, ist es kein langer Weg, wie die ''Digitalpolitik'' solcher Staaten wie Russlands und China bereits beweist.

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    Die Grundvoraussetzung dieser Entwicklung der Zeitläufte lieferten also die 90-er Jahre des letzten Jahrtausends. Die zweckfreie unangestrengte Haltung des ''Ich kaufe heute nichts mehr und meine Zukunft muss ich auch nicht bis zur Rente vorausplanen'' hat sich nicht durchgesetzt. Der Mittelfinger gegen das System wurde ersetzt durch den Like-Daumen, der die Welt, wie sie nun einmal ist, mag und unterstützt und das Konstrukt ''Realität'' als nun einmal gegeben und zu akzeptieren hinnimmt. In der Politik hat das Digitale nicht viel verändert, außer dass es jetzt facebook-/Twitter entfachte Shitstorms gegen Politiker gibt, die jedoch deren PR-Agenturen auch schon routiniert durch eigene social media-Kampagnen auffangen und relativieren. Das Ganze ergibt eine digitale Hysterie, die ziemlich laut tönt, effektiv aber einen Nullertrag liefert, bei dem man wie auf der Kreisbahn immer wieder am selben Punkt der Erkenntnis ankommt: ''Gut, dass wir mal drüber getwittert haben.''

    Eingeschlichen hat sich eine Art Totalitarismus der selbstüberwachten Gegenwart, ein Apparatus, der komplett jenseits von Gut und Böse liegt. Zumindest der Bürger westlicher Wohlstands-Staaten hat das Gefühl dauerdepressiv im Paradies herumzulungern oder wahlweise umgekehrt mit vollen Einkaufstüten aus dem Schlaraffenland im ewigen Jammertal zu weilen. Die medienproduzierte Angst vor fast allem hat sich schon unabweislich in den ansonsten durch Dauerkonsum endorphin-paralysierten Hirnstamm gefressen und neurotische Kreaturen erzeugt, die in der Taubheit ihres zerschossenen Denkens keiner Autonomie mehr fähig sein wollen: jenseits dieses Gut und Böse wittern und twittern sie noch zwischen Hysterie und Apathie vor sich hin.

    ''Und was hat das jetzt alles wieder mit den 1990-er Jahren und der Geburt und Expansion der digitalen Gesellschaft in dieser Epoche zu tun?'' fragt unser imaginierter ungeduldiger Leser und er hat ja recht, den Autor wieder zurück auf die Spur zu führen und ihn des Verfolges seiner Eingangsthematik zu gemahnen, muss sich allerdings zwecks Fortsetzung auf die jedoch bereits allernächsten Tage vertrösten lassen.

    …nächstens wieder mehr...

  • Zwischen Ich und Wieder-Nichts: Aus meiner Schreibhölle

    ''...denn es strebt eben dem traurigen Ende zu, daß ich heute nichts mehr schreiben kann, da schon längst 11 Uhr vorüber ist und da ich in meinem Kopf Spannungen und Zuckungen habe, wie ich sie an mir eigentlich erst seit einer Woche kenne. Nicht schreiben und dabei Lust, Lust, eine schreiende Lust zum Schreiben in sich haben!''

    Franz Kafka, Brief an Felice aus der Nacht vom 29. auf den 30.12.1912

    ''Dafür muss man sich selbst verlieren, im Augenblick aufgehen und dann das, was man diesem geraubt hat, im Schreiben der Zeit zurückgeben. Den Augenblick im Schreiben reflektieren, vervollständigen. Das, was der Augenblick im wahrsten Sinne dieses Begriffes nur im Moment zwischen zwei Lidschlägen ''offenbart'', wiedergeben. Den Augenblick voll machen, die Fülle aus ihm ziehen, ihn ewig machen. So wird es tausende Augenblicke kosten, den EINEN der Fülle zu beschreiben oder ihn überhaupt erst durch die Beschreibung ewig zu machen, doch dies wird die Kunst deines Schreibens heißen.''

    Paul Duroy, aus dem Schreibmanifest: ''Der Auf-Bruch'' (2007)

    Falls Sie es überhaupt bemerkt haben, liebe Leser, entschuldigen Sie bitte mein Fehlen der letzten Zeit (nicht). Was eine Schreibstarre ist, versteht erst derjenige, der wirklich Schreibender ist, wenn es in ihm tobt, aber kein Wort den Weg aufs Papier und den eigentlich immer unsäglichen Bildschirm findet. Es gibt Schreibstarren, die sind so brutal und lähmend, dass mancher nie wieder zum Schreiben findet. Dann bist du als Autor da ein für allemal erledigt und da rausgerissen. Woraus eigentlich?

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    Oft ist es schlimmer, beim Schreiben zu viel zu sagen oder zuviele Themen auf der Agenda zu haben. Die Optionen stehen sich dann gegenseitig im Weg wie Passanten in der Fußgängerzone beim Schlussverkauf, verheddern sich, stolpern übereinander, blockieren sich. Da bekommst du nichts formuliert. Wenn dann noch der Fokus fehlt, die Sammlung und die Ruhe, wie das in neoliberal-digitalen Zeiten ja Basiskondition für eigentlich fast alles und jeden ist: was ginge da noch aufs Papier? Der Punkt der Verstellung aller Gedanken und Schreibthemen durch gegenseitige Blockade und völlige Neutralisation des Ausdrucks führt letztlich zu den Situationen für einen Schreibenden, die Thomas Bernhard ''tödlich'' nennt.

    Ansonsten findet der Jahrmarkt der Eitelkeiten für den Schreibenden ja auch das ganze Jahr statt. Aber zum radikalen Schreiben, Schreiben, das sich mal monatelang selbst im Weg steht, dann aber einmal durchhämmert bis auf den Grund, zu diesem radikalen Schreiben findet der Schreibende den Zugang so selten. Und dann merkt man: das kommt nicht aus dem Kopf, das ist nicht einfach Konzentration, das ist nicht einfach Knopfdruck und Abruf und fertig ist der Text. Das Schreiben kommt ganz woanders her, irgendwoher...

    Und dann gibt es diese Momente, da ist es einfach da, da ist es in einem, da dringt es durch einen. Aber in der langen elenden Zeit davor bist du in der Schreibhölle und es geht nichts und wieder nichts im Skriptorium. Da mag es in einem wühlen und tosen und einem laute Gedanken ins Hirn schreien, nichts davon dringt durch das Schreiben in die Welt.

    ''Schreib alles auf!'', heißt es irgendwo in den Aphorismen von Jean Paul, aber am Ende eines Tages (und des nächsten und des nächsten und des nächsten) hat man nichts aufgeschrieben, alles ist einem durch die Lappen gegangen, alles durch das Sieb...Tage, Wochen, Monate...die eigentliche Hölle ist das Schweigen des Schreibens.

    (Wahrscheinlich ist die individuelle Schreibkrise jedoch durchaus eine allgemeine. Wenn man sich zB fragt, warum soviele Autoren an diesem Orte derzeit darüber wehklagen, dass sie ihr geliebtes blog.de verlieren: hier wurde seitens des Betreibers eiskalt gerechnet und festgestellt: es lohnt sich nicht mehr. Rückläufige Besucherzahlen bedeuten weniger Leser bedeuten weniger Werbung bedeuten: dichtmachen! Da besteht kein Netz-Idealismus der späten 1990-er Jahre mehr: das Internet der profitdynamischen Digitalen Moderne ist ein Gentrifikator: wo es brummt, da brummt es und wo es nicht läuft, da wird abgerissen und woanders neugebaut, gegen Bezahlung. In Zeiten, da auch Roboter Texte schreiben und sie sogar lesen, was braucht es da ein Forum menschlicher Autoren und ihrer toterzählten Geschichten und ewigselben Aventüren?).

    In der Schreibhölle kritzele und tippe ich vor mich hin und nehme immer ein anderes Blatt, einen anderen Entwurf und schreibe und überschreibe ihn, kündige mir selbst Fortsetzungen zu produktiveren Themen an und bringe sovieles davon nur in zwar ordentliche Pilotfilmstellung, ohne dass jedoch die eigentlich noch notwendigen Episoden folgen. Da schreibe ich zB acht Stunden in Folge an einem anderen Text, der dann zurückgestellt wird (wie soeben geschehen!), bevor ich an diesem Entwurf zur Schreibstarre hier weiterackere (der von mir durch einen aus einem schreibhysterischen Delirium resultierendem Unfall vor einigen Wochen kurz vor seiner Vollendung zu 95% gelöscht wurde), nun aber höchstwahrscheinlich das Licht der Welt erblickt und die Augen der Leserschaft flirtiv sucht.

    Dabei immer wieder diese Widernis, an angefangene Texte zu gehen. Die Rückkehr ins Skriptorium, ein anderes Mal, ein beseelteres Mal, erzwungen kann es nur die Hölle sein.

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    Es gibt einen Feind des Schreibens: die durchrationalisierte Lebenswelt, die alle Poesie zertrümmert und schleift. Mein Schreiben hat vor 25 Jahren mit der Dichtung begonnen, aber die Dichtung ist eine analoge und langsame Kunst. Je schneller und digitaler die Lebenswelt wird, umso rarer wird die Dichtung. Was für die Amphibien die klimagewandelte Welt ist, ist für die Poesie die digitale Moderne: Grundkonstante ihrer Auslöschung.

    Nur war die Poesie immer zu guten Teilen Motor meines Schreibens. Soviel Verlustangst ist da doch, dass ich vor einiger Zeit, nach Jahren meines Schweigens im poetischen Raum, folgendes Gedicht verfasste (bzw in mir verfasst vorfand, den Gedichte sind anders als Prosa-Texte eine Einflüsterung aus numinosen Sphären, ein An-Spruch von ich weiß nicht woher und ich weiß auch nicht, aus welchen Zeiten). ''Thema'' des Gedichtes war, dass ich überhaupt mal wieder zur Poesie finde und auch das ist schon wieder falsch, vielmehr also: dass die Poesie endlich wieder einmal zu mir findet. (Ebenso wie wenn mir in der freien Natur weit draußen ein sich auf der Liste der aussterbenden Arten befindlicher Schmetterling begegnet: da kann ich nur schlecht behaupten: 'Ich habe den Schmetterling gefunden.' Eher wirkt es dann so, als habe der Schmetterling zu mir gefunden.) So also habe ich dieses Gedicht auf die Poesie in mir vorgefunden nach abruptem Erwachen mitten in einer tiefen Nacht am 27.6.2014:

    Nachtanflug

    Über Tage und Nächte gewacht,
    über Zeiten und Wüsten gebracht,
    da war sie plötzlich wieder da: Poesie!
    Sie brachte mich zur Sprache
    (oder ich sie zu mir? sie mich zu ihr?),
    ich brachte sie zur Sprache: Poesie?

    Da ist sie plötzlich wieder da,
    ist Zeit und Raum: Poesie.
    Oder unter allen Zeiten und Räumen
    hat sie mein Herz ausgewrungen
    und auf links gedreht, fragend:
    ''Kann dies überhaupt einer lesen?''

    Ja, mit der Welt zur Sprache gekommen
    (oder aber) mit der Sprache zur Welt
    bin/bist/ist geworden der Poet.
    Zwischen Anflug und Überschwang,
    immer noch eins näher im Näherkommen,
    Nacht, Nacht, Nacht, Nacht...Nähe.
    Alles vor dem Morgen, der graut,
    alles vor dem Morgen.

    (Als Du also noch nicht smart warst
    so ganz ohne Inter und nett,
    da war noch Welt ohne Ende in Dir selbst,
    erinnere Dich: der Weltenraum ''ich'',
    ein Gesang und ein Fest auf das ''Ich''.)

    Nun aber ist da ein Sollbruch in Dir,
    eine Perforation des schreibenden Menschens.
    Ich bin da ohne Angst, nur mit meiner Sprache,
    in meiner Sprache: Poesie,
    sie ist ja Rettung, sie ist ja Anspruch und
    wie sie mich da dichtet: ein hoher Vers.

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    (Hier also hat nicht ''der Dichter'' das Werk gedrechselt und geformt, bis es frei lieferbar ab Werk (Skriptorium/Schreibhölle) für den Leser bereit stand, sondern der Autor wurde bespielt, ihm wurde eingeflüstert, er wurde gedichtet. Dichtung heißt im Schreiben daher auch: zigmillionen Augenblicke komprimieren und ver-dichten, um einen einzigen davon im Schreiben festzuhalten für die Ewigkeit bzw was wir darunter verstehen.)

    Aber diesen An-Spruch der Dichtung hört man nicht mehr bei all dem hysterophilen Gerausche und Geräusch der Gegenwart, die wider-wärtig wirkt. Die Stimme der Poesie flüstert leise, vorzüglich nachts (ich stelle sie mir unbewusst immer ein wenig so vor, wie die rätselhaft schlafende Schöne in Alphonse Mucha's ''Repos de la nuit'', die, wenn sie nur erwacht, an mein Ohr tritt und mir die Dichtung einflüstert). Wenn da jedoch im Hintergrund das hochvoluminöse akustische Grundrauschen der digitalen Moderne dröhnt, findet die Poesie nicht zur Stimme und nicht mehr zur Welt. Die leisen Töne sterben dann aus und alle lesen nur noch e-books oder facebook-posts.

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    Das Schöne ist dann wiederum, wenn ich abseits dieses groben Exkurses zur Poesie an (mein?) Schreiben denke, dass ich, so sehr ich auch mich zum Schreiben zwingen muss hier und da (die Prosa ringt man sich immer ab, da küsst einen kaum mal die Muse), und so sehr also mancher Text geboren wird aus dem Kampf mit dem Krampf, so muss ich doch die Leser nicht zum Lesen zwingen und will das auch nicht. Sie kommen im Idealfall von selbst, ich muss sie nicht mit dem Handtuch würgen wie der Engel im Koran den Mohammed und sie voll wilder Gewalt heißen: ''Lies das! Lies das!''

