szmmctag

  • Über Bücher sprechen, wenn man sie gerade nicht liest: der Büchergrabscher und sein unwillkommenes Tagewerk (eine Typologie I)

    ''Bücher sind nur dickere Briefe an Freunde''.

    Jean Paul, Aphorismen
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    ''Procul, o procul este profani!''

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    ''Es waren Goethes sämtliche Werke, welche ein Trödler, der mich mit alten Büchern und vergilbten Kupferblättern in ein vorzeitiges gelindes Schuldentum zu verlocken pflegte, hergebracht hatte, um sie mir zur Ansicht und zum Verkauf anzubieten. (...) Ich war eben mit 'Dichtung und Wahrheit'' zuende, als der Trödler hereintrat und sich erkundigte, ob ich die Werke behalten wolle, da sich sonst ein anderweitiger Käufer gezeigt habe. Unter diesen Umständen musste der Schatz bar bezahlt werden, was jetzt über meine Kräfte ging. Die Mutter sah wohl, daß er mir etwas Wichtiges war, aber mein vierzigtägiges Liegen und Lesen machte sie unentschlossen und darüber ergriff der Mann wieder seine Schnur, band die Bücher zusammen, schwang den Pack auf den Rücken und empfahl sich.
    Es war als ob eine Schar glänzender und singender Geister die Bühne verließen, so daß diese auf einmal still und leer schien...''

    Gottfried Keller, Der grüne Heinrich

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    Exakt wie der Protagonist aus Kellers ''Der grüne Heinrich'' empfinde ich seit längerer Zeit selbst des Öfteren, spätestens zu den Zeiten, wenn zB ein Umzug ansteht und es gilt, so um die zwanzig Bücherkisten (andere erledigen das mit einem! e-book, aber meine Haltung zu diesem elektronischen Parvenü, zu dieser Textlizenz, die gerne Buch wäre, es aber nicht ist, kennen Sie ja zur Genüge) im worst case bis in den vierten Stock einer Behausung zu schleppen (welches Herauftragen der Bücherkisten zumindest ich dann selbst übernehme, um mir seitenhiebende Kommentare der verständlicherweise entnervten Helfenden zu sparen oder naive Fragen wie: ''Kaufst du denn jetzt immer noch Bücher?'' Was soll ich darauf antworten: ''Nein, aus Platzgründen habe ich damit aufgehört.''? Ein wahrer Bücherliebhaber wird damit nie aufhören können, es sei denn er wird zB irgendetwas über 65 Jahre alt:

    http://raumgewinner.blog.de/2012/01/24/besitz-besessenheit-exempel-buechern-briefen-12507498/

    Auch den Ratgeber-Kommentar: ''Kauf dir doch lieber nur noch Reclam-Bändchen!'' habe ich schon gehört und der Kommentator befand sich in der Naivität seiner unbescholtenen Aussage so extrem im Modus ''Wissensvorsprung'', dass ich zumindest Mitleid mit ihm hatte. Sie verstehen, ich liebe Ratschläge dieser Art und wenn ich den Begriff ''Reclam-Bändchen'' schon nur höre, kommt meine Germanisten-Idiosynkrasie quasi allergisch wieder zum Vorschein. Verstehen Sie mich nicht falsch, auf Reisen zB liebe ich die ihren eigenen Verschleiß nahezu herbeiflehenden Reclam-Bände allein schon aus Gründen der Praktikabilität, aber eine allein aus diesen kleinen Buchwürmchen bestehende ''typischer Germanistik-Student-Bibliothek'' erscheint mir doch ziemlich kleinkariert.)

    Jean Paul nannte Bücher, s.o., ''dickere Briefe an Freunde'' und so manches Buch ist wiederum ein noch dickerer Freund als so mancher leibliche Freund selbst es einem sein mag. Nun ist nicht jedes Buch in der Heimbibliothek ein solcher Freund, zu manchen steht man irgendwie in unklarer und entfremdeter Beziehung, manch Buch hat man zu seiner Zeit überschätzt und schaut es nun scheel an, die Grade der Beziehung zu einem jeden einzelnen Buch sind divers. Sogar manch unbekannte Schönheit versteckt sich in rückwärtigen Räumen und Schranknischen, entzieht sich der Aufmerksamkeit fast bewusst und harrt des Gelesenwerdens, scheint der aktiven Botschaft für eine Zeit zu harren, die mich geeigneter dafür finden mag. Manchmal geht es so sehr auf, dass man ein Buch ''jetzt'' in dieser speziellen Zeit lesen soll (nicht zuvor, als es nicht passte), dass die Lektüre dieses Buches ''gerade jetzt'' über einen kommt wie eine Epiphanie.

    Wir wenden uns nun einem großen und zugleich schmerzhaften Thema zu: dem Buchverleih. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich eines meiner Bücher verleihe ist ungefähr so hoch wie die, dass Sie, lieber Leser, in der Restlaufzeit Ihres Lebens noch auf den Mars fliegen. Verschenken, das ist ja etwas ganz anderes, aber verleihen: nimmermehr. Ich erinnere mich an diese wundervolle Szene in Film ''Rain Man'', in der Tom Cruise als Bruder des Autisten Raymond Babbitt, den Dustin Hoffman verkörpert, dessen Bücher nur kurz anrührt und der Bruder schon über diese eine Berührung seiner Bücher durch einen ''Zweiten'' fast existentiell verzweifelt und laut aufjault. Man kann sich dies in folgendem Video so ca. ab 4.00 min. (beachten Sie bitte unbedingt auch die Reaktion ab 4.30 min.!!), anschauen. Vor allem die heimtückische Kombination aus einem unangekündigten Besuch und der Tatsache, dass dieser unangekündigte Besuch dann noch die eigenen Bücher sinnlos berühren will, macht den ganzen Horror einer Handlung aus, die für den unangekündigten Büchergrabscher nur 'Situation', für den Bücherliebhaber aber eine nachhaltig auf ihn einwirkende Verstörung darstellt:

    http://www.youtube.com/watch?v=zljDDJsPPRM&index=3&list=PLI1zuZdCSlNYqqNJVxltfl5uh_D-gNHRa

    Ungefähr so geht es mir mit meinen Büchern selbst: wenn jemand Interesse an einem Buch bekundet, händige ich es ihm, nachdem ich es ihm erst einmal feierlich und unter einigen Nutzungsauflagen und meiner strengen Aufsicht aus dem Schrank geholt, aus dem Regal gezogen habe, nur halbherzig aus, reiche es mit sich noch gegen die Übergabe sträubenden Fingern an den Interessenten weiter, verkneife mir das doch etwas übergriffig wirkende: ''Hast Du dir auch die Hände gewaschen?'' mit einem rückversichernden Blick auf die Hände des Empfängers, achte peinlichst darauf, dass nicht in einem Akt unbewusster Grobschlächtigkeit der Empfänger beim ''Anschauen'' bereits den pfleglich behandelten Buchrücken (so es ein Taschenbuch ist) derart überdehnt, dass er danach vor lauter Falten aussieht wie um Jahre gealtert. Es gibt Menschen, die exakt das tun, du vertraust ihnen ein Buch vor deinen Augen an, sie ergreifen es mit ausgesuchter Grobheit, schlagen es so weit auf, dass man meinen könnte, sie wollten aus unerfindlichen Gründen noch die letzte unbedruckte Innennische der Falz ausleuchten (und so zugleich den Buchrücken unwiederbringlich malträtieren), blättern lustlos, ('erst plätten, dann blättern!' ist ihr Motto), aber zugleich doch wie wild mit vernehmbar lautstarkem Seitenschlag völlig ungesteuert durch das Werk ohne dahinein zu lesen, überreichen einem dann das bereits in nur wenigen Sekunden bis zur Unkenntlichkeit vor meinen eigenen Augen vergewaltigte Buch, sagen: ''Mein Ding ist das nicht.'' und ziehen ihrer Wege). Das Grundausmaß einer gewissen Barbarei des Individuums wird nicht zuletzt im Umgang mit Büchern oft sehr deutlich.

    Dazu geziemt sich die Frage: ''Darf ich?'', bevor man ein Buch aus einem ''fremden'' Regal zieht, statt es einfach unangekündigt ans Tageslicht zu befördern, aufzureißen, durchzuschlagen und es dann einfach kommentarlos und, im besten Falle, an seinen gegebenen Standort, zurückzustellen.
    Als ich übrigens gestern in einem Buchladen unterwegs war, erblickte ich einen Mann, der in vorweihnachtlicher Ungeduld und unter der offensichtlichen Agenda ''Geschenkekauf'' durch eine ihm ebenso offensichtlich fachfremde Buchabteilung marodierte, ein von ihm soeben nur sehr flüchtig angeschautes und dann verworfenes Buch bestialisch in das Bücherregal zurückdrücken, dass es nur so stauchte, er stopfte und knautschte und knickte. Derart hat dieser Unmensch, der noch unter Fluchen und meines Blickes gewahr geworden, in seinen ungeduldigen Bart brummte: ''Die ganze Bücherscheiße steht hier aber auch so eng rum!'', Tolstois arme ''Anna Karenina'' in der schönen dtv-Taschenbuchausgabe zu einem künftigen ''Mängelexemplar'' vergewaltigt.

    Es gibt Menschen, die auf diesen bauernhaften Umgang mit Büchern, sie mögen wenngleich Bücherliebhaber sui generis sein, zumindest noch reflektieren, von ihnen hört man dann oft diesen Satz: ''Ein Buch ist für mich vor allen Dingen einmal ein Gebrauchsgegenstand.'' Das mag sich nun so verhalten, allein, meine Bücher sind nicht als Gebrauchsgegenstände dieser ruppigen Zeitgenossen vorgesehen, die schon bleistift-, vielleicht gar kulibewehrt sich den armen, ihrer Gewalt hilflos ausgesetzten Büchern nähern, bereit, zu biegen, zu plätten, zu brechen und martialisch zu blättern, Eselsohren zu generieren und ganze Bücher ohne Lineal mehr durch- als zu unterstreichen, am besten noch kunterbunt. Oh, the Horror...

    Aus diesem grundsätzlichen Missverständnis zwischen den Arten des Bücherliebhabens des ''Nutzers'' eines Buches und des ''Lesers'' um der bloßen Idee willen, entsteht das anhängige und grobe Missverhältnis zwischen dem literarischen Connaisseur einerseits und dem belämmerten Bücherbarbaren andererseits, dem wir uns bereits in allernächster Zeit in der zweiten Reihe dieser kleinen Folge nähern wollen. Wir werden den anmaßenden Bücherbarbaren dort als veritablen Konsumenten des Textes vorstellen, dem das ''ausgelesene'' Buch nach seiner Lektüre nurmehr bloße Verpackung für den Text und somit Müll ist, weil er sich ja weder mit dem Text noch mit dem Buch je wieder auseinandersetzen wird.

    ...nächstens daher mehr...

  • Maschinenstress und mein Archiv der Aussichtslosigkeit im digitalen Biedermeier

    ''Ermahne Deinen Freund, über diese Leute da großzügig hinwegzusehen, die es ihm zum Vorwurf machen, dass er einen schattigen Platz und die Muße gesucht, dass er auf eine Amtswürde verzichtet und,obwohl er mehr erreichen könnte, ein ruhiges Dasein allem anderen vorgezogen habe...''

    Aus dem 36. Brief des Seneca an seinen Freund und Mahner Lucilius

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    ''Your social network is owned by advertisers.

    Every post you share, every friend you make and every link you follow is tracked, recorded and converted into data. Advertisers buy your data so they can show you more ads. You are the product that’s bought and sold.

    We believe there is a better way. We believe in audacity. We believe in beauty, simplicity and transparency. We believe that the people who make things and the people who use them should be in partnership.

    We believe a social network can be a tool for empowerment. Not a tool to deceive, coerce and manipulate — but a place to connect, create and celebrate life.

    You are not a product.''

    Zitiert aus den hehren Worten des sogenannten ''Manifesto'' des sozialen Netzwerkes 'Ello', an das man sich und das genannte Netzwerk besser noch einmal erinnert, wenn es in ein paar Jahren von den Investoren mitsamt seinem Ursprungsanspruch ja doch wieder als Datengoldgrube verscherbelt werden wird.

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    Oh tempora, oh Internet...

