szmmctag

  • Rohe Botschaften: von der Überflussgesellschaft hin zu dem, was uns reichen sollte, bevor es uns an allem mangeln wird

    ''We want the world and we want it...NOW...''

    The Doors, When the Music is over

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    Unser Eingangszitat wäre eine prima Begleitmelodie zur unbändigen Anspruchshaltung des modernen Menschen (in der westlichen Welt gemeinhin nur noch als ''Konsument'' bezeichnet) und seinem vehementen Einfordern der Verfügbarkeit eines Produktes zu jeder Zeit und am besten zu sofort.
    Darf es etwas mehr sein? Ja, aber ganz sicher doch...

    Erinnern Sie sich noch an die Zeit, als es ''Saisonware'' in den Läden gab? Man freute sich dann immer, wenn es im Frühling frischen Spargel und im Herbst zB die heimischen Äpfel gab, gen Winter dann die Zitrusfrüchte, etc...heutzutage muss das alles JEDERZEIT für den Fall der Fälle verfügbar sein, und zudem muss es nicht nur über das gesamte Jahr im Sortiment sein, sondern darüberhinaus verwöhnen und fehlkonditionieren die Einzelhändler ihre Kunden mit dem totalitären ''Frische''-Begriff (mitunter sogar superlativisch verlogen als ''Dauerfrische'' deklariert) : jedes Lebensmittel muss ''frisch'' sein: ''frisch aus dem Meer auf Ihren Teller'', stündlich frische Brötchen, frische Mangos aus Thailand (gestern abend eingeflogen) etc.

    In einigen Bäckereien wird nun mitunter schon auf die Minute genau angegeben, wann die Brötchen aus dem Ofen gekommen sind und zugleich wird dem Kunden eine ''Frischegarantie'' zertifiziert (O-Ton!) und überhaupt: the strangest things! Mit diesem Frische-Wahn fehlkonditioniert der Einzelhandel seine Kunden auf Ansprüche, die niemals dauerhaft zu halten sein werden.

    Eines steht annähernd sicher fest: die Welt, in der wir leben, ist durch den Kapitalismus des 21. Jahrhunderts derart einschneidend geprägt, dass sie irreversibel an dieses System geknüpft ist. Es ist eine mittlerweile exzentrisch bunt geratene, digital-katalysiert grelle Welt, die ihren eigenen Lauf täglich immer irrwitziger beschleunigt, die das Vorhandensein des Neuen und neu Zuhandenen minütlich mehr beschleunigt und die daher der Novophilie (also der Liebe oder wohl eher der Gier zu neuen Dingen, die ich hier jedoch etwas wissenschaftlicher und absolut mutwillig mit dem Terminus ''Novizität'', also das beschleunigte Streben nach Neuwertigem aus reinem Prinzip, benennen möchte) ihre lauten Loblieder singt. Auch muss alles ständig und dauerhaft verfügbar sein. Die ''availability'' ist ein weiterer Abgott unserer schönen neuen Warenwelt.

    Derart nimmt der Kunde die Verhaltensweisen eines verwöhnten Balges an, das von seinen Eltern immer gleich alles in den Rachen geschoben bekommt, wenn es nur laut genug anfängt zu plärren: er fängt dennoch an zu maulen und das Maulen und Reklamieren wird ihm zur zweiten Natur. Der Kunde hat Geld, kann also alles sofort und immer neu erwerben, da will er von diesem vermeinten Grundrecht (siehe mehr dazu weiter unten) auch seinen Gebrauch machen.

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    Insgesamt sind wir in der ''westlichen Welt'' in ein Zeitalter hineingeschlittert, das dem befristeten Aufenthalt auf einer paradiesischen Spielwiese gleicht: wir können alles erneuern, wir haben fast alles fast jederzeit verfügbar, alles um uns herum ist farbenfroh und bequem, wir können konsumieren, wir können uns den Bauch vollschlagen, bis der sprichwörtliche Arzt kommt, mein Gott, was haben wir für Möglichkeiten...der stetige Fluss des Geldes, der nötige Zufluss der Finanz beschert uns die Affluenzgesellschaft in aller ihrer ruh- und rastlosen Sucht nach Neuerung und in welcher wir im Grunde, haben wir nur genügend Geld, mühelos dauerkonsumieren könnten.

    Wir müssen uns an dieser Stelle die ehrliche Frage stellen oder vielleicht auch müssen wir uns DER ehrlichen Frage stellen: warum denn funktionieren in dieser beschriebenen Marktwelt linke Politik, Sozialismus und Sozialdemokratie nicht mehr? Man kann die Frage sicher auch anders formulieren: warum wirken wohlfahrtorientierte Politikströmungen nicht mehr in/auf die Gesellschaft? Weil sie nicht mehr als effizient wahrgenommen werden (denn Effizienz wird ja eingefordert!!) bzw ihnen eine redliche Chance auf Bewährung in der Praxis systematisch genommen wird.
    ''Wohlfahrt'' meint in der modernen marktverherrlichenden ''rational choice''- Wirtschaftstheorie der neoliberalen think-tanks und all ihrer affig-elitären Vordenker immer: man verschenkt Profit, schießt Profit in den Wind, indem man Dritte völlig unmotiviert begünstigt und diese so immer weiter auf ihre vermutete Bedürftigkeit hin konditioniert.
    ''Warum also sollte man in einem System, das nach Effizienz strebt, so etwas tun?'', fragt unser neoliberaler Modell-Ökonom sich nun. Der Bürgerkonsument unserer Zeit soll nichts mehr verschenken, soll alternativ nichts unentgeltlich verleihen, sondern er soll verkaufen oder gegen Gebühr teilen. Die Monetarisierung der zwischenmenschlichen Verhältnisse ist der Feind jeder aufrichtig gemeinten Wohlfahrt. Deshalb ist der Begriff der ''Wohlfahrt'' auch so nachhaltig aus unserem Wortschatz gestrichen worden, dass sein Anklang bereits im Jahre 2014 so archaisch anmutet. Im Kommandokapitalismus nämlich ist jeder seines eigenen schmalen Glückes Schmied, da braucht also niemand an seinen Mitmenschen zu denken oder seinem Nächsten irgendetwas in die Hand zu drücken, wenn der mal gerade nichts hat. Nein, das neoliberale Kommando heisst: kreise um deinen eigenen Bauchnabel und wenn du teilst, vermarktwirtschaften wir auch das und schalten uns als Mittelsmänner dazwischen (hier winkt uns Provision!) und nennen das Ganze dann ''Shareconomy'' oder meinetwegen auch 'Kollaborativer Konsum'.''

    Aber das gerade ist es ja: das Geben erfolgt dann nicht mehr um des Gebens willen als im wahrsten Sinne des Wortes 'milde Gabe' aus Barmherzigkeit oder Gutmütigkeit (man begibt sich automatisch in den Bereich archaisch anmutender Begriffe, sobald man nur über die interessenlose Wohlfahrt spricht), sondern es ist ein interessiertes, d.h. fremdintendiertes Handeln. Es geht nicht mehr um die wohltätige Handlung an sich, sondern darum, irgendwie von dieser ''Zwischenmenschlichkeit'' zu profitieren. Zwischen den Wohltäter und den Empfänger der Wohlfahrt tritt plötzlich wie ein Fremdkörper der besagte Mittelsmann oder, in abstracto gesprochen, der Profit als Fremdzweck. Lohnt sich das Teilen oder die Wohlfahrt dann marktwirtschaftlich nicht mehr, wird nicht mehr geteilt und mit der Zwischen- oder Mitmenschlichkeit hat es dann auch sein Bewenden.

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    HIer möchte der Autor nun unbedingt den Begriff der Suffizienz-Gesellschaft einführen und klären. Suffizient ist eine Wirtschaft genau dann, wenn sie sich selbst genügt, wenn sie nur ebensoviel ausgibt, wie sie einnimmt, wenn sie ein gutes Maß an Verbrauch und Zugewinn anpeilt und nicht in den Exzess mündet und wenn sie es zudem schafft, perfekte Ressourcenkreisläufe zu bewerkstelligen, also keine unnötigen Ressourcen zu verschwenden. Die Suffizienzgesellschaft legt keinen expliziten und fast kultisch-rituellen Wert auf Affluenz und Konsum als Werte an sich mehr. Im Gegenteil, sie offenbart sogar die Tendenz, überflüssige Ressourcen aufzusparen oder sie zu teilen. Sie ist eine nachhaltige Wirtschaft, die Nachhaltigkeit auch generationell denkt. Also kennzeichnet die Suffizienzwirtschaft grob ein hinreichendes Wirtschaften, ein Wirtschaften auf Augenhöhe der Verhältnisse (kein blindwütig diktiertes und in der Praxis brutal exekutiertes Wachstums-Gehabe ''plus ultra''). Die Suffizienzwirtschaft ist im besten Sinne und in Rückführung auf den etymologischen Sinn des Wortes ''Ökonomie'' eine Haus-Wirtschaft: das gute alte Etatbuch herrscht unter der Ägide der Suffizienz. Da wird ordentlich und belastbar Buch geführt über Ein- und Ausgaben und jeden Centschub. Das klingt erst einmal sterbenslangweilig und ist dies in gewissen Sinne ganz unvermeidbar auch. Aber es ist eine Langeweile mit der man bei alledem sehr gut leben wird können, da sie größten Kollateralnutzen abwirft.
    Zugegeben: klar haben wir dann ganz sicher keine Überflussgesellschaft der unendlichen Affluenz mehr: das Leben im Paradies ist dann gelaufen und es steht ein harter Umkehrschub an. Der Kurswechsel wird spürbar, gewöhnungsbedürftig und 'reich' nur an Verzicht sein.

    Die Suffizienz wird bedeuten, dass wir uns wieder auf so vergessene Phänomen wie die Saisonware und auf größere Entfernungen und Unbequemlichkeiten hin zum Erlangen der Ware selbst werden einstellen müssen. Suffizienz heißt, dass die es mit der so gehypten grenzenlosen Kundenfreundlichkeit, für die Amazon bei aller Kritik an seinen Produktionsbedingungen ja immer so verabredet hochgelobt wird, ein zwar allmähliches, aber doch bestimmtes Ende hätte. Die ''Dauerfrische'' könnten wir vergessen und all die schwindlig machenden Dauer-Sonderangebote und dergleichen fetischistische Heilsversprechen aus Discountern und Waren(versand)häusern gleich mit.

    Die frohe Botschaft bei alledem: wenn statt Wachstum Stillstand herrscht, dürfen alle erstmal eine Runde ausruhen und für sich schauen, wie sich die Dinge anfühlen, wenn man mal die Arbeit, die allzu hart knechtet, über Bord wirft und sich mal wieder mehr selbst und seinen Gedanken überlassen ist. Wer weniger braucht und vor allem: weniger verlangt, muss nicht soviel arbeiten. Gewähren Sie mir etwas Raum und ein klein wenig Zeit für folgenden Exkurs:

    Es verhält sich nun zB so: die eingangs des Textes erwähnte Neu-Gier lässt so manche Mitmenschen und Bekannte zu arbeitswütigen Zombies, zu müden Karrieristen mutieren, die ihre ''Oh mann, ich habe gar keine Zeit für gar nichts mehr!''-Mitteilungen als immerwiederkehrende Statusmeldung versenden und sich selbst keine Systemfrage stellen. Manchmal möchte man diese Zeitgenossen aus ihrem Trott herausreißen, sie anschreien und ihnen irgendwie zu verstehen geben, dass es außerhalb der Arbeit noch eine ganz andere Lebenswelt gibt. Nun will ich dem ein oder anderen seinen Arbeitswahn ja noch verzeihen, nur wird es richtig schlimm, wenn die Menschen, die ohnehin schon vor lauter Arbeit keine Zeit zur ''Kultivierung'' ihrer Freundschaften haben, dann auch noch bei einem abgerungenen Treffen ca. 95% ihrer Sprechzeit ebenfalls nur der Arbeit und ihrer heilbringenden Bedeutung für sie im Speziellen und für die Menschheit im Allgemeinen mit einer bedeutungsschwangeren Gravität widmen, die meinem Wesen nicht nur sehr fremd ist, sondern mich auch zutiefst ekelt. Nahezu unmenschlich ist eine solche Fixierung auf das Arbeitsethos allein.
    Aber schon schweife ich wieder brachial ab und lasse das Thema wie in einem Themendelta in einen riesigen Nebenarm auslaufen.

    Derzeit läuft es nachweislich so ab: die Mitmenschen mit etwas Ethik im Blut (''Ethische Verantwortung'' ist eine dieser Behelfspflasterphrasen, die momentan extrem gut gehen) kaufen! Verantwortung, vielleicht auch: sie kaufen sich frei von Verantwortung. Stichwort: Fair-Trade oder ''Bio''-irgendwas. Sie zahlen gerne mehr für ein Produkt (wenn man es sich denn überhaupt leisten kann, verantwortungsvoller Konsum nämlich ist teuer, das kann sich der Niedriglohnarbeiter nicht leisten, der dann einfach als verantwortungslos diffamiert werden kann, weil er in den Discounter muss, um irgendwie das Lebensnotwendige zu konsumieren. Schuld hat daran aber nicht der Niedriglöhner, denn würde man ihn angemessen entlohnen, wäre sowohl ihm geholfen, da er nicht mehr ausgebeutet würde als auch den oftmals ebenso und härter ausgebeuteten Produzenten all der Konsumartikel, die er sich dann leisten könnte. All diesen wünschenswerten Idealzuständen allerdings sind die Profiteure als Verhinderer vorgeschaltet, die natürlich einen Rotz schert, wen sie da in welcher Staffelung ausbeuten, Hauptsache, es wird konsumiert, Hauptsache der daraus ergehende Profit findet seinen üblichen Weg in ihre Taschen), puh, jedenfalls:

    ...diejenigen also, die es sich irgendwie doch leisten können, zahlen gern mehr, um sich von wahrer! Verantwortung freizukaufen, direkt auf ein bestimmtes Produkt verzichten will man jetzt aber auch nicht.
    Der Verzicht jedoch offenbart erst, welches Maß an Radikalität man im Sinne der Konsumeinschränkung anzulegen bereit ist. Und da lässt sich feststellen: über die Freiwilligkeit kommen wir nicht an den Grad der Radikalität des Verzichtes heran, der uns bereits in einigen Jahren ganz natürlich erreichen wird.

    Um nochmal deutlicher zu werden: Verzicht ist per se ein radikaler Wert, der tief in den Ursprung jeglicher Entsagung selbst eingeschrieben ist. Und so kann uns Verzicht unterschiedlich hart treffen, da er mindestens in zwei Formen in Erscheinung tritt:

    a) der Verzicht auf etwas, das uns zwar prinzipiell interessiert und verfügbar wäre, das wir uns aber nicht leisten bzw das wir nicht erwerben oder zugewinnen möchten. Diese Form des Verzichtes ist, wenn man so will, durch den Verzichtenden jederzeit ''aufkündbar'', da er ja der Ware oder dem Gut, dem er entsagt, nach von ihm selbst bestimmter Zeit wieder zusprechen kann, wenn er es nur will.

    b) der Verzicht auf etwas, über das man einst bereits wie selbstverständlich verfügte, welches jedoch nun nicht mehr verfügbar ist und es dies auch nie mehr sein wird. Ein notwendiger Verzicht auf etwas, das erst knapp wurde und dann ganz verschwand. Dieser Verzicht ist natürlich ein fremdbestimmter Verzicht, wenn man so will und somit die schmerzhaftere, weil: irreversible Variante des Verzichtes, denn er stellt eine unwiderrufliche Notwendigkeit dar. Anders: wo es keine Bananen mehr gibt, kann ich auch keine Bananen mehr kaufen. Zudem grenzt dieser Verzicht an Formen des Verlustes, da man über das, was man einst hatte oder hätte haben können, nun nicht mehr verfügt. Und exakt diese Verzichtvariante, die man gemeinhin auch ''Entsagung'' nennen könnte, ist tatsächlich die, welche uns nach dem Zusammenbruch der frivolen Überflussgesellschaft in vielen Zusammenhängen bevorstehen wird. Es wird dann schwer sein und über die weitere Ausrichtung des Menschenbildes entscheiden, wie man die Suffizienz derart organisiert, dass sie sich nicht sukzessive in eine eklatante Mangelwirtschaft nach Art der spätsozialistischen Staaten ab spätestens 1980 bis 1990 transformiert.

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    Schon klar, was Sie jetzt denken: die suffiziente Gesellschaft ist dann aber doch echtmal sowas von uncool, superlangsam und wird sich auch ein ganz beachtliches Maß an störrisch anmutender Ignoranz ausbitten müssen. Viel nach vorn entwickeln wird sich dann auch nicht mehr in rasanter Geschwindigkeit...und mit all diesen Einwänden haben Sie absolut recht. In gewisser Hinsicht wird die Suffizienzgesellschaft im Vergleich zu dem, was uns heute zB aus dem Silicon Valley als absolutem Dynamo des Turbokapitalismus (''New Economy'') an hurra-optimistischen Frohen Evangelien von der Loslösung des Menschen aus allen Zwängen, Unwägbarkeiten und Alltagsproblemen gepredigt wird, komplett konträr zu all diesen marktkonformen Jubel- und Durchhalteparolen also wird die Suffizienzgesellschaft den Vergnügungssüchtigen auf den ersten eiligen Blick vergleichsweise rohe Botschaften kündigen. ''Weniger'', ''langsamer'', ''Gibts heut nicht!''...sind Parolen, die sich nicht gut verkaufen. Wenn das Ladenhüterniveau und generelle Verknappung die Größen sind, welche die verfügbare Ware insgesamt kennzeichnen, stürzt sich nun natürlich keiner unter Jubelgesängen in die Suffizienzgesellschaft. Die Suffizienzgesellschaft wird uns aber lehren wollen, generell den konsumptiven Warenbegriff viel weiter unten auf der Liste der bestimmenden Dinge unseres Leben zu führen.

    Im Gegenzug könnte die suffiziente Gesellschaft, wie oben bereits angedeutet, an Ruhe und Nachhaltigkeit ''gewinnen'', beides Werte, die man nicht hoch genug schätzen und die man vor allen Dingen nicht kaufen kann...wo keiner mehr nach ''Wachstum der Wirtschaft!'' oder ''Arbeit. Arbeit. Arbeit.'' schreit, wird alles deutlich stiller. Und Stille ist auch so ein Selbstzweck, von welchem wir alle in diesen hemmungslos überstressten Zeiten ''zehren'' könnten. Runter vom kapitalistischen Gaspedal.

    Die Gesellschaft des zeitgenössischen Kommandokapitalismus des Jahres 2014 nämlich ist fett geworden, adipös in ihrer Geisteshaltung, frivol, eine Luxusschlampe, eine verwöhnte Göre...die Konsumbefähigung 24/7 und nach Möglichkeit all around the globe, da man sich ja jederzeit in den Billigflieger in eine der hippen capital cities setzen kann, um dort zu shoppen (die nötige Kaufkraft einmal mehr vorausgesetzt), diese Befähigung jedenfalls wird als existentielles und unhinterfragbares Grund- bis Menschenrecht eingefordert, völlig in Unbetracht der tatsächlichen Verhältnisse.
    Bei alledem ätzt und zersetzt bereits eine Säure der Skepsis übrigens fast aller Beteiligter dieses Herrschaftssystem einer totalitären Marktwirtschaft, das man doch eigentlich so lieben sollte, von innen heraus. Aber auch das auszuführen würde jetzt einen ganz eigenen Eintrag erfordern, aber soviel ist doch mindestens ersichtlich:

    Derzeit werden also die zersetzenden systemimmanenten Kräfte frei, die das Kommando-System der invasiven Marktwirtschaft von innen heraus angreifen und infrage stellen. Die nagenden Zweifel an der Berechtigung unserer eigenen Bedingung in diesem System und das Gefühl der Resignation vor systemischen Zusammenhängen, denen wir entweder gar nicht oder nur durch Zynismus zu entkommen glauben, sind bereits die Totengräberschaufeleien an exakt diesem System, an und in dem wir alle derzeit noch mehr oder minder fröhlich weben und leben, welches aber in der Beschreibung seiner Widersprüche und seiner anwachsenden obszessiv-exzessiven Dynamik bereits in Auflösung begriffen ist.