    Nun ist das Schreiben über Schreibkrisen für jeden Autoren immer ein gefährliches Sujet, da es einen als Autoren, wird es nur zur Routine, komplett erledigen kann. Der über die Schreibstarre (die in meinem Fall auch zu ihren Zeiten nur Starre ist, keine Krise) reflektierende Schreibende zehrt nämlich in gewisser Hinsicht immer von seinem eigenen Blut dabei, ist sich eigener Parasit an sich selbst als seiner Schreiblähmung obdachbietendem Wirtstier. Ein permanentes Making-of und Hintergrundberichte zu all den Texten, die ein Autor verfasst, will auf Dauer nun wirklich niemand lesen (was viele Blogautoren offenkundig anders sehen), ebensowenig wie ein Film-Regisseur nie das Making-of zum eigenen Film drehen würde. Nur selten und in minimierter Dosis also sollte ein Autor von dieser vergifteten Süßigkeit zehren: Schreiben über das eigene Schreiben. Er sieht sich sonst auf Dauer in der sich zum Innenkreis hin verengenden Spirale der Inhaltslosigkeit gefangen. Niemand braucht den Live-Ticker aus der Schreibwerkstatt unseres Autoren.

    (Um von der sperrig-stotterig verlaufenden Korrespondenz zwischen anderen Schreibenden und der immer wieder zu beobachtenden Meldehemmnis zwischen zweien, die einander schreiben, welche ich andernorts ''Meldedummheit'' getauft habe, hier noch nicht einmal angefangen zu haben. Dies wiederum ist ein weiteres zeitloses und sogleich so gut wie unausschöpflich erscheinendes Thema, welches ich für einen anderen Tag ankündige.)

    ...daher nächstens mehr...

  • Destination: Endstation! Ein Reisebericht über die Nachbarschaft zum Elend und zur Abscheulichkeit

    ''Du bist doch sonst so ziemlich eingeteufelt.
    Nichts Abgeschmackters find ich auf der Welt
    Als einen Teufel, der verzweifelt.''

    Johann Wolfgang Goethe, ''Faust-Der Tragödie erster Teil.''

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    Mein Tag beginnt in einer Tiefgarage. Nun stimmt dies nicht ganz, ich bin schon aufgestanden, habe noch kurz ein mickriges und im Grunde schäbiges Frühstück zu mir genommen und einen ekelhaften Kaffee Marke ''Fehlgriff, weil Sonderangebot'' heruntergewürgt. Ein solches Frühstück wird jedoch einem bevorstehenden (Hin und Her-) Reisetag sicher nicht Genüge tun und beschädigt einen eher, als dass es die nötige Reiseenergie verleiht. Dann begebe ich mich in der Eile, mit der ein Bummelant wie ich notwendig auf dem letzten Drücker zur Bushaltestelle hetzt, nach draußen. Vor der Haustür erwartet mich ein Starkregenschauer aus Wolkengebirgen, die wie tiefschwarze Bleiwolle auf grundiertem Küstengrau über dem Land hängen und atlantische Regenwut über mich ausspeien.

    Da die Bushaltestelle nicht überdacht ist, bleibt mir nur die Flucht in eine auf der anderen Straßenseite sich befindliche Tiefgarage, in der ich wie eine ohnehin schon halbnasse Ratte darauf warte, dass der Bus kommen mag. An der Haltestelle lässt sich ein unendlich krank wirkender Greis in stoischer Starre klitschnass regnen, bis er sich ein bisschen bewegt, woraus ich lese, dass die Linie 25 jetzt kommt und aus der Tiefgarage durch den stahlhart fallenden Regen über die Straße buchstäblich fast VOR den an einem Sommermorgen beleuchteten Bus renne.

    Ich hasse Busfahren, ich verabscheue es. Aber an so einem Regentag ist es noch ungleich schlimmer: es ist die reine Transithölle! 45 Minuten Fahrt stehen mir bevor, ich muss von einem kleinen netten Ort aus hin zu einem schäbigen größeren Ort, den ich transitmäßig aufsuche, um vom dortigen Bahnhof aus weiterzureisen mit der Bahn. Ich hasse beim Einstieg schon das Fahrschein lösen, den rostigen Gestank der nassen Münzen, die ich an den Fahrer weiterreiche, die schäbige überteuerte Fahrkarte in Signal-Lachsrot, den fetten Fahrkartenkontrolleur, der es schon wieder nicht abwarten kann, seine Schergenverrichtung abzuleisten, die schaukelnde ruckartige Anfahrt des Busses, das Motorengrunzen wie bei einem Sowjet-Bus, und dazu dieser Gestank nach nassgewordenen Sitzen, dieser miasmische Gestank nach in den alten Stoffsitzen verfangenen Gerüchen aus unvordenklichen Zeiten, die durch die Nässe und den tatsächlich beheizten Bus jetzt wieder freiwerden. Busfahren: dieses ewige Runterbremsen und Anhalten an jedem Zaunpfahl und Straßenschild für eine Oma, die feststellt, dass sie an dieser Station gar noch nicht rauswollte (und vorsichtshalber acht Stationen vorher schon ''Stop'' drückt). I fucking hate it!!

    Einen Großteil dieser Strecke bin ich noch nie gefahren, der Part bis an den Rand der netten kleinen Stadt kenne ich routinemäßig, da wo der Felder- und Waldsaum beginnt dagegen, beginnt zugleich für mich die terra incognita. Der Bus geht über zu seiner Routine, die da heißt: statt Luftlinien lieber die brutalsten Umwegschleifen von a nach b über y und z zu fahren, die man sich vorstellen kann! Die zunächst wunderschöne Landschaft wird schon nach kurzer Fahrzeit zunehmend zu dem Monster, das man im amerikanischen Englisch ''The Sprawl'' nennt. Zersiedelte Landschaften, überall hat sich die Stadt und haben sich einzelne Siedlungen in die Landschaft gefressen, riesige Strommasten und Windräder überall verbreiten die Atmosphäre einer stumpfen Ungeheuerlichkeit der Landschaftsvergewaltigung, überhaupt hat man hier dem Autofahrer sein Recht gelassen, alles richtet sich nach der Autofahrerlogik in dieser Gegend, so auch der Geist: eine SUV-Hummer-Geisteshaltung, die sich breit macht und ordentlich röhrt.

    Irgendwann dann ist der Bus nach bereits gefühlten 86 Halten am Rand der größeren Stadt angekommen, von der ich zwar selektiv schon wusste, dass sie hässlich ist, aber nicht WIE hässlich dann wirklich. Ihr, die ihr einfahrt, lasst alle Hoffnung fahren. Der Bus schiebt sich jetzt von Station zu Station durch schäbigere Wohngegenden, es regnet als Soundtrack dazu ohne Unterlass auf geistlose, grauschmutzigweiße Gebäude, die noch zum Aufstapeln von Toten viel zu versifft wären (aber tatsächlich LEBEN hier Menschen), kein Mensch hat hier irgendetwas geplant, als all diese Siedlungen errichtet wurden, ein geistloser Brutalismus der Effizienz und der Kostengeringhaltung hat sich hier ausgetobt und ein architektonisches Krebsgeschwür erzeugt, das man Stadt nennt. Ein Schlag in die Fresse mündiger Bürger: lass hier das Prekariat wohnen und vor sich hinsiffen, die Verdreckten, die Hoffnungslosen, die Entlohnten, die Verlierer, die underachiever, die Sturmverworfenen, die Wehr- und Arbeitslosen, die Tagediebe, die Trash-People, die Ausgespuckten, die chronisch Kranken, die Kaputten, die Abgestiegenen, die Abscheulichen, die Unberührbaren, die Parias, die Sinti und Koma, die Abtrittpenner, die Mutlosen, die Geistlosen, die Stumpfen, die Proleten, lass sie hier wohnen und vegetieren, Scum City, das haut hin...bau eine billige Dreckssiedlung mit billigem Geld und nimm hohe Mieten selbst hier noch und taufe das Ganze wie zum Hohn für die Unberührbaren dann ''California Residence'' (so heißt eine der Siedlungen, wie ich im Vorbeifahren erkennen muss, dort tatsächlich und ich möchte dem kreativen Immobilienheini, der dafür verantwortlich sein mag, seine Lügenfresse blutig schlagen), aber da ist keine Sonne und kein Licht, da ist nur brutaler kalter Regen auf verdreckte Fassaden, auf winzig kleine Fensterscheiben, auf parkplatzversiegelte Asphaltwüsten vor diesen Häusern, auf Arbeiterwohlfahrt und Kleidercontainer, auf Plastiktüten und Bausand-Spielplätze, auf denen traurige Mütter im Regenmantel rauchend traurige Kinder verfluchen.

    Und ich sitze da und wie ein neugieriger Besucher durch den Safari-Park fährt, so ich durch den Prekariat-Park für 2.80 Euro (signal-lachsrotes Fahrticket). Die Haltestellen heißen u.a. ''Am Klinikum'', schilddrüsenkranke Dicke steigen dort ein und aus ebenso wie Menschen auf Krücken und in ihren Rollatoren hängend und einer, der eingestiegen ist, hat nichts mehr zu verlieren und schreit in auffälliger Ungeduld seinem Gesprächspartner Dinge in den Handyhörer, die davon zeugen, dass sich hier jemand aufgegeben hat und das nichtmal erkennt: ''Ich packe der Mama auch die Sachen ein. Die soll den Hartz-IV-Bescheid bereithalten, den kopiere ich ihr später. Ich muss meinen eigenen auch noch kopieren, das mache ich dann später im Jobcenter, da kostet die Kopie ja nichts. Die ganze Scheißrennerei für das bisschen Kohle, aber hilft ja nichts...nein, Ritaaa, hör doch mal zu: was soll der Gerichtsvollzieher da denn machen bei Mama? Der sieht doch, dass es da nichts zu holen gibt. Der guckt da einmal rein, der braucht nichtmal seine Runde drehen, dann weiß der schon bescheid. Ich pack Mama auch den schwatten Schirm ein, weißt du, wie ich meine?''

    Ich passiere das Tal der Verlorenen, derer, die alle Hoffnung sinken lassen mussten im System. Wenn man alles verloren hat oder kaum noch was zu erlangen, außer dem täglichen nackten Durchkommen, was hilft da noch die Scham? Alles liegt offen, das erkennt der Gerichtsvollzieher, das hört der Passant auf Durchreise: die nackte Not kennt keine Camouflage und will sie wohl auch nicht kennen.

    ''Destination'', das heißt 'Fahrtziel' auf Englisch, mir aber drängt sich zunehmend das Gefühl auf, das für regelmäßige Mitfahrer dieser Buslinie ''Destination'' eher die zweite Bedeutung des englischen Begriffes erfüllt: ''Schicksal'', ''Bestimmungsort im Sinne von: Endstation''...hier käme man nicht mehr weg, lebte man hier erst einmal, führe man täglich diese Strecke. Destination...Endstation.

    Und auch wenn ich ja weiß (wobei ich es mir schon fast selbst laut denkend und mir Mut machend suggerieren muss), dass ich hier nur zum Transit durchfahre, um nach b) zu gelangen und von dort aus direkt mit dem Zug weiter, weiter, weiter, weg von hier, weg aus dieser Transithölle, die sich in die Seele frisst, so erkenne ich doch plötzlich, dass mich all dieses Elend schon angefasst und beschädigt hat: man kann die Hölle nicht nur streifen. Die Nachbarschaft zum Abscheulichen und Schauerhaften bedeutet immer, dass das ab Abscheuliche und Schauerhafte auf einen abfärbt und ansteckt. Nachbarschaft und Nähe zum Elend, zum Abscheulichen und Kranken wirken notwendig auf einen selbst zurück, gleichwenn man selbst auch nicht elend sein mag. (Der eisernen Härte dieser Regel folgend lehnt zB die Schufa die Kreditvergabe ab, wenn man in der ''falschen'' Nachbarschaft wohnt).
    Mutlos bin ich jetzt, resigniert, deprimiert, heruntergezogen, ich spiegele mich auf dem nassen grauen Asphalt, ich bin ein Kaputter jetzt, Hoffnung irgendwie zerschlagen (wie kann DAS sein, bei einem Monster der Zuversicht wie mir?). Den iPod habe ich auch daheim vergessen, kein 'kongenialer' Soundtrack zum Trost von all dieser Miserabilität wie dieser hier der neoliberalen Niedergeschlagenheit:

    https://www.youtube.com/watch?v=bG87L55nRvw

    ...keine Untermalung, nur Elend und Schäbigkeit, die sich wie ein bleischwerer Firnis auf Herz und Geist gelegt haben, paralysierende Patina, keine Fluchtmöglichkeit.

    Die Haltestelle ''Schillerstraße'' ist gespickt mit Internetcafés, Trinkhallen, orthopädischen Läden, Handyreparaturläden, Waschsalon, Spielhallen und Pfandleihern, beim Ausruf der Haltestelle ''Heidehöhe'', die die Bandansage im Bus vermeldet, verstehe ich: ''Heidehölle''...aber wo ist die Heide dazu? Ich sehe nur bundesrepublikanisch neoliberal brutalistische Billigarchitektur ohne jede Lässigkeit, Neubauten an riesigen Hauptstraßen (OMG, wer WILL hier WOHNEN??), sehe nur Asphalt und Waschbeton, kein Grün, sehe Rollatoren, Trinker und Gespenstermenschen.