    Es ist nachgerade unschön, ständig über etwas schreiben zu müssen, dass einen ablenkt, nervt, begeistert, irritiert, provoziert, dass man liebt und hasst und dass man darüber dann in solche Texteinleitungsphrasen wie diese hier verfallen muss. Und dann sogar fühlt, dass jeglicher Begriff für dieses Objekt der zwiespältigsten Begierden es nicht (mehr) trifft, ''das Internet'', die ''virtuelle Welt'', das ''Digitale'', alles verlegene Termini für den größten Herausforderer des menschlichen Geistes. Ich bleibe letzterdings gern, im Sinne von ''deus (oder besser: 'mens'?) in et ex machina'' beim Begriff der 'Maschine', der bei aller Antiquiertheit dennoch stark wirkt, auch wenn er das Phänomen nicht erschöpfend beschreibt.

    Diese Maschine ist eine Welt geworden, die wir erst in ihrem Entstehen entdecken und beschreiben. Bisher fanden wir entstehende Welten nur vor und prägten sie um. Nun aber haben wir eine Welt überhaupt erst erschaffen, entdecken diese seltsam fremde Welt im Beschreiben (und beim Erschaffen) und während wir sie beschreiben wollen, wozu wir Zeit brauchen, weil wir ja beobachten und einordnen müssen, hat sie sich schon wieder komplett verändert, was immer auch heißt: uns! verändert. ''Nun'', werden die analogen Veteranen unter meinen Lesern sagen, das war auch schon im ''guten alten'' analogen Leben so. Aber wir wollen uns schon darauf einigen: Veränderungen gingen in der rein analogen Welt deutlich langsamer vonstatten. Ein wenig konnte man die Gegenwart immer durch Beschreibung zumindest auf gewisse Zeit hin manifestieren und einordnen. Man war noch nicht derart bloßgestellt als Getriebener eines Mediums, eines Systems.

    (Es lohnt sich, hier ein interessantes Paradox festzuhalten: in rein analogen Zeiten gingen Entwicklungen technischer Natur oft derart langsam vonstatten, dass man sie kaum bemerkte. In der digitalen Zeit hingegen gehen Veränderungen und technische Entwicklungen derart schnell vonstatten, dass man sie kaum bemerkt.)

    Die Befähigung jedenfalls des Ein- und Zuordnens ist gründlich verlorengegangen, wie jeder merkt und auch gern auf diesem Blog hier im Dutzend in älteren Einträgen zur Ratlosigkeit als neue Konstante des Menschenbildes nachlesen kann. (Überhaupt zeugt ja nun einmal ganz offensichtlich der gesamte Raumgewinner-Blog selbst von einer Ratlosigkeit, die sich im Beschreiben ihren Raum nimmt und sich der Dinge im Beschreiben überhaupt erst klar wird.)

    Dieses an- und aufgeforderte System der Beschleunigung kann nicht mehr ''in aller Ruhe'' beschrieben und im ''Macht euch mal alle lieber locker, ich durchschaue das dann schon für euch.''-Gestus des Intellektuellen erhaben abgelehnt werden. Die kontemplative Zeit zu einem solch irrwitzigen Unterfangen fehlt und die Beschleunigung wurde zur Idealvorstellung dieses Systems erklärt. Hierin ist die digitale Maschinerie natürlich ihrer Ziehmutter, der totalen Marktökonomie, (dem invasiven Kapitalismus), nicht unähnlich, die auch jegliche Aktion um der Aktion willen aktiv halten will und in diesem Zwang zur Ertüchtigung und Agitation zur Arbeit und Beschäftigung das Individuum nicht mehr SEIN lassen will.

    Informationsübersättigung (ich nannte die Impulse von Input da, wo dieser gänzlich sinnlos bzw im strengeren Sinne uninformativer Datenmüll ist, der einfach nur in einen ''eindringt'', an anderer Stelle ''Exformation'') zehrt ein Unmaß an psychischen Ressourcen zur Informationsstressbewältigung auf und man wundere sich nicht, dass die digitale Acedia eine produzierte Krankheit ist, die wohl nur Arglose weiterhin harmlos als 'Zerstreuung' beschreiben würden. Ich schreibe über diese Zerrüttung durchaus als selbst Betroffener, staune aber erst recht nicht schlecht, wenn ich zB mit Kindern zwischen 10 und 16 Jahren konfrontiert werde, die sich die einfachsten Dinge nicht einmal mehr wenige Sekunden merken können ohne kurze Zeit danach schon wieder nachzufragen, was man denn gemeint habe. Hier wächst die erste Generation heran, die Wissen nicht mehr im körpereigenen 'Rechner' Gehirn abzuspeichern bereit ist, sondern sich allein! auf externe Datenspeicher verlässt: ''man muss nur wissen, wo man suchen muss.'' Es lässt sich prognostizieren, dass das Lernen der Zukunft vorrangig der Kompetenzbefähigung dienen wird, sich ''ganz grob'' in der digitalen Maschine orientieren zu können, um durch die Maschine im analogen, physischen Leben orientiert zu WERDEN.

    Da stehen, sitzen und liegen wir nun alle ratlos vor, an, sicher auch zu guten Teilen schon in der Maschine und fühlen uns von derselben wie aufgefressen, als permanent produzierender Datenstrom von ihr aufgesaugt und konsumiert, während wir mittels der Maschine selbst konsumieren, fühlen uns im Uneigentlichen unterhalten und beobachten gedeihlich unsere Genussrezeptoren beim Abstumpfen. Wenn man sich Idiotie verkaufen lässt, muss man sich am Ende nicht wundern, als Idiot verkauft zu werden.

    Durch das im Übrigen unablässliche Trommelfeuer aus Werbung, Kaufgebettel und Zizilliarden von Reizen, dem sich die durch die totale Marktökonomie durchdrungene digitale Welt ausgesetzt sieht, beschallt und belauert uns die digitale Donnerbüchse mit einem Ausmaß an Kaufimperativen und Produkt''informationen'', Premiumangeboten und ach, Gutscheinen auch, dass man über all dem Bestreben, ständig in Effizienz und Euro zu denken, ständig marktökonomisch zu agieren und zu kommunizieren, dass überalledem also, will ich sagen, die souveräne Autorenschaft über das eigene Leben vermittels einer gesunden Reizsteuerung völlig verlorengegangen ist.

    Sollte die Maschine sich also je das menschliche Bewusstsein proaktiv aneignen ''wollen'', wären die besten Grundvoraussetzungen auf dem Weg dahin bereits erfolgt: zerrüttete Hirne erzeugen Knecht-Charaktere. Wie sich die virtuelle Naturkraft ''Intelligenz'' in ihrem bei alledem dennoch absolut blinden Drang nach ihrem Erhalt, ihrer Optimierung, ihrem Raumgriff und ihrer Verbreitung völlig unabhängig von dem Menschen als ''Träger'' machen könnte und übrigens auch immer schon war, lesen Sie dann aber lieber in einem der nächsten Raumgewinner-Einträge. Soviel aber sei schonmal gesagt: dem Menschen wird kein veritabler Humanismus jenseits der Technik mehr in Aussicht gestellt. Vorausgesetzt wird, dass die Entwicklung der digitalen Technik und der Maschinerie den Menschen schon irgendwie automatisch mit-befördern wird. Ein derartiges ''Menschenbild'' ist in Wirklichkeit, dazu auch mein letzter Eintrag, ein Maschinenbild. Wer daran keinen Makel erkennt und einer solchen Übersteigerung des Digitalen hin zur gottgleichen Effizienz proaktiv Lanze bricht, aus dem spricht schon der Maschinengeist. Ein Gehirn, das seine Autorenschaft bereits an das Kollektiv ''digitale Maschinerie'' abgegeben hat. Sozialer Fortschritt ist nicht zu erkennen, es werden anscheinend allein eine Bedien- und Verwöhnkultur für Partikularinteressen implementiert. Wo wird verbindlich in Aussicht gestellt, dass der Zweck der technologischen Evolution der Mensch und sein sozialer Fortschritt sind? Dass die Technologie derart dem Menschen dient, statt, wie umgekehrt zu beobachten, der Mensch der Technologie? Stattdessen bezweckt die Evolution der Maschinerie allein wieder die noch beschleunigte Entwicklung derselben unter beachtlicher Fehl-Fokussierung auf die Maximierung der Konsumökonomie.

    Auch hier gilt wieder die Symbiose: das System (die totale und invasive Marktwirtschaft) dient der digitalen Maschinerie, die digitale Maschinerie dient dem System. Diese Rückkoppelung erzeugt exakt die unmenschlichen Stressoren, die nur Maschinen aushalten (und produzieren), die aber jedes Gehirn notwendig zerschießen.Die digitale Spielwelt, wie wir sie jetzt kennen und mit jedem Klick reproduzieren und evoluieren, steht und fällt in ihrer Festigkeit mit dem invasiven Kapitalismus bzw wird der Kapitalismus durch die digitalen Techniken erst invasiv. Das Internet ohne den invasiven Kapitalismus wäre wieder die alte semi-digitale Brache, wie die Veteranen unter uns sie seit den mittleren 1990-er Jahren noch kennen, lieben und hassen gelernt hatten. Eine verschrobene unperfekte, aber größtenteils werbefreie Cyberwelt aus Zeiten vor facebook, Google und Konsorten, bevor das Netz von kommerziellen Syndikaten und Geheimdiensten in Dienst genommen und infiltriert, übernommen und gentrifiziert wurde und im Vorbeigehen die alten Wildwest-Ideale der Cyber-Pioniere eines freien Internets als utopische Alternative zu eigentlich allem auf den Mond geschossen wurden.

    Hier sei nun jedoch weiters von der Überforderung durch die Maschinerie die Rede bzw von einer ''Abhilfe'' dagegen, auch wenn der Begriff grausam, weil schon wieder in Richtung Ratgeberliteratur schwankend, klingt. Dennoch bleibt mein Mittel gegen die digitale Überforderung und Zerrüttung der Versuch einer Re-Analogisierung meiner Lebensschritte...das überreizte Gehirn muss sich analoge Kompetenzen überhaupt erst wieder antrainieren. Ein Beispiel wünschen Sie? Natürlich ein Beispiel, also:

    Ich kann nur über die Langsamkeit wieder zur Ruhe meines Geistes finden nach Tagen der Zerrüttung. Ein Diskurs, der irgendwie verbindlicher ist, als das Klickgewitter aktueller Fundstück-Links kann sich nur über nachhaltigere Formen der Diskussion entwickeln. Ein Diskurs setzt Verweildauer und Konzentration aller Beteiligten voraus. Früher tat man diese Dinge u.a. in Zeitungen, Diskussionen und Debatten über Wochen bildeten einen Diskurs heraus. Dazu war also zumindest eine gewisse Halbwertzeit und übrigens auch nachvollziehbare Nachhaltigkeit eines Themas vonnöten.

    Das Internet entwickelt keine Geschichte im Sinne einer ''history''. Zizilliarden von stories auch hier, aber das alles bildet im digitalen Medium kein ''Ge-Schichte'', denn seiner flüchtigen Natur gemäß bleibt es reine Oberfläche, verwischbar, kann keine Tiefe generieren, alles bleibt flach und wirkt irgendwie 'nebeneinander'. Archivierte Zeit findet im Internet auch kein Gepräge, sondern ähnelt einem abgelegten Nebeneinander, auch wenn zugegeben alte Links im Internet archaisch wirken können wie nichts sonst. Aber synchrone! Vergangenheit ist eben keine Vergangenheit und kann daher kein Ge-Schichte bilden, innerhalb derer das Unterste das Älteste darstellen würde (was übrigens auch bedeutet, das keine Tiefe erzeugt werden kann). Deshalb haftet alten Informationen im 'Internet' eher eine Zombie-Präsenz als wirkliche Vergangenheit an, so zB wenn man digital einen Zeitungsartikel von 2009 liest. Legen wir, wo wir gerade in dieser Ecke sind, eine Weile den Schwerpunkt auf den Vergleich mit der analogen Papierkultur.