    Der Kommandokapitalismus gaukelt dem allen zum Trotz seinen Konsumenten Voluntarismus vor (dass also jeder absolut freiwillig und quasi-vertraglich am Wohlbefinden dieses Systemes mitwirke) und die Vordenker des modernen Neoliberalismus greifen auch hier zur ''rational choice''-Theorie und behaupten, die Menschen schlössen sich selbstverständlich freiwillig den Ideen und der Logik der Marktwirtschaft an. Dann müsste man allerdings auch konstatieren, dass diese Freiwilligkeit der Teilnahme am marktwirtschaftlichen Geschehen stark an dieselbe Freiwilligkeit erinnert, mit der ein Junkie sich seinen Stoff besorgt. Der Kommandokapitalismus hat seine Konsumenten zu abhängigen Marktsubjekten und Systemjunkies gemacht. Die Konsumenten hinwiederum haben sich zugegeben allzu willfährig in diese Abhängigkeit führen lassen nach Art des klassischen: ''Den ganzen Spaß JETZT, Scheiß auf die AGB's''-Vertragsabschließers im Internet. Paraphrase auf die ''Freiwilligkeit'' bei der Stipulation:

    ''I will take and suffer ALL of the conditions and terms of contract if only I get provided with all these fun things immediately and FUCKING RIGHT AWAY!!''

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    Der invasiven Marktwirtschaft wohnt eine irrwitzige Dynamik inne, da ist also immer ordentlich was los, soviel ist klar. So kann noch die Apokalypse dieses Systems selbst freudig und bunt vermarktet werden.

    Die Suffizienzgesellschaft dagegen wird mit dem leben müssen, was ihr zur Verfügung steht. Es wird zudem lange dauern, bis ihre ''inhabitants'' sich an den gefühlten Bedürfnismangel gewöhnen dürften. Denn natuerlich gehts ja nicht von heute auf morgen und unter lautstarkem Jubel in die Enthaltsamkeit, sondern das wird ein Jammern und Zähneklappern, ein Heulen und Zähneknirschen in Moll, das allerdings kaum zu vermeiden sein wird. Der Übergang von der Affluenz- zur Suffizienzgesellschaft wird in aller Latenz lang und hart ausfallen, aber es wird keine Alternative zu dieser Transition geben. An diesen Gedanken jedoch gewöhnt sich schon mal besser in kurzer Frist, denn es kann zwar noch eine geraume Zeit dauern, bis wir diesen Übergang auch wirklich in all seinen Konsequenzen verspüren, aber dann wird es auch schon ein sehr merklicher Bruch sein, eine Transition also, die wie das Ende einer Epoche wirken wird.

    Aus einem solchen Übergang vom frivolen Überfluss hin zu verknappten Wirtschaftskreisläufen, in denen Überfluss keine Option mehr ist, auf die man ein vermeintes Kundenrecht wird durchsetzen können, sondern in denen man ganz im Gegenteil das Haushalten ganz neu wird lernen und sich auch hier und da mit dem Begriff ''Mangel'' auseinandersetzen müssen, wächst alsbald durch mehr oder weniger schnelle Phasen des Überganges hindurch die Suffizienz- als Verzichtgesellschaft heran...den Begriff ''Verzicht'' wird man unter Wegpusten des Staubes auf dem Wort im Wörterbuch und skeptischen Gesichtszügen allumher überhaupt erst wieder in seiner ganzen Bedeutungsspanne neuentdecken und empfinden müssen. Der Verzicht und der Mangel stellen keine 'Optionen' dar. Wenn die Voraussetzungen erst einmal bestehen, die uns in eine Wirtschaft des Verzichtes, der Rationierung und des Mangels führen, wird man den klassischen Konsumentenreflex ''Dann wechsle ich halt den Anbieter!'' nicht mehr bedienen können. Noch einmal: der Verzicht in seiner Ausprägung als Selbstbescheidung ist keine abwendbare Option, sondern verkörpert eine existentielle Tatsache, der man sich zu gegebener Zeit wird stellen müssen.

    Führen wir uns aber einmal für die Jetztzeit vor, was geschähe, wenn, aus welchen Gründen auch immer, plötzlich die Affluenz stark ausgebremst würde, wenn die Geldströme abrupt versiegen, wenn plötzlich die Verfügbarkeit über die Dinge erst in Knappheit, dann eventuell sogar in Nichtvorhandenheit übergeht. Wenn die globalen Warenströme zusammenbrächen, wir nur noch begrenzt bis gar nicht mehr Waren ex- und/oder importieren könnten, wenn wir mit dem auskommen und haushalten müssten, was uns bliebe? Wie sähe eine solche Gesellschaft in ihrem Mangel aus, wie ginge sie mit dem Mangel um, dass er nicht in den Miserabilismus einer Mangelwirtschaft umschlüge?
    Fragen Sie sich das bitte im Stillen nun alles selbst und stellen Sie sich das bitte auch alles selbst vor, lieber Leser, denn wie ich gerade bemerken muss: meine Kräfte schwinden und ich muss meine Überlegungen dazu auf ein gefürchtetes anderes Mal verschieben.

    Soviel aber kann sich ja jeder sich selbst zusammenreimen: wo zB in der modernen Marktwirtschaft etwas geplant obsoleszent kaputt geht, wird ganz einfach ersetzt, will sagen: neu gekauft. Was solls dem zahlkräftigen Modellkonsumenten schlaflose Nächte bereiten? Das Geld ist da, die Ware und die Ressource sind da, die billigen Arbeitskräfte sind da, mit denen man es ja wieder machen kann, ergo zack: neu gekauft!
    In der Suffizienzwirtschaft dagegen heißt es trocken: 'Geht was kaputt, dann repariere es und überlege zugleich, wieviel Ressourcen du dazu aufwenden musst und ob du nicht evenutell sogar darauf verzichten kannst'.
    In der Mangelwirtschaft dagegen hieße es: 'Geht was kaputt, dann repariere es, aber hoffe inständig darauf, dass dir die zur Reparatur benötigte Ressource/Material dann auch wirklich zur Verfügung steht.'

    Um einer weiteren Erwiderung elegant zuvorzukommen: selbstverständlich würde die Suffizienzgesellschaft natürlich eine Form der Planwirtschaft durch die Hintertür bedeuten, denn Zuteilung und Restriktionen wären dann für den Bestand dieser Wirtschaftsform essentiell notwendig. Diese Form der ''Planökonomie'' liegt dabei aber in der Natur der Sache selbst. Wer nicht viel zur Verfügung hat, muss nun einmal nach Art der Mami mit dem Haushaltsbuch blitzsauber und akkurat planen.

    Es wird dem mündigen Bürger nicht gelingen, sich von ethischer Verantwortung freizukaufen, indem man ''Ethik'' kauft. Es ist nicht der ''Konsument'', der die Misstände in der Welt ändern könnte, sondern allein der Bürger. Wenn wir uns als ''Konsumenten'' oder ''Kunden'' labeln lassen und das so hinnehmen und uns dann so gegen das System stellen wollen, dann wird dies nicht gelingen. Wir werden wie das Vieh an der Kette sein, das sich durch Bockigkeit und Austreten nach links und rechts zwar ein klein wenig mehr Beinfreiheit im Dreckstall zu verschaffen vermag, aber wir werden nicht von der Kette loskommen, an der uns das System gefangen hält und dem wir fleissig Kettenglieder schmieden zu unserer eigenen Verknechtung. Wie wollen wir leben?

    ...nächstens, im Sinne des Verzichts, weniger...

    (NACHTRAG: zum Zeitpunkt, da ich diesen Eintrag soeben veröffentlich habe, ist er mit einer Werbung über dem Titel versehen, deren Algorithmus die ganze Misere in aller Deutlichkeit offenlegt, dort heisst es:

    ''Verzicht kaufen bei Amazon.de! Kostenlose Lieferung möglich''...

    Das ist ein noch viel schöneres Schlusswort, als der Autor es selbst nur je hätte finden können.

  • Die Ratlosigkeit als Urgewalt: ''Lassen Sie mich mit Ihrer App in meiner Ruhe und stellen Sie sich wieder zurück an den Strassenrand, bis Sie dort mit Verlass gefunden werden''

    ''Ich glaube, daß unsere Zeit nur eine Forderung hat, die nämlich, an der Nase herumgeführt zu werden. Dieser Drang wird noch zufriedengestellt werden.''

    Sören Kierkegaard, Geheime Papiere

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    Es ist ein seltsames Ding um die Ruhe und die Gelassenheit. Die Gelassenheit, die ich unter Umständen und für mich selbst lieber ''Dahin-Gelassenheit'' nenne, ist eine kolossale Melange aus einem Dahingestelltsein in belebender Ratlosigkeit, die für mich die bestimmende und verlässlichste Konstante menschlichen Daseins ist und einer Seelenruhe, die sich einstellt und da ist und mich birgt, wenn es mir nur gelingt, mich so wenig wie möglich um die Umwelt mit ihren Ansprüchen und Urgenzen zu bekümmern. Ein natürliches Überschussmaß an Indolenz und genuiner Ignoranz ist mir ohnehin ins Genom eingeschrieben, das trifft sich also ganz gut, wenn man die Dinge ertragen will, ohne den Ansporn zu verspüren, alles Widrige, das es zu ertragen gibt, gleich abschaffen oder verbieten zu MÜSSEN...(allzumal man es in seinen schwachen Momenten doch so gern täte).

    Wenn jemand mich zum Beispiel fragt (und Sie werden mir glauben müssen, dass ich dies oft im weit interpretierbaren Raum zwischen einsetzender Abscheu, Bewunderung und Irritation gefragt werde), wie man sich denn gar so wohnlich und behaglich in der eigenen Rat- und Richtungslosigkeit einrichten kann, dann stellt diese Frage eine veritable Paradoxie dar, denn gäbe ich darauf eine Antwort, fiele diese Antwort ja postwendend als Ratschlag aus: ein komischer Ratloser wäre das, der einen Rat wüsste auf die Frage, wie man sich denn derartiges Eremitenglück in und aus eigener Ratlosigkeit ''verschaffen'' könne.

    So also kann ein Text über die Ratlosigkeit doch wohl auch nur in ratloser Darstellung erfolgen, ein tastender Text, ein textendes Tasten, eine beliebige Darstellung einer beliebigen kleinen Kunst, die dabei Tag für Tag mein Leben neu stiftet, denn ohne diese Gabe, das Geschenk meiner Rat- und Richtungslosigkeit, meine Ungelenk(t)heit in der Lebenspraxis, meiner beharrlichen Trägheit, den Bremskräften meines Willens, die sperrige Halbbejahung, mit der ich noch die selbstverständlichste Verrichtung doch mit leichtem Unwillen, danach erst in Süßigkeit verrichte, im Wissen darum, in dieser womöglich noch lächerlich kleinen Verrichtung zugleich einer ebenso kleinen, ihr anhängigen Lästigkeit ein Schnippchen geschlagen zu haben; denn ohne diese Gabe jedenfalls wäre ich ein anderes Ich, von dem ich sicher weiß, dass ich es nicht sein wollte. Vielleicht so ein Mitmacher-Ich, ein ''Ach, was für ein kurioses Fundstück im Netz und ich habe definitiv Facebook-Humor''-Ich, vielleicht ein Ich, das nicht selbst von vorgeblich seriös-bürgerlichen Zeitungen wie der FAZ oder der SZ in ihren Online-Ausgaben mit waschechtem und dabei abwaschfestem Boulevard vollgespült würde, auf den ich hier nicht exemplarisch und in concreto verlinken möchte, um mir nicht all die boulevardeske Abscheulichkeit und Gemeinheit hier aufs Blog zu holen. Am Ende ist das noch ansteckend. Lieber zurück zu Dir, meine liebe Ratlosigkeit, an die ich mich schmiegen will...

    Die Ratlosigkeit geht soweit, dass der Autor dieser Zeilen recht eigentlich ich-scheu ist. An manchen Tagen ist mir sogar das ''Ich'', das immer nach Autorenschaft und fokussierter Bewusstseinsbündelung auf ''mich'' als das hier benannte Individuum oder Subjekt verlangt, schon viel zuviel...dann will das Bewusstsein, das man ''ich'' zu nennen gewohnt und fast gezwungen ist, eine solche tiefe Seelenruhe, dass es sogar vor sich selbst die Ruhe sucht...solche Momente führen einen nahe heran an die Transzendenz, bis dann der Nachbar klingelt oder seinen Rasen mäht oder sägt oder Laub bläst oder...(aber ich verliere mich hier schon zuweit auf dem weiten Weg zu einem meiner nächsten Texte ''Der Mensch im Geräusch--Ohren haben keine Lider II)

    Die Seelenruhe wirft einen Menschen in die Zeitlosigkeit, überhaupt in Losigkeiten aller Art, auch die Angst ist man los, man kann anderen über die vollkommene Seelenruhe nur in aller Verlegenheit staunend berichten wie ein Tourist, der vor Ort keine Photos machen konnte und jetzt nur seufzend und sehnend wieder und wiederholt: ''Ach, das hättet ihr selbst sehen müssen.''

    Andere Dinge können wir ja dauernd selbst sehen, oder uns wird beim ''Sehen'' geholfen und so werden uns fortwährend mit medialer Brachialgewalt Bilder und Boulevard aufs Auge und ins Bewusstsein gedrückt. Auch gute Ratschläge sind immer wieder dazwischen, wir kennen das ja aus der digitalen Welt. App, App, App, das scheint zB der ultimate Ratschlag auf jede Lebensfrage zu sein: ''lasse Dich orientieren''! Schalte die Beliebigkeit aus, komme noch schneller zum ZIEL (meine Güte, was überhaupt ist ein Ziel?), finde dies und finde das in deiner unmittelbaren Nähe, kaufe hier noch das und dort noch dies (die App hat es gefunden, die App hat dich geführt), nimm teil hieran und daran, nimm teil, (wie schrecklich ist teilnehmen?), App, App, App und das halbe Leben ist schon so gut wie gelöst und nimm doch noch einen Gutschein mit und sei doch bitte so gut und lege dir einen Premium-Account zu und like und share mein/dein Leben, damit ich mich/dich wahrgenommen fühle...''...ich muss mir meine Zeitgenossen auch traurig vorstellen. Sisyphosse, die sich täglich neu ihre Apps aufs Smartphone laden.
    Fremdhilfe-Orientierte, die man in alle Ewigkeit wiederfinden wird. Dabei lautet doch das weise Gesetz: ''Du sollst Dich nicht finden lassen!''

    Ratlosigkeit, geboren aus Orientierungsunfähigkeit, die Angst erzeugt und die durch digitale Applikationen kompensiert und gelöst werden soll, nur um am Ende (collateral damage) doch nur wieder Ratlosigkeit zu erzeugen, die an Idiotie grenzt, ist nicht DIE Ratlosigkeit, der ich hier ihre Lieder singe oder die vielleicht ihre eigenen Lieder durch mich singt. Die Ratlosigkeit, die ich meine, will nicht orientiert sein, die ist persistent, die dringt durch jede Faser und bleibt, die klärt man nicht auf, die diagnostiziert und therapiert man nicht, die will nicht wissen, wo...die will nicht wissen, was...die will verpassen, die will ignorieren, die will treiben, die will und will wieder nicht...eine menschliche Kraft. Eine Kraft, die so manches Mal nicht mehr ein noch aus weiß, dies vielleicht auch gar nicht wissen WILL, ein Dahingestelltsein, wie man ja überhaupt in die Welt verschlagen und abgestellt wird, an Orten, in einem Organismus, den man nicht gewählt und in eine Zeit, die man sich nicht ausgesucht hat.
    Eine Kraft, die sperrig ist und träge, eine Kraft, die sich gegen jede Dynamik wendet, ein Impediment, eine faule Kraft, eine Schwer-Kraft und dann irgendwie doch eine flügeltragende Unbeschwertheit, ein Loslassen, eine Leichtigkeit, eine Losigkeit.

    Sehen Sie zB, heute ist mein Ich schon wieder zu sehr gebündelt, zu fokussiert, zu sehr Autor, der eben seine Eklogen auf die Ratlosigkeit singt, welche womöglich das gar nicht will, die womöglich gar nichts wirklich will und doch ist sie ja mir die wahre Applikation meines Geistes und darum muss ich ihr ja diese Loblieder verfassen. Diese Ratlosigkeit, diese liebe gute Kraft, ist der Generator meiner Seelenruhe, die ich nun wirklich ''meine'' nennen möchte, so lieb habe ich sie und so birgt sie mich. Was kann ich da wollen, dass Sie mir mit ihrer App kommen, mit Ihren Ratgeber-Links, mit Ihren Karriere-Tipps, mit Ihrer Angst, die ich auch noch teilen soll und von der Sie ersichtlich möchten, dass es auch meine Angst wird, weil Sie nicht verstehen, dass ich Sie nicht teile, Ihre Angst, die in Wirklichkeit daher rührt, dass Sie sich in allem orientieren LASSEN und nicht den Mut haben, das Geschenk der Ratlosigkeit anzunehmen, die Verlorenheit, die Orientierungslosigkeit, die Zelebration des Glückes, das daraus resultiert, wenn man sich treiben lässt und vom Weg abkommt und nicht sobald gefunden, re-definiert und neu verortet wird und gerade darum habe ich keine Angst, aber das verstehen Sie ja nicht, Sie wollen mir nur Tipps geben und generöse Ratschläge erteilen, wie andere schreiben, dass man sein Leben leben soll und wie Apps (''What would Google do?'') es einem vorgeben und neulich erst haben Sie wieder gelesen, dass...ach bitte, können Sie nicht einfach gehen und vergessen Sie bitte unbedingt Ihr Smartphone nicht und Ihre Phantasielosigkeit und profane Oberflächlichkeit, die Sie als manierliche Umgangsform anzubieten gewöhnt sind, gleich mit. Danke Ihnen vielmals, inspiriert haben Sie mich ja zu Genüge und auf mindestens fünf Texte, aber glauben Sie mir bitte auch: auf meinen Weg gleich werde ich Sie bereits vergessen haben und was soll Ihre digitale Zurüstung daran ändern, dass ich jeden Charakter an Ihnen vermisse? Schon jetzt zB, da ich Sie mit ''Sie und Ihnen'' tituliere, zerfallen Sie mir, zerfällt und fragmentiert sich alles, habe ich vergessen...

    Nun, es verhält sich gerade so, wie ich es oben beschrieb: die Seelenruhe ist ein prekärer Zustand und der schräge Jeff Jarvis-Cameo am Strassenrand von gerade eben (er stand da am Strassenrand im strömenden Regen und wischte sein Smartphone nun wirklich komplett ratlos und in Panik, aber da reagierte nicht viel, der Akku war leer und so hatte er Angst, am Strassenrand, im Regen an der dunklen Waldstrasse, die zu meiner Behausung führt), nun ein solcher Mensch kann einem die angemessene Indolenz schon einmal auf Zeit verleiden und die Ratlosigkeit auf eine kleine Weile beschädigen, der ich mich nun jedoch wieder auf eine lange Weile, die dabei nicht Ihre werden soll, lieber Leser, zuwenden möchte.

    ...nächstens mehr...

  • Loblieder der Herrlichkeit aus dem Jammertal oder: der Mythos vom gutgehenden Deutschen, der nicht jammern darf

    Für und gegen S. und T., welche schon alles ganz in Ordnung so finden, wie es ist...ganz ganz gut so wie es ist.