    Das Ganze drückt mir aufs Gemüt wie eine gigantische hydraulische Presse, presst mir die Eindrücke durch den Kopf bis in die Eingeweide, down to the bottom, das knickt die Stimmung, ja da kommt Trauer auf. Aber irgendwann dann spuckt mich der röhrende Bus an besagtem Bahnhof aus, endlich kann ich von hier weg, schnell noch das Gleis finden, schnell noch den Fahrschein ziehen und dann nichts wie raus aus der Hölle.

    WO IST MEIN PORTEMONNAIE? Ich fummele an mir herum, durchkrame meine Jutetüte: das Portemonnaie, ich hatte es im Bus noch gehabt, ist weg. Aber es blitzt nicht einmal mehr Panik auf, so rest-resigniert befindet sich mein Geist jetzt an diesem Unort. Ich habe mich der Logik der Ausweglosigkeit angepasst, unfreiwillig...es tut nicht weh. Ich realisiere den Verlust meiner gesamten bescheuert monumentalen Barschaft von 120 Euro, die ich bei mir führte, all meiner Ausweise und Karten. Alles weg jetzt. Du kannst jetzt hier gar nicht mehr weg und so auch nicht dahin, wo du hin wolltest. Du kannst jetzt eigentlich nicht mal zurück in den netten kleinen Ort, weil du a) wohl kaum nochmal durch diese Transithölle auf Rückfahrkarte wollen kannst und b) bevorzugt einmal, weil du keinen müden Cent mehr parat hast, um im Bus überhaupt zurück- oder irgendwohin zu kommen. Bei dem Starkregen 25km laufen eher unwahrscheinlich, die Verkehrsgesellschaft wird dir aber wohl auch kaum eine Freifahrt schenken. Doch! Ich will es versuchen...

    Wo bin ich aber hier? Keine Busse weit und breit, keine Haltestellen, das vorhin war nur ein Abwurf, da fährt aber nichts...wie ein Häufchen Elend auf Beinen, ein resigniertes Bündel Elend tapse ich durch die Ruderal-Landschaften zwischen Mondgebiet und Brache. Devastated Soul! Nicht, weil das bekackte Portemonnaie sich Gott weiß wo befindet jetzt, sondern weil ich mich angesteckt habe inmitten all des Elends und krank und beschädigt durch die Gegend stapfe wie ein Zombie. Ich weiß nicht, was ich denken soll, ich weiß auch nicht, wo hier irgendwo ein Bus fährt.

    Dann aber doch der böse Gedanke: du bist jetzt fast eine Stunde lang gefahren, hin zu diesem gottverlassenen Ort, um hier zu stranden, dein Portemonnaie hier zu verlieren, wie ein Depp im Transitort zu verharren, dir dort die Krankheit Elend einzufangen, wie ein Irrer erratisch die Brachen zu durchstreifen. Also nur durch die Gegend gefahren und nicht von der Stelle gekommen, um dein Portemonnaie und, schlimmer noch, all deine Hoffnung (nur auf was eigentlich?) zu verlieren.

    Als ich endlich den erbärmlichen Busbahnhof finde, der der finstersten Dystopie entsprungen sein könnte, steige ich in einen anderen Bus der Linie 25, die nach einigen Minuten eintrifft und erkläre dem Fahrer, dass ich meine Geldbörse verloren und deshalb...''KOMM, raus mit Dir, aber ganz schnell! DA...!''...schreit er mich fingerweisend zur Ausgangstür an. Ich wirke also anscheindend tatsächlich wie ein elender Schnorrer, der sich auf Masche eine Freifahrt erschleichen will. Wieviel gemeiner kann man sich noch fühlen? Der Transit hat mich schon todkrank gemacht...ich winke noch in Richtung des Fahrers mit irrwitziger ostentativer Energie meines Armes mehrfach ab, dann aber fällt mir auf, wie unangemessen meinen sonstigen Gewohnheiten und fast schon wieder asozial-aggressiv diese Geste wirkt. Etwas, das Rache für eine Schmähung sein soll, aber nur erbärmlich wirkt. Stell Dir vor, du lebtest ständig so! Da ist man jetzt von einem Moment auf den anderen runtergedimmt auf den Modus ''Schnorrer'' oder ''Bettler'' und das nur, weil man sein bescheuertes Geld und den Ausweis verloren hat. Das Pennergefühl stellt sich bei Ablehnung durch Dritte direkt und unvermittelt ein und mit selbigem geht es dann in Richtung der nächsten Station dieser Hölle.

    Ich taumele in das Kundencenter des zuständigen Verkehrsbetriebes. Wieder die gleiche Nummer, die ich runterspule: ''Portemonnaie im Bus verloren, funken Sie bitte mal den Fahrer der Linie 25, die um 10.31 in C. gestartet ist, an.'' Weil man sich in dieser Bittsteller-Rolle mal so gar nicht kennt oder sieht, fühlt man sich beim Erzählen für einen kurzen Moment wie der gemeinste Lügner und denkt sich sowas wie: ''Ich würde mir das ja selbst nicht abkaufen!'', darf diesen Gedanken gleich aber unmöglich als Intro zur Problembeschreibung vorausschicken.
    Die Mitarbeiterin jedenfalls schaut mich an, als wolle sie jetzt ganz sicher wirklich ALLES andere lieber tun, als den Fahrer der Linie 25 anzufunken und spielt dagegen tatsächlich lieber auf ihrem Smartphone herum, ohne auf diese Übersprunghandlung für ein nur halb ausgesprochenes Nein zu reflektieren. Ihr ihr zur Seite sitzender älterer Kollege hat diesen routinierten ''Ich kann und will auch nicht helfen''-Blick drauf, der mich sonst nie entmutigen würde, mich heute aber direkt in die wachsweichen Knie zwingt.
    ''Wusstest Du eigentlich, Tanja, dass die 25 jetzt nicht mehr bis O-Dorf fährt.'' ''Echt?? Das wusste ich nicht...krass?!'' ''Nee, die haben sie jetzt wegen der Fremdvergabe umgelegt, die fährt nur noch bis H-Stadt.'' ''WOW, Klaus, du hast es drauf!''...und ich frage mich nicht mal mehr, was dieser Quiz-Dialog und das schmalzige Angrinsen der beiden sogenannten ''Mitarbeiter'' des sogenannten ''Kunden-Services'' mit der Lösung meiner Dreckssituation zu tun haben soll.

    ''Ich muss nach Hause, geben Sie mir einen Fahrschein!'', höre ich mich jetzt dann doch entschieden sagen, als sei ich mein eigener rettender Engel. Die Mitarbeiterin Tanja schaut streng, aber sich ungemütlich fühlend, abwechselnd mich, die Platte des Arbeitstisches und ihren völlig unkooperativen Kollegen an und drückt fortwährend ihren Kuli an und aus. ''Ich habe jetzt kein Geld, brauche aber den Fahrschein. Ich kann das Geld morgen vorbeibringen. Aber geben Sie mir einen Fahrschein, wie soll ich denn sonst nach Hause?''...hinter mir hat sich eine Schlange von immerhin sechs Leuten gebildet. Ich spüre aber: ich ziehe das Ding jetzt durch, die Spannung in der Luft könnte jetzt einen Blitz erzeugen, die beiden Lackaffen am Kundencentertisch wollen mich mitleidlos aussitzen, aber ich bleibe hart, schaue und warte...''Na gut, schreiben Sie hier Ihre Telephonnummer und Adresse auf, ich gebe Ihnen ein Ticket, dann zahlen Sie es morgen.'', spricht diese Tanja noch und ernet misshellige Blicke seitens ihres Kollegen. Mein Elend aber ist aufgehoben, ich setze mich ermattet an die Haltestelle danach, ein signal-lachsrotes Ticket in der Hand. Einmal noch den Transit zurück durch diese elende Hölle, die dich angefasst hat...

    Am nächsten Abend klingelt es an meiner Tür, es ist der Busfahrer der Ursprungsfahrt zum Transitort, sozusagen in Zivil. Er fuchtelt wort- und grußlos an seiner vorderen Hosentasche herum und ich denke schon, er zieht jetzt eine Pistole hervor (nur warum?). Aber tatsächlich streckt er mir dann freundlich lächelnd mein Portemonnaie entgegen mit dem gesamten Geld noch darinnen befindlich. Ich drücke ihm ohne viel Federlesens 30 Euro in die Hand aus Dankbarkeit, eine Geste ohne jede Grandezza oder Überheblichkeit, eher im fast wahnsinnigen Überschwang des Erleichterten. ''Ich nehme das gerne.'', sagt der Fahrer (der jetzt überhaupt nicht wie ein Fahrer wirkt) unendlich lieb und im stillschweigenden Einverständnis derer, die mit dem System in dem wir mehr oder weniger wirken und leben und vegetieren, nicht eines Geistes sind, verabschieden wir uns voneinander.

    Plötzlich fällt all die Abscheulichkeit endgültig von mir ab...schämen sollte ich mich dafür, dass ich, als ich am Vortag im Kundencenter den Begriff ''fremdvergebene Fahrlinie'' hörte, noch dachte: ''Na toll, da sitzt dann so ein unterbezahlter Fahrer am Steuer, der das Geld dann natürlich gut gebrauchen kann und wer will es ihm verdenken?'' Und dann kommt der unterbezahlte Fremdvergabe-Fahrer nach Feierabend zu mir, um mir den ganzen Plunder wiederzugeben. Ein Sieg der Mitmenschlichkeit.

    Aber fahren Sie bitte nicht dortHIN, und schon gar nicht bei Regen.

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  • Es geht Dir gut! Nun kauf mir das ab und ergötze Dich endlich am Elend der Anderen!

    Eigentlich ist es einfach: das Leben in der neoliberal befreiten Gesellschaft fordert von mir nur ein, dass ich mich durchschlage. Wie ist ja eigentlich ganz egal. Hauptsache, durchkommen. Ich kann mich entweder prekär durchschlagen und nicht jammern oder ich kann mich dem egalen Gesetz des Marktes überlassen: ''Laissez faire und wer dann jedoch unter die Räder kommt, ist selbst schuld!'' oder ich kann Verbrecher werden oder im Bankenwesen arbeiten (wobei das alles eins ist, klar. Wirtschaft und Verbrechen.). Ich kann zum Jobcenter gehen und mich auf ALG 2 durchschlagen und Arbeitseifer dokumentieren und imitieren, indem ich mich als Phantom-Employee auf Phantomjobs bewerbe, indem wiederum ich eine Phantombewerbung schreibe. Man kann das schaffen, glauben Sie es mir.

    Oder ich kann mich hinsetzen und schreiben gegen das System. Das ist immerhin dann ganz artig, wenn man auch lebt, was man schreibt. Ein gewisses Maß an Authentizität sollte zugerechnet werden können und so schriebe ich hier nicht immer wieder gg das neoliberale Zeitalter an, wenn ich es nicht zutiefst ablehnte mitsamt all seinen entertaining Gadgets, seiner App-Obsession und überhaupt dem digitalem Hyperoptimismus, der ja derzeit massiv in die Krise kommt. Ich komme da immer schon ganz gut raus aus der eigenen Komfortzone, weil ich nie richtig drin war, was all diese Dinge betrifft. Insofern habe ich leicht reden, lebe aber schwer.

    Wobei die aufgeführten Dinge ja eher Distraktoren sind von der Schäbigkeit der schnöden neoliberalen Arbeitswelt, dem Code, nach dem all das und letztlich ''wir'' (es bedarf wie so oft in höhergriffigen Texten der Konstruktion eines passiven Generalkollektives ''wir'') ausgerichtet werden und uns ab-lenken lassen. Der Code hinter der modernen Lebenswelt ist die Funktionalität und der unzögerliche Systemerhalt: don't be evil und erhalte das System. Rede Dir ein, dass noch der irrwitzigste Nachteil, den du billigend in Kauf nimmst, dir irgendwo doch zum Vorteil gereichen wird. Beute dich aus, verkaufe deine Arbeitskraft billigst, mach dich zum Affen: egal! Bottomline: passt schon, alles wird gut. Immer schön den Optimismus rephrasieren, den man uns ins Gehirn geschneidert hat, der Code: work out your own salvation! 'Du bist dein eigenes Projekt, du bist der Agent deiner eigenen Selbstverwirklichung im System' (dabei verwirklicht man in Wahrheit allein das System, sich selbst dagegen verliert man vollständig, aber diese Erkenntnis darf der Code nicht explizit machen). Das Individuum wird zerschossen und zerschießt sich selbst, die neoliberale Agenda dagegen wird erfüllt: alles ist egal, Hauptsache, du generierst Profit.

    Generell superwichtig zur Affirmation des neoliberalen Codes ist natürlich die totale Konsumentenhaltung, also das Gefühl, alles kaufen zu können, sogar die eigene Überzeugung und Ablasskäufe, die psychohygienisch wirken: vegan, bio, fair trade, handy-craft. Hauptsache auch hier: ich kaufe! die Alternative ein, ich kann sie konsumieren. Die Totalität des Konsumes beinhaltet zugleich eine Konsumentenhaltung gegenüber der ''Realität'', die man nach allgemeinem Konsens ja nicht mehr ändern kann (daher beirrt den Menschen des 21. Jahrhunderts auch politische Agitation wie sie radikalpolitischen Gruppierungen zu eigen ist). ''Realität'' wird abgekauft, ''neoliberale Realität'', der Code hinter unserem Denken, wird adaptiert und integriert: wir können es nicht ändern, also gilt das Modell der maximalen Adaption an das System: eins werden mit ihm, Mimese und Mimikry, aussehen, spüren und fühlen, wie die Welt, in der man nun einmal zu leben scheint: ''das ist halt die Realität.'' Also abkaufen und anpassen: Marktlogik ist das codierende Mem des 21. Jahrhunderts. Die ist so internalisiert, die bekommst du noch durch die linkeste Revolution nicht mehr aus deinen Hirnsynapsen. Wo die Effizienz gesiegt und alles bewiesen hast, brauchst du keinen Gott mehr, an den man anstrengenderweise auch noch glauben muss, ohne dass er wirkt. Der Markt dagegen wirkt, du brauchst nicht einmal an ihn zu glauben, er wirkt durch dich hindurch und über dich hinweg. Du bist der Agent seiner profitorientierten Logik, du redest dir ein, dass du irgendwie einen Unterschied machst in deiner Bürowabe, vor deinem Monitor, dass dein kleines Bisschen Selbstverwirklichung im System dich selbst verwirklicht.