    Statt klicken heißt es bei mir in der letzten Zeit: kramen. Ich gehöre noch zu jener Gattung aussterbender Dinosaurier, die tatsächlich seit nun auch schon wieder 20 Jahren hingehen und sich hier und da Artikel aus der Zeitung ausschneiden, also so ganz niedlich analog mit Schere und Beschriftung des Artikels mit Füller in Sachen Datum. Derart ist bei mir schon eine ganz gedeihliche Sammlung an Zeugnissen der Vergangenheit zusammengekommen, die schon so manchen Umzug um zwei, drei Kisten erschwert hat (um hier nicht von dem Hekatomben an Archivarmaterial und leider auch einigen Manuskripten zu sprechen, die mir Feuer und Wasser geraubt haben und welch weitere ich bei einem Umzug vor Jahren aus Gründen mietnomadenähnlich in einem Keller hinterlassen musste, darüber vielleicht einmal zur gegebenen Zeit ein Eintrag an gleicher Stelle, wenn Sie möchten, (das alles ist selbstredend, der Natur der analogen Sache geschuldet, unheimlich langweilig, aber so ist dies ja dieser gesamte Blog und Sie lesen doch weiter), nun jedenfalls: als ich letztens einen Artikel aus dem Jahr 2006 suchte, an den ich mich noch sehr lebhaft erinnerte und den ich für einen Eintrag verwenden wollte, gab es da leider keine Suchmaschine, die mir vermittels der Eingabe von 2,3 Schlagwörtern erlaubt hätte, diesen Artikel direkt zu finden. Nun, jedes gute Archiv weiß um die Bedeutung von Ordnung, logischen Ablagefolgen und thematischer Registration, um die Suchwege abzukürzen bzw ökonomisch zu machen. Davon kann bei mir Amateur natürlich leider keine Rede sein, die Kisten sind eher bewährt grobmotorisch in Holzfällermanier nach den Kategorien ''Wirtschaft und Verbrechen'' (also: Wirtschaft), ''Feuilleton'' und ''Diskurs der Gegenwartskultur'' (also: Rest) geordnet. Im Zweifel wühle ich dann auch schonmal in allen Kisten rum, bis ich den entsprechenden Artikel gefunden habe oder, wie in diesem speziellen Fall, auch mal nicht (ich bleibe aber dran).

    Was ich aber bei allem Suchen bemerke ist, dass die Umwege, die mich gerade nicht direkt finden lassen, Funde und Nebenblicke erlauben, die die digitale Zielstrebigkeit und Schnelligkeit zwar konterkarieren, aber eine unglaubliche Diversität und Ausgewogenheit der Information erzeugen. Man verbleibt dann zwar nicht brennscharf am Thema, aber der interessierte Blick erweitert sich. Dies alles mal ganz abgesehen davon, dass man hier Geschichte wirklich sieht, spürt, riecht. Der sensorische Faktor mag vielen albern erscheinen, aber so manch archivierter Käse entpuppt sich beim Kramen in Kisten dann auch als solcher, was bei älteren Einträgen im Internet, die irgendwie immer noch Aktualität vorgaukeln ob der im Hintergrund leuchtenden digitalen Oberfläche, nicht sobald der Fall sein dürfte. Ganz abgesehen davon, dass sich über das physisch greifbare Mitschleppen des Materials durch den Wechsel der Umstände, Zeiten und Orte eine autobiographische Bindung an das Material ergibt, die einen ganz besonderen Zauber und ''Mehrwert'' einträgt.

    Einen ganz anderen Vorteil empfinde ich bei meiner Suche nach zB dem Artikel von 2006: da ist nichts und niemand im Hintergrund, der mich bei meinen Recherchen trackt, verfolgt, mir vermittels von Bots und Robotermitlesern oder sonstigen dienstbaren Schergen über die Schulter schaut und mir meint, mit grell aufblitzender Werbung nicht nur die Augen, sondern auch den geschundenen Geist verblenden zu müssen durch Dauerseiteneinschlag von Kaufimperativen oder mich nach politischem Interesse ausspäht, ob ich mich etwa demnächst dem Gruselkarneval fundamentalistischer Muslimimitatoren anschließe oder Putin-Versteher bin oder die Nachfolgeparteien ehemaliger, als Unrechtsstaaten verschmähter Länder wähle. Nein, hier sitze ich und wühle ich, schneide mich hier und da an einem Stück Papier, spüre und rieche die Vergangenheit in Form eines Archivmaterials, das unter meinen Händen prekär wird und dadurch das Physische eines Körpers, die Greifbarkeit, die Lästigkeit und den Verfall, nicht aber den verlogen heilsoptimistischen ''ewigen Glanz'' des Digitalen, widerspiegelt.

    Ich schweife natürlich ab, das macht der sentimentale Blick, der einziehende Winter und überhaupt die Tatsache, dass man neben dem Verfassen eines Eintrages für die digitale Welt, nicht über Bedarf im Analogen schnüffeln und sich von einem Schwarm grüner Papageien im kahlen Walnussbaum vor dem Fenster ablenken lassen sollte...lassen Sie mich Sie, lieber Leser, auf ein diesmal hoffentlich näheres nächstes Mal vertrösten. Sie haben verstanden und ahnen einmal mehr, was ich eigentlich noch alles schreiben wollte, warum ich überhaupt geschrieben habe und weshalb Sie es sich auch das nächste Mal wieder antun werden, diese Bleiwüsten zu wälzen. (Ich bemühe mich schon so gut es nur geht, diesen Blog nicht nur design-technisch zu einer veritablen Bleiwüste werden zu lassen und so ungnädige Leser zu vergrätzen und vielleicht wird es mir noch gelingen, nur viel Hoffung habe ich nicht).

    ...nächstens mehr...

  • Code Z73: Der Nietzsche-Zombie-Nazi-Pop und die Übermaschine im Fin-de-cyber-Siècle oder auch: ''Der geistbetäubende Knall der digitalen Donnerbüchse''

    ''...all dies (...) verdankt sich eben der Dekadenz, der Unfähigkeit eines von der Übermacht des Bestehenden schon bis ins Innerste beschädigten Subjekts, den Spielregeln eben dieses Bestehenden noch Genüge zu tun.“

    Theodor W. Adorno, Versuch über Wagner

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    ''...Zivilisation ist nichts als Spannung.''

    Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes

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    ''...how disappointed would dead idealistic philosophers be to see such power in our hands all wasted on greed?''...

    The Strokes, Ize of the world

    Eingetrübte und apathisch-depressive Stimmungen nach langen Phasen der freudigen spannungsvollen Euphorie sind sowohl dem Individuum als auch der Historie alles andere als unbekannt. Insofern kann die Stimmung einer décadence, eines lähmenden Abstiegs auf hohem Niveau, wie sie derzeit im Westen empfunden wird, nicht überraschen.

    In Zeiten der Hysterie als Folge der digitalen Dekadenz wird jeder kleinste schiefe Blick des anderen auf mich ein ''gefährlicher Blick'' und gehört strafrechtlich eingeordnet und verfolgt. Der konservative Soziologe Arnold Gehlen gab diesem Phänomen einer überzüchteten und übergriffigen ''Moral'' in seinem 1969 erschienenen problematischen Werk ''Moral und Hypermoral'' eine doch sehr treffende Bezeichung.

    Phänomenen einer solchen Hypermoral begegnen wir in diesen Tagen auch in unserer ''modernen'' Gesellschaft auf Schritt und Tritt, das geht vom wieder einmal totzitierten Veggie-Days auf Geheiß über die sexuelle Nötigung durch bloße interessierte Blicke bis hin zur Beschreibung einer Straftat auf der Basis datengestützter reiner Mutmaßung, BEVOR diese überhaupt begangen wird (präkognitiv-prognostische Kriminalistik), eine weite Bandbreite von Verfehlungen also, die es durch eine hysterisch digital-medial aufgehetzte, in ihrer Kollektivpsyche zutiefst verunsicherten Gesellschaft, zu beschreiben und zu verurteilen gilt: das schnell zurhandene Urteil und die anschließende Ver-Urteilung quasi-moralischer Verfehlungen verleihen der Masse Sicherheit und Festigkeit der Bestimmung in einer ansonsten zunehmend als unsicher und schwankend empfundenen Welt. Da rettet die ach so herrliche Marktwirtschaft auch nicht mehr viel an Freiheit für das Individuum. Ebenso wenig wie dies der Optimierungswahn tut. ''Wir könnten soviel mehr sein, wenn wir nur wollten.'' Jaja, alles schon klar, das wussten schon die alten Griechen und es gilt unbezweifelbar, wird aber leider in die völlig falsche Richtung gedacht von der digitalen ''Avantgarde'', die in Wirklichkeit nur die Agenten und dienstbaren Schergen zur endgültigen Festigung der ''alternativlosen'' totalen Marktwirtschaft stellt.

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    Vielleicht also wollte ich auf etwas ganz anderes hinaus und bevor ich mich hier schon gleich zu Beginn verstolpere, fangen wir lieber noch einmal anders an: jeglicher Alltagsverrichtung und jeglichen Optimierungsbemühungen (mag man diese selbst nun verherrlichen, ablehnen oder mögen sie einen auch gänzlich kalt lassen), stellen sich folgende starke Hemmkräfte entgegen:

    Die wichtigsten Bremskräfte jeder Tätigkeit und jeden Aktionspotentiales, zumal wenn es letzteres zu optimieren gilt, heißen Müdigkeit, Erschwernis, Unlust und Lästigkeit. Die beste Hemmung gegen die Ausführung einer Handlung in ANgespannter Geschwindigkeit ist die ENTspannte Langsamkeit, die zurückgenommene Besinnung auf die auszuführende Aktion, die sich in der Zeit Raum nimmt und dadurch spürbar wird. Deshalb verschafft die Langsamkeit Ruhe und Bestand, Festigkeit und Gewissheit.

    So gibt es auch Medien der Langsamkeit. Alles was Körper hat, ist zunächst immer träge und birgt gewaltige, weil der Gravitation besonders stark ausgesetzte Trägheitspotentiale. Physisch greifbare, nicht lichttechnisch-elektronisch-digitale Medien sind daher immer notwendig langsam und in gewisser Hinsicht, hat man erst einmal von der lichttechnischen Geschwindigkeit ''profitiert'', träge und sperrig. Eine Kerze ist eine langsamere Lichtquelle als eine Neon- oder OLED-Leuchte. Das Buch ist ein langsamerer Textkörper als ein ''e-book'', eine papierene Zeitung ein langsamerer informationsspender als der Online-Auftritt derselben Tageszeitung, die Handschrift ein langsameres Mitteilungsmedium als virtuelle Zeilen, der Brief ein langsameres und neutral gefasst, ''lästiger und trägeres'' Mitteilungsmedium als die Email oder die whatsapp-Textnachricht.

    Jegliches Medium der Langsamkeit jedoch schafft Ruhe und den Raum für Reflektion, denken wir dabei nur an die Kerze und ihr unausrechenbares Licht, denken wir auch an den Unterschied zwischen der Lektüre eines mit allen Sinnen voll auszulotenden Buches und dem entgegen die oberflächliche Lektüre und digitale Kälte einer Textlizenz namens 'e-book', denken wir an die verlangsamende Handschrift im papierenden Brief gegenüber der virtuellen Nachricht.

    Der Digitaloptimismus, wie ich nun einmal alle Bemühungen der silicon valley-Industrie nennen möchte, den Menschen ganz in der Tradition des Transhumanismus über sich selbst hinaus in die Bereiche der Überschreitung seiner eigenen von der Natur gesetzten Grenzen und Bedingungen zu treiben, ist der festen Überzeugung, dass der Mensch sich ständig optimieren muss, gesünder werden muss, leistungsfähiger werden muss (ein durchschaubares Tugend''tuning'', damit wir alle härter im kapitalistischen System knechten können), sich noch abhängiger von apps und künstlicher Intelligenz machen muss, noch mehr Daten liefern und sich selbst noch mehr aus- und berechnen muss. Damit verlangt dieser Transhumanismus mit seinem hysterischen Ruf nach ''augmented reality'' und permanenter Optimierung vom Menschen letztlich das Unmögliche: dass dieser über sich selbst hinaus denken soll. Hier wird eine Spezies aufgefordert, sich so lange zu verbessern, bis sie selbst in all dieser Optimierung verschwindet. Jeder Leser, der schon einmal einen app-abhängigen Datenknecht mit seinem Smartphone einige All-Tage lang beobachtet hat, bekommt eine recht konkrete Anschauung davon, wie der ''neue Mensch'' aussehen wird: ein wirrer und verwirrter Agent der digitalen und ihn ausrichtenden Kräfte, ein orientierungslos Orientierter (also Gelenkter). Ein sich allen menschlichen Misslichkeiten überlegen wähnender Hysteriker, der auf seine vom ''device'' zugespielten Impulse wartet, Impulse, sich zu orientieren, Impulse, zu kommunizieren und damit Daten zu erzeugen. Impulse, zu konsumieren, Impulse, zu bezahlen, Impulse, auch die letzten Zonen möglichen selbstständigen Denkens aufzugeben, und sich der präskribierenden Orientierung der ''Maschine'' hinzugeben und sich nach ihren commands im analogen Raum auszurichten, diesen Raum zu gestalten und ihn zu virtualisieren.