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    ''Während die halbe Welt voller Erwartung nach Europa schaut, blüht hierzulande eine bedrohliche Geschichts- und Selbstvergessenheit. Inmitten von Zuständen, die im weltgeschichtlichen Vergleich paradiesisch zu nennen sind, wächst eine Ignoranz heran, deren Schwester der Wahnsinn ist.''

    Reinhard Mohr, Linke Heuchler, FAZ vom 4.8.2014

    Verstärkt ist aus Kreisen konservativer und wirtschaftsliberaler Kreise als Replik auf klagende Bürger ein neues Narrativ entstanden, das jegliche Kritik am bestehenden Wirtschaftsmodell und dem status quo unserer Republik von vornherein im Keim ersticken möchte, ich nenne dieses Narrativ bewusst schief den ''Mythos vom gutgehenden Deutschen''.

    Der ''gutgehende Deutsche'' ist ein Modellbürger, der das Glück hat, mitten in Europa in paradiesähnlichen Zuständen (siehe Eingangszitat) zu leben. Und weil dieser Modelldeutsche schon im Paradies lebt, hat er auch gefälligst den verwöhnten Mund zu halten und sich nicht zu den Zuständen zu äußern. Wem es gesamtwirtschaftlich so gut geht, der kann doch unmöglich noch klagen wollen. Der Parameter ''allgemeiner Wohlstand'' ist in abstracto erfüllt, die drop-outs an den Rändern interessieren nicht (und sind nach konservativer Lesart ohnehin nur faule Säcke) und von den Grünen und NGO's und all dem Gedöns ist man ohnehin gewohnt, dass das Meckern und Zetern ihnen zum Habitus geworden ist, also kurz: es steht alles zum Besten mit Deutschland (während die Welt umher brennt). Man kann dieser Geisteshaltung übrigens auch den etwas holprigen, aber zutreffenden Begriff ''Merkelismus'' verpassen. Die Kanzlerin ist exakte Inkorporation dieses Denkens, aber das auszuführen, würde für heute wieder zu weit führen.

    Jedenfalls: diese Schmähung des mit den Zuständen unzufriedenen (deutschen) Bürgers durch konservativ-wirtschaftsliberale Kreise fiel erstmals im Gefolge der Proteste gegen ''das Projekt'' Stuttgart 21 auf. Hier tauchte zum ersten Mal der pejorative Begriff ''Wutbürger'' auf, mit dem auch die nichtkonservative Presse fortan im Übrigen sehr unreflektiert umging. Jegliches Erregungspotential, sei es nun mehr oder weniger berechtigt, wurde nun in seiner Legitimation heruntergedimmt auf seinen krawalligen und daher dubiosen Absender, eben den Wutbürger, der immer gleich für oder gegen alles auf die Palme (oder Juchtenkäfer-bewohnte Eiche) geht. Der schmähende Gesamteindruck, der so über protestierende Bürger geschürt werden sollte, war mit dem Label ''Wutbürger'' bestens erzeugt. Die Renitenz, die in diesem Begriff anklingt und die als skeptische Kraft zunächst nichts Schlechtes ist, soll als psychisch-affektive Disposition (Wut, Zorn, notorische Reaktanz) disqualifiziert und als nicht wirklich politisch inspiriert verunglimpft werden. (Zugestehen muss man allerdings, dass manche Gruppen von zB NGO's bei ihrer Benennung sich keinen wirklichen Gefallen damit getan haben, sich einiger Metaphern aus dem Begriffsumfeld der Hysterie zu bedienen wie per exemplum ''Aufschrei''. Wer aufschreit, neigt zum Kreischen und zur hysterischen Exaltatio, Kreischen wirkt immer überfordert, wahlweise: hirnlos.)
    Berechtigte wohlüberlegte Kritik dagegen als Wutbürgertum zu schmähen, stellt eine Gemeinheit dar, die natürlich nur konservativen Betonköpfen einfallen kann.

    Als Remedur gegen Jammer aus Habit und Langeweile empfiehlt sich also unserem Deutschland-Modellbewohner in seinem propagiertem Wohlstand und Wohlergehen der Verweis auf den Status quo im feudalen föderalen Bundes-Paradies Deutschland...in Deutschland hat man schon aus Prinzip nun das wutbürgerliche Maul zu halten, denn es geht uns hier gut, verordnet per Dekret.

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    Um es noch einmal zusammenzufassen: der ''Mythos vom Deutschen, der nicht jammern darf'' ist ein wirkmächtiges Narrativ der launischen Beschwichtigung und des Runtermoderierens von Kritik am bestehenden System durch Kräfte, die von ebendiesem bestehenden System vorzüglich und exzessiv profitieren, in die Welt gesetzt. Dieser Mythos ist eine wundervoll verlogene Durchhalteparole und bei alledem ein präsentierfähiges Mem, denn man kann so leicht darauf hereinfallen.

    Es gilt deshalb immer zu durchleuchten, wem ein solches pauschales Kritikererstickungs-Narrativ nützt, bzw zu fragen: warum eigentlich bedienen sich konservative wirtschaftsliberale Geister solcher Narrative?

    Zuallererst einmal: der auf den ersten Blick überzeugende Augenschein des ''Argumentes''! Das klingt dann in aller konservativen Plausibilität circa so:

    ''Na klar, geht doch allen prima hier, man meckert auf höchsten Niveau und mit Dach überm Kopf, selbst die ''ganz unten'' (hier lauert um die Ecke bereits wieder der Hartz-IV-Empfänger als härteste Abgrenzmetapher nach unten im Bundesrahmen), selbst die ganz unten'', die am lautesten plärren und von ''Staatsgeldern'' leben, obwohl sie nichts dafür tun müssen (die Rede ist hier weiterhin von zB Hartz-IV-Empfängern, nicht jedoch von profitgeilen CEO's und Investmentbankern), diese Parasiten am wirtschaftlich gestähltem deutschen Volkskörper also, schimpfen noch rum und haben daheim die neuesten HD-Flachbildschirmfernseher stehen. Die sollen auf ihren Luxusgeräten mal lieber gucken, wie es denen in Afrika und Asien geht, die nix haben und trotzdem bis zu 80 Stunden die Woche schuften müssen, damit sie durchkommen.''

    Das aber ist der Punkt, an dem die verlogene Dekadenz dieses Narratives vom Deutschen, dem es so gutgeht, dass er nicht jammern darf, komplett durchscheint: der westliche und natürlich auf den ersten Augenschein offensichtliche Wohlstand, auf den sich der derart Argumentierende beruft, hat ja geradezu zur Voraussetzung, dass Menschen in großen Teilen Afrikas, Asiens und Südamerikas bis zum Exzess ausgebeutet werden. Hierzulande wird zwecks dessen zwar auch eine Unterschicht ausgebeutet, aber sie wird auf vergleichsweise! hohem Niveau ausgebeutet (auch wenn das konservativ-wirtschaftsliberale Lager alle Kräfte daran setzt, den Ausbeutungsabstand zu den sogenannten Schwellenländern weiter nach unten schwinden zu lassen, sodass auch wir hier lernen, uns noch freiwilliger und billiger ausbeuten zu lassen), anderswo aber ist ein Ausbeutungsverhältnis unbedingte Voraussetzung für den exzessiven Kommando-Kapitalismus des Jahres 2014 ff. Der Mythos vom gutgehenden Deutschen besagt also recht eigentlich dies: ''Mensch, jetzt hör doch auf zu jammern oder Dich und das System zu kritisieren, für das und in dem du wirkst! Es ist doch alles gut, wir müssen die Menschen ''im Süden'' ausbeuten, damit wir so leben können und sei doch ehrlich: ein bisschen und seien es nur Almosen des westlichen Wohlstandes fällt doch auch auf Dich ab. Dir gehts doch nicht so schlecht, wie denen ''da unten'' in der Welt, die für unseren Wohlstand hinhalten.''

    Das Perfide an diesem Narrativ ist also auch, dass es das globale Ausbeutungsverhältnis gleich doppelt bestätigt und propagiert: es braucht den Billigstlöhner aus den Entwicklungsländern erstens, damit wir uns hier ein insellagen-ähnliches Wohlstandsparadies aufbauen und erhalten können und zweitens, damit wir ein wichtiges Argument gegen Kritiker dieses Systemes zur Hand haben: den Ausgebeuteten als absolutes Schreckexempel nach unten, das jedes Jammern über die Zustände hier im ''Paradies'' von vornherein verbietet. O-Ton: ''Denen geht es systembedingt scheisse, dir gehts, auch wenn du jammerst, systembedingt ok, mir gehts systembedingt richtig super und jetzt halt die Schnauze und mach Dich an die Mehrung der Volkswirtschaft, du Jammerlappen.''

    Recht eigentlich wird Ihnen also, sollten Sie einmal ähnlich klagen über die Verhältnisse hier in paradiso, lieber Leser, und jemand hält Ihnen entgegen: ''Ich verstehe gar nicht, warum in Deutschland immer so gemeckert wird.'', unterstellt, dass man im Paradies nicht klagen darf, weder über das Paradies noch über die Zustände ''in profundis'', also die Zustände da ''ganz unten'', oder von mir aus auch die dreckigen Zustände vor den Toren des Paradieses, wo sich der Müll und die Armseligkeit derart stapeln, dass hier und da der Wind den abscheulichen Gestank dieses Mülles zu uns herüberträgt und der Keim dieser Pestilenz sich schon ins Paradies zu begeben beliebt, hier und da und selbst Flüchtlinge aus den Vorhöfen zur Hölle in unserem liebevoll gehegtem Paradiese landen, was wir aber zu verhindern wissen mit einem Flüchtlingsabfangprogramm, das ungefähr so menschenfreundlich klingt wie ein Insektenvernichtungsmittel ''FRONTEX', über alles das dürfen Sie ja nicht klagen, lieber wohlständiger Leser, wenn nächstens wieder einer Ihnen erwidert, dass es anderen doch wohl unendlich schlechter gehe.

    Sehen Sie es bitte ein! Im wirtschaftsliberalen Paradies leben bedeutet immer auch: nach unten ist immer noch ausreichend Luft und wer jammert, der ist im System wohl noch nicht tief genug gerutscht. Ein Platz unter dem Trittbrett ist immer noch frei.

    ...nächstens mehr...

  • Primark! ''Ich konnte mich nicht entscheiden, also habe ich einfach beide gekauft.'' ---: oder meinetwegen auch: 'OMG, she's a Primaniac!'

    ''Wenn Primark jetzt keinen Fehler macht, könnte die Aufregung der Modekette sogar nützen.''

    aus: ''Primark: Großalarm im Teenie-Paradies'' von Lena Schipper, FAZ-Online vom 29.6.2014 (Link s. weiter unten)

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    "Für Primark schwänzen wir", sagt Jessica. 100 Euro hat sie dabei - und ein kleines schlechtes Gewissen: "Ja, klar, die Kleider von Primark werden bestimmt alle von Kindern genäht, aber ich kann mir kein T-Shirt für 30 Euro leisten."
    Beim irischen Discounter kosten T-Shirts 2,50 Euro. Die meisten verlieren schon nach einer Wäsche die Fassung. Jessica findet das: "Egal. Bei zwei Euro für ein T-Shirt schmeiße ich es eben weg, wenn es nicht mehr passt."

    Thorsten Schmitz, ''Primania in Deutschland'', aus: SZ vom 3.7.2014

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    ''Was von der Wirtschaft vorgelebt wurde, ahmten die Mädchen unreflektiert nach - die komplette Sexualisierung der Oberfläche...''

    aus: Arno Geiger, Alles über Sally

    Manchmal ist einem Autoren nicht anders geholfen, wenn er um ein konkretes Schreibthema kreist, aber wieder und wieder kommt ihm eine fixe Idee oder ein aufdringliches Phänomen dazwischen und lässt seinen ganzen Fokus auf das ursprüngliche Schreibziel schwinden, als dass er dann irgendwann verdrossen seinen Stift nehmen und sich entschieden die Fremdthematik von der Seele schreiben muss, damit er wieder frei für das eigentlich gemeinte Thema wird.

    Das Einschleichen eines Fremdthemas kann zB nun einmal wie in meinem persönlichen Falle ganz konkret daher rühren, dass einem wieder und wieder Leute mit Primark-Papptüten (mit ökologisch nachhaltigen Papiertüten auf in den exzessiven Konsumrausch, yeah!) in und über den Weg laufen, einem den Weg abschneiden oder gar zum Stolpern bringen, bis man bemerkt: hier rollt ein gesellschaftliches Phänomen für irgendetwas, das massiv schiefläuft über einen hinweg, für das Primark vorzüglich sein pars pro toto steht!

    Vor ein paar Tagen ging die irgendwie schauerlich anmutende Behauptung durch die Medien, in einigen Primark-Klamotten seien kleine, in Innentaschen eingenähte Notizzettel mit Hilferufen verzweifelter Textilverarbeiter aus Fabriken in Bangladesh oder gar chinesischen Strafgefangenen-Arbeitslagern aufgetaucht. Ermittlungen sollen nun ergeben haben, dass diese Zettel nicht authentischen Ursprunges seien, sondern Fälschungen von Aktivisten, die gegen die bekannte Billigproduktion von Textilien durch Primark protestieren wollten. Der Tenor, den sich Primark nach solchen Prüfermittlungen dann anmaßen kann, geht nun ungefähr so: ''Leute, alles gut, die Arbeitsbedingungen unserer Zulieferer in Asien sind zwar bekanntermaßen bescheiden, aber hey, die Zettel waren nur Fälschungen. Also, bitte bleibt tiefenentspannt, alles wie gehabt, alles gut.''

    Wer nicht glauben mag, dass dies wirklich der Tranquilizer-Tenor der PR-Abteilung von Primark ist, kann gern auf der Primark-Website deren neueste Verlautbarung zum aktuellen Geschehen lesen:

    http://www.primark-ethicaltrading.de/nachrichtenundhaeufigefragen/nachrichten/verlautbarung_von_primark_27_6_14

    Komplementär dazu lesen sich dann auch Nachrichten aus dem Wirtschaftsressort, z.B. in der ''geliebten'' FAZ, die es schaffen, den Fokus in Sachen Billigkonsum und dessen katastrophale Konditionen mal so völlig umzublenden HIN auf die bloße PR-Wirkung und die Imagebildung bestimmter Aktionen oder Nachrichten für das Unternehmen, WEG vom eigentlichen Grundproblem: Billigstproduktion von Textilien durch Billigstlöhner in Billigproduktionsländern. Man muss sich diesen FAZ-Artikel nur einmal in Ruhe (wirklich dies!) durchlesen, um zu verstehen, wie sehr es in den Führungsetagen bei dieser Problematik nicht um die Sache geht, sondern allein um das Ausbalancieren und Glattbügeln des Primark-Images:

    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/primark-grossalarm-im-teenie-paradies-13016261.html

    Das Eingangszitat meines Eintrages, dass oben verlinktem Un-Text entnommen ist, sagt eigentlich schon alles aus über den Zynismus unserer Zeit, die zynische Herrschaft. Letztlich geht es dem FAZ-Artikel allein darum auszuloten, wie sich die SOS-Zettel-Aktion nun auf das Unternehmen auswirkt und um die Interpretationsmächte der Marketingabteilungen, das alles für das Unternehmen zum Besten zu wenden. Fazit des Textes ist auch: ein veritabler und stadtbekannter Schmutzfink kann ohnehin unmöglich ein Image als Saubermann gewinnen, daraus folgt aber eine absolut positive Grundeinschätzung oder wie es im ärgerlichen Text heißt:

    '' In diesem Zusammenhang könnte es Primark sogar nützen, dass die Firma aus ihrem Billigimage nie einen Hehl gemacht hat. (...) ...der Markenkern des Unternehmens lautet einfach: Hauptsache billig. Die Kunden – hauptsächlich Mädchen im Teenageralter und junge Frauen – interessieren sich nicht für T-Shirts aus fair gehandelter Bio-Baumwolle, sondern für den Preis. (...) Der langfristige Schaden dürfte sich daher darauf beschränken, dass das Image von Primark ein bisschen schlechter wird. Große wirtschaftliche Verluste sind unwahrscheinlich. „Die Firma wird in den Kreisen ihrer Kritiker ohnehin schon mit billigen Klamotten und schlechten Arbeitsbedingungen assoziiert“, sagt Roselieb. Primark hat keinen Ruf zu verlieren.''

    Bottomline: wo der Anruch schon haftet, gibt es keinen Ruf zu verlieren. Nochmal zum Einprägen: der Schmutzfink kann nicht den Ruf des Saubermannes verlieren, er kann sich vielleicht höchstens hübsch und primark-bunt tarnen. Eine Abwandlung des urbekannten Sprichwortes würde in Bezug auf Primark also lauten: ''Ist der Ruf schon ruiniert, produzierts sich völlig ungeniert.'' Und gekauft wird allemal munter und bunter weiter.

    Man weiß ja die unbedarfte, im Großteil nunmal nachweislich weibliche ''young urban''- Kundschaft im Rücken. Sagen Sie nicht, dass das nichts bedeutet. Aber dazu in einer Weile mehr.

    Bevor ich mich an die Recherche auf u.a. der Primark-Website machte, zog es mich mit einer perversen Folgerichtigkeit zunächst einmal physisch an den Ort des Konsumterrors in eine Kölner Filiale. Wenn man es als intentionaler Nichtkäufer erst einmal hinein geschafft hat in den Tempel des totalitären 'consumerism', wird man direkt von dem überrollenden Sog wie Ameisen ausschwärmender Konsumentinnen erfasst. Erste Beobachtung: Männer, so man sie überhaupt sieht (und ich spreche hier auch von der Herren-Abteilung) sind hier reduziert auf das Tragen der Tiefseefischerei-Schleppnetz-ähnlichen und mindestens 70 cm tiefen Einkaufstaschen für das Hauling, die Primark zur Verfügung stellt und übernehmen ansonsten reine Lasttierfunktionen für ihre Konsum-Girlies.

    Dazu stehen an den Probier-Spiegeln aufheiternde Sprüche wie: ''You look fantastic, princess...'' und dergleichen.

    Erster Eindruck ansonsten am frühen Vormittag: alles ist sauber und ordentlich ausgestellt, kein Anschein von Anruch, kein Anschein von Discount (und das, wo man KIK-Preise bietet!), billige Optik wäre hier ein leichtsinniges Zugeständnis an eine Textildiscounter-Appearance, die es zu vermeiden gilt. Abends soll es dagegen in so mancher Filiale aussehen wie im Augias-Saustall, nachdem die Meute durchgezogen ist: ich habe mir einen weiteren Besuch allerdings erspart.

    Gut, wir müssen über Rana Plaza sprechen, das billigst hochgezogene Gebäude in Sabhar in Bangladesh, in dem am 24.4.2013 1127 Arbeiter und Arbeiterinnen ums Leben kamen, die u.a. für Primark und KIK nähten. Da hört und liest man ja immer vieles, wie aber reagierte Primark als einer der Abnehmer der Waren von dort eigentlich auf diese Katastrophe? Nun, man kann es sich hier anschauen:

    http://www.primark-bangladesh.com/de/unsere-arbeit-in-zusammenfassung/

    ...und man staunt, dass es da letztlich nur um Reparationen und finanzielle Kompensation für die Hinterbliebenen der Produktionskatastrophe geht. Da werden Beträge gewälzt und gelistet, die man den Familien gezahlt habe und zahlt und man habe ja auch neue gebäudeschutztechnische und brandschutzrechtliche Verträge unterzeichnet und überhaupt und alles wunderbar. Bottomline für diesen Part: viel ist nicht passiert, es wird munter weiter zu ähnlichen Konditionen billigst produziert. Ich habe noch viele Fragen an Primark und wer Fragen hat, die per Mail zunächst gar nicht beantwortet werden und/oder dann laschen 'copy and paste'-Textbaustein-Kleister aus den FAQ's als Antwort aus den PR-Abteilungen erhält, hätte also gleich in die FAQ's zum ''Ethical trading'' abtauchen können. Ah, eine Frage, die auch mir im Kopf herumspukt wird also häufig gestellt:

    '' Was tut Primark, wenn in seinen Fabriken schlechte Arbeitsbedingungen festgestellt werden?''