    Wie es aussieht, wenn man im System draußen ist, das präsentiert das System unverhohlen selbst, Tag für Tag, da es all den Auswurf, the neoliberal scum and the outcast underachievers für seine systeminternen Hygienehaushalt braucht: sieh sie also nur an, all die Verlierer, die Prekären, die Billiglöhnerlumpenarbeiter, oder gleich die Joblosen, die Bocklosen, die Drifter, die Hartzer, auf die es sich so herrlich schimpfen lässt, wenn du Arbeitender bist und kannst ungestraft auf die Hartz IV-Empfänger schimpfen, weil der bundesrepublikanische Konsens-Chor dir schon recht geben wird. Schau sie an, die im Sommer in U-Bahnen nach warmen Eiter stinkenden Obdachlosen, die auch noch die Frechheit haben, dich anzupumpen, höre die Chöre junger Eltern-alimentierter Studenten in der Bahn, die die Obdachlosen anranzen: ''Geh einfach arbeiten, Du Penner!''
    Der sogenannte Penner aber kann nicht anders, als die Systemgewinner und Performer mit der eigenen Mülligkeit und mit dem Ruch der elenden Erfolglosigkeit zu konfrontieren. Er ist das wandelnde und anrüchige Abbild der großen Lüge des Systems: it didn't trickle down on ME!!

    Die Denunziation und Stigmatisierung der Untüchtigen oder untüchtig gemachten durch die Performer ist ein perfektes Agens für das System: es muss die Kranken, Ausgebrannten, Untüchtigen, Unaufgearbeiteten, die trash people dieser paradiesisch-parasitären Gesellschaftsform gar nicht erst verstecken, im Gegenteil: lass die freak show nur auf die ProfitPerformer treffen. Der ProfitPerformer wird sich hüten, je in den Bereich der Unberührbaren hineinrutschen zu wollen und umso härter arbeiten und Profit generieren. Work out your own salvation. Jeder Gott und jede Moral sind abhanden erklärt, da hilft nur das Erarbeiten des eigenen Heiles, das nicht einmal Seelenheil ist, sondern allein physisches Durchkommen bedeutet. Die nackte Not und der Hunger bleiben den Parias vorbehalten. Als prekärer Performer wirst du immer wieder an diesen Bereichen kratzen, aber dein Wille zur Arbeit hält dich so gerade im System. Aber der prekäre Performer sitzt im System an der Verschleißstelle, dort wo die Naht ständig zu reißen droht. Systemisches Glück fühlt sich anders an.

    Ich habe mein Uneinverständnis mit dem Code erklärt, schon mehr als einmal zu oft. Man kann Ameisenhirnen nicht das Arbeiten im falschen System austreiben, indem man einen Text schreibt, der komplexere Intelligenzmuster erfordert, als sie ein simples Unterschlundganglion generieren kann. Mir dient dieses Schreiben als Ertüchtigung, die einzig Sinn macht: bleibe bewusst. Gib dich nicht dem Wahnsinn hin, den sie ''Realität'' nennen, ''alternativlos''. Niemals klingen wie ein Student, wenn er beim lautsprecherischen Großreden in den Öffentlichen Nahverkehrsmitteln klingt wie ein PR-Berater der Deutschen Wirtschaftslobby auf der Bundespressekonferenz: niemals so denken, niemals so sprechen. Niemals dich selber sagen hören: ''Man kann es aber nicht ändern. Und was willst du dagegen tun?''

    Sie sind ja Kollaborateure dieser Realität, von der sie sagen, dass man ''es'' nicht ändern könne, dass man ''dagegen'' nichts tun könne. Dass es keine Abhilfe gibt, wollen sie wissen, dass es keinen Ausweg gibt, sie fürchten einen Ausweg, denn sie fürchten den Verlust der comfort zone, sie fürchten das Wegbrechen der ihnen vorgesetzten Denkschablone der Realität des Codes, und was wäre ihre Antwort auf die Frage nach dem Sinn, wenn sie nicht ihr permanent zu rephrasierendes Statement parat hätten: ''Keine Ahnung.'' Hauptsache, weitermachen, kaufen, Realität abkaufen und vorproduziert vorfinden, nicht reflektieren, nicht systemkritisch sein, nicht konsumkritisch sein (wer ein Produkt kritisiert, konsumiert aus ihrer Weltsicht heraus nur falsch, er darf aber unmöglich und in letzter Instanz das Kaufen selbst kritisieren wollen). Hauptsache, eine Million ungenutzter Apps auf dem Smartphone haben in der ''Share it with your friends''-Welt, Hauptsache, bright colors of the 21. century aufsaugen und immer wieder semi-melancholisch und um Einverständnis buhlend, feststellen, wie gut wir es hier zB in Deutschland doch haben (einmal mehr: der Mythos vom gutgehenden Deutschen, diese Ratte!) und sich in den Armen liegen vor artifizieller Freude über den Heimvorteil auf der Insel der Seligen (oder der selig Schlafenden), an deren Hohe Pforten es schon von draußen wild trommelt und drängelt und schreit und bricht, und was da so an diesem Tor zu unserem Paradies, darin wir betäubt vom Konsum und der mühselig wegignorierten Tatsache unserer konstanten Überwachung durch den Staat liegen, trommelt und lärmt, DAS ist mal die Realität der vermüllten Menschen, der Abgeschobenen und Weggepferchten, der Wegignorierten und Markenprodukt-Produzierenden, die aber selbst wie Scheiße leben, das sind die Penner, denen wir nicht mehr einfach zurufen können, sie sollten doch arbeiten gehen, das sind die Penner, die uns keine Obdachlosenzeitung verkaufen wollen, sondern die hier klopfen und brechen und herbeistürmen aus Kontinenten und Landstrichen, die wir dunkel geschossen haben auf unserer Suche nach den Stoffen, die das Paradies bereiten und die wir ihnen dann geraubt haben und sie zu Sklaven machten: diese wandernden Sklaven wollen rein in unsere imperiale comfort zone und es wird ziehen und sie werden die Tür nicht schließen wollen und man kann es ihnen nicht verdenken, es sei denn, man bleibt ein Unmensch.

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  • Du bist der Selektor...über den finsteren Zusammenhang zwischen neoliberal befreiter Gesellschaft und der totalen Überwachung I

    Es klingt natürlich wunderbar: einmal Selektor sein: ja, das klingt so schön aktiv: jemand, der wählen darf, auswählen darf, klingt fast nach optimaler Konsumoption. Leider aber ist der Begriff des ''Selektors'' im Geheimdienstmetier derjenige eines komplett passiven Erleiders, der eher selektiert WIRD, nämlich freigegeben zur Beobachtung durch die Schergen des Geheimdienstes. Selektor sind Sie persönlich also zB schon, lieber Leser, wenn der BND Sie aufgrund seltsamer Suchanfragen bei Google oder auffälligen Mails an seltsame Organisationen ausfindig gemacht und Sie direkt auf die Liste gesetzt hat: ab da werden Sie überwacht. Jeglicher, aber auch wirklich: jeglicher! Ihrer digitalen Schritte ab diesem Zeitpunkt kann dann verfolgt und nachvollzogen werden und das ist wahrscheinlich nach Logik des Geheimdienstes auch gut so.
    Kann auch sein jetzt, dass zB unser raumgewinner-Autor schon Selektor ist, Sie in Ihrer Funktion als Leser wiederum schreiben dem Autoren eine Mail und, zack, schon sind Sie selbst Selektor geworden (ok, falls es Sie tröstet: Ihre Email-Adresse oder Ihre Handy-Nr. ist Selektor geworden) , obwohl Sie nichts anderes tun, als hier und da diesen systemkritischen Blog zu lesen bzw vielleicht auch nur, ich will es Ihnen nicht verdenken, nur anzuklicken. Dem Geheimdienst sind feinere Details bei sowas ziemlich egal, es gilt der steinalte Grundsatz des groben Kammes, über den geschoren wird: die Nähe bedingt den Verdacht.

    Die Überwachung ist für die meisten Menschen kein Problem mehr, da sie sich selbst willfährig überwachen lassen. Diese Feststellung ist kein trendiges Narrativ, sondern schlichtweg Fakt: schauen Sie sich mal um in der Welt. Alles, was im Digitalen geschieht, wird überwacht und nachvollzogen, aber das ist irgendwie egal, denn das Internet: it's a fun thing! Da schert man sich über korrumpierende Kollateralkonditionen wie Überwachung und informationelle Hegemonie über den Datenverkehr durch die Provider nicht allzu sehr. Den meisten Menschen ist das Thema auch zu anstrengend, abstrakt und unverständlich: da kann es dann schon automatisch so schlimm nicht alles sein. Am Ende nutzt es wahrscheinlich der deutschen Staatssicherheit, oh pardon, der Sicherheit des deutschen Staates bzw seiner Bevölkerung, wer also wollte da schon ernsthaft auf den BND schimpfen und wo doch jetzt auch wieder Terroristen in Hessen ein Radrennen in die Luft sprengen wollten...bla bla bla...der gemeine Deutsche will da schnell wieder glauben, dass eventuell wohl doch schon alles ganz richtig so läuft, wie es eben läuft und dass Überwachung not tut. (siehe dazu auch Verlinkung auf ''Kontrolle, Ordnung, Sicherheit'' am Ende dieses Textes).

    Die FAZ findet ohnehin die Überwachung überhaupt nicht schlimm (und findet einen nützlich-nerdigen Idioten aus dem Business, uns dies auch glauben zu machen). Das Sturmgeschützblatt des deutschen konservativen Quietismus, in dem alles, was geschieht in Deutschland, schon ganz gut so ist, solange es von einer konservativen Regierung stammt und der Profitwirtschaft und den oberen Zehntausend dient, lässt Sandro Gaycken als ihrem nützlichen Idioten den Deutschen die Schlafmütze aufsetzen (wobei es unklar ist, wer dem einstmals doch kritischen Gaycken hier das Gehirn gewaschen hat, letztlich wahrscheinlich sein neuer Job als Berater der Bundesregierung in Sachen Cyber-Warfare). Solcherlei jeglichen Unmut sedierende Artikel lesen sich dann so und es wird, höchstwahrscheinlich ironiefrei, sogar Lenin zitiert und ansonsten brav im Sinne der Wahrung der deutschen Wirtschaftsinteressen argumentiert:

    http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/bnd-affaere-spionage-unter-freunden-kein-grund-zur-aufregung-13564435.html

    (Übrigens mal: was die ''Spionage unter Freunden'' betrifft, Herr Gaycken, welche Sie für kein Problem halten: denken Sie da doch bitte mal allein über die Widersinnigkeit dieser Phrase nach. Wenn Sie die FAZ allerdings trollen wollten, nehme ich alles zurück, befürchte aber, dass ihr Artikel nicht als Realsatire verstanden werden wollte.)

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    Einen kritischen Beitrag zu schreiben über die Überwachung von Bürgern und Firmen durch den BND erfordert weniger Mut als vielmehr einen gezielten Tritt in den faulen Hintern der eigenen Sperrigkeit und Indifferenz, das man sich also klar macht: was passiert da eigentlich in dieser neoliberal befreiten Republik? Eine Kritik des Überwachungssystemes, in dem die amoklaufenden Nachrichtendienste (und die Regierung, auch wenn die sich unwissend gibt) entgegen jedem Anspruch auf grundgesetzliche verankerte Freiheitsrechte Bürger auf Verdacht zu Selektoren erklären und diese ausspionieren läuft immer auch auf eine Kritik der westlichen Lebenswelt und eine Kritik am Begriff der ''Demokratie'' bzw der demokratischen Idee hinaus: wenn das Überwachen und Bespitzeln des eigenen Bürgers auf bloßen Verdacht hin zur Demokratie dazugehört, wie weit ist es dann wirklich her mit einer Demokratie als ''Herrschaft des Volkes'' oder ist sie dann nicht viel eher eine korrumpierende Herrschaft ÜBER das Volk? (die Frage entpuppt sich zunehmend ohnehin als komplett rhetorisch).

    Die Krankheit frisst sich dann ausgehend von der Akribie der Nachrichten- und Geheimdienste wie eine Seuche automatisch in das ganze organische Gefüge einer vermeintlichen ''Volksherrschaft'' ein: die demokratische Idee bzw das, was in neoliberal befreiten Zeiten davon übriggeblieben ist, wird endgültig ausgehöhlt. Wenn der BND zudem vorauseilend bis übererfüllend unter so schönklingenden Programmtiteln wie ''Echelon'' und ''Eikonal'' seinem amerikanischen Vorbild NSA Daten zuliefert nach dem Motto ''Wir schauen mal, ob ihr mit diesen Daten, die wir unaufgefordert für euch von deutschen Selektoren eingeholt haben, nicht etwas anfangen könnt.'', steht zudem die Souveränität der bundesdeutschen Republik gleich mit auf dem Spiel (for what it's worth). Letztlich wäre also die käsehaubendunstige BRD, wie es ein Kommentator neulich irgendwo schon ganz richtig schrieb, auch nur ein erbärmlicher Vasall der Belange imperialer Interessen wie einst die DDR nur trauriger Vasall und Exekutor sowjetisch-imperialer Machtgelüste war. Wenn die bundesdeutsche Regierung dies nun aber gar nicht so sähe, jedoch ihre BND-Wachhunde nicht ordentlich in Zaum halten und kontrollieren kann: au weia, umso schlimmer. Was sagt wiederum das über die ''Regierung'' aus? Noch anders gewendet: wer ''regiert'' dann diese Republik?