    In Sachen Selbstvermessung sollte die einfache Faustregel gelten: ''So genau muss ich es gar nicht wissen.'' Wenn ich zu genau über alles bescheidweiß, am besten noch bis ins kleinste Spezifikum datenbasiert, weiß ich am Ende gar nichts mehr. Dann gerät der Datenwahn vom BEschreibenden Element zum VORschreibenden Medium: ''Just do it!'', das alte Werbe-Motto, bekommt dann eine ganz andere, unangenehm drängelnd-bevormundende Implikation. ''Tu's einfach, ok?!''

    Jeder digitalbasierte Optimismus freut sich so also über die falschen Ziele. Dieser aufbefohlene Pseudo-Optimismus meint und adressiert nicht mehr originär den Menschen in seiner belämmerten Gegenwartsseligkeit, den trägen Fleischklumpen namens 'Homo sapiens'. Der Digitaloptimismus ist auch eine Art von Nietzsche-Pop: den Menschen von seiner (Mangel-) Natur ''befreien'', indem man ihn der kältesten Naturlehre übergibt oder dieses zum Menetekel der ''Menschwerdung'' macht nach Art des 'survival of the fittest'. Die am besten an die digitale Maschinenlogik angepassten Menschen werden auf Dauer überleben bzw sich durchsetzen. Aus den Notwendigkeiten und trägen Zwängen der physischen Natur geht es also direkt in das Reich der digitalen ''Natur'', in der der Mensch der Notwendigkeit des digitalen Kommandos, der digitalen ''Naturgesetze'', ausgesetzt ist.

    Dann aber dürfte auf Dauer allein die digitale Maschinerie überleben (Stichwort: Evolution der künstlichen! Intelligenz) oder was bitte ist noch ''fit'' an einem Menschen und seiner ihm innewohnenden ''analogen'' Denkzentrale Hirn, der all seine lästigen Probleme zu ihrer Lösung direkt den Apps übergibt, ganz so wie man den Pferden das Denken überlässt?! So wird das menschliche Gehirn zum bloßen Rezeptor ihm (bzw. seinem Geist) überhaupt nicht mehr entstammender Ideen: dies ruft eine neue unerahnte Unmündigkeit des Menschenbildes statt irgendeiner belastbaren Form der 'smartness'' auf den Plan. ''Let's get smart'', heisst auch so ein bescheuerter Spruch aus einer Nische des silicon valley.

    So ist Nietzsches Wunschbild des Übermenschen in der Neuzeit also tatsächlich gewandelt zum Bild der ''ÜberMaschine'', denn dem Menschen bleibt kein existentieller Platz mehr da, wo er sich allein noch technikbasiert zu optimieren meint und stattdessen nur die Maschine und ihr Weltwissen optimiert.

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    Jeder Individualist und Abweichler wird von diesen Heilsbotschaften aus dem silicon valley nicht mehr adressiert: angestrebt wird allein die banalisierende und tumbe Herrschaft des Kollektives, wie es auch in allen anderen Totalitarismen böse Tradition ist, in jedem Faschismus und jedem radikalen Sozialismus und selbstverständlich auch jeder marktkonformen ''Demokratie''. Das Individuum zählt nicht. Unser Zeitalter schreit in seinen Werbebotschaften gerade deshalb überall so laut: ''Mein, Mein, Mein!!'' oder ''Dein, Dein, Dein!!'' (''Deine Vorteilswelt, lieber Paul Duroy!!''), weil es in Wahrheit nicht ansatzweise um das Individuum geht. Das Kollektiv soll herrschen, die digitale Maschinerie als perfektes Instrument eines totalitären und totalen Kapitalismus, eine Marktwirtschaft, die alles weiß, uns ausrichtet und kontrolliert und aus einstmaligen Individuen bloße Erfüllungsgehilfen des Systems macht, dienstbare Subjekte, Ameisenarbeiterwesen, Agenten des Glückes anderer.

    So wird jeder, der dem Erfolgs- und Optimierungswahn zwecks des Erstrebens von Profit nicht folgt oder folgen mag von den digitalen Heilsversprechen ausgeschlossen, als existierte er überhaupt nicht. Der digitale Optimierungswahn hat auf den Miserabilismus des gefallenen und gescheiterten Menschen/Individuums überhaupt keine Antwort parat, er will nur gesunde Sieger, Optimierer und Erfolgsmenschen (er)schaffen, mit Verlierergeschichten kann er nichts anfangen, will sie nicht hören und letztlich: abschaffen. Reiner Nietzsche-Zombie-Nazi-Pop.

    Wer aber in diesem System ständig brav mitläuft und sich fortwährend updatet, läuft den digitalen Dingen irgendwann nur noch hinterher, wobei dabei immer schon abzusehen ist, dass derselbige schon kurz darauf vom Medium ''Beschleunigung'' abgehängt sein wird. Erscheint es da nicht eher stolz und stilvoll, in seinem eigenen Tempo zu schreiten in aller Gemächlichkeit?

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    ''Vervielfältigung ist insofern ein Fortschritt, als sie die Verbreitung des Einfältigen ermöglicht.''

    Karl Kraus, Sprüche und Widersprüche

    ''...außerdem bin ich der festen Überzeugung, unsere Epoche versteht die folgende Sentenz schon ganz gut ohne weitere Erläuterung: 'Die eigene Idiotie wird uns immer erst am Anderen bewusst und ersichtlich.''

    Aus einer Korrespondenz des Paul Duroy an seinen Bekannten R.

    Beispiel und Exkurs: Internetlektüre von sog. ''Online-Zeitungen': selbst im noch seriösest sich gebenden Blatt der schiere Sensationalismus. Die suchmaschinenoptimierte Herausgabe einer Zeitung führt zu exakt dem boulevardesken und immer idiotischer (weil komplett austauschbar) wirkendem Bescheidwisser-Journalismus (''Zehn Gründe, warum...'' ; ''Wir sagen Ihnen, worauf es dabei ankommt.'' ; ''Warum der Siegeszug des IS jetzt noch zu stoppen ist.'', etc.), der uns auf allen Info-Websites entgegenirrlichtert. Soviel Schein-Bedeutung und Aufblasen von Debatten wie im sog. Online-Journalismus schadet auf Dauer jedem aufgeklärten Diskurs. Der beschleunigte Sensationalismus, dessen katastrophisch-pointierte Titel Leser um der Klickzahlen willen locken statt aufklären und mit Hintergrund informieren wollen (und stattdessen nur Propaganda und Mystizismus unterfüttern oder sogar erzeugen), untergräbt jedes ruhig abwägende ''common sense''-Einschätzungs- und Einordnungsvermögen des Lesers immens. Daher auch die völlig unkontrollierte Expansion und irgendwie dauerhaft ungelöste oder sogar in Frage zu stellende ''Problematik'' derzeitiger ''Debatten'', wie die um die Ukraine, den IS-Terror, Ebola, etc...ich schrieb es andernorts: wo die Zeit zum Einordnen und Abwägen von Eindrücken fehlt, entstehen Hysterie und Kontrollverlust, Verwirrung des Weltbildes und -verständnisses und letztlich Indifferenz und Stupor.

    'Stupor' verstanden als nurmehr paralysierte Rezeption der als Wert an sich so hoch gepriesenen ''Information'' (deren Bedeutungsgehalt sich zunehmend in Richtung ''Daten'' verschiebt). Das Projekt handelt also nicht davon, uns zu informieren sondern uns zu berechnen. Wenn der Leser einen Artikel klickt, wird er ja nicht nur in seine Richtung gehend informiert, sondern erzeugt durch den Klick ein Datum. Je nach technischem Stand des Informationstellers erzeugt dieser harmlose Klick ein weites Feld der Datenerzeugung und somit Berechnung des Individuums. Informiertwerden ist im digitalen Bereich also kein Wert mehr an sich, sondern vor allen Dingen auf der bedeutenderen Kehrseite ein Problem der Daten-Produktion zwecks Berechenbarkeit). Der wenn überhaupt noch vorhandene ''Geist'' des Nachrichtenempfängers geht auf Abstand oder ''verpufft'' nach und nach gänzlich (dazu unten mehr).

    Wenn Beschleunigung zum Medium wird, welches nicht nur kollateral als Abfallprodukt einer agitierten Aktionsgesellschaft entsteht, sondern auch die Forderung des optimierungswütigen Zeitgeistes an das jeweils zu beeinflussende und auszurichtende Subjekt ist, landen wir in exakt der Oberflächen-Gesellschaft, die uns alle derzeit: wo nicht nervt, da doch den Verstand irritiert und eigentlich auch: beleidigt.

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    Aufgrund der unmenschlichen Beschleunigung und der Anforderungen des Digitaloptimismus, die sich natürlich auch in die Arbeitswelt fressen, läuft bei so manchem Zeitgenossen der Gesellschaftsvertrag im Modus ''innere Kündigung'' und wen wunderts? ''Einfach nicht mehr hingehen, einfach nicht mehr mitmachen.'', das wäre ein der Zeit ungemäßer, aber rettender Absentismus vom Zwang des digitaloptimistischen ''Systems'' zur Partizipation an und Affirmation der agitierenden Idiotie, auf die sich irgendwie alle einigen können sollen.

    Auf der Kehrseite der app-basierten Generalmobilmachung lauert uns eine latente Ermüdung auf, das Verschleiß- und Erschöpfungspotential, dem die moderne Weltgesellschaft beschleunigt unterliegt, ist grenzenlos. Diese Müdigkeit am und im System des kommandierten Konsums, des andauernden Orientiertwerdens und der permanent einzuhaltenden Effizienz bricht überall aus den Fugen, selbst die einst so hoch gepriesenen ''Märkte'' sind aus den Fugen geraten und versuchen, sich mit letzten verzweifelten Hardcore-Aufputschmitteln des Turbo-Kapitalismus, also zB einer Zinspolitik bei fast 0% und ähnlichen ''Prolonging the Magic''-Präparaten noch irgendwie am Leben zu halten. Dieses ganze Finanz-Gehechel und all die stressigen Systemrettungsmanöver zehren von und zerren massiv an einem jeden von uns. Die Folge ist eine universale Übelkeit, die in Müdigkeit und post-stressorische und postkonsum-traumatische Paralyse übergeht: ''Ich kann und will nicht mehr!''

    All die (natürlich auch wieder aufgeputschten) Erschöpfungsdiskurse, die in den Medien geführt werden, belegen dieses Phänomen. Die Lust an der eigenen Selbstausbeutung wirkt nicht mehr so überzeugend sexy und Systemkonformität kann im Grunde jeder, daher entdeckt mancher die Vorzüge des Impediments, sprich: man wird träge, betreibt Politik durch Nichtstun, das wiederum ist im wesentlichen Kern ein brutaler Verstoß gegen das Dogma der effizienten und proklamiert ''alternativlosen'' Tätigkeitsgesellschaft und gerade deshalb entdeckt man die Lust am Nichtstun oder Schlendern aus Trotz gegen das kommandierte Mitmachen. Träge Bremskräfte, die auf das System einwirken, werden zu einer Form von Politik. Ermüdung und Erschöpfung werden Politik. Jeder Burnout eine Petition gegen die Überforderung und Selbstausbeutung.

    Lassen wir also dies für heute, nicht zuletzt als Folge meiner eigenen Übermüdung über dem Text als Desiderat im Raume stehen: Code Z73 und unsere sperrige Langsamkeit als Anleitung zum besseren, nicht: optimalen! Leben. Wir verschleißen im analogen Leben schon genug:

    http://raumgewinner.blog.de/2014/06/10/verschleiss-laestigkeit-18633046/

    ...was brauchen wir da noch die digitale Agitation?