    Da sollte doch nach dem Rana Plaza-Vorfall so richtig der Hammer ausgepackt werden, falls da noch ein Zulieferer schlampt. Na..naja, das gestaltet sich leider nicht so einfach, wie es der kritische Kunde gerne hätte, wie wir aus dem klebrigen PR-Phrasengewitter von Primark erfahren müssen:

    ''Wir glauben an die Zusammenarbeit mit Lieferanten, damit diese sich verbessern können, um unsere ethischen Standards zu erreichen und einzuhalten. Nur sehr selten und als Mittel der letzten Wahl erwägen wir, einen Lieferantenvertrag zu beenden, weil der Verhaltenskodex nicht eingehalten wird. Ethische und nachhaltige Lieferketten zu bilden, ist oft eine Herausforderung, die nur mit einem Programm fortlaufender Verbesserungen, Lernerfahrungen und Bewertungen erreicht werden kann; mit einem Programm, das Engagement und Dialog fordert und fördert.''

    Möchten Sie nochmal eine Übersetzung in Klardeutsch über unseren bewährten Bullshit-Translator ''Deutsch-PR-Phrase / PR-Phrase-Deutsch''? Kein Problem:

    ''Wir vertrauen und glauben unseren Lieferanten, dass sie unseren windelweichen und so nur genannten ''ethischen Handel'' und ''Code of Conduct'' zumindest ein klitzekleines Bisschen einhalten. So gut wie nie und auch dann nur an Schaltjahren, wenn Weihnachten und Ostern mal wieder auf einen Tag fallen, mahnen wir einen Lieferanten ab und entziehen ihm dann den Auftrag. Ist auch alles nicht so einfach, wie ihr Wutbürger das meint. Wenn es zig Tote gibt, kann man hinterher ja immer noch hier und da die Gebäude für unsere ununterbrochene Billigproduktion etwas sicherer machen. Man lernt eben meistenteils erst im Nachhinein. Aber hey, Kopf hoch, alles gut, so ist das Leben: Hauptsache, wir haben drüber geredet und ihr geht weiter schön bei uns einkaufen. Und überhaupt, weil es grad noch so gut klingt: fördern und fordern, yeah!!''

    Natürlich war beim Rana Plaza-Building Primark bei weitem nicht der einzige Schmutzfink der billigen Produktion, das alleinige Festschießen auf den irischen Konzern wäre eine Unausgewogenheit. Aber der Truthahn, der seinen Hals am weitesten und prahlerisch-prächtigsten aus der Herde erhebt, liegt kurz darauf oft als erster gerupft auf dem kulinarischen Präsentierteller, daher dies. Soll auch heißen: selbst schuld, liebes Unternehmen.

    Denn die pfauenbunten Federn des Schmutzfink-Konzerns zeigt dieser gern auf dem Umweg seiner Werbung für ihn betreibenden (natürlich größtenteils weiblichen) Kunden z.B. und vor allen Dingen hier:

    http://www.primark.com/de/primania

    'Primania' stellt nun wirklich einmal eine Seite dar, die vor dem Hintergrund aller Zusammenhänge, dem scharfen Kontrast zwischen der elendigen Produktion durch unterbezahlte Arbeiter/innen in Bangladesh und der wohlstandsgetränkten Präsentation der ''Mode'' durch übersättigte weibliche Jugendliche der westlichen Welt einen frivolen Frevel auf die Spitze treibt, bei dem einem eine eiskalte Gänsehaut überfährt. Man ertappt sich dabei, wie man sich fast wünscht, der Miserabilismus der Zustände in Bangladesh übertrüge sich direkt auf die präsentiergeilen KonsumentINNEN dieser Bekleidung. Was übersehen sie bloß?

    Wie die Billig-Models ansonsten aussehen ist dem Konzern komplett wumpe, was jeder Leser beim Photo-Scrolling schon recht bald bemerken wird und welches ja prinzipiell auch sympathisch wäre, wäre da nicht dieser Verdacht: die züchten sich aber auch wirklich jeden Konsumenten sogleich noch schön zum kostenlosen Werbeträger heran. Und wann präsentiert man uns eigentlich die Arbeiterinnen in den Fabriken in Bangladesh in diesem Look?
    Immerhin auch emanzipatorisch: im Primark-Look sieht nach wenigen Wäschen jeder gleich billig aus.

    Die gleichen Photos in den gleichen Klamotten nach zehn, ach, was sage ich: nur fünf! Wäschen...das wäre doch einmal aussgekräftig...aber wir kommen vom Thema ab.

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    Am Primark-Phänomen entdeckt sich dem aufmerksameren Betrachter eine Grundkonstante der zynischen Herrschaft, hier im Bereich des Konsums: '' Wenn Du auf Discount gehst, sorge unbedingt dafür, dass der Glanz der Dinge das Elend und die miserable Bedingung ihrer Herkunft überstrahlt.''

    Mancher mag da an Frau Welt und ihren famosen Rücken denken:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Frau_Welt

    ...oder, rein ökonomisch gesprochen, an die trickreiche Maskierung der sogenannten 'externalisierten Kosten'. All die Kosten, die eigentlich auf keine Kuhhaut gehen und daher für den Konsumenten gar nicht erst eingepreist werden und die letztlich allein der Ausgebeutete im Ausbeutungsverhältnis zu tragen hat: die Natur z.B oder der ausgenutzte unterbezahlte Produktions- und Lagerarbeiter (übrigens egal ob in der Textilfabrik in Bangladesh oder an der Primark-Kasse in Berlin-Alexanderplatz). Die Kosten, die auf den Rücken anderer abgewälzt werden, während die Profiteure, die Ausbeuter im Ausbeutungsverhältnis, den Profit-Rahm mit ihrer goldenen Sahnekelle abschöpfen und den Konsumenten zum willfährigen Agenten ihrer Profitgier machen. Aber dazu können Sie ja hier noch einmal mehr lesen:

    http://raumgewinner.blog.de/2012/11/29/simulation-glueck-der-mensch-zeitalter-hyperiums-15259543/

    Der Glanz der Dinge muss das Elend ihrer Herstellung oder die miserable Bedingung ihres Daseins deutlich überstrahlen...dann tragen hierzulande die Mädels (vor allem nunmal die) eine Mode und ein (kann man es überhaupt so nennen?) : Denken? zur Schau, bei dem einem eigentlich gerne schlecht würde. Aber wir leben in der zynischen Herrschaft, hier kann man mit PR-Phrasen und in digital-infantiler facebook-Manier und mit dem Standardgospel: ''Ich weiß ja eigentlich schon, dass die Sachen billigst produziert werden, aber, hehe, naja...'', (worauf auf das ''naja'' meist keine substanzielle Aussage mehr folgt, der zuzuhören sich lohnen würde), sich noch bewährt aus jeder Primark-Filialbesuch-Zwickmühle herauswinden...die Legitimation dieser Frivolität bedient sich letztlich der kurzen Denkwege der Marktherrschaft: ''Kaufe (Dich) besinnungslos, dann wird der Rausch alle Bedenken zerstreuen. Dieser Rausch ist die reine Effizienz, die primäre Bestätigung der Folgerichtigkeit deiner Kauf-Handlung. Die Berauschung ist der höchste Wert und die wohltuende Legitimation deiner maximalen Entfernung von jedem kritischen Denken.''

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    (Wer nun glaubt, ich hätte mit diesem Text den sehr kurzen Weg über die Konsumkritik hin zur generellen Misogynie genommen, täuscht sich vorerst noch.)

    For what it's worth?! :

    http://www.primark.com/de/primania/look/137471,weekend-nach-josie-louise-b

    Und wer ist hier eigentlich das überzeugendere fashion-victim? Die Arbeiterin, die täglich bis zu 14 Stunden in einsturzträchtigen Gebäuden billige Wäsche zusammennäht oder z.B. sie hier (als wirklich nur ganz beliebiges und auch ganz sicher beliebig austauschbares Exempel) :

    https://www.youtube.com/watch?v=EnLM_f_Rp0E

    ? Immerhin: man kann anscheinend ca. 20 min lang (sie fühlen sich an wie 60min, in denen gefühlte 364 Objekte besprochen werden) quasi-philosophisch über seine exzessiven Fangzüge im Konsumrausch referieren als sei dies das wichtigste Thema auf der Agenda, ein kritisches Wort zum Primark-Konsum vor dem Hintergrund aller Gegebenheiten dagegen?!...ach, lassen wir das. Ach, nochwas: Bei den overknee-Sockenpaaren (und den Ballerinas und den Portemonnaies) konnte sie sich zwischen den zwei Farben nicht entscheiden, also hat sie sich einfach beide gekauft, ich meine, bei dem Preis, da kann man sich das ja leisten.

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    ''Advertisements are here for rapid persuasion
    If you stare too long you lose your appetite
    but my nervous disposition doesn't agree with this...''

    Blur, Advert

  • Der Verschleiß und die Lästigkeit

    ''Seien Sie vorsichtig! – Auf dieser Route gibt es eventuell keine Bürgersteige oder Fußwege.''

    Info bei der Fußgängerroutenangabe Köln-Nippes nach Berlin-Schöneweide bei Google Maps

    Der Verschleiß ist wahrscheinlich das Grundgesetz der Zersetzung allen Lebens, jeder Lebensform, jeder physischen Einheit. Alles, was da körperlich vor- und zuhanden ist, nutzt sich ab, reibt sich ab, trägt sich dünn, und dann irgendwann: ''defuncto'', wie es auf Grabplatten verstorbener Bischöfe in Kathedralen und Kirchen oft heißt ''Hic requiescat defuncto'', ''An dieser Stelle ruht, nicht mehr funktionierend, der und der...'', sozusagen.

    Nun, jedenfalls: 'nicht mehr funktionierend', das will sagen: ein Körper ist dem Verschleiß unterlegen, sei dieser Körper rein biologisch, sei er rein technisch ein Gerät oder eine Gerätschaft, was auch immer: der Verschleiß ist das sichtbare Nagen der Zeit, manifest geworden am Körper. Sind irgendwann die Re-Organisationskräfte verbraucht, war es das dann auch und der Verschleiß hat sich durchgesetzt.

    Nicht zuletzt in Zeiten der geplanten Obsoleszenz, der Tatsache also, dass Dinge, Material und überhaupt technisches Gerät von vornherein perfide so konstruiert werden, dass sie innerhalb einer geplanten denkbar kurzen Zeit verschleißen und unbrauchbar werden (also ersetzt oder aufwändig repariert werden müssen und so Konsumanreize befeuern), in diesen Zeiten der konstruierten Hinfälligkeit also, ist der Verschleiß ein nicht zu überschätzender Faktor unserer Lebenswelt. Als notorisch-obsessiver Radfahrer erschließt sich mir der Verschleiß an meinem eigenen Rad unmittelbar. Kette, Kurbel, Ritzel, Mantel und dergleichen: immerzu ist etwas anderes verschlissen und abgenutzt am Objekt der Begierde. Das prekäre Leben manifestiert sich nicht zuletzt also am Rad und seinem Verschleiß: Kette, Kurbel, Ritzel, das alles einmal im Jahr neu macht ca. 210 Euro. Wird einem übrigens direkt am Tag 1 der Abholung des Rades aus einer solchen Reparatur selbiges am S-Bahnhof geklaut, hat man das gute gefühlte Recht, dort ein Pappschildchen am Radständer zu befestigen mit der berechtigten Aufschrift: ''Fahrraddiebe hängen!!''

    Wohin mit all dem Verschleiß und der Lästigkeit? Vielleicht der Versuch also, zumindest der Lästigkeit noch etwas abzugewinnen. Tendenziell allerdings bemerke ich gerade, dass ich über die Lästigkeit an selbem Orte zu anderer Zeit schreiben möchte. Aus aktuellen Anlass nun lieber noch mehr zum Verschleiß.

    Nur der ungebremste Kapitalismus der Jetztzeit kann den Verschleiß nahezu zur notwendigen Konstante seines eigenen Fundamentes geraten lassen. Wie überhaupt einige grobe Grundgesetze der Natur Grundgesetze des modernen Marktes sind. Ebenso wie die Natur fortwährend reproduziert, muss auch der Markt fortwährend reproduzieren und dabei wachsen, um sich selbst zu erhalten. Der Verschleiß kommt da als konstituierendes Element sehr gelegen. In Abwandlung des mephistophelischen Diktums lautet einer der Leitsprüche des modernen Kapitalismus: ''Denn alles, was entsteht ist wert, dass es schnell wieder zugrunde geht.''

    So auch mit dem Fahrradklau. Hier wird ja nun nicht nur ein Rad ersetzt werden müssen, sondern in der Zwischenzeit, bis das Rad ersetzt ist, fallen mir Kosten und Verschleiß an, die wiederum der Wirtschaft zugute kommen (davon habe ich so ziemlich nichts, außer der Mehrkosten, dem Aufwand und der Erschwernis). Und auch wenn das ''neue'' Rad ein gebrauchtes sein wird, generiert der Radklau Wirtschaftswachstum. Nach der reinen marktwirtschaftlichen Lehre also müsste ich mir nunmehr einen Ast freuen, aber es wäre ja einer, auf dem man nur leidlich sitzt und an dem man selbst sägt. Lassen Sie es mich wissen, wenn die Metaphorik hier gerade wankt. Nun, jedenfalls: was ich mir nun vorerst an teuren Busfahrkarten kaufen muss (abscheuliches Busfahren, eine unendliche Demütigung), um zu meiner Erwerbsstelle zu gelangen (auch muss ich mehr arbeiten, um den Schaden wieder reinzuholen) , ist eine Gemeinheit oder aber ich laufe zu ''meiner'' S-Bahnhaltestelle auf strammen 4km, was aber wiederum meine Fußepidermis und vor allem mal: meine Schuhe! maximal belastet. An dieser Stelle eine Beobachtung zum Verschleiß und der Obsoleszenz modernen Schuhwerkes: moderne Schuhe werden nicht mehr zum Gehen, Spazieren und Flanieren gefertigt, sondern sind allein modische Fussbekleidung. Wo altverdiente Wandersmänner wie Goethe oder Seume noch nach Italien wandern konnten mit nur maximal ein bis zwei neuen Sohlenbeschlägen unterwegs, schafft unser modernes Schuhpaar, das erst wenige Kilometer belaufen wurde, es nicht einmal, ca. 5 Gänge zur S-Bahn hin und zurück (also 40km) zu überstehen, ohne dass die Innensohle schon dünngetragen ist und der Gummiabhub unter der Sohle mir beachtliche Schrecken einjagt, so dass sich ein unebenes Gehgefühl und somit konsequent einige Zeit darauf archaische Blutblasen an den Füßen bilden. Weitere 35km haben mir das Schuhpaar (und anhängig meine Füße) schon fast vollständig verschlissen. Das sagt natürlich ebenso viel über die minimierte Köerperlichkeit des modernen Menschen aus wie über die Hinfälligkeit der modernen Warenwelt.

    Bleiben wir noch eine Weile bei der Lästigkeit des Spazierens oder Wanderns oder auch des Gehens, je nachdem, wie man es auffassen mag. Man mag sich kaum vorstellen, dass sich im zB 18. und frühen 19. Jahrhundert Geistesgrößen wie Jean Paul gern und absolut routiniert zu Fuß auf ihre Fernreisen quer durch Deutschland, ja teils gar durch Europa gemacht haben. Manchen von ihnen war die Mühsal des Laufens lieber und auch erkenntnisreicher als die oftmals gemeine Lästigkeit des Kutschenfahrens (welches nicht nur eine sitzfleisch- und nervenzehrende Angelegenheit in Anbetracht der miserablen Fahrwege der damaligen Zeit darstellte, sondern auch an eine ungemein entnervende Reisebürokratie gekoppelt war, bei der man aufgrund des Abgleiches und der Beschaffung von regional stets verschiedenen Reisepapieren oft länger in der Kutsche als zu Fuß brauchte, zumal wenn man den Schikanen unwilliger Beamter vor dem jeweiligen Ort ausgesetzt war). Dieses stoische Wandern strahlt natürlich eine erhabene Faszination aus: man macht sich mal auf und zieht gelassen seiner Wege. Eine schöne Stelle, an der sich der digitale Hanswurst und der analoge stoische Fußgänger treffen, stellt das ''Routen berechnen'' für Fußgänger bei Google Maps dar.

    Das Fußgängersymbol dort zeigt ein leicht gebückt gehendes, aber doch frohgemut entschlossenen Schrittes schreitendes Fußgängersymbolmännchen, das stoisch seiner Wege ziehen möchte. Gebe ich zB eine Straße in Köln an, von der aus ich gern nach einer Straße in Berlin-Kreuzberg spazieren möchte, zeigt mir Google Maps nach einer gewissen Berechnungszeit, die zwar merklich länger dauert als die für Autorouten, aber doch nur einige Sekunden beträgt, eine Route an, auf der unser frohgemuter Wandersmann 110 Stunden unterwegs wäre, mit insgesamt 486 Richtungs- bzw. Wegwechseln. Man kann den Fußgänger auch auf die imaginäre Route von wiederum Köln nach, sagen wir: Tscheljabinsk im fernen russischen Ural schicken, da hätten wir dann ca. 826 schlanke Stunden Fußweges. Zumindest unser digitales Fußgängersymbol gehts gelassen an. Etwas länger ist unser Spaziergänger zB unterwegs, wenn er von Köln-Weidenpesch nach Abottabad in Pakistan spazieren möchte, um dort zB auf einem Suq einen gemütlichen Kaffee zur Falafel zu sich zu nehmen, dieses wird dann 1.341 Stunden Fußweges in Anspruch nehmen (ein Weg).

    Es kommt nun auf die Tagesform und die Anpassungsfähigkeit an, inwiefern man die Erschwernis (hier am Beispiel physischer Fortbewegung) auch als Lästigkeit begreifen mag. Was bringt zB die Erschwernis des Pilgerns zur S-Bahn auf der 4.5km-Strecke mit sich, was das Radfahren nicht bietet? Nun, ich staune nicht schlecht: zum ersten Mal seit langer Zeit kommen nicht nur die Füße mal wieder länger in Gang als nur von hier auf die Pedale, sondern zB auch mein Denken! Mein Denken geht mit spazieren wie ein Hund Gassi an der Leine, begibt sich auf weite ungetretene Wege, erweitert sich, regt mich an und auf, findet seine Ideen, ordnet und sichtet, inspiriert und motiviert. Ein Teil meines Weges führt durch einen Eschen-Auwald, den ich sonst relativ leidenschaftslos bei 35km/h auf dem Drahtesel links und rechts an mir vorbeirauschen lasse, nun aber durchmesse ich den Auwald mit jedem meiner Schritte, das Auge nimmt Halt, verlangsamt den Schritt, heißt mich schauen, registrieren und wahrnehmen, heißt mich benennen und staunen. Ja, schon klar, dass auch dieser neugierige Blick, wo wir doch schon beim Thema sind, nach der 37. Wanderung hin zum S-Bahnhof verschleißen würde, aber nehmen wir den Fußmarsch einmal als die zunächst lästig wirkende Ausnahme, die er darstellt: wann bietet sich einem schon einmal eine solch faszinierende Chance zur Langsamkeit in der Hetze der digitalen Moderne? Der langsame Blick sieht das Wesentliche, zB den Kälberkropf und das niedliche Wald-Sanikel am Wegesrand und das langsame Denken wiederum denkt das Wesentliche. Gerade in dieser Langsamkeit des Gehens und des Denkens gewinne ich Zeit. Jegliche Eile fällt von mir ab.