    Es ist alles dies aber auch die Folge eines resignativen Politikverständnisses, dass der Politik keine Handlungsspielräume mehr gelassen hat und lassen wollte. Seit den späten 1970-er Jahren und mit Gewalt dann nach dem Zerfall des Sowjetimperiums und der anschließenden Abwicklung der maroden sozialistischen Rest-Regierungen der Welt ab 1990, haben die PR-Lobbys und die Wirtschaft die gestaltende Macht übernommen. Politik als Herrschaft des Bürgers über eine funktionierenden Staat bekam plötzlich per Dekret der neoliberal imperialen angelsächsischen Siegermächte den Ruch der Ineffizienz angelastet. Politik als Gestaltungsmacht und Regulator nervte plötzlich. Neues Konzept: Lass das mal die Wirtschaft regeln und zwar ohne jede Einschränkung. Die gestaltende Politik als Nachtwächter. Dass dazu die Politik sich zunächst selbst entmächtigen musste, lag in der Absurdität dieses Zeitgeistes begründet: war zB, (um den Blick wieder nach Deutschland zu wenden) die SPD zu nationalsozialistischen Zeiten noch die einzige Partei, die sich gegen Hitlers Ermächtigungsgesetz vom 24.3.1933 stemmte, so war sie fast exakt 70 Jahre danach, am 14.3. 2003 zugleich die Partei, die sich und die gesamte demokratische Politik selbst ENT-mächtigte und zwar durch Vorlage des Beschlusses der sogenannten Agenda 2010, die aufgefasst werden durfte als offizielle Implementation der Hegemonie einer neoliberal verstandenen Ökonomie über die klassische Gestaltungspolitik. Auch wenn man unter der testosteron-sprühenden Vorlage des (den Geist des Thatcherismus und der ''Reagonomics'' atmenden) Schröder-Blair-Papieres meinte, hiermit Politik überhaupt erst unglaublich maskulin-sexy und effizient zu machen: das Gegenteil war der Fall. Die Politik entschied sich für die Selbstentmachtung, wenn sogar Politiker selbst den wahren Motor benannten wie zB Bill Clinton 1992: ''It's the economy, stupid!!''

    Diese Vorüberlegungen sind nötig, um zu verstehen, warum sich Regierungspolitik anno 2015 schön dumm stellen kann und vorgibt, nicht zu wissen, was die Geheimdienste so treiben. Eine Politik, die sich nur noch als Verwalterin vorwiegend profitgesteuerter Sachinteressen und moderierend-verwaltende Institution versteht (wie es der Stil der handyüberwachten Kanzlerin ist, die Verwaltung von Politik zum bloßen Verweis auf die Irgendwie-Noch-Vorhandenheit von ''klassischer Politik'' zu machen: im Kanzleramt brennt noch Licht.), selbst aber keine Gestaltungsmacht mehr hat, verkommt zum Platzhalter und bloßen Symbol, womöglich gar schlimmer: zum Simulator von Politik. Noch schlimmer als das Nicht-Vorhandensein von kontrollierenden Kräften ist nämlich die Simulation, kontrollierende Kraft zu sein. Exakt diese Gestaltungsohnmacht der Politik nutzen eben jetzt auch vermehrt die Geheimdienste als Schergen einer finsteren Agenda, um ihre Interessen zu wahren.

    ''Demokratie'' jedenfalls bedeutet hier schon lange nichts mehr; auf der einen Seite krempeln Profiteure eine ganze Weltgesellschaft nach ihren Vorstellungen um, derweil ''die Politik'' sie willfährig (bis sogar dies willkommend heißend) gewähren lässt, auf der anderen Seite mutieren Geheimdienste zum Staat im Staate und versuchen, die Macht an sich zu reißen (auch dies im übrigen eine notorische Versuchung, fast ein Automatismus sämtlicher solcher ''Dienste'', in ihrer Machtverblendung jedwedes politische System, dem sie ''dienen'', letzlich selbst überwachen und lenken zu wollen).

    Vergessen sei bei alle dem aber ganz sicher nicht der Bürger in der '' digitalen Demokratie'', bzw neoliberal-imperial rephrasiert: der Verbraucher, der Konsument. Dieser Zielgröße und dem Projekt seiner Selbstdressur hin zum perfekt apolitischen Konsumenten werden wir bereits in den allernächsten Tagen einen weiteren Eintrag widmen, also...

    ...nächstens mehr...

    Falls Sie nicht gar so lange warten möchten, hier nochmal ein Re-Read zum Thema:

    http://raumgewinner.blog.de/2013/07/12/kontrolle-ordnung-sicherheit-konditionen-lebens-21-jahrhundert-16232158/

  • Das neoliberal befreite Ich wagt einen freien Gedanken und kommt auf ''Das bedingungslose Grundeinkommen'' als Beförderer der Humanität (Utopische Reserven I)

    ''Ist doch auch so! Jeder muss sehen, wo er/sie bleibt, ich muss auch arbeiten, meine Knochen hinhalten, um durchzukommen, da kann ich nicht andere durchfüttern. Jeder muss zusehen, dass er ans Arbeiten kommt! Man muss doch sehen, wo man bleibt.''

    Otto ''Pegida'' Normalverbraucher zur Idee, das jemand gar wollen könne, nicht arbeiten gehen zu müssen

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    ''Compare the best of their days, with the worst of your days
    you won't win: with your standards so high and your spirits so low...
    So: just do your best and oh, don't worry, oh,
    the way you hang yourself is all so unfair...''

    Morrissey, Do your best and don't worry

    Die Dekadenzform des Süßen ist ja bekanntlich die Klebrigkeit und so kleben wir wie Fliegen im Fliegenleim am süßen Kitt der neoliberal flurbereinigten Welt. Hätten sich die Vordenker der marktwirtschaftlich ''befreiten'' Welt des frühen 20. Jahrhunderts ab ca. 1920ff ihren idealen Modellkonsumenten vorstellen oder beschreiben sollen, sie wären hoch entzückt, den Modellkonsumenten und -marktteilnehmer des Jahres 2015 kennenzulernen: den perfekten glücklich konsumierenden Idioten, der sich als souveräner ''kritischer Konsument'' wähnen darf, um ein perfide austariertes System der Anhäufung und der Profitgier zu erhalten. Dieser idiotische Modellkonsument oder modellierte Idiotenkonsument entspricht in seinen Grundeigenschaften dem Menschenbild der Vordenker der entfesselten Marktwirtschaft: ein dem Naturrecht überantwortetes Individuum, das zuzusehen hat, wo es bleibt.

    Nun wird mancher sagen, wie oben aufgeführt: ''Ist doch auch so! Jeder muss sehen, wo er/sie bleibt, ich muss auch arbeiten, meine Knochen hinhalten, um durchzukommen, da kann ich nicht andere durchfüttern. Jeder muss zusehen, dass er ans Arbeiten kommt! Man muss doch sehen, wo man bleibt.''

    Sehen Sie, lieber Leser, diese allzu leicht zustimmungsfähige Aussage ist exakt die scheunentorweit geöffnete Hintertür, durch die das Naturrecht in die Ideologie der intellektuellen Befürworter der totalen Marktwirtschaft eindringt und das Thomas Hobbes'sche Diktum ''Jeder Mensch ist seinem Mitmenschen ein Wolf'' zum munteren Motto der ganzen Veranstaltung ''Kapitalismus entfesselt'' gemacht wird. Da gelangt man schnell an die Grenzen der Menschlichkeit der Marktwirtschaft, die mit Menschlichkeit und einem wohlwollenden Menschenbild nichts zu tun hat, da erweist sich der Zivilisationsgrad und das Maß der Fortschrittlichkeit des Denkens der Marktwirtschaft: es ist in Bezug auf das Menschenbild nicht fortschrittlich, sondern degenerativ: der Mensch wird per definitionem zum Naturwesen erklärt, das kämpfen und sich schinden muss, es kann kein Mitleid erwarten. Der Markt entspricht dabei der Natur: es geht hier so zu, wie es nun mal zugeht, man kann und will das alles nicht ändern und wer nicht arbeitet, der wird zugrunde gehen...wer nicht mehr zahlen kann, wer nicht mehr essen kann, der hoffe nicht auf die Hilfe anderer: der hat zu krepieren oder massiv abzusteigen. Der Markt ist die Natur! Keinen Schritt darüber hinaus in Sachen Mitmenschlichkeit möchte das System machen.

    Dabei wird das neoliberal ''befreite'' Individuum, das in Wahrheit im rauhen kalten Wind der Marktwirtschaft um seine Existenz zu kämpfen hat (wobei ''Freiheit'' hier ohnehin immer: ''Recht des Stärkeren, wirtschaftlich Vermögenderen'' bedeutet) dressiert und geschliffen, um schon früh zu verinnerlichen, was Scheitern und Hängenbleiben im System bedeuten. Wo die Ansprüche hoch sind, jedoch der Ehrgeiz und jeder Ansporn dagegen nur gering (um mal den Tenor des oben zitierten Morrissey-Songs aufzunehmen), da wirds schwer mit dem heiligen Erfolg und im Vergleich zu den glitzernden Anderen, den idealen Konsumenten, den ''perfect achievers''', den VIP-Halbgöttern, steht der prekäre Unterambitionierte schnell nicht nur da wie der komplette Systemverlierer, sondern wie etwas, das abgeschafft, zumindest aber an den Stadtrand beseitigt gehört. ''Vergleich doch mal bitte dich an einem schlechten Tag mit IHNEN, wenn sie einen guten Tag haben (also eigentlich immer, denn sie sind ja Gewinner!) : das kannst du knicken! DU schaffst das nicht. Und wie du dich jetzt hängen lässt, das ist echt nicht fair: gib jetzt endlich dein Bestes und mach Dir keinen Kopf darüber, wie es anders oder besser sein könnte, das sind ohnehin alles nur Blütenträume, Du ruminierender Spinner! Wir müssen das System erhalten. Keiner kann und wird dich am Ende durchfüttern.''

    Und so schleppt sich das neoliberal befreite Selbst, das ja auch kaufen und zugewinnen will, um mitspielen und mitreden zu können, irgendwohin und beutet sich selbst fortwährend gegen seine Interessen und besseres Wissen aus. Es weiß gar nicht wirklich warum, es fragt sich auch nicht weiter, warum es sich ausbeuten lässt und wer es eigentlich ausbeutet, wer es überhaupt hierhin getrieben hat. Es spürt nur dumpf wie eine Ameise, das es eben muss, weil es sonst hängen bleibt. (Es bleibt aber so oder so hängen!)
    So kann sich das neoliberal befreite Selbst zumindest in seiner Überforderung noch mit der eigenen Überforderung als Auszeichung dekorieren. Die Überforderung wird dann nicht als Problem erkannt, sondern erzwungenermaßen zum lohnenden Opfer für und im Sinne des ertüchtigenden Systems erklärt und in diesem Sinne an Dritte kommuniziert (was weiterhin das System konfirmiert) : man ist zwar komplett überfordert, nur ist das wahrscheinlich auch gut so. Der Anschein macht was her, so kann einem später keiner vorwerfen, man würde etwa eventuell ''nichts tun''. Der Anschein des Arbeitens am absoluten Limit hat etwas System-Authentisches. Das eigene Leistungsethos brizzelt vor Vergnügen: auch die totalitäre Marktwirtschaft kennt ihren ''Helden der Arbeit''.

    Im Hintergrund lachen die ThinkTank-Intellektuellen der marktwirtschaftlichen Naturrechtes zu alledem ihr gebleachtes Gewinnerlächeln. Lachen darüber, was für einen Scheiß sie der Politik in den letzten Jahrzehnten zur Realisation angedreht haben und wie gut das funktioniert hat. Jeder denkt jetzt in Euro und Dollar und Yuan. Jeder denkt jetzt allein noch in marktwirtschaftlichen Kategorien, denn alles ist möglich und der Absturz lauert an jeder Ecke. Nicht, dass die am Ende alle noch ins Nachdenken kommen.
    Die exekutierende Politik hat man nachhaltig gut verarscht: ''Hartz IV, um mal in Deutschland zu bleiben, ist das Perpetuum mobile zum andauernden Heranschleusen prekärer und billiger Ausbeutungskräfte, die jeden Scheiß machen müssen. Wenn die sich ausruhen zu müssen meinen, soll der Staat das arbeitsscheue Pack zwei, drei Monate bezahlen, wenn sie wieder frisch sind, dann schnell wieder hinein mit den ''explorable Human Ressources'' ins Amazon-Lager, die ganzen hyperintellektuellen, aber grundnaiven ''mechanical turks'' kommen ins Legehennenzellen-Büro in die Call-Center, PR-und Werbeagenturen und dann skimmen wir deren Kreativität aber mal sowas von ''underpaid'' ab! Dazwischen simuliert ihnen mal die angestrebte Auszahlung eines Mindestlohnes, liebe Exekutivpolitiker. Unsere PR-Lobby wird euch dann schon ein Modell aufzeigen, wie wir diesen Mindestlohn maximal unterlaufen und sabotieren können. Und so mit allem...''