    ...nächstens mehr...

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  • Die unglaubliche Vorteilswelt des Paul Duroy in Zeiten der Krieger in Sandalen, die Kätzchen kraulen und Nutella lieben

    ''Der Krieg, er ist nicht tot, der Krieg.
    Der Krieg, er ist nicht tot, er schläft nur...
    Er hat sich sehr gut versteckt und wartet, er wartet...
    auf Dich, auf mich, er ist nicht tot, der Krieg.''

    Rio Reiser, Der Krieg

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    ''I am considering two promises. One is the promise of Allah, the other of George Bush. The promise of Allah is that my land is vast...the promise of Bush is that there is no place on Earth where I can hide that he won't find me. We shall see which promise is fulfilled.''

    Taliban-Führer Mullah Mohammed Omar, 2001

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    ''Sichern Sie sich noch heute Ihre unfassbare Vorteilswelt, lieber Paul Duroy!''

    Aus der Werbung meines Mail-Providers für was auch immer

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    Über besagte Werbung wundere ich mich jetzt noch, letztlich am meisten darin über einen Begriff, der sich anscheinend durch die gesamte Werbebranche hindurch etabliert hat, ohne dass ich bisher Wind davon bekommen hatte: die Vorteilswelt! Als ich den Begriff googelte, um zu schauen, ob er vielleicht einen Werbe-Neologismus meines Mail-Providers darstellt, wurde ich eines viel Besseren belehrt: inzwischen frage ich mich daher eher, welcher Konzern denn NICHT damit wirbt. Jedes Unternehmen scheint mit der ''Vorteilswelt'' hausieren zu gehen! Unfassbar finde ich daran, dass so ein ubiquitärer Begriff bisher so weitläufig an mir vorbeigegangen ist. Dieser Begriff erscheint mir wie das verlogene Signum unserer Zeit. Oder das Signum unserer verlogenen Zeit, das ist absolut austauschbar, versteht sich.

    Eine Vorteilswelt, die ich mir sichern, d.h. käuflich erwerben darf. Ziemlich totalitärer Ansatz, mir irgendeinen Mist als Vorteil verkaufen zu wollen und mir dann noch eine ganze ''Welt'' voll all dieser Vorteile zu versprechen. Interessante Aktion auch, diese Vorteile einfach mal in diese Welt einzubetten, ohne einen zweiten Gedanken (oder überhaupt einen ersten, Verzeihung!) darauf zu verwenden, wie obszön solch ein Geschwafel ist in einer Welt, (und Sie ahnen bereits den Bogen, der hier gleich wieder geschwungen und geschlagen wird, lieber Leser), die soeben lernen muss, dass ''Wandel durch Handel'' (wieder so eine unüberprüfte Bullshit-Phrase) jetzt doch nicht so gut geklappt hat, wie in der schönen neuen Warenwelt der totalitären Marktwirtschaft so vorgesehen und behauptet.

    Hat also alles nicht so gut geklappt mit Francis Fukuyama's ''Ende der Geschichte''. Ist zwar ein gutgemeinter Gedanke, zu propagieren, dass unser Problemlöser aller Probleme der Welt, ja richtig, Sie raten es schon: der (digitale) Kommandokapitalismus! auch den Krieg und alle Konflikte der Welt gleich mit auf ewig ruhigstellt und dann endlich Kants herbeigesehnter ''ewiger Frieden'' eintritt, spätestens nun aber müssen wir feststellen: eine Stasis/Stagnation der Geschichte ist einfach nicht drin und wie sollte eine solche auch möglich sein?

    Das geht uns nicht auf, dieses Wort in dieser Zeit: Krieg. Man schiebt das also alles gern ein wenig zur Seite, dass es derzeit in der Welt in den Nachrichten erschreckend viel um Waffen und Terror geht, das will alles nicht so ausgesprochen smart und modern anmuten, eher: archaisch und dumm. Kann doch nicht sein: ''der Russe'' steht schon wieder Gewehr bei Fuß vor Europas 'Toren' (hier bitte unbedingt zweideutig denken) und islamistischer Terrorismus nach Art von al-Quaida hatte doch eigentlich seine beste Zeit auch schon hinter sich.

    Gehen wir für einen Moment auf die neue Terror-Hype-Superschurkentruppe ein, ISIS, ''Islamischer Staat in Irak und Syrien'', jetzt generell auch einfach IS abgekürzt oder auch, liest sich ja für alle europäischen rechtskonservativen Spießbürger mit ihrer kenntnislosen Pauschalangst vor ''dem'' Islam so schaurig-schön und unheimlich griffig für die sensationsgeile Pressewelt: ''Das Kalifat'' genannt. Das selbsternannte ''Kalifat'' (hier stimmt die Diffamierungsfloskel ''selbsternannt'' nun wirklich einmal) ist eine aus allen Teilen der Welt zusammengewürfelte bunte Söldner- und Gurkentruppe mit dem diffusen Globalisierungs-Ziel ''Dschihad''. Diese Truppe aus ressentimentgeladenen Freischärlern und Milizionären im augenbeleidigenden Look aus Tarnanzügen und Sandalen (kennt man sonst nur aus Berlin-Lichtenberg von rechten Glatzköpfen im Hochsommer oder von ''separatistischen Rebellen'' in der Ost-Ukraine, die natürlich keine Russen sind) (und auch schonmal Turnschuhe zum Tarndress tragen, was bei der Bundeswehr immer zwingend bedeutete, dass man entweder ''fußkrank'' war oder andernfalls aktive Wehrzersetzung gegen die BRD betrieb, ein Vorwurf, den sich der Autor dieses Textes selbst mehrfach eingehandelt hat in seiner Wehrzeit) instrumentalisiert sich nun also selbst als neues Feindbild des Westens und auf verwinkelten Umwegen als Profitdynamo für die europäische (und somit natürlich auch deutsche!) Rüstungsindustrie, die sich in die schmierigen Fäuste lacht, dass sie nun wieder Waffen liefern darf nach Nahost und sich unverhohlen darüber freut, dass nun überhaupt Waffen wieder hoch im Kurs stehen, weltweit. Und ein Deutschland unterstützen, dass nun endlich auch international wieder Weltmacht spielen darf.

    Diese IS-Terrortruppe also benimmt sich gänzlich schizoid und kann daher in ihren Zielen nicht ernst genommen werden (es sei denn in dem Ziel, Terror zu verbreiten und die Bildermultiplikationslogik der westlichen digitalen Welt gegen diese selbst zu richten). Man kann nicht einerseits Massaker verüben und zugleich einen ''Islam'' postulieren und verbreiten, der in seiner exekutierten Rigorosität die Taliban im Direktvergleich wie nette Schuljungen aussehen lässt und zugleich aber mit süßen Kätzchen zwischen den Gefechtspausen posieren und im Supermarkt stolz Nutella in die Höhe recken und dieses auch auf den social network-Seiten wie Twitter, facebook und youtube posten, ohne seine Glaubwürdigkeit zu verlieren:

    http://digiweb.excite.de/terroristen-nutzen-nutella-um-menschlicher-zu-wirken-N61987.html

    (Sollten Sie, lieber Leser, übrigens Interesse an Bildern von Terroristen mit Katze haben, googlen Sie sich den entsprechenden Twitter-Account, wenn Sie es nicht bereits ohnehin getan haben, mal schön selber, da ich hier nicht aktiv auf solche Terror-Propaganda-PR vernetzen möchte. Twitter ist ja so nett, und stellt dieses Forum für seine User bereit. Geben Sie bei Google zB ''Terrorist mit Katze'' ein und stoßen Sie zunächst auf eine Unzahl an Suchergebnissen der Art: ''Unsere Katze macht nachts nur Terror'', bevor Sie auf die richtigen Treffer stoßen. Lassen Sie sich auch gewarnt sein, dass Sie nach Eingabe dieses speziellen Google-Sucheintrages bzw spätestens Aufrufen des entsprechenden Twitter-Accounts den BND und die NSA als trojanische Mitleser auf Ihrem Rechner haben, aber nun gut. Dies alles übrigens nur nebenbei bemerkt.)

    Oder...?

    Hier allerdings zeigt sich auch die ganze perfide Dialektik dieser Form der Kommunikation mit den Mächten, die man bekämpft. Die irgendwie nicht zu Ende gedacht erscheinende Unschlüssigkeit dieser Terror-Bewegung zeigt sich darin, dass sie, was sie zu bekämpfen vorgibt und als diabolisch verurteilt, selbst liebend gern nutzt (und sei es nur als PR-Kampagne in eigener Sache). Dann aber wiederum fragt man sich doch sicherlich: wer anderen Menschen die Köpfe abschneidet, wie kann der noch glauben, zur ''Kompensation'' erfolgreich an einem menschlicheren ''sympathischen'' Image arbeiten zu können? Indem er auf westlich beheimateten Websites Nutella und Kätzchen in die Kamera reckt? Man ahnt da schon: das könnte jetzt ganz eng werden mit einer eindeutigen Lesart.

    Denken wir doch einmal anders darüber nach: der Terrorist, der das Nutella-Glas in die Kamera hält, macht zunächst, ohne dass er selbst oder der Hersteller das so beabsichtigt haben, Werbung für den Ferrero-Konzern. Abgesehen davon, dass es den Groß-Konzernen dieser Welt ja eigentlich egal sein kann, wer für sie Werbung betreibt (zudem unentgeltlich!), solange sich das Produkt verkauft, kommt einem doch auch die Frage in den Sinn, inwiefern die Markenhaftigkeit des Produktes auf den Dschihad-Kämpfer zurückwirkt? Der Mudschahid und sein Ansinnen werden durch das westliche Produkt komplett korrumpiert, sodass der entsprechende IS-Mudschahid hier sich selbst und seine Ideologie persifliert. Ist ja auch nur so ein Leckermäulchen. Will doch was vom süßen Westen schmecken und nicht darauf verzichten. Dschihad funktioniert nicht ''sponsored by Ferrero-Company''.

    In die umgekehrte Richtung dagegen wirkt der schlimme Widerschein der Verlogenheit der westlichen Welt in diesem Beispiel auf sie selbst zurück: etwas strahlt ab von der dämonischen Terroremphase des Glaubenskriegers auf das westliche Edel-Produkt und die kostenlose ''Werbung'' wird zum allerbösesten Danaergeschenk. Das Nutella-Glas verliert jeden verbliebenen Anschein von Unschuld.
    Neben Boris Becker und der deutschen Fußballnationalmannschaft nascht also auch der blutrünstige Todesbote von der süßen Nuss-Nougat-Schokolade. Auch der Todesbote streichelt und hegt und pflegt kleine Kitties und hegt und pflegt seinen Twitter-Account. Die pestilente Bösartigkeit des Terroristen strahlt auf die Unschuld des Internets und seiner Meme und die bisherige harmlose Seligbeschaffenheit der westlichen Digital- und Gourmet-Produkte ab und bringt in einem maliziös-perfiden Mash-Up Dinge zusammen, die wir niemals zusammendenken wollten (und wenn, dann bitte nur satirisch).

    Wenn ich nun dagegen mein Nutella-Glas öffne beim Frühstück, kommt mir der Gedanke an James Foley und Steven Sotloff und massakrierte Jesiden. Bei Twitter, das ich selbst nicht nutze, kommt mir der Gedanke an eine Plattform, der es ganz egal ist, was gepostet wird, Hauptsache, es wird gepostet, ist ja alles das hohe Ideal der 'content equality'. Streichle ich meine Kätzchen, denke ich an das selbsternannte ''Kalifat'' und ostentative Schreckensmänner, die kleinen, nach eigenem Bekunden aus Kriegsruinen geretteten mutterlosen Kätzchen die Milch per Babyfläschchen zum Nuckeln reichen. Genau das haben die Terroristen sicher gewollt, sagen Sie jetzt? Und natürlich haben Sie wie so oft recht, Sie lieber aufmerksamer Leser.