    Diese wundervollen Erkenntnisse mildern meine Strafeinschätzung in Bezug auf den Raddieb von der Todesstrafe durch Hängen auf fünf Jahre Isolationshaft herab in einer Form aufscheinender Dankbarkeit. Ich bin zurückgeworfen auf die Erschwernis des Gehens, auf die Mühsal der langsamen Raumnahme, natürlich kann man so jedem gelaufenen Meter einen Namen geben und doch kommt man voran und jeder Schritt und jeder Blick bekommt eine ganz besondere Bedeutung. Irgendwann dann kommt der Punkt, an dem man keine Angst mehr hat vor einer Strecke, der Geist nimmt die Lästigkeit nicht mehr als Erschwernis war, sondern nähert sich tatsächlich einem meditativen Punkt. Das mühselige Durchmessen des Raumes wird zum Durchmessen des Geistes, eine analoge Be(s)tätigung, die eine Tiefe des vom Netz abgekoppelten Denkens frei Haus liefert, die man kaum noch vermutet hätte.

    Ebenso hat mein Geist nun diesen Text durchmessen und kam dabei wie neulich noch ich im Auwald von Hölzken auf Stöckscken, wie der Westfale meint. Will sagen: das Abschweifen sollte mir Tugend heißen. Und warum auch folgen Sie, lieber Leser, im Lesen wandernd einem erratisch Streifenden in seiner Fahrratlosigkeit durch abschüssiges Unterholz, der zunächst von Verschleiß erzählen und die Lästigkeit hintan gestellt wissen möchte, dann das alles abenteuerlich an moderne ökonomische Theorien rückkoppelt, nur um dann wieder plötzlich in verschobener nächtlicher Koffein-Euphorie in eine Eloge auf die selige Erschwernis der Fußreise zu verfallen und zu endigen? So sind wir bei alledem jedoch ein Stück Weges gemeinsam flaniert, Sie und ich, in einer lästigen Lesepilgerschaft auf sicher auch 486 Weg- und Richtungswechseln und doch irgendwo aufgebrochen und andernorts angekommen.

    ''1326. Rechts abbiegen auf G.T. Road/جی ٹی روڈ‎/N5
    Sie passieren Kitchens Fried Chicken auf der linken Seite in 500 m.''

    Info zu Richtungswechsel Nr. 1326 auf der Fußstrecke Köln-Weidenpesch nach Abottabad, Pakistan bei Google Maps

    ...naechstens mehr...

  • Nachrichten aus der informationsfreien Zone (ein Plädoyer auf nachhaltigen Journalismus und warum zudem die FAZ bitte sterben soll)

    Wenn ich mir eine informationsfreie bis informationsarme Zone denken soll, so kommt mir mitunter die tiefste Tiefsee in den Sinn. Oder ein Liveticker zB auf Spiegel online...wobei dieser Vergleich doch nicht hinhaut. Formulieren wir es anders: an anderer Stelle hatte ich eine Flut von Informationen, die es schafft, nichts mitzuteilen, was irgendwie von Belang wäre, Exformation genannt. Exformation ist ungefähr das Gefühl des Livetickers: ein Maximum an (unnötigen) Informationseinheiten erzielt am Ende ein Minimum an Sinn oder informationellem Mehrwert.

    Ich habe das starke Empfinden, dass Online-Zeitungen keinerlei Sinn machen, außer eventuell den, kurzzeitig zu unterhalten. Die wenigen guten online-Artikel der Zeitungen, die auch als Print-Version erscheinen und die überzeitlich wirken und von Belang sind, sind exakt die, die keine ''Refresh''-Funktion haben, nicht livegetickert werden und bei denen man nicht das Gefühl hat, dass hinter der hochskandalisierten Überschrift sich ein lautes ''Plopp'' verbirgt, der Sound also des Platzens einer informationellen Seifenblase. Also exakt die Art von Artikeln, die man auch im Print finden würde.

    Nicht das dort in Sachen Informationsnachhaltigkeit immer schon alles zum Besten gestanden hätte. Auch in nur-analogen Zeiten konnten Zeitungsaufmacher sich schon am nächsten Tag als üble Nullnummer erweisen, so dass man als analoger Leser dann oft mit der Befindlichkeit da stand: 'War da nicht vor ein, zwei Tagen noch was? Warum wird da jetzt mal so gar nicht mehr drüber berichtet?'
    Wobei es in digitalen Zeiten wiederum so ist, dass oft, um die ständig zu aktualisierenden Online-Newsportale zu füllen, wochen- bis monatelang über Dinge und Situationen berichtet und geschwafelt wird, die nie wirklich eine Nachricht wert waren, über die man länger als ein, zwei Tage hätte berichten müssen. Erwähnt seien hier nur, (dies durchaus angewidert, da ich nicht mehr gern so exemplarisch werde an diesem Orte meines Schreibens, denn das allzu Konkrete ist immer das Banale) per exemplum der einfach nur peinliche Seifenblasenjournalismus über den Geisterflug der MH-370, irgendwelche Schiffsunglücke vor Korea, die ADAC-Affäre und sonstige Havarien des Journalismus (erinnert man sich da überhaupt noch? Man hatte über Wochen hinweg das Gefühl, nicht die NSA, sondern der ADAC sei DAS Kernproblem unserer modernen Gesellschaft, so sehr hat der Medienapparat hier knallharten Investigativjournalismus begangen) etc. Kurz: es ist eine abscheuliche Boulevardisierung auch der bisher sich selbst für so anspruchsvoll haltenden und distinktiv sich begreifenden Leitmedien wie SZ, FAZ, Taz, etc. im Gange.

    Aber zugleich ist etwas ganz anderes geschehen: mehr als je zuvor neigen die grossen Leitmedien dazu, sich einander bis zur Unkenntlichkeit anzugleichen in ihrer Berichterstattung und Boulevardisierung. Eine unappetitliche Menge an bunten Häppchen wird einem da gereicht, das reicht über belanglose Netz-Meme, aus denen hyperinterpretierende Artikel gestrickt werden bis hin zu staatstragenden Riesen-Analysen und intellektuell drittrangigen Nachbetrachtungen zu den dümmsten Hype-Sendungen im Fernsehen (ich brauche hier keine Beispiele nennen, da jeder weiß, dass ich von Idioten-Castings gleich welcher Couleur und ähnlichen schmerzhaft peinlichen Formaten spreche), die zunehmend einen astreinen ''journalistischen'' Totalausfall und braven Begleitkommentar zu diesen Sendungen darstellen. Soll man wirklich hinnehmen, dass dies die Zukunft des Journalismus ist?

    Wenn Zeitungen und ähnliche Newsformate überhaupt noch einen Sinn machen sollen, dann sollten sie sich sogar wieder verstärkt auf den Print und seine Nachhaltigkeit konzentrieren. Eventuell artet dieser Text hier zu einer Elegie auf die Wochenzeitung aus. Auch wenn eine solche nicht schlechthin vor den Gefahren der Meldehysterie gewappnet ist, kann eine Wochenzeitung schon ihrer ganzen Natur gemäß doch damit umgehen, Nachrichten nach ihrer Nachhaltigkeit und Wertigkeit zu beurteilen. ''Zeitung'' kann jedenfalls nicht heißen: Dauerberieselung mit ''Nachrichten'' auf liveticker-Niveau und reißerischen Überschriften sowie nervigen Untertitel-Appetizern nach Schema F und im Sinne der search engine optimization.

    Information um der bloßen Information willen ist reine Exformation, ein leerer Mitteilungsreiz, siehe bitte auch hier zur Wiederholung:

    http://raumgewinner.blog.de/2011/08/21/publikum-bald-ganz-allein-return-the-information-to-sender-address-unknown-11701877/

    Überhaupt wird im Zuge dieser novophilen Meldesucht eine Hysterie aufgebaut, die die Bildung eines auf- und abgeklärten Diskurses und vernünftiger Diskussion von vornherein verwehrt. Wo vor lauter Vermelden und Kolportieren keine Pausentaste mehr gedrückt wird und keine letztgültige Einordnung eines Sachverhaltes/Themas erfolgt, bleibt jedes Geschehnis bloße Situation, die unklar im Raum wabert und vom Publikum nicht mehr begriffen und in den Gesamtzusammenhang ''der Dinge'' eingeordnet werden kann. Statt einer gewissen (wichtig allerdings: nicht-zynischen!) Abgeklärtheit erlebt man in der Berichterstattung Hysterie, Schaumschlägerei und eine Bedeutungsaufwertung noch der kleinsten mitzuteilenden Handbewegung zu einer großen politischen Geste, was insgesamt beim Leser nur ratloses Achselzucken oder wutschnaubende Kommentare auf dem Abtrittbrett unter dem Onine-Artikel hervorruft. So taugen dann zB die Kommentare unter den online-Artikeln vielfach als wohltuendes Korrektiv, füllen aber leider oftmals auch einfach nur eine stinkende Jauchegrube in all ihrem Hass, ihrer Verschwörungstheoretik und den absurden Mystifikationen und offenbaren, dass vermeintlicher common sense auch schnell zu common non-sense ausarten kann.

    Dass eine derartige Form des Journalismus in Formen der Propaganda hinüberragt, ist dabei offenkundig. Wie überhaupt unser Zeitalter der Propaganda (und dem Lobbyismus, was aber letztlich das Gleiche ist) anheimzufallen droht. Dies liegt nicht zuletzt am qualitativen Abfall des Journalismus und seiner selbstgewählten Gleichschaltung in Beliebigkeit. Auch hat der Journalismus mindestens seit Mitte der 1990er Jahre irgendwann wie abgesprochen damit begonnen, ein ziemlich unkritisches Verlautbarungsorgan der neoliberalen Propaganda zu werden und sich dafür mit Handkuss vor den dreckigen Karren spannen lassen.

    Immerhin hat die Ukraine-Krise endgültig den Graben zwischen dem Verlautbarungs-Journalismus und den Meinungen der aufbegehrenden Leserschaft derart stark freigelegt, dass sich im Zuge dessen viele Online-Zeitungen gezwungen sahen, erstmal explizit auf den Gegenwind vonseiten ihrer Leser zu sprechen zu kommen und ihm eigene Artikel zu widmen. Konservative Organe wie die FAZ (die in ihrer Verstocktheit immer lächerlicher wird und der ich wirklich den baldigen Tod an den Hals wünsche, dies aber aus privaten Gründen, die ich hier vorerst nicht näher erläutern werde und somit in meiner Alternativ-Überschrift zu diesem Eintrag fast schlichtweg gelogen habe, wie mir aber selbst gerade erst auffällt) , diese konservativen Organe also sage ich, haben sich anscheinend darauf verlegt, ihr lesendes und eifrig kommentierendes Publikum im Zweifel zu beschimpfen und in diesem besonderen Fall eben dieses Leserpublikum in seiner Gesamtheit als ''Putin-Versteher'' zu brandmarken, die allesamt der Putin-Propaganda verfallen sind, derweil die FAZ selbst tendenziöse Artikel kolportiert, die Russland als neue alte Sowjetmacht portraitieren wollen und den Westen als Gralsmacht universeller Heils-Vernunft darstellen.

    Das Problem, das ich sehe: die Auflösung der Verbindlichkeit der Leitmedien bzw ihre Trivialisierung durch Boulevardisierung beschwört die Auflösung des aufgeklärten Diskurses herauf. Will sagen: je mehr ''wir'' uns über Dinge unterhalten, deren Relevanz entweder nichtig ist oder uns in einem Maß an Beschleunigung ''informieren'', das uns bis zur Hysterie zerrüttet, desto mehr atomisiert und zerstäubt sich unser aufgeklärtes Weltbild. Was wir im Zuge des hässlichen Tausches erhalten werden, ist ein Blick auf die Welt, der im Sekundentakt neu skaliert und daher nicht mehr an die Vernunft, sondern allein an das reine hysterische Jetzt zurückgebunden ist. In der noch enger gezogenen Schlussfolgerung bedeutet das, dass der menschliche Geist sich zunehmend und zunehmend schneller verliert. Es ist schon jetzt nicht mehr als großes Wunder zu erachten, warum Verschwörungstheorien, Weltuntergangsgesänge und überhaupt Mythen (wenn auch in neuem Gewande) Hochkonjunktur haben. Man muss nur einmal das stündlich neu austarierte Geraune um die News, die aus der Ukraine eintreffen, beobachten...stündlich tischt irgendwer eine neue Interpretation der Situationen aus der Region auf, die abstrusesten Deutungen sind die willkommensten und der kleinste Darmwind eines pro-russischen Freischärlers wird zur kriegsvorbereitende Maßnahme umgedeutet. Es sind dies nicht zuletzt traurige Zeiten in unserer digitalen Welt.

    Die ''klassischen'' investigativen Leitmedien der analogen Zeit haben im Netz (das natürlich selbst Leitmedium ist, aber ein wenig verbindliches) auf Dauer auch in ihrer chimärischen Form als ''Online-Auftritt'', wenn sie wie beschrieben weitermachen, keine Chance mehr. Der qualitative Abfall ihres Inhaltes wird zum massiven Leserschwund führen, neigen sie sich dagegen noch mehr Richtung Boulevard, wie dies SPON bis zur Unkenntlichkeit zu tun bereit ist, verwandeln sie sich in reinen austauschbaren Junk-Journalismus. Die Zeitungen, die Print und Online bedienen, sollten entweder ihren Print stärken (denn die ''Sehnsucht'' nach langsam taktenderen und wirklich! informativen Artikeln zum Zeitgeschehen wird bald wieder zunehmen, man könnte das ''nachhaltigen Journalismus'' nennen) oder ihre Online-Sparte seriös halten bzw komplett einstampfen, um nicht austauschbar zu werden.

    Eine Publikumsbeschimpfung übrigens kann ich mir hier vielleicht auf meinem Privatblog erlauben, steht aber einer seriösen Zeitung wie der FAZ nicht an, weshalb ich wiederholt im Speziellen auf den Tod der FAZ plädiere. Sowas können sich Zeitungen fürderhin weder online noch analog erlauben: zu privatisieren und gegen die Leserschaft anzuschreiben, einfach weil man glaubt, dies und das doch noch sagen zu dürfen oder es mal wieder konträr anders als ''das Internet'' sehen zu müssen, wie dies ihr wirklich dummplappernder unverantwortlicher Redakteur Jasper von Altenbockum überaus gerne ostentativ tut. Für J. v. Altenbockum ist übrigens die NSA gar kein Problem, Edward Snowden kein Held, sondern ein simpler Delinquent, der vor US-Gerichte gehört und das Internet eine Instanz, der man das Vorratsdatenspeicherungsgesetz unbedingt zu gönnen hat oder lesen Sie selbst einfach mal unbedingt, was ich meine, warum dieser Mann intellektuell in seichten Wassern rudert:

    http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/eugh-zur-vorratsdatenspeicherung-justizminister-heiko-maas-rudert-zurueck-12885567.html

    Aha, Heiko Maas hat also vor ''dem Internet'' (was ist das denn?) gekuscht...ein derart weltfremder zeitenferner Geist wie Altenbockum sollte nicht ''verantwortlicher Redakteur'' des Innenressorts einer Zeitung sein, die sich selbst den gewagten journalistischen Aufbruch ins 21. Jahrhundert verordnen wollte.

    Dieser Eintrag darf durchaus verstanden werden als ein Aufruf zum politischen Bloggen, zum Durchatmen und dann Schreiben, zum Anderssehen und es dann mitteilen, als Plädoyer auf einen Diskurs, bei dem wir uns aus der Komfortzone herausbewegen und nur dann etwas mitteilen, wenn wir auch wirklich etwas zu sagen haben und nicht pausenlos belang- und geistlose Nachrichten aus der informationsfreien Zone senden, denn das tun die ''klassischen'' Medien schon mehr als zu Genüge. Nicht das Zeitalter per se ist hektisch, sondern wir sind es, wenn wir uns denkfaul hysterisieren LASSEN oder die Umwelt hysterisieren! Es geht immer auch langsamer und weniger...begebt euch in die Tiefe!!

    Dies alles, damit wir nicht nur noch Propaganda, BILD-Klone und Mode- und Kosmetik-Blogs lesen müssen. No offence...? Von wegen!!

    ...nächstens natürlich mehr...(ich habe ja nicht einmal angefangen)

  • ''Perros negros de Andalusia'' aus losen Blättern vorausgelesen und auch irgendwie verraten von einem geschwätzigen Nachtalben

    Was aber, wenn ich nicht erwache und schwarze andalusische Hunde bellen unter meiner Treppe, der pelzige Nachtalb lastet schwer auf meinem Rippenbogen und so sehr ich auch schreite und schreite: ich komme nicht zur Vernunft. Soweit ich mich umblicke, sind da Gräber des Unbekannten Enthusiasten und ich frage mich, was mein Körper noch soll...

    ''In gewissen Sinne sind alle Träume - Bequemlichkeitsträume; sie dienen der Absicht, den Schlaf fortzusetzen, anstatt zu erwachen. Der Traum ist ein Wächter des Schlafes, nicht sein Störer.''

    Sigmund Freud, Die somatischen Traumquellen

    Wieder und wieder kaue ich meine Gedanken, ich ruminiere, mein Gehirn schon eine Anschlusstelle, ein neurotisch-nervöser Adapter, ein prekärer Autor, der ''mich'' produziert und doch woanders hin will, in die Cloud, the cloud of consciousness, Flucht-Hirn, Testosteron- (ein seltsamer anmutendes Hormon in dieser Zeit) und Endorphin-getriebenes Gehirn, etwas das ''mich'' ''Ich'' sagen lässt, ein physisch egoistischer Motor der Selbstver- und Entsorgung. Eine Zelebration des Zerebralen, will prahlen, nimmt alles weg, nimmt alles zu sich, produziert auch und hetzt durch mich: Gedanken, Ideen, Entwürfe, Projekte, Meme, big thoughts...verklappt das alles in meinem Kopf, Hirn-Schale Schädel, aber da ist ein Motor, der will raus aus dieser Schale, da ist ''Geist'' (ichlose Essenz vielleicht doch) die will rausströmen ins Freie, Intelligenz, Bewusstsein, dem wird es zu eng im ''Kopf'', das will sich vereinen, das will sich synaptisch vernetzen, das will ko-produzieren, das will über den Körper hinaus in den unbegrenzten freien Raum.

    Komm zurück zur Unzeit, Verstand, da ich in meinen Träumen liege wie im fernsten Mythos und wiederkäue, und auf Träume ziele und von Zielen träume ''and it's still alright in my head'', immer noch nicht bewusst, bin ich ein Schwimmer in einer dunkelgewellten See von diffuser Angst, tauche immer wieder auf aus Unterbewusstsein und kämpfe um Oberwasser, bilde mir das ein, bilde mir dies ein, Bilder, Gestalten, Nachtalb auf meinem Rippenbogen, drückt mich schwer, wie komme ich zu mir selbst an den Tag des Bewusstsein und das Schwert des Verstandes?

    Und komme ich wieder zum Verstand, da hat sein Schwert doch die stumpfeste Schneide, so ist doch auch der Geist so oft schon zerrüttet, eine zerschlagene Herde getriebener Gedanken, die in alle Richtung panisch davon stäuben, über Zäune und Grenzen hinweg, hysterische Hyperimpulse eines überinformierten Geistes, BIG DATA, release my mind from all this shit, don't get me any data anymore...

    BIG DATA! Bewusstsein ist eine Penetranz, ein nervöses Dauer-Alarmiertsein, ein unentspanntes Über-Wachsein, ein Überwacht-Sein (Goya war im Unrecht: der tiefe Schlaf der Vernunft gebiert keine Monster, die dauernde WACHSAMKEIT des hyperattentiven Bewusstsein gebiert ihre Monster). All diese Gedanken, Gedanken, die invasiven Penetratoren, die wollen einreden, immerzu einreden und all die Algorithmen, nach deren Pfeife wir tanzen, das geht so, der Algo-Rhythmus, bei dem ich mit muss...