    Was ich gedacht hätte: Fortschritt (übrigens auch der so heiliggesprochene technische Fortschritt) mache sich irgendwann vor allem auch daran fest, dass der Mensch es schafft, nicht mehr der Sklave der Erhaltung der Bedingung seiner Existenz zu bleiben, sprich: nicht arbeiten zu MÜSSEN, um zu essen. Dass es jedem frei steht, ob er arbeiten gehen mag oder nicht. Dass man ihn aber auch zur Arbeit ''zwingen'' kann, dass man ihn zur Kompensation für diesen Zwang dann aber konsequent gut! bezahlt. Dass der Staat den Bürger aber da, wo er nicht arbeiten mag, auch bezahlt (wenn auch weniger gut). Ich spreche von einer Grundsicherung durch den Staat, die dem Menschen die Würde schenkt und ein Leben, das diesen Namen auch verdient, in dem nicht der Großteil seiner Lebensenergie aufgezehrt wird durch das Abrackern für die gemietete Behausung und den Erwerb von Lebensmitteln. Fortschritt wäre es, wenn wir nicht mehr uns selbst überlassen wären, nur weil wir nicht arbeiten wollen oder nicht so hart oder weil wir weniger arbeiten wollen: Fortschritt wäre eine Grundsicherung der Existenzbedingung. Wahrer Fortschritt bedeutet, über den Naturzustand hinauszukommen.

    Der neoliberale Fortschritt dagegen ist statt an das Menschenbild an die Entwicklung von Geräten und Maschinen gekoppelt: wenn diese immer funktionaler werden, nennt man das Fortschritt. Wenn der Mensch in dieser Marktnatur leidet und knechtet und zum Ding wird, das sich permanent selbst ausverkaufen muss: das nennt man neoliberalen Fortschritt. Dass, wenn ich nicht arbeite, ich verrecke und das keinen schert, weil ich ja nicht gearbeitet habe, es mich also zurecht trifft: das nennt man neoliberalen Fortschritt. Wenn einen der Staat zur billigen Arbeitskraft abstempeln kann, die gefällligst dem kalten marktwirtschaftlichen System ihre warme Lebenskraft zu opfern hat: das nennt man neoliberalen Fortschritt.

    Ich aber nenne Fortschritt das Recht des Menschen auf seinen Grunderhalt unter jeder erdenklichen Bedingung! Den Menschen so weit es geht aus dem Naturzustand zu lösen, nenne ich Fortschritt. Die Zivilisation und die Regierung ist einzig und wahrhaft fortschrittlich, die ihren Bürgern die Existenzangst abnehmen kann. Sie garantiert ihren Bürgern natürlich nicht fortwährenden Zugewinn und Konsum, sondern sie sichert ihm die wichtigste und radikalste Basis für seinen Seelenfrieden: eine unbedingte Grundsicherung, die ihm die ärgsten Nöte des Lebens abnimmt und die seine Subsistenz sichert. Dafür greift sie weder in sein Freiheitsrecht ein, sodass sie ihn nicht zur Ertüchtigung oder zur Simulation von Ertüchtigung zwingt, wie das derzeitige sogenannte ''Sozial''modell, noch erwartet sie dafür eine Kompensation: eine solche Bedingungslosigkeit der Subsistenz hebt das Menschenbild gewaltig.

    Hier hört man die Konservativen und ewigen Betonköpfe aufstöhnen: ''Und das soll Fortschritt sein?! Dann geht nichts mehr voran und keiner geht mehr arbeiten. Soweit kommt es noch, dass die Faulen sich einen schönen Lenz machen!''
    Diese Betonkopf-Stimmen trauen dem Menschen keine Eigeninitiative zu, die unabhängig von Zwang und ''incentive'' erfolgt. Soviel wird überall herumexperimentiert und Kreativität ist der Abgott der Marktwirtschaft des silicon-valley-Kapitalismus, aber den Mut hat man nicht, den Menschen aus der Pflicht zur Arbeit zu entlassen? Und auf die Grundsatzfrage, ob man mit dem Menschenbild überhaupt irgendwohin wollen darf, kann ich nur antworten, dass man unbedingt mit den Menschenbild irgendwohin wollen darf: anders als die Neo-Darwinisten, die der totalen Marktwirtschaft nach dem Munde reden, und die den körperlich und geistig gestählten Idealkonsumenten heranzüchten wollen, will ich lieber vermuten: veredelt den Geist des Menschen, stärkt das Soziale und die Wohlfahrt! Sorgt dafür, dass der Mensch auch ohne Arbeit gut! leben kann. Dies mögen die Blütenträume des humanistischen Idealismus sein, mir bedeuten diese Träume jedenfalls alles!!

    Klar, im Hyperium, wie ich das sich global entfaltende Imperium des marktwirtschaftlich totalitären ''Schneller, Höher, Weiter!!'' auch weiterhin konsequent nennen werde, im Hyperium jedenfalls wird weiterhin von der Profitseite her auf das ''Hyper'' hinzugestrebt: mehr Macht, mehr Ressource, mehr Ausbeutung, mehr Produkt, mehr Wirtschaftsleistung, mehr Technik (die Technik hat der Mehrung des Konsums und des Profites zu dienen, nicht eigentlich dem Menschen selbst), mehr Konsum, mehr Wachstum...

    Das Hyperium stellt ein Imperium der gelebten dynamischen ''Vorwärts!'-Idiotie/Ideologie dar. Es werden dem Menschen keine anderen Ziele mehr vorgeschlagen als wie er es irgendwann schaffen wird können, die perfekten Konsumentscheidungen zu treffen. Das ist das Leben im Jahr 2015, im Zeitalter des Hyperiums, einer hysterischen Gegenwart, die ultradynamische Zukunftsvorstellungen nur simuliert und fortlaufende Gegenwart reproduziert, als schüfe das die Zukunft. Es gibt da keine Benennung wesentlicherer Ziele als die der permanenten Entwicklung von ''gadgets and devices'', so als vollzöge sich mit der Evolution der digitalen Welt automatisch die Fortentwicklung des Menschenbildes.

    Stattdessen werden wir aus Richtung der digitalen Welt fortwährend manipuliert und in unseren Status rekonfiguriert: ''Du bist und bleibst neoliberal zu befreiendes Selbst, du hast zu arbeiten und dich ausbeuten zu lassen, damit du kaufen kannst und damit du etwas, (andere dagegen richtig viel) dazugewinnen können, Du hast zu mehren und anzuhäufen. Schau, wir stellen dir die optimale Technik bereit, weiter zu konsumieren, weiter bewusst zu werden in Bezug auf Produkte, das ist der immerwährende Glanz, der dich dein Leben lang weiterlocken wird, sofern Du nur deinen Beitrag leistest: ertüchtige dich im System, reib Dich auf, häng dich rein, sei nicht unfair, lass dich nicht hängen und häng dich nicht auf. Du sollst brennen, aber wenn du brennst, dann brenn bitte für das System, und bitte brenne nicht aus! Dein Burn-Out nimmt nur das Gesundheitssystem unnötig hart in Anspruch. Dann mach lieber ein projektbezogenes Sabbatical, lass Dich von den anderen neoliberal befreiten Individuen crowdfunden, wenn dich sonst keiner mehr bezahlt oder sonst keiner dir mehr was ermöglicht. Das haut dann zwar auch nur so gerade hin und du wirst betteln müssen, aber das ist nun mal die conditio sine qua non der Welt im Hyperium: schlag Dich auf dem Zahnfleisch durch und lerne es, dieses Sich-Durchschlagen, deine systemimmanente Zähigkeit allen als spannendes Abenteuer zu verkaufen: denn ums Verkaufen geht es ja!''

    Nun, Sie haben verstanden, was ich mitteilen wollte, lieber Leser: es ist ein erbärmliches Menschenbild. Es ist gar kein Bild vom Menschen, beim näheren Hinschauen entpuppt es sich als verpixelte Oberfläche. Das ''Menschenbild'' der totalitären Marktwirtschaft und der politischen Systeme, die dieses in den letzten sieben Jahrzehnten infiltriert hat, ist eine Ideologie der ausschließlichen Marktbefähigung, bei der partizipative Modelle einer Souveranität des Bürgers nur imitiert werden und die Freiheit im Modell nur simulative Option ist. Freiheit heißt in dieser Welt ausschließlich ''Freiheit des Marktes''. In Bezug auf den Menschen dagegen ist sie eine Freiheit ex negativo, kältestes Naturrecht, archaischer Einschnitt in die Moderne, Rückschritt in den common sense des Mittelalters (''Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.''), die Freiheit allein des drohenden Niederganges des neoliberal befreiten Selbsts bei ausbleibender Anstrengung und fehlender Ertüchtigung.

    Erst wenn es der Mensch gelernt hat, sich und seinen Mitmenschen eine existentielle Grundsicherung zu garantieren und zu gönnen, die nicht ausschließlich und unbedingt an die Aufnahme von Arbeit gekoppelt ist, wird er wahrhaft fortschrittlich wirken können. So aber sind wir knechtende Tiere, archaisch um ihren Lebenserhalt kämpfende, in Existenzangst verglühende Kreative, mickrige Spinner, die, während sie groß das Maul aufreißen, von hinten der eiskalte Wind des Abstiegs zugig anweht und denen schon die Wölfe heulen...

    Gönnen Sie mir, gönnen Sie sich, gönnen Sie vor allem aber Ihrem Mitmenschen das Grundrecht auf eine Grundsicherung seiner Existenz, ohne jede Bedingung. Das ist millionfach sozialer als jedes Netzwerk, das ist ein Menschenbild, das hebt die Stimmung, den Geist, den Mut und das Herz in herzlosen Zeiten...

    ...nächstens mehr...

  • Fettige Bücher, die nach Leichen riechen (Aus der Welt der Bücherbarbaren II)

    ''Aber ich kann denselben Gedanken auch viel weitläufiger, wie folgt, vortragen...''

    Jean Paul, Aus der Vorrede zum ''Siebenkäs''

    Entschuldigen Sie bitte, ich wollte noch einmal ÜBER Bücher schreiben.

    Inzwischen gehe ich fest davon aus, dass meine verbliebenenen Leser, die immer mehr werden ('Leser', nicht: 'verbliebene'), , dass also meine Leser Bücherfreunde sein müssen, da sie sich doch sonst die aus- und anmaßenden Bleiwüsten, (seien selbige auch bloße digitale Bleiwüsten-Kulissen), des raumgewinner-Autoren sicher nicht nur nicht gefallen ließen, sondern folgerichtig auch ihn auffordern würden, kürzer über Langgedachtes zu schreiben. Ich rede mir also zwangsläufig bis zwangsneurotisch ein, an mir verwandte Geister zu schreiben, was doch wahrlich nicht das Schlechteste sein kann in Zeiten, da einem alle und alles ekelhaft nah rücken möchten, aber so wenige (zum Glück nicht die Masse der Mitteilenden!) Seelennähe zu erlangen vermögen. Wenn diese Wenigen verständige Leser sind: so will ich sie um mich scharen, gleichwie ich mich um sie scharen will: wir wollen uns schon schweigend verstehen!

    Dennoch weit davon entfernt, länger über Kurzgedachtes zu verfassen, gewinne ich weiter schreibend Raum oder bilde mir vorzüglich ein, dies zu tun, indem ich etwas daher schwadroniere über die Lust, Kilos und Kilometer an Holzpapier zu wälzen und diese dabei notorisch-neurotisch vor jeglichem Verschleiß zu schonen: ich spreche von meiner Bibliophilie.

    Sie erinnern sich: ich bin Bücherliebhaber. Ich spreche weiterhin von echten Büchern aus Papier, die ich anfassen kann, nicht von den digitalen Emporkömmlingen, die man e-books getauft hat, die aber mit einem echten Buch soviel zu tun haben wie Soja-Tofu mit einem Schweinebraten.

    Meine Bücherliehbarbarei (ein schönes Wort, dieser Verschreiber, ich meinte allerdings: Bücherliebhaberei!) bringt es (dennoch?!) mit sich, dass ich hin und wieder nicht der Versuchung widerstehen kann, zB bei ebay auf Buchjagd zu gehen. Das Problem an Büchern aus zweiter (plus x) Hand besteht im bekannten Phänomen ''Wundertüte'': man ersteigert ein gebrauchtes Buch, wichtige Hauptfragen jedoch klären sich in der Regel erst bei Ankunft des Buches in seinem neuen Zuhause: sieht es wirklich so gepflegt aus, wie vom Verkäufer angepriesen? Wie wird es riechen? Ist es überhaupt die Ausgabe, die angepriesen wurde? (wahrlich keine Selbstverständlichkeit, denn es gibt auch unter den Bücherverkäufern Bücherbarbaren, die zu vermuten scheinen, dass der Buchkäufer das Buch ohnehin nur als Schrankdeko nutzen wird, da ist es ja egal, wenn er statt der gewünschten angepriesenen Suhrkamp-Ausgabe eines Buches, selbiges faktisch dann allerdings in einer verstaubten nikotingelben Bertelsmann-Büchergilde-Ausgabe von 1964 nach Hause geliefert bekommt nach dem Motto: ''Text ist Text, wen interessiert das Buch als Körper und Hülle seines Inhaltes?'' Dieses bücherbarbarische Denken hat sich übrigens in die digitale Moderne gerettet: es ist das Denken des e-book-Besitzers: ''Text ist Text, wen interessiert Körper und Hülle seines Inhaltes?'').

    Womit ich bei gebrauchten Büchern, die ich auf dem Second-Hand-Markt erschwang, sei dieser analog oder digital, am meisten hadere, sind die am Buch manifest werdenden Auswüchse der Bücherbarbarei des Vorbesitzers in den leider nicht allzu selten auftretenden Fällen, in den eben der vormalige Besitzer des Buches mehr ein Missbrauchender war als ein Hüter seines Bücherschatzes. Da wird mir dann zB ''Beton'' von Thomas Bernhard geliefert, und ich läse auf dem Titel am liebsten eher ''Nikotin'' statt ''Beton'', da das Buch braungelbstichig ist und zwar durch und durch und es widerlich ''duftet'' nach einem Raucherlesezimmer, in welchem ein Kettenraucher dreißig Jahre lang drauflosgeraucht hat und in welchem zudem ich mir neben den Büchern alles zwangsläufig pipinikotingelb vorstellen muss, natürlich auch die Tapeten, die Gardinen, sein Sitzmöbel, den Raucher, seine Gattin, womöglich alles...das Buch trägt nachgerade eine Haut aus Nikotin, einen ekelhaften nikotinfettigen Firnis, der dem Gewicht des Buches wahrscheinlich um die 25g beisteuert.