    Wie wende ich als Saboteur/Terrorist/Herausforderer die Stärke eines bestehenden Systemes gegen es selbst? Indem ich auf eine gewisse Zeit seine Lügen und seine Lügentechnik übernehme und diese gegen das System (an)wende. Der entgegengehaltene Spiegel, die Inversion von proklamierten ''Werten'' und Formen des Prestiges durch simple Spiegelung dieser ''Werte'' und Prestigeformen, schafft die Umkehr, den Umschlag derselben in ihr Negativ. Der mordende Mudschahid mit Nutella in der Hand ''verschafft'' dem Produkt in einer sinistren Form der ''Werbung'' ein neues unfreiwilliges schauriges ''Prestige'' (gleichwie das Produkt selbst auf den Mudschahid zurückwirkt, was hier nicht verschwiegen werden soll, siehe oben). Diese Form der Anti-Werbung untergräbt und konterkariert die Marktseligkeit des Westens. An vielen Produkten klebt jetzt nicht mehr nur verborgenes Blut (Stichwort: Ausbeutung der Produzenten und Billigarbeiter in den sog. ''Schwellenländern''), sondern sie werden offen und unmittelbar mit Mord und Totschlag, hier allerdings willkürlich, assoziert. Um allerdings zum spezifischen Beispiel zurückzukehren: um Terroristen zu werben, instrumentalisiert der Mudschahid ein Produkt des Ferrero-Konzerns. Was kann der Konzern dagegen tun? Nichts.

    Und ist das nun alles intendiertes und in seiner Perfidie hochintelligentes 'masterminding' der Terroristen oder bloß intellektuelle Interpretation für den Schaukasten und die Burschen haben nur nicht weit genug gedacht, zehren hier also von einer ihnen bloß angedeuteten Kollateralintention? Wer wollte das bestimmen?! Ob die Konsequenzen aus ihren auf der Oberfläche schizoiden Treiben intendiert waren oder nur zur Schau gestellte Dummheit und/oder tatsächlich plumpe Werbung für die Akquise neuer Terror-Kunden sind, darüber kann nur spekuliert werden.
    Schlimm dagegen ist, egal aus welcher Kausalität heraus, wie zersetzend diese Bilder wirken: nicht für die westliche Welt allein, sondern schlimm vor allen Dingen für den humanistischen und zivilen Diskurs weltweit. Diesen aber hat auch und vor allen Dingen der Westen abgeschafft und durch die schnöde Marktlogik und die kommandierte Implementation universaler Raffgier ersetzt.

    Wo die IS-Terroristen sich nach westlicher Digital-Happy-Logik zeigen, zeigen, zeigen, sich tracken lassen und in den Bildern available sind und posten, indem sie videogeil Bilder von sich selbst! produzieren, betten sie sich in die westliche Logik der Transparenz ein, um eigentlich was zu erreichen? Das twittergestützte Kalifat zum Liken und Sharen? Dann wohl doch ''lieber'' der von westlichen Medien immer so benannte ''Steinzeit-Islam'' der Taliban.

    Die Taliban um Mullah Mohammed Omar haben sich nach 9/11 in den endlos weiten Wüstenberg-Welt von Tora Bora eine gewaltige Festung in den Bergen verschanzt, analog, entzogen ''in Allahs vast lands'', nichts ist knapp 14 Jahre nach dem Anschlag über den Verbleib des Taliban-Chefs bekannt, nur gilt es als so gut wie ausgemacht, dass dieser noch lebt. Er hat dies nicht geschafft, indem er täglich auf facebook seinen Status updatet und dabei Produkte des Ferrero-Konzerns in die Kamera hält, sondern durch Verwischen all seiner Spuren.

    Nun, um den Fokus etwas zurückzusetzen: der Westen darf sich nicht wundern, wenn im Untergraben der von ihm selbst propagierten und mittlerweile nur noch simulierten Werte: ''Demokratie und Menschenrechte im und durch Kapitalismus'' ihm die Feinde erwachsen, die er sicher nie gewollt hat. Und wie oben beschrieben: alles kommt als Re-Import gegen die westlichen Ideen zurück. Die Kurden bekommen aus dem Westen jetzt Waffen geliefert und diese Waffen werden mit Verlass schon bald wieder aus anderen Händen gegen den Westen selbst gewendet werden.

    Und ich sitze da in meiner Vorteilswelt, in der die Ukraine destabilisiert wird und mit ihr der Weltfrieden, in der fehlgeleitete HipHopper oder selbsternannte ''Kalifen'' Journalisten den Kopf abschneiden, sitze da in meiner Vorteilswelt und streichle meine Kätzchen, bekomme Optionen simuliert von diesem System, dass mich einkaufen will, während ich einkaufe, sitze da in meiner Vorteilswelt und esse ein Produkt des Ferrero-Konzerns, wo mir doch eher zum Speien zumute wäre, sitze da in meiner Vorteilswelt und kann nach Aussagen von Freunden noch froh sein, dass ich in Deutschland lebe, wo man doch nicht jammern darf, sitze also da in meiner Vorteilswelt und spüre nur, dass irgendwas hier zerfällt und irgendetwas sich gewaltig verändert in meiner Vorteilswelt im Westen, die ja ebenso gut die ihre ist, lieber Leser, und all dies ist sicher noch nicht das Ende der Geschichte...

    ...nächstens mehr...

  • Rohe Botschaften: von der Überflussgesellschaft hin zu dem, was uns reichen sollte, bevor es uns an allem mangeln wird

    ''We want the world and we want it...NOW...''

    The Doors, When the Music is over

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    Unser Eingangszitat wäre eine prima Begleitmelodie zur unbändigen Anspruchshaltung des modernen Menschen (in der westlichen Welt gemeinhin nur noch als ''Konsument'' bezeichnet) und seinem vehementen Einfordern der Verfügbarkeit eines Produktes zu jeder Zeit und am besten zu sofort.
    Darf es etwas mehr sein? Ja, aber ganz sicher doch...

    Erinnern Sie sich noch an die Zeit, als es ''Saisonware'' in den Läden gab? Man freute sich dann immer, wenn es im Frühling frischen Spargel und im Herbst zB die heimischen Äpfel gab, gen Winter dann die Zitrusfrüchte, etc...heutzutage muss das alles JEDERZEIT für den Fall der Fälle verfügbar sein, und zudem muss es nicht nur über das gesamte Jahr im Sortiment sein, sondern darüberhinaus verwöhnen und fehlkonditionieren die Einzelhändler ihre Kunden mit dem totalitären ''Frische''-Begriff (mitunter sogar superlativisch verlogen als ''Dauerfrische'' deklariert) : jedes Lebensmittel muss ''frisch'' sein: ''frisch aus dem Meer auf Ihren Teller'', stündlich frische Brötchen, frische Mangos aus Thailand (gestern abend eingeflogen) etc.

    In einigen Bäckereien wird nun mitunter schon auf die Minute genau angegeben, wann die Brötchen aus dem Ofen gekommen sind und zugleich wird dem Kunden eine ''Frischegarantie'' zertifiziert (O-Ton!) und überhaupt: the strangest things! Mit diesem Frische-Wahn fehlkonditioniert der Einzelhandel seine Kunden auf Ansprüche, die niemals dauerhaft zu halten sein werden.

    Eines steht annähernd sicher fest: die Welt, in der wir leben, ist durch den Kapitalismus des 21. Jahrhunderts derart einschneidend geprägt, dass sie irreversibel an dieses System geknüpft ist. Es ist eine mittlerweile exzentrisch bunt geratene, digital-katalysiert grelle Welt, die ihren eigenen Lauf täglich immer irrwitziger beschleunigt, die das Vorhandensein des Neuen und neu Zuhandenen minütlich mehr beschleunigt und die daher der Novophilie (also der Liebe oder wohl eher der Gier zu neuen Dingen, die ich hier jedoch etwas wissenschaftlicher und absolut mutwillig mit dem Terminus ''Novizität'', also das beschleunigte Streben nach Neuwertigem aus reinem Prinzip, benennen möchte) ihre lauten Loblieder singt. Auch muss alles ständig und dauerhaft verfügbar sein. Die ''availability'' ist ein weiterer Abgott unserer schönen neuen Warenwelt.

    Derart nimmt der Kunde die Verhaltensweisen eines verwöhnten Balges an, das von seinen Eltern immer gleich alles in den Rachen geschoben bekommt, wenn es nur laut genug anfängt zu plärren: er fängt dennoch an zu maulen und das Maulen und Reklamieren wird ihm zur zweiten Natur. Der Kunde hat Geld, kann also alles sofort und immer neu erwerben, da will er von diesem vermeinten Grundrecht (siehe mehr dazu weiter unten) auch seinen Gebrauch machen.

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    Insgesamt sind wir in der ''westlichen Welt'' in ein Zeitalter hineingeschlittert, das dem befristeten Aufenthalt auf einer paradiesischen Spielwiese gleicht: wir können alles erneuern, wir haben fast alles fast jederzeit verfügbar, alles um uns herum ist farbenfroh und bequem, wir können konsumieren, wir können uns den Bauch vollschlagen, bis der sprichwörtliche Arzt kommt, mein Gott, was haben wir für Möglichkeiten...der stetige Fluss des Geldes, der nötige Zufluss der Finanz beschert uns die Affluenzgesellschaft in aller ihrer ruh- und rastlosen Sucht nach Neuerung und in welcher wir im Grunde, haben wir nur genügend Geld, mühelos dauerkonsumieren könnten.

    Wir müssen uns an dieser Stelle die ehrliche Frage stellen oder vielleicht auch müssen wir uns DER ehrlichen Frage stellen: warum denn funktionieren in dieser beschriebenen Marktwelt linke Politik, Sozialismus und Sozialdemokratie nicht mehr? Man kann die Frage sicher auch anders formulieren: warum wirken wohlfahrtorientierte Politikströmungen nicht mehr in/auf die Gesellschaft? Weil sie nicht mehr als effizient wahrgenommen werden (denn Effizienz wird ja eingefordert!!) bzw ihnen eine redliche Chance auf Bewährung in der Praxis systematisch genommen wird.
    ''Wohlfahrt'' meint in der modernen marktverherrlichenden ''rational choice''- Wirtschaftstheorie der neoliberalen think-tanks und all ihrer affig-elitären Vordenker immer: man verschenkt Profit, schießt Profit in den Wind, indem man Dritte völlig unmotiviert begünstigt und diese so immer weiter auf ihre vermutete Bedürftigkeit hin konditioniert.
    ''Warum also sollte man in einem System, das nach Effizienz strebt, so etwas tun?'', fragt unser neoliberaler Modell-Ökonom sich nun. Der Bürgerkonsument unserer Zeit soll nichts mehr verschenken, soll alternativ nichts unentgeltlich verleihen, sondern er soll verkaufen oder gegen Gebühr teilen. Die Monetarisierung der zwischenmenschlichen Verhältnisse ist der Feind jeder aufrichtig gemeinten Wohlfahrt. Deshalb ist der Begriff der ''Wohlfahrt'' auch so nachhaltig aus unserem Wortschatz gestrichen worden, dass sein Anklang bereits im Jahre 2014 so archaisch anmutet. Im Kommandokapitalismus nämlich ist jeder seines eigenen schmalen Glückes Schmied, da braucht also niemand an seinen Mitmenschen zu denken oder seinem Nächsten irgendetwas in die Hand zu drücken, wenn der mal gerade nichts hat. Nein, das neoliberale Kommando heisst: kreise um deinen eigenen Bauchnabel und wenn du teilst, vermarktwirtschaften wir auch das und schalten uns als Mittelsmänner dazwischen (hier winkt uns Provision!) und nennen das Ganze dann ''Shareconomy'' oder meinetwegen auch 'Kollaborativer Konsum'.''

    Aber das gerade ist es ja: das Geben erfolgt dann nicht mehr um des Gebens willen als im wahrsten Sinne des Wortes 'milde Gabe' aus Barmherzigkeit oder Gutmütigkeit (man begibt sich automatisch in den Bereich archaisch anmutender Begriffe, sobald man nur über die interessenlose Wohlfahrt spricht), sondern es ist ein interessiertes, d.h. fremdintendiertes Handeln. Es geht nicht mehr um die wohltätige Handlung an sich, sondern darum, irgendwie von dieser ''Zwischenmenschlichkeit'' zu profitieren. Zwischen den Wohltäter und den Empfänger der Wohlfahrt tritt plötzlich wie ein Fremdkörper der besagte Mittelsmann oder, in abstracto gesprochen, der Profit als Fremdzweck. Lohnt sich das Teilen oder die Wohlfahrt dann marktwirtschaftlich nicht mehr, wird nicht mehr geteilt und mit der Zwischen- oder Mitmenschlichkeit hat es dann auch sein Bewenden.