    Chromosom: archaiche Bio-Software, Chromosom: copy and waste your individual, Informationen in Proteine geprägt, Information aus Urzeitmeeren, BIG DATA aus dem kambrischen Urmeer, die auch die Katze gerade träumen lässt, mit bebendem Kiefer und R.E.M., in archaischen Traumlandschaften, in Bildern aufgenommen aus der primitiven Ur-Kamera, dem Primitivauge ungetümer Fische, Lichtfängervorrichtungen in der Kreatur, interpretierende Spiegel einer Welt, die zu Bewusstsein kommen wollte, einer Welt, die begann, sich selber zu filmen, mit Primitivaugen, mit Ocellen, mit Facetten, mit Lochkamera-Augen, BIG DATA, Bilder liefern, Aufmerksamkeit liefern, Bewusstsein produzieren für die nächsten x-milliarden Jahre, Traumlandschaften des Lebenskollektiv aufbauen, von denen ich träume jetzt und zu anderen Zeiten, von denen auch die Katze träumt, Evolution of Consciousness in replay...Chromosomen- und Bilder-Rekonfiguration...re-install ancient primordial data, think it big...BIG DATA.

    ''We are of such stuff as dreams are made of...''

    Shakespeare, The Tempest

    Und dann ist da die Besinnungsmaschine, der Nervenknoten mit dem bescheuerten Namen ''Hirn'', bescheuert klingend fast immer in fast immer allen Sprachen, ''brain'', ''cerveau'', ''cerebro'', immer klingt die Maschine so bescheuert nach einer organisch matschigen Sülzmasse ''Hirn'', ''Brain'',, etc... hätte sich das technizistische Lateinische durchgesetzt, wäre jetzt vielleicht unser Hirn ''Computer'', com-putare: zusammensetzen, zusammenstellen, zusammenrechnen, unser Hirn Urzeit-Rechner, primordial computer. Klingt alles nach organisch organisierter Sülze und doch also Ur-Computer, erste virtuelle Macht des Lebens schon vor x-Millionen von Jahren, Motor des Bewusstseins, Schöpfermacht, werdender Gott, vernetzende Urgewalt, Synapsennetzmacher, Nervenverschalter, Aufmerksamkeitsaggregator, Gedanken- und Weltverschalter, bringt die Welt zur Sprache später und ins Bild, Hirn: Ego-Generator, egozentrische Intelligenz, die aber kommunizieren will, die sich teilen will im Mit-Teilen, die labern will, Ideen verbreiten, teilen, die kontrollieren will, Kontrollschwein Bewusstsein, immer alles sehen, immer alles wissen müssen, Weltregister organisieren...BIG DATA seit x-milliarden Jahren.

    Jetzt Schluss mit allem Rechnen und Algorithmisieren, die Maschine macht das jetzt, die schließt uns an, vernetzt uns, lässt unser Hirn zur bloßen Synapsenverästelung werden und bildet einen universalen Intelligenzcluster heran...das universale Bewusstsein hat keinen Namen, es ist nur so, mir träumte davon, es träumte mich...mein Hirn wird passiv, Ideenaufnahmemaschine, statt -produzent, zunehmend Verarbeitung statt Autorenschaft...bewegt sich durch die Realität wie durch einen Traum, Ideenmorast, Bildermorast, aus allen Zeiten, schwere Last, schwerer schwarzfelliger Nachtmahr auf meiner Brust, dunkeltönendes Bellen wieder der schwarzen andalusischen Hunde, das zum fernen Donner titanischer schwarz wogender Wellen aus dem sturmumtosten Tethys-Urmeer wird, totale Immersion, under the line of unconsciousness, sinke ich hinab in die nur dumpf bewusste Tethys, low data, I'm running fucking low on data down here, Hell-Dunkel-Kontraste im primordialen Auge, verwässerte Bilder unklarer Ziele vor (??) mir, unter oder über mir, hier ein flinker Schatten, da ein schwarzgrünes Treiben, schillernd, ein schuppiges Streifen, keine Brennschärfe des Bewusstseins mehr, ich werde ein leichtes treibendes Tier in dumpfer Genügsamkeit, mein ''Ich'' wird ein schwachsignalisierendes ''Zu mir hin in meine Richtung'', ich erzeuge einen Sog zur Futteraufnahme, ich bin nicht mehr komplex, jedes Datum begibt sich zu mir statt ich mich zu ihm, meine Linse verwittert, ein fortwährend bilderverschwemmender Strom salzigen Wassers über meine Augen, die unklaren Bilder dimmen die scharfumrandeten Bildzonen meines Bewusstsein herunter, die erinnerten Eindrücke sehe ich nurmehr myopisch, alle Zeiten verschwimmen, jedes Bild ist gleichverschwommen, mein Auge sinkt mit mir in die unbewusste Tiefe des Meeres, des Schlafes, der Bewusstlosigkeit, in die Tiefe, sucht noch nach Licht, kleine glimmende Schemen hier und da noch am Rande der Sehzone, schon weit, schon weit...immer schwereres Schwarz wie ein schwerer Mantel, der aufliegt, immer schwerer, immer schwärzer, kaum Bewusstsein mehr als noch das dieser drückend schweren schwarzen Decke, eine schwarze Schwere, die ins Nichts übergeht, eine Leblosigkeit, eine Zurücknahme, running incredibly low on data now, eine Leblosigkeit, die in Tod übergegangen ist, kein Datum, keine Information, da ist nichts.

  • ''Roboterleser hassen ihn!'' oder: Das alles ist schrecklich schön, aber in Zukunft bitte (so ziemlich) ohne mich

    ''Du willst also Missionar werden? Und Du willst, daß ich nicht schnell darüber hinweggehe. Nun gut, warum willst Du das werden? Wenn es ist, um Dich selbst zu beruhigen, dann dürfte das doch ein höchst schwer zu verteidigender Grund sein, und einem nicht gerade eine Vorstellung darüber geben, was man eine Berufung nennt, weil man dann eher sagen müßte: 'Arzt, hilf Dir selbst!'. Oder ist es um der anderen willen? Ehrlich gesagt, das glaube ich nicht. Du, der Du noch unter so einer Geschichte leidest, wärest kaum imstande dazu.''

    Aus einem Brief Sören Kierkegaards an Emil Boesen, 16.1.1842

    Erst einmal vorab: der Alternativtitel dieses Eintrages ist fast komplett geklaut von der deutschen Übersetzung des hinwiederum hinreißenden Buches (Lesebefehl!) des David Foster Wallace ''A supposedly fun thing I'll never do again in my life''...

    Ich meine hier aber anders als Foster Wallace es meinte, keine mehrwöchige Kreuzfahrt auf einem Luxusliner mit Hummermenü und Frackzwang beim Dinner sowie bevormundenden Dauerunterhaltungsterror durch diktatorische Animatoren auf einem Club-Schiff, sondern ich möchte über das Internet und die Digitalisierung und die damit zusammenhängenden Gegenstände sprechen. Immer mehr entdecke ich diese Haltung an mir, und wie stark erst seit Edward Snowdens Enthüllungen und angesichts der unheimlichsten Überwachungsszenarien und der Werbung, die einen zu Tode verfolgt und vieler Mitmenschen, die sich digitalverklebt bereits realiter auf dem Niveau nervigster facebook-Kommentatoren unterhalten: vieles an der digitalen Welt mag schrecklich schön sein, aber in Zukunft bitte ohne mich...

    Der erste Schritt soll ab Aschermittwoch, 5.3.2014, wenn es auch an das leibliche Fasten geht, heißen: Finger weg vom Rechner und dem Netz generell, wir fasten digital. Das klingt zwar ungefähr so originell wie ''friss die Hälfte'', aber irgendwo möchte man anfangen dürfen mit dem Aufhören bzw zumindest dem Teil-Ausstieg. Natürlich gilt auch hier die Unschuldsvermutung in Sachen Naivität, dass ich in Sachen digitales Fasten zunächst a) unter hohem Prokrastinations-Vorausverdacht eine solche Aktion ankündige und derart b) zum Forum dieser fanfarenstößigen Ankündigung dazu eine digitale Plattform wähle: ein schöner Schelm, unser raumgewinner...außerdem muss man bei diesen selbstgefälligen Vorausankündigungen immer aufpassen, das man nicht ein unbelehrbares weiteres Mal den langen Anlauf zum kurzen Sprung nimmt.

    Aber ich muss da raus und mich da rausschreiben: denn ich fühle mich zu schnell und zu viel in- und exformiert, überwacht, be- und umworben, zugekleistert mit hirnlosen Aktionen und Nachrichten überall, zugekleistert mit Daten, Informationen und Optionen, finde mich selbst nur allzu oft zeitverplempernd (im Netz ist alles irgendwie leere Zeit, die unerinnert bleibt, darauf muss man mal achten: das Netz schafft keine Erinnerung, was das Verweilen im Netz betrifft...wieviel mehr lebendige Erinnerung haftet später an einem Spaziergang durch verschneite Wälder als an einem typischen Internet-Surf-Tag?)...die Leere der ganzen digitalen Veranstaltung führt sich mir immer mehr vor Augen und das vielleicht gerade, WEIL das Netz immer ''aufregender und spannender'' wird.

    Aber das Netz wird auch immer mehr Strom von anonymen Agenten und Roboterlesern, dies letztere ist zudem ja auch leider noch wörtlich zu nehmen. Wenn sich der ein oder andere über die letzten zwei Jahre gewundert haben mag, warum seine Lese(r)-Statistiken zB hier immer besser werden: freuen Sie sich lieber nicht zu früh. Eine Vielzahl dieser neu-, aber nicht liebzugewinnenden ''Leser'' dürften in aller Regel simple ''Bots'' sein, stumpfsinnige, bei alledem natürlich höchst kognitive Programme, die in unermüdlicher robotischer Leidenschaftslosigkeit und nach algorithmisch-smartem Ratschluss Ihren Blogtext auf Werbeandockstellen, nach Schlagwörten und auf sonstigen SEO-Shit hinaus analysieren.

    Ein Ideal sollte mir sein: meinen Zugang zum Netz radikal regulieren. Mir selbst private Zugangszeiten für das Netz setzen. Dies nur als Einstieg in den Ausstieg. Dinge, die ich analog verrichten kann, auch analog verrichten. Einen Blogeintrag zwar seiner Natur gemäß auf dem Blog veröffentlichen, ihn aber komplett und analog verfassen. Nicht auf der Schreibmaschine, sondern so wenig mechanistisch-elektronisch wie möglich: handschriftlich mit dem Füllfederhalter, also aus dem Block in den Blog. Nicht um des lieben Papieres und der Tinte willen (sagen Sie in unserer Zeit mal ''Papier und Tinte'' und Sie provozieren nicht unerheblich!), jedenfalls: nein, um der Stärke des Textes willen. Das langweilige geduldige Papier raubt einem Text schnell die immer etwas nervig-unsouveraene Hysterie und die direkte Raushau-Mentalität sovieler schnell fabrizierter digitaler Texte. So liest das zu interessierende Publikum diese Texte dann als analoge Fundsache in effigie dennoch im Netz.

    Und sonst? Was mir auch vorschwebt: sich seelenruhig dem mitunter lästigen physischen Aufwand zur Beschaffung von Informationen stellen. Will heißen: öfter mal wieder in der Bib statt bei wiki recherchieren. Dem Zufall der Suche im Wälzen von Büchern und Briefen anheimstellen, was mir im Digitalen dagegen ebenso arbiträr zB nach Werbeaspekten und Trefferlisten zu- und untergejubelt wird.

    Kritische Distanz zum Netz, um nicht im oder noch mehr mit dem Netz zu verkleben. Wenn es etwas gibt, dass der sowohl räumlichen als auch temporalen Ubiquität des Digitalen sperrig entgegensteht, dann sind es eben regulierte private Zugangszeiten zum Internet. Aber gerade deshalb solche Zugangszeiten sich setzen. Z.B, wie ich es damals in meinem Karl-Marx-Refugium tat:

    http://raumgewinner.blog.de/2009/10/23/karl-marx-refugium-7231772/

    Wissen aus Büchern extrahieren. Sich ansonsten nur zB von 22.30-24h im Netz aufhalten. Von mir aus auch (je nach persönlicher Präferenz und in Veterinärsmanier) immer nur montags und mittwochs von 14-16h oder sonst nach Belieben. Sich beschränken. Sich raushalten und vor allem auch: das Netz nicht mit allzu speziellen Daten überfüttern. Dieses unselig überzogene Internet-Füttern muss überhaupt aufhören.

    Für Spezialisten der Netz-Askese auch sehr zu empfehlen: die aushäusige Internetnutzung, bei der man das Internet fast physisch besucht, indem man nämlich immer erst irgendwohin muss, um da hineinzukommen, zB zur Bib (wie in meiner Refugiumszeit, zu welcher fast alle Texte in der Bib entstanden), zu einem guten Freund oder Gott bewahre auch in sogenannte Internet-Café (oder was glauben Sie, wo in den Jahren 2009/2010, dem Jahr meiner dunklen Flucht, so gut wie alle raumgewinner-Einträge zumindest technisch fixiert wurden?). Also immer erst irgendwohin müssen, um ''ins'' Netz zu kommen, statt es permanent bei sich am Leibe zu tragen, wie es zunehmend allamodisch wird. (Erst hemdsnah wie das Smartphone, dann netzhautnah bei sich, bis man es völlig IN sich hat: das Netz oder wie auch immer man es dann nennen wollen wird, uns Zeitgenossen jedenfalls fehlt noch das viel treffendere Wort für ''das Internet'', ''das Netz'', ''die digitale Welt''...da wir noch nicht absehen können oder wollen, wohin diese symbiotische Reise von Bewusstsein und Maschine geht, fehlt uns noch der Begriff, den die Nachwelt prägen wird und als welcher dazustehen mich ''technologische Singularität'' einfach nicht ausreichend überzeugt).

    ''Die erste ultraintelligente Maschine ist also die letzte Erfindung, die der Mensch zu machen hat.“

    Irving John Good, 1965

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    Die Überwindung räumlicher Distanz zum Erwerb von Information kostet Zeit (und korrelativ oft auch ein gehöriges Bund an Nerven). So ist es klar, dass man gerade in modernen digitalen Zeiten nicht fuer jede Information Zeit, Geld, Nerven und Raumueberwindung verschwenden will. Andererseits: eine Pilgerschaft HIN zur Information kann einer Sache, einer Information aber auch ungeheure Bedeutungsaufladung verschaffen. So wie es nun zB so ist, wie ich es neulich schrieb, dass ich in Kontakt zu meinem 99jährigen Großonkel treten werde (ich kann das nicht ueber Mailkontakt anbahnen, ich muss dem Großonkel zunächst, um nicht mit der Tür ins Haus zu fallen) einen Brief schreiben (Email kennt dieser Mensch nicht) und erst danach ihn auf- und be-, wahrscheinlich sogar: heimsuchen, um die Informationen zu erhalten, die ich bekommen möchte. Dass sich mein Großonkel derart unverhofft in der Person des Autoren einen analogen Troll fängt, tut mir natürlich schon auch ein bisschen leid.
    Durch all diese Mühen aber bekommt allein die Anreise zur Information einen ganz besonders aufwertenden Aspekt. Nicht auf Klick verfügbare Informationen werten diese Informationen in einem ungeheuren Rahmen auf.

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    Ich möchte an dieser Stelle ein wenig eingehen auf den Blogkommentatoren-Typ ''puritanischer Radikaler'', der den missionarischen Autoren immer gleich leibhaftig im radikalen Entschluß äußerster Konsequenz verwickelt sehen möchte, zudem im Idealfall noch derart, daß der Autor unter seiner analogen Askese auch nachweislich physisch leide (wenn unser missionarischer Autor sich schon seine divenhafte Devianz vom immer so bequemen Mainstream erlaubt). Schreibe ich also über den Teilausstieg aus digitalen Zusammenhängen, wird der puritanische Radikalkommentator fordern und fragen, warum ich dann nicht gleich GANZ aussteige, statt die Bequemlichkeiten des Netzes, nicht zuletzt auch seine Publizität, am Ende doch zu nutzen (aber immer nur von 22.30-24h!). Schreibe ich über die Tiefe und den Sinn von handgeschriebenen Briefen und lobhudele dem analogen Buch, fordert mich der Typ Radikalkommentator auf, fürderhin meinen Lesern nur noch analoge Briefe zu schreiben, meinen Rechner zu zerstören und zu hoffen, dass es in zwanzig Jahren noch Papier gibt, ebenso wie der Radikalkommentator verlangen wird, dass ich mich als bekennender Amish oute und anschließend den Gang ins Franziskanerkloster antrete (was allerdings wiederum nicht der schlechteste Vorschlag ist, zumal ich seit Jahr und Tag durchaus mit den Kamaldulensern flirte und zarte Bande knüpfe, aber auch das ist wieder ein ganz ganz anderes Thema).

    Darauf kann ich einmal mehr nur antworten: selbst ein nach Befähigung mönchischer Schlag Mensch wie ich, möchte nur schwerlich ganz und dauerhaft im Total-Analog auf das Netz verzichten. Ein Beispiel: in meiner leidenschaftlichen bis suchtkranken analogen Beschäftigung zB mit Briefen aus dem 1. Weltkrieg reicht das Material, das meiner Familie entstammt, mir schon nicht mehr. Um nun jedoch mehr Material zu erhalten, muss ich zB im Internet recherchieren und requirieren. Müsste ich physisch anreisen, um bei Verkäufern oder Trödlern, in Antikläden, etc zu recherchieren: es wäre ja fast ein Ding der Unmöglichkeit, weil man natürlich auch noch etwas anderes tun möchte, als Briefen aus der Vergangenheit hinterherzureisen (auch wenn die Vorstellung per se ins Dialektische gewandt etwas sehr Reizvolles verströmt). So kann man Schätze der ur-analogen Vergangenheit bergen (wie im letzten Eintrag erstmals erfolgt, weitere Geschichten aus dieser Zeit werden folgen) und ins Licht der digitalen Moderne heben. (Mehr dazu demnächst im neuen Blog: ''Schreibende Krieger'')

    (Derart finde ich gerade die Schnittstellen zwischen der analogen Welt und dem Digitalen unendlich spannend. Welches lebendige Antlitz die Vergangenheit zB durch diese wenn auch fragmentarische Entschleierung erhält bzw erhalten kann. Dies ist aber der Einstieg in einen ganz anderen Eintrag, der beizeiten folgen mag. Wie heben wir die analoge Vergangenheit in die digitale Gegenwart und wie rückinterpretieren wir Geschichte in einem zweiten bis x-ten Anlauf neu?)

    Wenn also Kritik zum Netz vorgelegt werden muss, betrifft sie keine fundamentale Grundablehnung, sondern sie betrifft das bewusste! Nutzen all seiner Möglichkeiten. Bei vielen Zeitgenossen aber bekommt man zunehmend das Gefuehl, dass sie sich zB gern bewusst ernähren, aber niemals auf die Idee kämen, das Netz bewusst zu nutzen. Benutzt wird ohne Reflektion und wer die digitale Technik kritisch anschaut, ist per definitionem schon der idealtypische ''Kulturpessimist/Kulturkritiker'' und technikkrittelnder Maschinenstürmer, der sich gleich wieder ins Zeitalter des Pergaments und des Kerzenlichtes fuer alle zurueckwuenscht. Dazu bekommt er wie ein Mantra die Kritiker des Buchdruckes an der Schwelle zur Frühen Neuzeit und die Angsthasen als seelen- und denkverwandte Compagnons zur Seite gestellt, die zB auch zur Einführung der Eisenbahn Angst davor hatten, dass die Geschwindigkeit der Eisenbahn dem menschlichen Körper schaden koennte. Das sind so die Klischeerepliken der Internetkritikerkritiker, die sie dem ''Kulturpessimisten'' in variationem um die Ohren hauen. Die bottomline daraus soll lauten: 'Du bist genauso ein Depp mit deiner Kritik an der fortschrittlichen digitalen Technik.'
    Sie vergessen: die Implikationen einer fundierten und bewussten! Kritik am Digitalen Leben gehen im Jahr 1 nach Edward Snowden soviel tiefer, als diese es nur ahnen oder zuende denken koennen oder wollen. Hier daher nochmal ins Stammbuch für denkfaule Digitalfanatiker, die Kritik denkfaul und mundtot machen möchten:
    Keine Technik ist allein im Maß der Geschwindigkeit ihrer Entwicklung und ihrer totalen Effizienz fortschrittlich! Mein Mantra noch dazu: die rasante Entwicklung einer Technik, die sich von der Entwicklung und Beförderung! des Menschenbildes abkoppelt, ist kein Fortschritt. Was nützt die beste und effizienteste Technik, wenn sie am Ende allein nurmehr sich selbst und ihrer rasanten Entwicklung als Selbstzweck, nicht aber mehr dem Menschen dient?