    Gerüche sind bei Büchern ohnehin ein Thema. Es besteht ein gewaltiger Unterschied zwischen meinem sakralen Bücherschrein, meinen neugekauften Büchern aus dem klassischen Buchhandel, die hinter Vitrinenglas in einem Bücherschrank einen würzig-aromatischen Buchpapierduft verströmen, den ich alle paar Wochen einmal für wenige Sekunden mit geschlossenen Augen des Nachts in absoluter Ruhe aufsauge, ein paradiesischer Duft, der mich direkt beruhigt, bevor ich das Glas geschwind wieder schließe (die Zyniker mögen sich ihren Kommentar verkneifen, denn natürlich werden diese Bücher nicht nur als Schrank-Aromenspender genutzt, sondern auch gelesen) und den Gerüchen, die einem entgegenschlagen aus Second-Hand-Büchern, bei denen man nur mutmaßen mag, woher sie ihren Geruch genommen haben. Vom Buch, das nach alter Dame und ihrem welk-blumigen Parfüm riecht, über das Buch, das so duftet, als habe es jahrelang in Küchen gestanden, in denen es Zwiebel, Speck-und Knoblauchdunst zu fangen gedacht war bis hin zu einem Buch, das ich erst neulich erhielt (ausgerechnet Jane Austens ''Northanger Abbey'' in einer optisch so ansprechenden Ausgabe), das aber so roch, als wenn vormaliger Besitzer desselben in seiner Wohnung mumifiziert sei und in dem einem Jahr des Verdörrens seines Leichnames in der Wohnung, der in meiner Vorstellung erst nach einem Jahr aufgefunden wurde, in diesem Jahr seiner Mumifikation also, sage ich, seinen gesamten ausströmenden Leichenduft auf seine Buchsammlung übertragen hat. So zumindest riecht meine Jane Austen-Ausgabe und wer wollte beim großen Wechselspiel des Bücherbesitzes auch einen solchen oder einen diesem nahekommenden Fall ausschließen?

    Eine Andere schafft es, einem eine Ausgabe von Peter Handkes ''Die Lehre der Sainte-Victoire'' anzudrehen, welche riecht (aber absolut nicht so aussieht!), als hätte die Vorbesitzerin sie über Jahre systematisch mit einer kräuterreichen Delikatess-Remoulade bestrichen. Was mir in der Küche das Speichelwasser im Munde zusammenlaufen ließe, sorgt nach der Immanuel Kant-ischen Definition des Ekels als ''Materie am falschen Orte'' in meinem derart riechenden Buch nicht nur für eine unbehagliche Vorstufe von Brechreiz, sondern verleidet mir jegliche weitere Lust an der Lektüre.

    Ach, was sind der Verfehlungen an Büchern durch Nutzer nicht noch mehr? Nicht wahr, man könnte beispielreiche und kiloschwere Kompendien darob verfassen?...und vielleicht füge ich alldem noch etwas hinzu. Es ist noch früh in der Nacht und ich finde Ressourcen genug, mich weiter kühl zu echauffieren. Sprechen wir über weitere Makel an vorbesessenen Büchern, sprechen wir über handschriftliche Einträge in et ex libris.

    Ganz abgesehen davon, dass manche Menschen ihre Bücher aus Gott weiß welchen Gründen als Malbücher für ihren ausladenden Kulischwung zu benutzen scheinen, erstaunt es mich immer wieder, second-hand Bücher mit liebevollen, bisweilen verliebten Ursprungs-Widmungen zu erschwingen, die der derart Beschenkte herz- und lieblos, wahrscheinlich sogar ungelesen, weiterverkauft hat auf dem kalten Markt der Profiteure. Oftmals finden sich auch viele Glossen und Kommentare in manchen Büchern, zu meinem Glück dann in der Mehrzahl doch nur Graphit statt Kuli und von einer auf der nach unten offenen Intelligenz-Skala des Kommentierenden abhängenden Denkschärfe bis -faulheit zeugend. Da gibt es in einem Erzählband von Kafka einen Bleistift-Kommentar der Vorbesitzerin zu einer erzählten Frauenfigur: ''Liederliches Weib!'' und einige Seiten später, als dieselbe Frauenfigur wieder auftaucht: ''Die alte Schlampe!'', was einen immerhin vernehmlich amüsiert. Andere schaffen es, in ihren Bleistift-Glossen derart viele und geniale Fußnoten zu dem Originalwerk zu verfertigen, dass man nach einiger Zeit schon ungeduldig über unglossierte Seiten des Originalwerkes hinwegliest, um möglichst schnell wieder zu den Glossenkommentaren des Vor-Lesers zu gelangen.

    Ein anderer Leser-Kommentator mag dem Buchautoren Thomas Bernhard in seinem Buch ''Holzfällen'' dessen charakteristisch-genialen Stil nicht lassen und überhebt sich nicht der Mühen, den Autoren unter kontinuierlich sich steigernder und sich am Bleistift-Druck manifestierender Wut fortwährend zu korrigieren und selbigem Stilfehler vorzuwerfen, wo Bernhard komplett bewusst Ellipsen, Wiederholungen und Austrizismen verwendet. Macht nichts, unserem bücherbarbarischen Hobby-Lektoren geht es um die Reinheit der deutschen Sprache und so wird in kleinkarierter Fehlersuchblick-Manier zum Fehler erklärt, was Stil sein wollte. Die lesende Nachwelt muss erfahren, dass unser Hobby-Lektor Herr Georg Knipplein, so entnehme ich es dem pedantischen exLibris, sein strenges Scherflein dazu beigetragen hat, die deutsche Sprache (und einige ausgesuchte Leser der imaginierten Nachbesitzerwelt des Buches gleich mit dazu), vor der Verhunzung durch einen gewissen Thomas Bernhard bewahrt zu haben.)

    Schlimmer als alle mit stoischer Miene irgendwie noch zu ertragenden Schadstufen wie zB beriebenen Seiten, gestösselten Ecken, ziehharmonikafaltigen Buchrücken, Mängelexemplar-Stempel-Büchern, (bei denen das ansonsten wie von einem Bücher-Engel überreichte makellos-blütenweiße Buch nur durch den Mängelexemplar-Stempel seinen Mangel erfährt, was logisch die Geltung des alten aristotelischen Grundgesetzes von Ursache und Wirkung maximal irreparabel auf den Kopf stellt), schlimmer als alle weiteren routiniert zu ertragenden Schadstufen also sage ich, wie Druckstellen, Eselsohren, Bücherskorpionen samt der von ihnen bejagten Büchermilben, dieser famosen Fauna der Buchwelt, weiteren Schadstufen wie leichte Welligkeit durch Vernässung, Nachdunklung der Seiten, Stockfleckigkeit bei sehr alten Büchern und was dergleichen mehr ist an Ungelittenheiten, weit schlimmer also endlich als all diese Defizienzen zu ertragen sind am Buch: Fettflecken!

    Bereits vor einigen Jahren schrieb ich in diesem Blog von einer alten Arbeitskollegin, die mir gänzlich ungerührt und mit unproblematisch wirkender Miene die Ausgabe des ''Stundenbuches'' von Rilke zurückgab, welches sie sich von mir geliehen hatte. Der auf dem Band befindliche Charakterkopf des Autoren lag nunmehr in einem riesigen Fettfleck grundiert, speckig glänzte sein Antlitz und sein Haar, aus dem ''Stundenbuch'' des doch auch in seinem Leben selbst so zartbesaiteten Rilkes war ein ''Fettbuch'' geworden, in Butter gegossen, was einen durchweg widerlichen Eindruck machte, zumal auf einen lipidophoben Menschen wie mich.
    Das bringt mich abschließend für heute ganz am Rande auf ganz besondere Zeitgenossen, die es schaffen, nach dem Genuss des unfassbar fettigsten Zwiebelmatjes' ungerührt und ungewaschen, zudem auch ungefragt und natürlich unaufgefordert meine sündhaft teure Napoleon-Biographie von Johannes Willms zur Hand zu nehmen, mit zwieblig-fett-triefenden Händen tatsächlich dieses wundervolle Buch zu entweihen und mir zugleich mit dem Buch einen seelischen Makel zu versetzen, der irreparabel ist, für immer ein zwieblig-fischfett-triefender Fleck auf meinem bücherliebenden Herzen, ein durch Bücherbarbarei mir versetzter Schock, ein nachhallendes Trauma, eine pestilente Verfehlung und ein schauriges Miasma, die mir allesamt die Lektüre solcher Werke und noch vielmehr jegliche Verleihfreude auf immer verleidet...

    ...nächstens mehr...

  • Heil Dir im Dichterkranz II...Einige erbauliche Erörterungen zur Kondition der schriftlichen Mitteilung von Mensch zu Mensch-Maschine in der Zeit ''Jetzt''

    ''Die Seele voll dummdreisten Mutes haben, das Hirn voller Pläne und das Wort gegenwärtig, und dann eine Feder haben, die nicht schreiben kann oder mit größter Mühe einen Buchstaben alle zwei Stunden...''

    Sören Kierkegaard, Stadien auf dem Lebenswege

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    Über dein Schreiben zu schreiben, das heißt auch: du verhältst dich wie ein Parasit zum eigenen Schreiben, auch zu den Bedingungen deines eigenen Schreibens...über das Schreiben zu schreiben ist das süße Gift im Fundus des Schreibenden, ist Text gewordene Schreibstarre....starr gewordenes Schreiben.

    Zwing dich rein, schreib, schreib...lass ab von mir, Dämon der Starre, lenk ab von mir, Ablassender, lass ab von mir, Ablenkender...

    Wer schreibt, der bleibt (wer er ist), der stagniert...alles Quatsch: wer schreibt, der reist, der weist schon weiter über sich hinaus, aus sich hinaus...eine Exkommunikation der bösen Geister, eine purificatio daemonium, eine vorfrühlingshafte Läuterung der bösen und faulen Sitten im Kehrausfeuer des Schreibens, also raus raus raus damit, alles muss raus, alles muss brennend raus...everything must go!!

    Und natürlich muss auch alles gehen im Haus des Dichters, im Haus der Oden und des Öden, der Poesie und Prosa, der Elogen und Epoden, der Parerga und der Paralipomena meiner Prokrastination, alles muss gehen: Epik-Fail und die auf ewig selbe lyrische Leier, dramatische Dröhnung, Melodie und Dissonanz, die panglossisch gestimmte Zither, welcher ich hier noch in fortgeschrittener Nacht in die Saiten klampfe, dass die Nachbarn ihren spitzen Ohren nicht trauen, das hat ihr paranoides Stör-Gehör noch nicht gehört: die Lauten und Weisen einer halben Waise, die E-Zither spielt, alles andere als ''unplugged'', nachts um 3.38Uhr, zu unchristlicher Zeit...

    ''Wenn du durchs Feuer gehst, sollst du nicht brennen.'', heißt es irgendwo bei Jesaja, das ist ja zunächst einmal ganz gut gesagt, was aber, wenn das Feuer IN mir? Kehraus, Feuer!

    Schreib, schreib, schreib, zieh Dich aus, alles muss aus...

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    Setze nochmal ganz neu an, lass die Feder scharren, behagliches Geräusch in der Nacht. Du bist da bei denselben Geistern oder mit ihnen, mit all denen, die die Schreibgespenster kannten, Shakespeare, Kafka, Dostojewskji, Kierkegaard, überhaupt jeder, der den grausigen Dämonen des nächtlichen Schreibens vor Dir erlag oder Ihnen hingegeben war. Themen schwenken wie nichts Gutes, das heißt doch auch: es steht böse um dein Schreiben. Nach Leibniz entsteht das Böse aus der Faulheit der Tugend und des Unvermögens (aus reiner Faulheit heraus), gut zu sein...also ist das Böse defizient, es entspringt mangelndem Fleiß des guten Willens und der aufrichtigen Tat...drum schreibe ich faul weiter, böse weiter und die Poesie ist mir über all der Reflektion nun auch verflogen, das lass ich so stehen, das mag so angehen.

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    Auch Fastenzeit jetzt?!...was soll man auf Speise verzichten, hieße es nicht hier eher, dem rauschenden Raunen des Digitalen entfliehen, den News entgehen, fastest du nicht übers Jahr schon all das Gedröhne, das bedeutungsschwangere, aber grundleere Rauschen der social media-Kanäle, wie ist das alles nicht deines, wie bist du da Eremit, da bist du ja weitab von alledem wie einst Hieronymus in seinem WLAN-freien Gehäuse, ein semi-analoges Schalentier, ein Entzogener, wie will man dich erreichen, wie dich adressieren? Bestellen kann man dich nicht, wer auch wollte Dich abholen?

    Schreib Dich aus, schreib das aus, alles muss raus...

    Es ist aber DIES kein Krankheit erst der digitalen Moderne: dass die Meldedummheit die Kondition aller Kommunikation ist, so wie es alle halten: die Prokrastination der tieferen Mitteilung, von der inhaltsreichen Mitteilung hin zur Statusmeldung hin zum bloßen Abwerfen von Lebenszeichen...''Ich lebe, das soll reichen.'' Die Sperrigkeit bröckelnder Kommunikation.