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    HIer möchte der Autor nun unbedingt den Begriff der Suffizienz-Gesellschaft einführen und klären. Suffizient ist eine Wirtschaft genau dann, wenn sie sich selbst genügt, wenn sie nur ebensoviel ausgibt, wie sie einnimmt, wenn sie ein gutes Maß an Verbrauch und Zugewinn anpeilt und nicht in den Exzess mündet und wenn sie es zudem schafft, perfekte Ressourcenkreisläufe zu bewerkstelligen, also keine unnötigen Ressourcen zu verschwenden. Die Suffizienzgesellschaft legt keinen expliziten und fast kultisch-rituellen Wert auf Affluenz und Konsum als Werte an sich mehr. Im Gegenteil, sie offenbart sogar die Tendenz, überflüssige Ressourcen aufzusparen oder sie zu teilen. Sie ist eine nachhaltige Wirtschaft, die Nachhaltigkeit auch generationell denkt. Also kennzeichnet die Suffizienzwirtschaft grob ein hinreichendes Wirtschaften, ein Wirtschaften auf Augenhöhe der Verhältnisse (kein blindwütig diktiertes und in der Praxis brutal exekutiertes Wachstums-Gehabe ''plus ultra''). Die Suffizienzwirtschaft ist im besten Sinne und in Rückführung auf den etymologischen Sinn des Wortes ''Ökonomie'' eine Haus-Wirtschaft: das gute alte Etatbuch herrscht unter der Ägide der Suffizienz. Da wird ordentlich und belastbar Buch geführt über Ein- und Ausgaben und jeden Centschub. Das klingt erst einmal sterbenslangweilig und ist dies in gewissen Sinne ganz unvermeidbar auch. Aber es ist eine Langeweile mit der man bei alledem sehr gut leben wird können, da sie größten Kollateralnutzen abwirft.
    Zugegeben: klar haben wir dann ganz sicher keine Überflussgesellschaft der unendlichen Affluenz mehr: das Leben im Paradies ist dann gelaufen und es steht ein harter Umkehrschub an. Der Kurswechsel wird spürbar, gewöhnungsbedürftig und 'reich' nur an Verzicht sein.

    Die Suffizienz wird bedeuten, dass wir uns wieder auf so vergessene Phänomen wie die Saisonware und auf größere Entfernungen und Unbequemlichkeiten hin zum Erlangen der Ware selbst werden einstellen müssen. Suffizienz heißt, dass die es mit der so gehypten grenzenlosen Kundenfreundlichkeit, für die Amazon bei aller Kritik an seinen Produktionsbedingungen ja immer so verabredet hochgelobt wird, ein zwar allmähliches, aber doch bestimmtes Ende hätte. Die ''Dauerfrische'' könnten wir vergessen und all die schwindlig machenden Dauer-Sonderangebote und dergleichen fetischistische Heilsversprechen aus Discountern und Waren(versand)häusern gleich mit.

    Die frohe Botschaft bei alledem: wenn statt Wachstum Stillstand herrscht, dürfen alle erstmal eine Runde ausruhen und für sich schauen, wie sich die Dinge anfühlen, wenn man mal die Arbeit, die allzu hart knechtet, über Bord wirft und sich mal wieder mehr selbst und seinen Gedanken überlassen ist. Wer weniger braucht und vor allem: weniger verlangt, muss nicht soviel arbeiten. Gewähren Sie mir etwas Raum und ein klein wenig Zeit für folgenden Exkurs:

    Es verhält sich nun zB so: die eingangs des Textes erwähnte Neu-Gier lässt so manche Mitmenschen und Bekannte zu arbeitswütigen Zombies, zu müden Karrieristen mutieren, die ihre ''Oh mann, ich habe gar keine Zeit für gar nichts mehr!''-Mitteilungen als immerwiederkehrende Statusmeldung versenden und sich selbst keine Systemfrage stellen. Manchmal möchte man diese Zeitgenossen aus ihrem Trott herausreißen, sie anschreien und ihnen irgendwie zu verstehen geben, dass es außerhalb der Arbeit noch eine ganz andere Lebenswelt gibt. Nun will ich dem ein oder anderen seinen Arbeitswahn ja noch verzeihen, nur wird es richtig schlimm, wenn die Menschen, die ohnehin schon vor lauter Arbeit keine Zeit zur ''Kultivierung'' ihrer Freundschaften haben, dann auch noch bei einem abgerungenen Treffen ca. 95% ihrer Sprechzeit ebenfalls nur der Arbeit und ihrer heilbringenden Bedeutung für sie im Speziellen und für die Menschheit im Allgemeinen mit einer bedeutungsschwangeren Gravität widmen, die meinem Wesen nicht nur sehr fremd ist, sondern mich auch zutiefst ekelt. Nahezu unmenschlich ist eine solche Fixierung auf das Arbeitsethos allein.
    Aber schon schweife ich wieder brachial ab und lasse das Thema wie in einem Themendelta in einen riesigen Nebenarm auslaufen.

    Derzeit läuft es nachweislich so ab: die Mitmenschen mit etwas Ethik im Blut (''Ethische Verantwortung'' ist eine dieser Behelfspflasterphrasen, die momentan extrem gut gehen) kaufen! Verantwortung, vielleicht auch: sie kaufen sich frei von Verantwortung. Stichwort: Fair-Trade oder ''Bio''-irgendwas. Sie zahlen gerne mehr für ein Produkt (wenn man es sich denn überhaupt leisten kann, verantwortungsvoller Konsum nämlich ist teuer, das kann sich der Niedriglohnarbeiter nicht leisten, der dann einfach als verantwortungslos diffamiert werden kann, weil er in den Discounter muss, um irgendwie das Lebensnotwendige zu konsumieren. Schuld hat daran aber nicht der Niedriglöhner, denn würde man ihn angemessen entlohnen, wäre sowohl ihm geholfen, da er nicht mehr ausgebeutet würde als auch den oftmals ebenso und härter ausgebeuteten Produzenten all der Konsumartikel, die er sich dann leisten könnte. All diesen wünschenswerten Idealzuständen allerdings sind die Profiteure als Verhinderer vorgeschaltet, die natürlich einen Rotz schert, wen sie da in welcher Staffelung ausbeuten, Hauptsache, es wird konsumiert, Hauptsache der daraus ergehende Profit findet seinen üblichen Weg in ihre Taschen), puh, jedenfalls:

    ...diejenigen also, die es sich irgendwie doch leisten können, zahlen gern mehr, um sich von wahrer! Verantwortung freizukaufen, direkt auf ein bestimmtes Produkt verzichten will man jetzt aber auch nicht.
    Der Verzicht jedoch offenbart erst, welches Maß an Radikalität man im Sinne der Konsumeinschränkung anzulegen bereit ist. Und da lässt sich feststellen: über die Freiwilligkeit kommen wir nicht an den Grad der Radikalität des Verzichtes heran, der uns bereits in einigen Jahren ganz natürlich erreichen wird.

    Um nochmal deutlicher zu werden: Verzicht ist per se ein radikaler Wert, der tief in den Ursprung jeglicher Entsagung selbst eingeschrieben ist. Und so kann uns Verzicht unterschiedlich hart treffen, da er mindestens in zwei Formen in Erscheinung tritt:

    a) der Verzicht auf etwas, das uns zwar prinzipiell interessiert und verfügbar wäre, das wir uns aber nicht leisten bzw das wir nicht erwerben oder zugewinnen möchten. Diese Form des Verzichtes ist, wenn man so will, durch den Verzichtenden jederzeit ''aufkündbar'', da er ja der Ware oder dem Gut, dem er entsagt, nach von ihm selbst bestimmter Zeit wieder zusprechen kann, wenn er es nur will.

    b) der Verzicht auf etwas, über das man einst bereits wie selbstverständlich verfügte, welches jedoch nun nicht mehr verfügbar ist und es dies auch nie mehr sein wird. Ein notwendiger Verzicht auf etwas, das erst knapp wurde und dann ganz verschwand. Dieser Verzicht ist natürlich ein fremdbestimmter Verzicht, wenn man so will und somit die schmerzhaftere, weil: irreversible Variante des Verzichtes, denn er stellt eine unwiderrufliche Notwendigkeit dar. Anders: wo es keine Bananen mehr gibt, kann ich auch keine Bananen mehr kaufen. Zudem grenzt dieser Verzicht an Formen des Verlustes, da man über das, was man einst hatte oder hätte haben können, nun nicht mehr verfügt. Und exakt diese Verzichtvariante, die man gemeinhin auch ''Entsagung'' nennen könnte, ist tatsächlich die, welche uns nach dem Zusammenbruch der frivolen Überflussgesellschaft in vielen Zusammenhängen bevorstehen wird. Es wird dann schwer sein und über die weitere Ausrichtung des Menschenbildes entscheiden, wie man die Suffizienz derart organisiert, dass sie sich nicht sukzessive in eine eklatante Mangelwirtschaft nach Art der spätsozialistischen Staaten ab spätestens 1980 bis 1990 transformiert.

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    Schon klar, was Sie jetzt denken: die suffiziente Gesellschaft ist dann aber doch echtmal sowas von uncool, superlangsam und wird sich auch ein ganz beachtliches Maß an störrisch anmutender Ignoranz ausbitten müssen. Viel nach vorn entwickeln wird sich dann auch nicht mehr in rasanter Geschwindigkeit...und mit all diesen Einwänden haben Sie absolut recht. In gewisser Hinsicht wird die Suffizienzgesellschaft im Vergleich zu dem, was uns heute zB aus dem Silicon Valley als absolutem Dynamo des Turbokapitalismus (''New Economy'') an hurra-optimistischen Frohen Evangelien von der Loslösung des Menschen aus allen Zwängen, Unwägbarkeiten und Alltagsproblemen gepredigt wird, komplett konträr zu all diesen marktkonformen Jubel- und Durchhalteparolen also wird die Suffizienzgesellschaft den Vergnügungssüchtigen auf den ersten eiligen Blick vergleichsweise rohe Botschaften kündigen. ''Weniger'', ''langsamer'', ''Gibts heut nicht!''...sind Parolen, die sich nicht gut verkaufen. Wenn das Ladenhüterniveau und generelle Verknappung die Größen sind, welche die verfügbare Ware insgesamt kennzeichnen, stürzt sich nun natürlich keiner unter Jubelgesängen in die Suffizienzgesellschaft. Die Suffizienzgesellschaft wird uns aber lehren wollen, generell den konsumptiven Warenbegriff viel weiter unten auf der Liste der bestimmenden Dinge unseres Leben zu führen.

    Im Gegenzug könnte die suffiziente Gesellschaft, wie oben bereits angedeutet, an Ruhe und Nachhaltigkeit ''gewinnen'', beides Werte, die man nicht hoch genug schätzen und die man vor allen Dingen nicht kaufen kann...wo keiner mehr nach ''Wachstum der Wirtschaft!'' oder ''Arbeit. Arbeit. Arbeit.'' schreit, wird alles deutlich stiller. Und Stille ist auch so ein Selbstzweck, von welchem wir alle in diesen hemmungslos überstressten Zeiten ''zehren'' könnten. Runter vom kapitalistischen Gaspedal.

    Die Gesellschaft des zeitgenössischen Kommandokapitalismus des Jahres 2014 nämlich ist fett geworden, adipös in ihrer Geisteshaltung, frivol, eine Luxusschlampe, eine verwöhnte Göre...die Konsumbefähigung 24/7 und nach Möglichkeit all around the globe, da man sich ja jederzeit in den Billigflieger in eine der hippen capital cities setzen kann, um dort zu shoppen (die nötige Kaufkraft einmal mehr vorausgesetzt), diese Befähigung jedenfalls wird als existentielles und unhinterfragbares Grund- bis Menschenrecht eingefordert, völlig in Unbetracht der tatsächlichen Verhältnisse.
    Bei alledem ätzt und zersetzt bereits eine Säure der Skepsis übrigens fast aller Beteiligter dieses Herrschaftssystem einer totalitären Marktwirtschaft, das man doch eigentlich so lieben sollte, von innen heraus. Aber auch das auszuführen würde jetzt einen ganz eigenen Eintrag erfordern, aber soviel ist doch mindestens ersichtlich:

    Derzeit werden also die zersetzenden systemimmanenten Kräfte frei, die das Kommando-System der invasiven Marktwirtschaft von innen heraus angreifen und infrage stellen. Die nagenden Zweifel an der Berechtigung unserer eigenen Bedingung in diesem System und das Gefühl der Resignation vor systemischen Zusammenhängen, denen wir entweder gar nicht oder nur durch Zynismus zu entkommen glauben, sind bereits die Totengräberschaufeleien an exakt diesem System, an und in dem wir alle derzeit noch mehr oder minder fröhlich weben und leben, welches aber in der Beschreibung seiner Widersprüche und seiner anwachsenden obszessiv-exzessiven Dynamik bereits in Auflösung begriffen ist.