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    Nicht umsonst wählt der großartige Jaron Lanier (Sie verfügen ja selbst über die wikipedia, lieber Leser, aber seien Sie kritisch bei Ihrer wiki-Recherche, denn zumindest der deutsche Artikel weiß nicht einmal etwas von der Existenz seines aktuellen Buches!) in seinem ebenso grandiosem Buch ''Who owns the future?'' folgende Überschrift für ein Kapitel, die es gerade in ihrer Simplizität schon sehr gut trifft:

    ''The problem is not the technology, but the way we think about the technology.''

    Eine Technik, die sich in äußerster Geschwindigkeit und atemberaubender Effizienz entwickelt, darf man dennoch nicht gleichsam idiotisch zum progressiven Selbstläufer erklären, bei dem faktisch schon immer alles so gut ist, wie es ist, wie die Technik es (oder sich) entwickelt. Das führt nämlich zu einem unkritischen konformistischen Verhältnis des Menschen zu ebendieser Technik. Immer noch stehen hinter dieser Technik Menschen und diese Menschen arbeiten für die großen ''digital companies'', die das Netz nachhaltig und zunehmend gentrifizieren oder monetarisieren und auch noch aus der schönsten idealistischen Website ein ''big profit''-Geschäft machen. Oder aber das Netz wird durch die Politik okkupiert, durch die Geheimdienste und ihre Suchalgorithmen, bei denen man keine Netzaktivität mehr ohne Paranoia auszuführen vermag. Diese Menschen arbeiten für google oder facebook oder amazon und sind darauf aus- und abgerichtet, uns zu steuern, uns in gewisser Hinsicht zu konditionieren, uns zu überwachen, uns dazu zu bringen, das Netz kostenlos mit Informationen zu füttern, die SIE dann zu Geld machen.

    Die Ausbeutung des digitalen Normalverbrauchers durch das Netz ist grenzenlos: die big companies heuern ein Millionenheer sogenannter ''Freelancer'' an, die sich zu sklavenähnlichen Löhnen dafür hergeben, die digitalen Drecksjobs zu machen, die die Maschinen noch nicht übernehmen koennen, vom bestellten fake-Rezensionen schreiben über ''Korrekturkommentare'' zB in Produktblogs oder der online-Presse bei mies besprochenen Produkten bis hin zur Auswertung all der milliarden Info- und Datenpakete, weiterhin über das Übersetzen bis hin zum Erstellen billigster Werbetexte und -botschaften, etc etc...alles moderne digitale sklavenähnliche Ausbeutungsverhältnisse. Eines der krassesten Exempel dieser Ausbeutungsverhältnisse im Digitalen: Amazon's ''mechanical turk''-Projekt. Da ich in meiner nächtlichen Verstiegenheit noch viel fauler bin, als Sie sich das ohnehin gerade vorstellen koennen, lieber Leser, hier lieber eine gute Beschreibung dieses bescheuerten und auch bescheuert benannten ''Projektes'' im chip-online-magazin:

    http://business.chip.de/news/Mechanical-Turk-Amazon-Jobs-fuer-Hungerloehne_53643285.html

    Im Zusammhang mit dem ''Mechanical Turk'' ist auch von ''digitalen sweatshops'' geredet worden, was ich fuer einen sehr geglückten Begriff für diese Art der Ausbeute ''menschlicher Ressourcen'' halte. Der Einzelne wird unter dem verlogenen Ideal der ''freelancing economy'' ausgebeutet (vielen macht dieses natürlich auch noch Spaß, sie sehen das als bloßen Zeitvertreib, bei dem man nebenher noch ein paar wenige cents pro Stunde macht, ein kritischer Geist ist eben eine seltene Sache und wenn es dann nicht reicht, kann man noch digital betteln bzw ''crowdsourcen''), während die ''big company'' maßlos an der Summe der Leistungen ihrer freelancer verdient.

    Dazu vielleicht passend noch einmal Jaron Lanier in ''Who owns the future?'':

    ''Digital technologists are setting down the new grooves of how people live, how we do business, how we do everything-and they're doing it according to the exspectations of foolish utopian scenarios. We want free online experiences so badly that we are happy NOT to be paid for information that comes from us now or ever. That sensibility also implies that the more dominant information becomes in our economy, the less most of us will be worth.''

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    Nun habe ich wieder viel zu lange schwadroniert, wo ich doch eigentlich sagen wollte: digitales Maßhalten, die analogen Kernkompetenzen bewahren, deutlich mehr kritische, räumliche und zeitliche Distanz zum Netz möchte ich nehmen, um das Leben weiter zu spüren und nicht zu einem digitalen Zombie zu verkommen. Es ist und muss nicht alles digitalisiert werden und kann dies auch gar nicht. Wenn ich zB fuer einen Eintrag auf der Suche nach Leuten bin, die das Internet nicht nutzen und auch noch nie genutzt haben (dies natürlich vor allem die Seniorenliga 85plus, wenngleich ganz sicher nicht ausschließlich) kann ich nicht hingehen, und im Netz inserieren, dass ich Leute suche, die das Internet noch nie genutzt haben. Diese Leute (und ihre irrwitzig andersartige Form der Realitätswahrnehmung) muss ich analog suchen und aufsuchen...(wenn Sie mir die Pointe jetzt vermasseln wollen, entgegen Sie mir einfach, dass aber zB der Enkel oder ein Bekannter unseres imaginierten Nicht-Netznutzers ja von einer solchen digitalen Inserat Wind bekommen könnte und dann diesen kontaktieren usw...)

    Eine abschließende Prognose noch: das Analoge, das Langsame und Beschwerlichere wird in den nächsten Jahren wieder massiv aufgewertet werden. Sie glauben das nicht, wo doch alles um uns immer hysterischer wird? Warten Sie es nur ab...wenn die kritische Menge erreicht ist, die bemerkt, dass ständig Informationen auf uns einprasseln, die uns nicht mehr informieren oder Verfügbarkeiten uns überwältigen, über die wir nicht verfügen, Bedürfniserregungen uns überschwemmen, derer wir nicht bedürfen, kommen wir vielleicht wieder bei Albert Einsteins Erkenntnis an:

    ''Alles sollte so einfach wie möglich beschaffen sein, aber auch nicht einfacher.''

    Denn aus der übersteuerten Simplizität resultieren letztlich nur anwachsende Bewusstlosigkeit über die Summe unserer Alltagshandlungen, die wir ausführen und eine beachtliche Verarmung kognitiver Kompetenzen, die letztlich als Verdummung bezeichnet werden muss. Das menschliche Gehirn würde sich komplett zur animalischen Genußerfahrungsmaschine zurückentwickeln und kognitiv immer unvermögender und passiv werden. Stellen Sie sich zB vor, wie verheerend es wäre, wenn Sie jedes alltägliche oder existentielle Problem, das auf Sie zusteuert und Sie belasten mag, einfach mit einem Klick wegklicken könnten bzw die Technik Ihnen immer! eine direkte Lösung darbieten könnte. Die Konsequenzen mag sich jeder selbst ausmalen...

    Am Beispiel des Briefes und der physischen Mühe, Idee und Schrift über Zeit und Raum zum Adressaten zu befördern, wird beim nächsten Mal zu verhandeln sein, für jetzt allerdings wird die Müdigkeit Sieger über die Physis unseres Autoren, der sich keinen mechanical turk-freelancer leisten kann...es soll dann auch um die Last des Briefeschreibens, weiters um schreibende Krieger und warum bots keine Briefe lesen, wie ebenso um die Frage gehen, warum Ereignisse und Verrichtungen durch Langsamkeit und bewusste Verzögerung eine immense Bedeutungsaufwertung und Sinnstiftung erfahren.

    ...naechstens also mehr...(ich mache es mir nun erst einmal schwer).

  • Schreibende Krieger ---- kämpferische Vorfahren schreiben ahnungslos Feldpost an ihren untauglichen Nachfahren, der davon dennoch Zeugnis ablegen will

    ''Der so lange und sehnsuchtsvoll erwartete Friede ist jetzt dank Gottes Gnade wieder zustandegekommen und hoffen bald wieder zu Euch in die Heimat zurückzukehren.''

    Metz, den 18.3.1871, aus einem gemeinsamen Brief meines im Deutsch-Französischen Krieg kämpfenden Ururgroßonkels Friedrich und Ururgroßvaters Joseph H.

    Feldpost 1871

    Und dann kam der Friede und beendete diesen Krieg 1871 und dann kam der Krieg 1914 wieder, schickte diesmal meinen Urgroßvater Joseph H. (u.a.) in den Krieg, spuckte ihn wieder aus, ein weiterer Frieden kam und dann kam der andere, noch brutalere Krieg 1939 und sog wiederum einen Josef H. (u.a.) ein und...

    Joseph H. 1

    So kam es mir neulich beim Studium der vielen Feldpostbriefe der Familie aus verschiedenen Kriegen in den Sinn; meine männlichen Vorfahren waren in erster Linie vor allem.... schreibende Krieger! In drei Kriegen sind allein aus der Linie der Vorfahren meiner Mutter immer je zwei Männer pro Krieg gefallen, zwei von vier sich im Krieg befindlichen Brüdern meines Ururgroßvaters im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/1871, zwei der sechs Brüder meines Urgroßvaters (von insgesamt dreien im Feld) im Ersten Weltkrieg, zwei von fünf Brüdern meines Großvaters (von denen insgesamt vier ''im Feld'' waren) dann im Zweiten Weltkrieg. Die frühesten Aufzeichungen zeigen sogar, dass männliche Vorfahren in den Koalitionskriegen gegen die Besetzung Westfalens durch Napoleons Bruder schon aufseiten preußischer Verbündeter 1813 ''im Feld'' standen und lagen und fielen.

    Kaum einer dieser Maenner ist überzeugt in den Krieg gezogen. Diese Männer waren Bauern und wenn leidenschaftlich, dann nur in der Zucht westfälischer Springpferde, und ihr Geschlecht seit Jahrhunderten ihrer extrem lehmigen und nicht allzu ertragreichen Scholle verbunden ('Kleiboden', wie mein Großvater immer sagte, Land, das sich an einen bindet, Land, das einen frißt und aufzehrt, so wenn man bei Regen über die Felder lief, immer der lehmige Boden, der Klei, einem immer kiloweise an den Schuhsohlen kleben blieb, als wolle er einen festhalten oder einen zu sich hinab ziehen, an einem haften, wie eine Vergangenheit, die man nicht mehr abschüttelt, eine Erd-Anziehungskraft, die einen schon ins Grab herabzieht und von der man nicht mehr wegläuft, weil der Schritt immer schwerer wird, ein solcher Boden, einer solchen Scholle war man verbunden und doch wuchs ja aus dieser Scholle später wieder das nährende Korn), ohne irgendeine Ideologie dahinter, allein um das bloße Überleben ging es ihnen, ohne viel Aufhebens um die Erfüllung abstrakter ''Lebensziele'' oder sonstiger über die bloße Existenz hinausweisender Sehnsüchte. Die harte Arbeit im Schweiße des Angesichts und die wetterwendischen Wechsel der Bedingungen ihres ansonsten durch all die Jahrhunderte konstant gleichbleibenden archaischen Bauerngeistes waren ihre Wegmarken.

    Diese Krieger waren von den Äckern zum Militär berufen worden und wussten gar nicht wie ihnen geschah, wenn der Staat sie zum Kämpfen einbestellte. Der Staat war eine abstrakte Macht, die einberuft und befiehlt, eine gewaltige imperiale Mühle, die die Männer aus dem kultivierten Feld abberuft und sie ''ins Feld'', in die Gräben, an die Front beruft. Das nahmen die Männer hin wie man das Wetter hinnimmt, das an und in das Korn schlägt. Der Krieg war eine große Macht, größer als man selbst, größer als die Frage nach seinem Sinn und seinem Sein, größer als die Frage nach dem jeweiligen Kriegstreiber, ob der nun Landesherr, König, Kaiser oder ''Führer'' war, der Krieg war eine Notwendigkeit, irgendwie der blutdurstige Tributtreiber fast jeder Generation, dem man als Bauer seine Söhne nährend und wehrend zur Verfügung zu stellen hatte, der Krieg gehörte ''dazu'' (wozu? zum Leben? Und ist dieses ''dazu'' ein Leben, wenn es immerfort Krepieren und Töten heißt für...was eigentlich?). Das alles wurde nicht gefragt. Man zog die Pflugschar, man zog in den Krieg...Schwerter zu Pflugscharen und dann wieder andersherum, Krieg und Frieden, Frieden und Krieg. Das über soviele Jahrhunderte gestreckte und an die heimatliche Scholle und an den männlichen Tod in der fremden weiten Steppenferne des Ostens zugleich gebundene Leben und Verlöschen dieser Bauern entstammt einem dunklen Strom und aus diesem dunklen unergründlichen Strom erreicht am 3. Mai 1939 die Pferdezüchter- und Landgutsbesitzerfamilie Joseph H. folgender Brief für den 19-jährigen Sohn des Hauses Wilhelm H. :

    ''Der Dienstpflichtige Wilhelm H., geb. am 16.10. 1920, wohnhaft zu S., hat sich am 20.5. 1939 zur Anlegung seines Wehrstammblattes bei der militärischen Meldebehörde in M. zu melden.''

    Ohne das dies am 3. Mai 1939 bereits verbindlich geahnt werden könnte, stellte dieser Brief aus miefiger Amtsstube die Einladung zur Registration zum Tod durch den kämpfenden Staat.

    In einem der letzten Feldpostbriefe meines am 28. August 1941 in einem polnischen Birkenwäldchen bei Katkowo in seiner Funktion als Flakschütze gefallenen Großonkels Wilhelm H. schreibt dieser inmitten aller Bemerkungen zur Familie und zur bevorstehenden Ernte in der Heimat am 21.6.1939 fast beiläufig lapidar nebenher die kleine Zeile: ''Hoffentlich ist dieser Krieg bald vorbei.'' aufs Papier, so als ziehe es ihn wieder hin zu den Springpferden und der Ernte und seiner Schwester ''Mieze'', wie er sie liebevoll nennt und nach der er sich in all seinen Briefen wieder und wieder erkundigt, ganz so als hielte er an der lieben Schwester und der Ernte daheim fest, um überhaupt einen Halt zu haben in der heimatlosen Ferne, die er nicht versteht, im Feld liegend für eine ''vaterländische Mission'', die er ebenso wenig versteht. Und allein die Frauen schreiben ihm in die grausame Ferne, seine liebe Mutter, seine liebe Schwester Mieze, alle anderen dagegen, die Männer der Familie, sind ''schreibfaul'' oder, wie er andernorts feststellt:

    ''Dem lieben J. (seinem ebenfalls sich im Krieg befindlichen Bruder, Anmerkung von mir) geht es wohl zu gut, der meldet sich nämlich überhaupt nicht mehr...''

    Seine Mutter dagegen kann nicht wissen, dass ihr Sohn Wilhelm H., dass ihr ''lieber Sohn Willy'', ihre Briefe aus der Heimat ab Ende Juli 1941 nicht mehr lesen wird...seinen letzten Brief in die Heimat schreibt er am 24.8. 1941, die Briefe seiner Mutter seit Ende Juli dieses Jahres dagegen gehen allesamt ungeöffnet und ungelesen in die Heimat zurück.

    Feldpost 1941

    In einem dieser ungelesenen Briefe vom 11.8.1941 schreibt Martha H. ihrem Sohn wenige Tage vor dessem Tod voller Sorge an die Front:

    ''Mein lieber Willi! Deinen letzten Brief erhielt ich Ende Juli, den du am 24.7. geschrieben hast, das ist nun schon lange her, man ist immer in Unruhe, wie es Dir wohl geht. Wenn denn möglich schreibe doch mal bald, man sieht dem Briefträger immer entgegen, aber vielleicht ist ein Brief von Dir auch schon unterwegs. ''

    Immer wieder erwähnt sie den Urlaub von der Front, den die Söhne der Nachbarhöfe im Spätsommer nehmen durften und in dem sie sich derzeit befinden, den sogenannten Ernte- oder Bestellungsurlaub und hofft, dass auch ihr Willy einen solchen bekommen könnte, sie schreibt ausführlich und fast wie ihn dazu einladend von den Nachbarssöhnen, seinen ehemaligen Spielkameraden und Freunden, wünscht sich im Schreiben ihr gemeinsames Wiedersehen herbei, aber ein solcher Ernteurlaub wird ihrem Sohn nicht mehr ermöglicht werden. Immer wieder fragt sie in den Briefen, die ihn nicht mehr erreichen werden, ob sie ihm eventuell Zigaretten schicken könne oder was er sonst brauche. Ihr Willy stirbt am 28.8. 1941 in einem fremden Land, das er nie erobern oder besetzen wollte, 955km Fußmarsch fern von seinem Heimatdorf ''den Heldentod'', wie seine Totenkarte mitteilt, er, der ganz sicher ein Einberufener war, aber ebenso sicher kein Held sein wollte in diesem fernen fremden Polen (''hier ist alles so fremd und unsimpathisch'', so schreibt er einmal) unmittelbar an der russischen Grenze. Die Feldpostnummer 09173-C, der Bauernsohn Wilhelm H., der lebhaft Anteil nahm an der Roggenernte daheim und dem Befinden seiner geliebten Schwester Mieze, dem Wohlergehen der teilweise vom Staat für die Kavallerie (damals schon ein markanter Anachronismus) in Konfiskation genommenen Springpferde und dem Wetter in der Heimat, der Bauernsohn Willy, dem das eigene reflektierende Denken so fremd ist, dass er im Schreiben darüber nicht deutlich wiederzugeben vermag, was ihn bewegt und nur oftmals nur andeutet, anreißt und Halt macht vor tieferen und beunruhigenderen Gedanken oder ihren Ausführungen und dann lieber wieder nach den Nachbarn und den Kühen fragt, der im Grunde von der Landwirtschaftsschule aus der warmen Nähe seiner Mutter und Schwester gerissene ahnungslose Junge, stirbt im Artilleriehagel der aus Osten vordringenden russischen Panzerdivisionen.

    Einige Jahre später wird Josef H., Willys älterer Bruder, seiner Mutter Martha am 15.2. 1944 aus dem Transit in Neuruppin berichten:

    ''Hier bei der Flucht aus Posen herrschen 2 Parolen:
    1.) Rette sich wer kann und achte nicht auf deine Mitmenschen!
    2.) Zuerst bringt sich der Offizier in Sicherheit, dann der Soldat. Als letztes werden dann Frauen und Kinder in Sicherheit gebracht!

    Wehe dem, der hierfür die Verantwortung zu tragen hat!
    Eine große Schande und völlige Verdrehung der menschlichen Gesellschaftserdung. Für die Rückführung der kilometerlangen Flüchtlingstrecks ist nichts, aber auch gar nichts getan worden. (...) Unterwegs sah man erfrorene Kinder im Straßengraben liegen. In einem Fall habe ich einem Trekwagen geholfen fortzukommen. Dieser war unterwegs von der Eisenbahn erfasst worden. Hierbei wurden die Frau und ein Kind sofort getötet, der Mann dagegen schwer verletzt. Wir verblieben während der Nacht in dem betreffenden Ort. Am nächsten Morgen habe ich diesen Mann auf der Weiterfahrt als Toten am Straßenrand liegend wiedererkannt. Sehr traurige Zustände haben sich hier ereignet. (...) Aus einer Laune als Ursache von Behauptungen und Anordnungen unseres ''angesehenen'' und allseitig für ''voll'' genommenen Spießes (militärisch umgangssprachliche Bezeichung für einen Kompaniefeldwebel, Anmerkung von mir) wäre ich beinahe vor ein Kriegsgericht gestellt worden. Das Ganze wäre nur ein Theater von Irrtümern geworden. Also alles in bester Ordnung!''