    Wie Du aber alte Briefe liest aus Kriegen, die waren, einhundert Jahre alte Briefe derzeit, da geht Dir die Differenz auf: da früher verstanden es die Leute, wurden sie auch hundertmal Opfer des eigenen Schreibaufschubes, dass, wo Sie dann aber endlich schrieben und zum Schreiben überhaupt kamen, Sie alles zusammenfassen konnten, was ''in der Zwischenzeit'' zwischen der früheren Mitteilung, der Pause und der darauffolgenden Mitteilung geschehen war, sogar so, dass das Schildern dieser ''Zwischenzeit'' fast Buchformat errang.

    Der social-media-chat zerfetzte Mensch ''Update-Version 2015'' dagegen kann nicht mehr zusammenfassen und längere Episoden seines Lebens im Erzählen bündeln oder vor den Augen eines adressierten Lesers Revue passieren lassen: was er nicht in Echtzeit vermitteln kann, damit steht er wie ein Zungen-degenerierter Zwerg in seiner Aphasie vor dem Berg dessen, was er mitzuteilen hätte, wenn er nur könnte und sich nicht so ständig wieder überholt fühlen würde von der Echtzeit ''JETZT'' ''JETZT'' JETZT''...complete reset, das alles holst Du im Schreiben nicht mehr auf. Wer erzählt noch Geschichten im Zeitalter von whatsapp? Deshalb ist die digitale Mensch-Maschine auch so kommunikationsbehindert: sie kennt keine ''Zwischenzeit'' mehr, entweder wird unmittelbar aufdringlich kommuniziert oder aber es wird kein Rekurs mehr genommen auf ''Zwischenzeiten'': Echtzeit ''JETZT''! Was vergangen ist, wird nicht einmal mehr subsumiert, ist keines Erzählens wert. Erzählen kostet Zeit und bindet an eine Zeitform zurück, die nicht mehr verstanden, weil nicht ertragen wird: die Vergangenheit und sei es die nächste. Sie aber brauchen reine Echtzeit.

    Der chat ersetzt eine Gesprächskultur, die bis dato immer auch Erinnerungskultur war. Der chat ist Echtzeit-Kommunikation. Sozusagen geschriebenes Telephonat. Briefe, vielleicht auch noch gut geschriebene Mails; das waren noch Gespräche und Erinnerungsstücke zugleich, nachhaltige Kommunikation, so mag man es nennen. Chat dagegen ist Wegwerf-Gespräch, kommunikativer Konsum, irgendwie sexy und time-passing as it's happening, aber schon wenige Stunden danach müllig, unzeitgemäß und keinem aktuellen Anlass mehr entsprechend...man kann den Chat-Verlauf dann löschen und in den digitalen Orkus entlassen. ''Bist Du auch bei whatsapp?''

    ''Last night what we talked about made so much sense,
    but now that the haze has descended it don't make much sense anymore...''

    Arctic Monkeys, From the Ritz to the Rubble

    Überhaupt sind dies deine Vexier-Dämonen, so kommt es Dir vor: die Chat-Hirne, die social-media-Verstrahlten, die Untiefen, die Kommunikations-Zombies (du stellst dabei immer schon in Rechnung, dass nicht jeder so ein okkupationswilliger Tyrann und Patriarch der Mitteilung ist und sein kann, wie Du es bist, wenn du dich erst einmal aus der eigenen Meldedummheit entfesselst (denn auch in Dir wohnt diese zähe Kraft, die andere hier und da abmahnen müssen, das vergiss vor allen Dingen nicht, Rasender!)...was für eine Naturgewalt Du dann aber selbst bist, was für ein ungebundener Prometheus des euphorischen Schreibens, schrecklich, archaisch, episch, Bleiwüsten-Schöpfer, eine Text-Macht, ein Rausch, eine Überforderung...).

    Poesie-Verlust. Aber oh, doch auch: Du schrecklich schön schreibendes Tier...

    ...nächstens mehr...

  • Vorspiel zu einer Tyrannei der Gegenwart des hässlichen Deutschen (eine Karikatur mit grotesker Fratze)

    ''Hello, Hello, not speak Englisch! We are in Germany here, bei uns im Büro heißt es auch immer: Amtssprache Deutsch!!''

    (Der Fahrer einer Mitfahrgelegenheit von Köln nach Berlin zu einem ahnungslosen Mitfahrer aus Gambia, der sich mit einem anderen Mitfahrer auf dieser Fahrt, der zufällig auch der Autor dieser Zeilen ist, auf Englisch unterhalten wollte und stattdessen fahrerverordnet den Rest der fünfstündigen Fahrt zu schweigen bevorzugte.)

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    Der Untergang eines sinnleer gewordenen Abendlandes zeichnet sich an seinen digital durchgedreht-beschleunigten Grabgesängen ab. In sinnleer gewordenen Staatsformen kommt es mit historischer Notwendigkeit immer zur Herrschaft der Floskel und der Attitüde über die Substanz. In sinnleer gewordenen Staatsformen muss daher nach einem Terrorakt immer direkt in Reflexphrasierung ''unsere freie Demokratie verteidigt werden.'', in sinnleer gewordenen Staatsformen muss der Doppelklang ''Arbeit und Wachstum um jeden Preis'' alternativlos die denkbar mutigste Parole einer ewigen Gegenwart sein, die man uns als Zukunft---verkauft.

    In sinnleer gewordenen Staatsformen wie auch der Deutschen Bundesdemokratischen Republik (oder so), um mal ins Thema überzuleiten, reagiert die Politik mit ihr so notwendig erscheinenden Ideen auf marginaler werdende Beteiligungszahlen der Bürger an den Wahlen wie zB mit dem ratlosen Aktionismus, die Wahllokale an den Wahlsonntagen bis 20 Uhr aufzulassen und die Briefwahl bekannter zu machen, als liege das Geheimnis höherer Wahlbeteiligungen in der zu überwindenden Grundbequemlichkeit des faulen und unmündigen Bürgers zu suchen (der Konsument, pardon: Bürger, benötigt verbraucherfreundliche Wahlzeiten, dann geht er sicher auch wählen?).

    Das grundverängstigte Abendland Deutscher Nation ist Adressat aller Schrecken dieser Welt, es beherrscht die Hohe Kunst, alles in der seltsamsten Reflektionsakrobatik am Ende auf sich selbst beziehen zu können, das Abendland wittert Kalifate auf europäischem Boden und die Barbarei russisch-asiatischer Steppenbewohner im Waffenrock an den Rändern seiner Euro-gezogenen Grenzen, versteht aber janusköpfig zugleich in seiner ihm von den Medien zugeschriebenen Rolle als ''Putin-Versteher'' ''den Russen'' irgendwie auch ganz gut.

    Der Chor des untergehenden Abendlandes rekrutiert sich aus dem Neuen Deutschen Michel, den braven empörten Deutschen als Kleinzins-Sparer und unverdrossenen Merkel-Wähler, der sich vielleicht schon ein kleines Bisschen zur AfD durchgerungen hat, mit seinen 40-50 Aktien im Depot, den Typus des kleinkarierten Besitzstandwahrers mit seiner Riester-Rente und Investitionen in Misch-Anleihen mit gestreutem Risiko, der mit Unbehagen sieht, wie kopftuchtragende Frauen in den Bus einsteigen und seine Kinder mit Türken und Russenkindern in eine ''Multikulti''-Klasse gesteckt werden.

    Der Chor des untergehenden Abendlandes besteht aus biederen deutschen Flurputzern und bis an die Zähne gartengerätbewehrten und Bankberater-beratenen Provinzbürgern, die utopieferner nicht sein könnten. Jedes Denken, das nicht kompatibel ist, zum schönen muffigen Denkfundus aus den guten alten Zeiten ca. BRD 1950-er, ist ''Utopie'', ist ''linke Umverteilung'', ist ''Träumerei'', ist ''Gutmenschentum'', ist per se abzulehnen und hat nicht gedacht zu werden. ''Wir haben das immer so gemacht.'' Die Griechen sollen gefälligst sparen und ihre Schulden zurückzahlen, der Hartz-IV-ler und der Obdachlose sollen gefälligst mal arbeiten gehen und das System erhalten: ''Das muss ich auch, 40 Stunden die Woche die Knochen hinhalten!'', die Türken sich anpassen und nicht überall Moscheen bauen, die Russen und Polen klauen die teuer erkauften vollkaskoversicherten Autos und überhaupt ist jeder ganz wie ''mein Papa'' seines eigenen Glückes Schmied, ''ich hab früher auch nicht gejammert, keinem auf der Tasche gelegen und wollte nichts geschenkt bekommen'', so ungefähr klingt der gutgehende Deutsche, der seinen Besitzstand und seine Denkferne zu wahren hat.

    Es empfiehlt sich dem gutgehenden Deutschen unbedingt, produzierte Realität zu konsumieren und dann diese Realität zu reproduzieren. Staatsbürger-TV-Nachrichten setzt grob den zu denkenden Denkbrei auf, der dann entweder aufgenommen oder ausgespukt wird, wichtig ist aber unbedingt und auf jeden Fall immer alles, was in den Talkshow-Formaten nach dem Tatort Thema ist (und das Twittern nicht vergessen!), das ist die neue allgemeine Bildung, das ist gestern der ADAC, heute Pegida und morgen wieder der ''Terror unter uns'', relevant aber ist das allemal und der hässliche Deutsche muss dazu schnell eine Meinung entwickeln, a) um unbedingt mitreden (wozu und wobei auch immer, Hauptsache: mitreden, sonst ist man außen vor in der Meinungsrepublik!) und b) um das Problem kultivieren zu können, das besprechen die Lehrer (auch und gerade sie oft die übelst denkbaren Reproduzenten und Vermittler vorgefertigter Vorstellungen von ''Realität'') in der nächsten Schulwoche mit den Kindern in einer speziellen Themenstunde, nachdem der Berater von der Commerzbank (die Figur oft Vorzeige-Deutscher mit ''Migrationshintergrund'' als Idealbeispiel für den mustergültig angepassten Deutschen mit sublim ausgesandtem Drohsignal gegen die ''ausländischen'' Mitschüler in der Klasse) mittwoch früh die SoWI-Stunde bei den 8-Klässlern hinter sich gebracht und den Kindern der gefährdeten Mittelschicht des gefährdeten Abendlandes das Börsenspiel der Commerzbank angedreht und die Riester-Rente erklärt hat.

    So produziert die selbsterklärte Elite eigentlich fortwährend den Durchschnittsdeutschen, den typischen BRD-1950-er-Jahre-Kopf voll von Ideen des permanenten Wirtschaftswachstumes, des Wertes der Arbeit, der besonderen Geltung alles Deutschen auf Erden und seiner rastlosen Gemütlichkeit, die in ihrem Provinzmief gern mal unter sich bleibt und die alles Internationale lieber auf ihren klimakillenden Reisebedarf einschränkt.

    Der hässliche Deutsche lauert am Fenster oder im Internet auf alles, was nicht richtig läuft in seiner Nachbarschaft, lauert auf ungeputzte Hinterhöfe oder Flure, lauert auf ''Russen unterm Dach'', lauert auf nicht korrekt getrennten Müll und nichtgeschlossene Türen zum Hinterhof, lauert auf den eigenen Parkplatz beparkende Autos und Lärm im Haus, schimpft auf den Aldi- oder Lidl-Mitarbeiter (die haben es verdient, die sind so billig, auf die muss man einfach schimpfen dürfen, sozialdarwinistische Hygiene!) dass der Kassenauslauf zu kurz und natürlich die Schlange zu lang und ''sowieso wie immer nur wieder eine Kasse auf ist in dem Sauladen hier'' und dass er im Discounter nicht produktberaten wird. Die Discounter-Mitarbeiterin wird in den Augen des derart dummdeutschen Konsumenten doch exakt aus diesem Grunde von ihrem Discount-Arbeitgeber (unter)bezahlt: dass man sie pauschal für eigentlich alles beschimpfen kann.

    (Der stockbiedere Deutsche wählt im GEZ-finanzierten Staatsbürger-TV ''Unsere besten Deutschen'' (oder sowas) und regt sich später wochenlang über die ihm irgendwie relevant erscheinende Manipulation ebendieser Charts auf. Ebenso schaut er am liebsten Filme und Serien in piefig synchronisiertem Deutsch ''Warum schaust du die Filme denn lieber im Original? Wir leben doch in Deutschland hier!'')

    Der stockbiedere Deutsche hat das Gefühl, das alles, was ''auswärts'' passiert, bald auch in seinem Hinterhof passiert, ein Terrorakt, Enthauptungen, Ritualmorde, Diebstahl, Vergewaltigung, das alles bald auch in seinem unkrautbefreitem Hinterhof. Der gutgehende Deutsche verhält sich wehrhaft und zäh gegen alles Neue, Neues ist Gutmenschentum, Neues ist Spinnerei, Neues bringt nur unschöne Zugluft in seinen 1950-er-Jahre-Denkmief, Neues bringt nur die Frau weg vom Herd und ab vom Kinderkriegen, Neues bringt nur das gute deutsche Schnitzel runter vom Teller, Neues bringt nur mit sich, dass plötzlich jeder zweite schwul ist und überhaupt: alles Alternative ist weiträumig zu umfahren für den braven Deutschen, der weiter ewig sein Sparbuch hochverzinst sehen will, der weiter ewig sein Auto ohne Geschwindigkeitsbeschränkung fahren, der weiter ewig vollkaskoversichert protzen, der weiter ewig steuerminimiert vererben, der weiter ewig seinem hirnlosen 40-Stunden-Job nachgehen, der weiter ewig sein von Papa, Mama und den Großeltern überliefertes Weltbild bestätigt sehen und alle um sich herum akzent- und ironiefreies, aber dialektreiches Deutsch sprechen hören möchte.

    Ich habe jetzt keine Lust mehr...

    ...nächstens mehr...

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