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    ...und da schlägt wiederum ein ganz anderer Ton der lesenden Familie H. 1944 und ihrem schreibfaulen Nachfahren (a.k.a. unserem raumgewinner-Autoren) 70 Jahre später anno 2014 entgegen...ein schreibender Krieger, der ins Denken, ins Zweifeln und über dem Zweifel wiederum nicht in die Verzweiflung, sondern ins kritisch-reflektierte Schreiben gefunden hat. Ein Schreiben, das im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen gehen musste, durch Leid, durch bitterkalte Nächte, durch Hunger, durch Zweifel, durch unsagbare Not hindurch, über Distanzen hinweg, ein Schreiben, eine Feldpost im nicht-agrarischen Sinne, die also endlich auch im ''hier und jetzt'' angekommen ist (wo immer dieses ''hier und jetzt'' sein mag) und deren Verfasser Josef H. über tausende Kilometer und in Kampfverwicklungen im Berlin der allerletzten Kriegsmonate seinen Weg zurück in die Heimat gefunden und überlebt hat und im Jahre 2014 im Alter von 99 Jahren in S. lebt...

    Also auf in definitiv analoge Weiten und den verwandten Schreiber der kühnen Zeilen aus dem Jahre 1944 in einer Form von Pilgerschaft besuchen und ihm Fragen stellen und zuhören zuhören zuhören...und dann wieder: schreiben darüber!

    ...naechstens mehr...

  • Hier kommt der Leserschreck! (eine Einladung zur Abreise) --- Neue Gedanken zum Buch und seinem langen analogen Atem

    ''Wenn ich also etwas retten will, was leicht transportierbar ist und unter Beweis gestellt hat, dass es den Unbilden der Zeit zu trotzen weiß, dann wähle ich das Buch.''

    Umberto Eco, 2009, im Interview mit Jean-Claude Carriere

    Manchmal ist das altbackenste und abgestandenste Pro-Argument für eine Sache dennoch das schönste und schlagendste. Das Buch...

    Dagegen das E-Book. Allein schon der Begriff, eine Anmaßung. Entsprechend zum 'Produkt' ist darüberhinaus jeder E-Book-Besitzer ein veritabler Angeber. Und jedes E-Book eine astreine Mogelpackung, das e-book sollte kategorisiert werden unter: ''non-book'' bei zB Thalia, gemeinsam mit allem Last-Minute-Geschenke-Trash und albernen Tassen und Tellern dort...von mir aus auch gern: ''digitales Lesegerät'', das wäre ein angemessenerer Begriff für dieses seltsame Objekt marketing-angefachter Begierde. Was hat dieses Ding mit einem echten Buch aus Fleisch und Knochen, will sagen: Papier! zu tun? Und so etwas Seelenloses wollen Sie Ihrem Liebsten jetzt wirklich zu Weihnachten, usw...?!

    Wenn ich mir zB vorstelle, dass ich mir einen seelenlosen Apparat bei amazon kaufen würde, der Kindle heißt und auf dem mir meine ''Bücher'' nur solange gehören, wie ich sie auf ebendiesem Kindle lese oder amazon mir die gekauften Texte (entschuldigen Sie: e-books) wieder entzieht, wenn ich zB amazon nicht treu bin und ''mein'' Kindle-Konto mit einem anderen Anbieter verknüpfen möchte oder dergleichen Scherze mehr...da frage ich mich doch echt: wie dumm muss man sein, eine LESELIZENZ für teuer Geld zu kaufen, die einem wieder weggenommen werden kann, wenn man sich nicht konzerngerecht verhält und nennt dies aber dummselig ''mein! e-book''. Das ist eine prekäre Leselizenz und nichts weiter! Dagegen hilft: das klassische Buch aus Papier und Leinen! Das kauft man (im Idealfall, oder man klaut es auf einer Messe oder bekommt es geliehen und richtet sich bei der Rückgabe desselben nach dem griechischen Kalender, etc), jedenfalls: das nimmt einem dann aber auch keiner mehr weg.

    E-books sind die perfekte Einladung zur Abreise, so wie eben auch manche Gastgeber einen so durchschaubar freundlich und zuvorkommend begrüßen, dass man am liebsten gleich wieder gehen möchte...wenn ich jedoch ein schönes, ein gutes Buch lesen will, dann schnappe ich mir meinen Folianten, klappe ihn auf, streichle etwas verliebt über den Buchrücken, halte meine Nase einmal in die geöffnete Falz des Buches und genieße dann mein Buch, im Idealfall intellektuell, aber nicht zu kleinen Teilen auch haptisch und olfaktorisch. Ich liebe Papier, ich fasse es gern an...(und kommen Sie mir jetzt nicht mit ''e-paper'' und elektrophoretischem Text oder solchen Scherzen, mein Buch muss nicht beleuchtet sein!)

    Wenn ich auch an all die armen Autoren denke...so mag man doch gemeinhin annehmen, der ganze Stolz eines Autoren, der mit seinem Werk, seinem künftigen Buch schwanger geht, sei es, die Frucht seiner Bemühungen irgendwann als klassisches Buch aus Papier und Leinen in der Hand zu halten. Was nützt es dem Schriftsteller, wenn der fertiggestellte Text eben nur das ist: ein digitaler Text auf elektronischen Geräten, den man scrollen, cutten und sharen kann? Der Autor koennte sich dann ja im Zug oder Café nicht einmal darüber freuen, dass jemand gerade sein Buch in der Hand hat und darin liest.
    Furchtbar alles ohne den feinen kargen Purismus des echten Buches, über den man gar nicht lange reden muss, da jeder sinnliche und leidenschaftliche Leser selbst bestens darum weiß, wie es um das Buch bestellt ist.

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    Nun ist das Schreiben über das Buch in digitalen Zeiten gemeinhin ein Fluch, da man da einen riesigen Topf aufmacht. Nicht nur, was die Intensität und den Umfang des Themas geht, so dass ich das Gefühl habe, mental seit mindestens einem Jahr an diesem Text zu schreiben, sondern zudem weiß man bereits um die ganze Riege an ''Kulturpessimist!''-Rufern, die selbst eigentlich was sind? Kulturoptimisten, weil sie jeglicher digitalen Neuentwicklung im Nacheifern des jubilierenden und von ebendiesen digitalisierenden Entwicklungen profitierenden Monopoles solcher Firmen wie Amazon von vornherein lauthals ihren kauf- und abnahmewilligen Lobsang singen? Wenn überhaupt ''Pessimist'', dann doch eher ein Pessimist an der Entwicklung der digitalen Welt, die oftmals gerade in das Gegenteil von ''Kultur'' investiert.

    ''Digitalpessimist'' ist übrigens ein wundervolles Schimpfwort, das es einmal gab, das aber anscheinend schon wieder ein bisschen untergegangen ist. So fand ich im Zuge meiner (dann aus Lustlosigkeit abgebrochenen) analogen Recherchen zum Thema ''Buch/e-book'' beim Durchwühlen alter Zeitungsausschnitte (sic) aus den Jahren 2002-2009 u.a. in der ZEIT einen Artikel im Feuilleton vom Oktober 2009, in dem eine anscheinend hysterisch besorgte Autorin den ''Digitalpessimisten'' vorwarf, die Ausbreitung des e-books durch ihre (dann aber doch wieder: kultur!pessimistischen) Ausführungen zu verhindern und den Lesern (also potenziellen Millionen e-book-Käufern) nur unnötig Angst zu machen. Kurz gesagt bestand der Text aus den üblichen zusammengekleisterten Phrasen der Vertriebslobby der Hersteller der Lesegeräte namens e-books und wurde, statt im Wirtschaftsteil zu erscheinen, einfach fürs Feuilleton aufgehübscht mit den üblichen ausgelutschten argumentativen Rückblenden in die Zeit des frühen Buchdruckes und wie da ja alle auf das Buch geschimpft hätten, so schimpfe man doch jetzt auch auf die e-books, usw. und so fort... Sie kennen die Argumente.

    (Warum sollte man anderen Lesern Angst machen wollen? Mir ist es persönlich zB kompletter Sack Reis in China, neudeutsch: wumpe!, ob jemand ebook liest oder das klassische Buch, nur freue ich mich natürlich zutiefst über Menschen, die Bücher lesen, zumal, wenn sie jung sind (dazu weiter unten noch etwas mehr). Ich habe einfach nur Bock auf Buch und damit das weiter so bleibt, dass es Bücher aus Papier gibt, muss auch ich Lobbyarbeit betreiben, allerdings die der unverdächtigen, weil: sich nicht auszahlenden Art.)

    Wenn ich einmal die Lust empfinde, mir einfache Verrichtungen unnötig schwer zu machen, mache ich das am liebsten nach wie vor entweder a) indem ich es mir selbst unnötig schwer mache oder ich bleibe b) in gewissen Dingen analog, damit ich es schwerer habe und bewahre mir Lästigkeiten vordigitaler Zeiten, die aber meine genuin menschliche Kognitivität schulen und bewahren. Das inkludiert Radfahren/-reisen ohne Navi, Nichtnutzung von Smartphones, damit einhergehend: Nichtnutzung von apps, Wartezeiten überbrücken mit Buch statt e- oder facebook, in stillen duldsamen Momenten vor Weihnachten und zwischen den Jahren auch mal kontemplativ und buchlesend genießen, dass wieder ein Zug ausfällt und die Bahn dies nicht einmal für einer Erwähnung wert befindet (huch, das schießt mir über das Thema hinaus), kurz: das Netz bleibt ''old-school'' daheim im Rechner (also, im Idealfall jetzt. Dass einem das Digitale bei allen Verrichtungen doch wie radioaktive Strahlung aus der Umwelt entgegenstrahlt, ist ja jetzt wieder ein anderes Thema fuer eine andere Zeit). Worauf ich eigentlich hinaus will: ich mache es mir schon noch am liebsten selbst schwer. Dafür brauche ich keine lästige digitale Technik, die mir das Lesen zur Bürokratie der Überwindung technischer Komplikationen geraten lassen will. In einem Interview mit einer e-book-Verlegerin in der TAZ vom 7.12.2013, fragt die TAZ danach, ob nicht die Gefahr bestünde, dass im Bereich e-book (also im Bereich: Leselizenzen) durch Non-Kompatibilität diverser e-books anbietender Plattformen man irgendwann einmal auf einem Berg nicht zu benutzender ''Bücher'' (also ebooks, also: Leselizenzen) sitzen bleiben könnte. Darauf antwortet Nikola Richter (alle Hervorhebungen von mir) :

    ''Nein, nicht wenn die Kunden auf DRM verzichten und ihre Bücher archivieren. DRM steht für 'Digital Rights Management', also Technologien, mit denen Anbieter die Speicherung und Weitergabe von Büchern BESCHRÄNKEN können. (''AHA!'' , der Autor!) Damit macht man sich als ALS LESER allerdings davon ABHÄNGIG (''AHA!!'', wiederum der Autor), dass die Anbieter auch künftig kompatible GERÄTE (''AHA''!!, sie ahnen bereits: der staunende Autor) entwickeln. Das ist bei offenen, standardisierten Formaten anders. ePub etwa ist der offene Standard des IDPF, des International Digital Publishing Forum. Das achtet darauf, dass das ePub-Format rückwärtskompatibel bleibt. Das heißt, Lesegeräte für neuere ePub-Versionen können auch ältere Versionen öffnen.''

    Denkt man da als unbescholtener Genießer analoger unkomplizierter Lektüre nicht wohltuend an die Simplizität des Buches, so schwer es ansonsten auch vom Gewicht her mitunter sein mag, zurück? : Buch aus dem Regal, aufklappen und los gehts. Diesem e-book-Geseiher dagegen möchte man entgegenschleudern: ''Mann, halt die Fresse! 'Rückwärtskompatibel', my ass!', ich will einfach nur mein Buch!!! lesen und nicht mit dieser digital verkomplizierten Technifizierung und Bürokratisierung des Lesens konfrontiert werden und dann gehört mir die Leselizenz nicht einmal und in der Hand habe ich auch nichts als einen weiteren traurig ins Dunkle leuchtenden Monitor, wie er den meisten Menschen ohnehin schon 90% ihrer wachen Stunden in Form von Bildschirm bei der Arbeit, Laptop oder Smartphone vor dem Gesicht hängt.'' Irgendwann werden so wahrscheinlich selbst noch unsere Gesichter zu exakt den ubiquitär bespielbaren Inter-Faces, die sich der digitale Kommerz so sehnlich profitgierig herbeiwünscht.

    ----------------

    Die ebook-Industrie zeigt sich ohnehin enttäuscht von Ländern wie Deutschland, in denen der Vertrieb des Lesegerätes nicht weiter massiv anzuheizen ist. Man hält zwar wacker an euphorisierenden Marktwachstumsprognosen und -agitationen fest, aber irgendwie stagniert die Chose deutlich. Und das wundert auch nicht. Wer digital liest, liest ohnehin vor allem eines einmal: kurze oder eher triviale Texte. Oder wenn lange Texte wie eben Bücher, dann in viel kleineren Happen allerdings, als er sie analog lesen würde. Das ist auch der Grund dafür, warum die klassischen Wälzer in Sachen Verkauf im ebook Kassengift sind: keiner mag einen Elefantenroman digital lesen. Es passt einfach nicht, irgendwie.

    (Eine tiefere Kritik dieses Aspektes würde übrigens in ganz neue Einträge münden müssen, da zB auch noch zu klären wäre, inwiefern das textbeinhaltende Medium ''Lesegerät'' längere zusammenhängende Texte allein durch die ihm immanente Darstellungsform einen Text in seiner Relevanz trivialisiert, was wiederum ausufernde Anschlussdebatten in Bezug auf andere Medien wie dem Film in seiner Darbietungsform ''Kino'' oder der Musik in ihrer Darstellungsform ''Schallplatte'' etc, ad infinitas, zur Folge hätte und hier sicher auch noch, aber sicher auch ohne Termin, thematisiert werden wird.)

    Und nun zurück zum Thema: das Buch! Der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf, der sich vor kurzem in Berlin umgebracht hat, hat den wundervollen Blog ''Arbeit und Struktur'' geführt, der Schreiben, Leben und Tod, Krankheit und Trost (im Schreiben, in der vorausbewältigenden Eigentrauer-Arbeit dessen, der schreibt) vermengt:

    http://www.wolfgang-herrndorf.de

    Dieser Blog konnte nun in den Weihnachtstagen auf den Tischen aller Buchhandelsketten als gebundenes Buch vorgefunden werden. Was erweist die (wahrscheinlich: rückwärtskompatible, hier: analoge) Wendung des Textes vom Digitalen ins Analoge? Dringt uns zumindest aus einigen reflektierten Blogs die warme Tiefe entgegen, die wir im Digitalen zunehmend so sehr vermissen, dass es diese Tiefe in letzter Instanz wieder zurück in ihr warmes analoges Heimat-Medium ''papierenes Buch'' drängt?

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    Natürlich begibt sich auch dieser Text noch einmal zurück in die Zeiten des frühen Buchdruckes im späten Mittelalter bzw der noch ganz frühen Frühen Neuzeit (da sich hier immer so schöne Argumente für und wider die digitale Kultur finden und verformen lassen), hier aber in digitaloptimistischer Absicht. Was ich eigentlich schreiben wollte: auch früher wurde natürlich schon viel gemeckert und wer hätte es gedacht? Das Buch der Frühen Neuzeit ist das Smartphone der Gegenwart (oder umgekehrt oder so ähnlich). So haben zB schon damals die Pfarrer in den Kirchen lautstark darüber gewettert, dass mit der Einführung des gedruckten Buches die Leute bei den Sonntagspredigten nun auch nachweislich erkennbar, unserem armen Exemplarpfarrer nicht mehr zuhören würden, da sie alle permanent während der Messe nur noch über ihren Büchern hingen oder aber, in ihre Gesangsbüchern eingebettet, kleine Bücher verbergen würden, die sie viel lieber vor sich hinläsen statt der Predigt zu lauschen und so außerdem auch keine wirkliche, im Zuhören kollektive Gemeinschaft mehr bildeten.

    Dem sei nun, wie es sei, Fakt ist aber auch: ich erblicke zunehmend, dies die guten Nachrichten für alle Analog-Nerds und solche, die es auch werden wollen: junge, wirklich sehr junge Menschen, die beim Flanieren über die Straßen sich ein Buch mit Leib und Seele, i.e. aus Papier und Leinen, vor das Gesicht halten und damit zwar auch in einer gewissen analogen Form des Verweilens in virtuellen Welten ihr Leben riskieren, was die Ablenkung in Bezug auf den Umgebungsstraßenverkehr betrifft, aber andererseits auch Hoffnung darauf machen, dass die Menschen nicht notwendig als Smartphone-Oberflächenwischer mit Kopfhörer im Ohr enden müssen.

    Erst gestern wieder fiel mir zunächst ein junges Mädchen auf, das sich beim Spaziergang durch den Wald ein im übrigen voluminöses Buch weit aufgeklappt unter die Nase hielt, was mir einen gewissen Jane-Austen-Moment bescherte und später bei der Fahrt im Zug an einer Haltestelle draußen ein Jugendlicher, der zwar gelangweilt den Familienhund zum Festtagsgassi ausführte, dabei aber seinen fixierten Blick nicht von einem Buch lösen konnte, dass er sich schmerzhaft nah vors Visier hielt. Und so könnte es sein, dass ausgerechnet das mehrheitsfähige Smartphone-Wischen im öffentlichen Nahverkehr dazu führt, dass auch das ''wandelnde Lesen'' des klassischen Buches (das bei unseren Eltern und Großeltern so gefürchtet war und vor dem man uns eindringlich warnte, weswegen eine gestandene Leseratte wie unser Autor sich immer scheusslich unwohl vorkam, wenn er es dann doch tat auf seinem langen Fußmarsch zur Schule), wenn jedenfalls, sage ich, dieses Flanierlesen analoger Lektüre plötzlich seine Auferstehung feiert, geboren aus der Befähigung der heranwachsenden digitalen Jugend, die Bewegung/Koordination im Raum souverän mit der Bewegung/Koordination der Augen und der Hand beim Lesen/Schreiben verbinden zu können. Man könnte dies auch noch anders fassen: auch hier dringt das Analoge über das Digitale in auffälligerer Form ''zurück'' in die Welt bzw erfährt eine gewisse Aufwertung auf dem Umweg über aus dem Digitalen adaptierter Verhaltensmuster.

    Und nun ist alles schon wieder viel zu weit gediehen in weihnachtlich mittelprächtig stiller Nacht, als dass ich noch weiter Energie hätte, einem digitalpessimistischen Text unverhofft in letzter Instanz einen optimistischen Ausklang zu verschaffen, wie z.B. in der Art der Frage, warum hinwiederum die Lektüre eines klassischen Buches wie exemplarisch der Printversion von David Foster Wallaces ''Infinite Jest'' in konversierendem Austausch mit dem Netz eine Erfahrung ist, die man nun auch einmal nicht missen möchte und die man in rein analogen Zeiten so nie gemacht hätte und...

    ...aber gönnen Sie mir bitte meine Ruhe, lieber Leser, der Sie diesen frag- und denkwürdigen Text ja auch digital ertragen mussten...ich drucke Ihnen demnächst (m)ein Buch, Sie wiederzuversöhnen.

    ...daher naechstens mehr...

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