    Der Kommandokapitalismus gaukelt dem allen zum Trotz seinen Konsumenten Voluntarismus vor (dass also jeder absolut freiwillig und quasi-vertraglich am Wohlbefinden dieses Systemes mitwirke) und die Vordenker des modernen Neoliberalismus greifen auch hier zur ''rational choice''-Theorie und behaupten, die Menschen schlössen sich selbstverständlich freiwillig den Ideen und der Logik der Marktwirtschaft an. Dann müsste man allerdings auch konstatieren, dass diese Freiwilligkeit der Teilnahme am marktwirtschaftlichen Geschehen stark an dieselbe Freiwilligkeit erinnert, mit der ein Junkie sich seinen Stoff besorgt. Der Kommandokapitalismus hat seine Konsumenten zu abhängigen Marktsubjekten und Systemjunkies gemacht. Die Konsumenten hinwiederum haben sich zugegeben allzu willfährig in diese Abhängigkeit führen lassen nach Art des klassischen: ''Den ganzen Spaß JETZT, Scheiß auf die AGB's''-Vertragsabschließers im Internet. Paraphrase auf die ''Freiwilligkeit'' bei der Stipulation:

    ''I will take and suffer ALL of the conditions and terms of contract if only I get provided with all these fun things immediately and FUCKING RIGHT AWAY!!''

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    Der invasiven Marktwirtschaft wohnt eine irrwitzige Dynamik inne, da ist also immer ordentlich was los, soviel ist klar. So kann noch die Apokalypse dieses Systems selbst freudig und bunt vermarktet werden.

    Die Suffizienzgesellschaft dagegen wird mit dem leben müssen, was ihr zur Verfügung steht. Es wird zudem lange dauern, bis ihre ''inhabitants'' sich an den gefühlten Bedürfnismangel gewöhnen dürften. Denn natuerlich gehts ja nicht von heute auf morgen und unter lautstarkem Jubel in die Enthaltsamkeit, sondern das wird ein Jammern und Zähneklappern, ein Heulen und Zähneknirschen in Moll, das allerdings kaum zu vermeiden sein wird. Der Übergang von der Affluenz- zur Suffizienzgesellschaft wird in aller Latenz lang und hart ausfallen, aber es wird keine Alternative zu dieser Transition geben. An diesen Gedanken jedoch gewöhnt sich schon mal besser in kurzer Frist, denn es kann zwar noch eine geraume Zeit dauern, bis wir diesen Übergang auch wirklich in all seinen Konsequenzen verspüren, aber dann wird es auch schon ein sehr merklicher Bruch sein, eine Transition also, die wie das Ende einer Epoche wirken wird.

    Aus einem solchen Übergang vom frivolen Überfluss hin zu verknappten Wirtschaftskreisläufen, in denen Überfluss keine Option mehr ist, auf die man ein vermeintes Kundenrecht wird durchsetzen können, sondern in denen man ganz im Gegenteil das Haushalten ganz neu wird lernen und sich auch hier und da mit dem Begriff ''Mangel'' auseinandersetzen müssen, wächst alsbald durch mehr oder weniger schnelle Phasen des Überganges hindurch die Suffizienz- als Verzichtgesellschaft heran...den Begriff ''Verzicht'' wird man unter Wegpusten des Staubes auf dem Wort im Wörterbuch und skeptischen Gesichtszügen allumher überhaupt erst wieder in seiner ganzen Bedeutungsspanne neuentdecken und empfinden müssen. Der Verzicht und der Mangel stellen keine 'Optionen' dar. Wenn die Voraussetzungen erst einmal bestehen, die uns in eine Wirtschaft des Verzichtes, der Rationierung und des Mangels führen, wird man den klassischen Konsumentenreflex ''Dann wechsle ich halt den Anbieter!'' nicht mehr bedienen können. Noch einmal: der Verzicht in seiner Ausprägung als Selbstbescheidung ist keine abwendbare Option, sondern verkörpert eine existentielle Tatsache, der man sich zu gegebener Zeit wird stellen müssen.

    Führen wir uns aber einmal für die Jetztzeit vor, was geschähe, wenn, aus welchen Gründen auch immer, plötzlich die Affluenz stark ausgebremst würde, wenn die Geldströme abrupt versiegen, wenn plötzlich die Verfügbarkeit über die Dinge erst in Knappheit, dann eventuell sogar in Nichtvorhandenheit übergeht. Wenn die globalen Warenströme zusammenbrächen, wir nur noch begrenzt bis gar nicht mehr Waren ex- und/oder importieren könnten, wenn wir mit dem auskommen und haushalten müssten, was uns bliebe? Wie sähe eine solche Gesellschaft in ihrem Mangel aus, wie ginge sie mit dem Mangel um, dass er nicht in den Miserabilismus einer Mangelwirtschaft umschlüge?
    Fragen Sie sich das bitte im Stillen nun alles selbst und stellen Sie sich das bitte auch alles selbst vor, lieber Leser, denn wie ich gerade bemerken muss: meine Kräfte schwinden und ich muss meine Überlegungen dazu auf ein gefürchtetes anderes Mal verschieben.

    Soviel aber kann sich ja jeder sich selbst zusammenreimen: wo zB in der modernen Marktwirtschaft etwas geplant obsoleszent kaputt geht, wird ganz einfach ersetzt, will sagen: neu gekauft. Was solls dem zahlkräftigen Modellkonsumenten schlaflose Nächte bereiten? Das Geld ist da, die Ware und die Ressource sind da, die billigen Arbeitskräfte sind da, mit denen man es ja wieder machen kann, ergo zack: neu gekauft!
    In der Suffizienzwirtschaft dagegen heißt es trocken: 'Geht was kaputt, dann repariere es und überlege zugleich, wieviel Ressourcen du dazu aufwenden musst und ob du nicht evenutell sogar darauf verzichten kannst'.
    In der Mangelwirtschaft dagegen hieße es: 'Geht was kaputt, dann repariere es, aber hoffe inständig darauf, dass dir die zur Reparatur benötigte Ressource/Material dann auch wirklich zur Verfügung steht.'

    Um einer weiteren Erwiderung elegant zuvorzukommen: selbstverständlich würde die Suffizienzgesellschaft natürlich eine Form der Planwirtschaft durch die Hintertür bedeuten, denn Zuteilung und Restriktionen wären dann für den Bestand dieser Wirtschaftsform essentiell notwendig. Diese Form der ''Planökonomie'' liegt dabei aber in der Natur der Sache selbst. Wer nicht viel zur Verfügung hat, muss nun einmal nach Art der Mami mit dem Haushaltsbuch blitzsauber und akkurat planen.

    Es wird dem mündigen Bürger nicht gelingen, sich von ethischer Verantwortung freizukaufen, indem man ''Ethik'' kauft. Es ist nicht der ''Konsument'', der die Misstände in der Welt ändern könnte, sondern allein der Bürger. Wenn wir uns als ''Konsumenten'' oder ''Kunden'' labeln lassen und das so hinnehmen und uns dann so gegen das System stellen wollen, dann wird dies nicht gelingen. Wir werden wie das Vieh an der Kette sein, das sich durch Bockigkeit und Austreten nach links und rechts zwar ein klein wenig mehr Beinfreiheit im Dreckstall zu verschaffen vermag, aber wir werden nicht von der Kette loskommen, an der uns das System gefangen hält und dem wir fleissig Kettenglieder schmieden zu unserer eigenen Verknechtung. Wie wollen wir leben?

    ...nächstens, im Sinne des Verzichts, weniger...

    (NACHTRAG: zum Zeitpunkt, da ich diesen Eintrag soeben veröffentlich habe, ist er mit einer Werbung über dem Titel versehen, deren Algorithmus die ganze Misere in aller Deutlichkeit offenlegt, dort heisst es:

    ''Verzicht kaufen bei Amazon.de! Kostenlose Lieferung möglich''...

    Das ist ein noch viel schöneres Schlusswort, als der Autor es selbst nur je hätte finden können.

  • Die Ratlosigkeit als Urgewalt: ''Lassen Sie mich mit Ihrer App in meiner Ruhe und stellen Sie sich wieder zurück an den Strassenrand, bis Sie dort mit Verlass gefunden werden''

    ''Ich glaube, daß unsere Zeit nur eine Forderung hat, die nämlich, an der Nase herumgeführt zu werden. Dieser Drang wird noch zufriedengestellt werden.''

    Sören Kierkegaard, Geheime Papiere

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    Es ist ein seltsames Ding um die Ruhe und die Gelassenheit. Die Gelassenheit, die ich unter Umständen und für mich selbst lieber ''Dahin-Gelassenheit'' nenne, ist eine kolossale Melange aus einem Dahingestelltsein in belebender Ratlosigkeit, die für mich die bestimmende und verlässlichste Konstante menschlichen Daseins ist und einer Seelenruhe, die sich einstellt und da ist und mich birgt, wenn es mir nur gelingt, mich so wenig wie möglich um die Umwelt mit ihren Ansprüchen und Urgenzen zu bekümmern. Ein natürliches Überschussmaß an Indolenz und genuiner Ignoranz ist mir ohnehin ins Genom eingeschrieben, das trifft sich also ganz gut, wenn man die Dinge ertragen will, ohne den Ansporn zu verspüren, alles Widrige, das es zu ertragen gibt, gleich abschaffen oder verbieten zu MÜSSEN...(allzumal man es in seinen schwachen Momenten doch so gern täte).

    Wenn jemand mich zum Beispiel fragt (und Sie werden mir glauben müssen, dass ich dies oft im weit interpretierbaren Raum zwischen einsetzender Abscheu, Bewunderung und Irritation gefragt werde), wie man sich denn gar so wohnlich und behaglich in der eigenen Rat- und Richtungslosigkeit einrichten kann, dann stellt diese Frage eine veritable Paradoxie dar, denn gäbe ich darauf eine Antwort, fiele diese Antwort ja postwendend als Ratschlag aus: ein komischer Ratloser wäre das, der einen Rat wüsste auf die Frage, wie man sich denn derartiges Eremitenglück in und aus eigener Ratlosigkeit ''verschaffen'' könne.

    So also kann ein Text über die Ratlosigkeit doch wohl auch nur in ratloser Darstellung erfolgen, ein tastender Text, ein textendes Tasten, eine beliebige Darstellung einer beliebigen kleinen Kunst, die dabei Tag für Tag mein Leben neu stiftet, denn ohne diese Gabe, das Geschenk meiner Rat- und Richtungslosigkeit, meine Ungelenk(t)heit in der Lebenspraxis, meiner beharrlichen Trägheit, den Bremskräften meines Willens, die sperrige Halbbejahung, mit der ich noch die selbstverständlichste Verrichtung doch mit leichtem Unwillen, danach erst in Süßigkeit verrichte, im Wissen darum, in dieser womöglich noch lächerlich kleinen Verrichtung zugleich einer ebenso kleinen, ihr anhängigen Lästigkeit ein Schnippchen geschlagen zu haben; denn ohne diese Gabe jedenfalls wäre ich ein anderes Ich, von dem ich sicher weiß, dass ich es nicht sein wollte. Vielleicht so ein Mitmacher-Ich, ein ''Ach, was für ein kurioses Fundstück im Netz und ich habe definitiv Facebook-Humor''-Ich, vielleicht ein Ich, das nicht selbst von vorgeblich seriös-bürgerlichen Zeitungen wie der FAZ oder der SZ in ihren Online-Ausgaben mit waschechtem und dabei abwaschfestem Boulevard vollgespült würde, auf den ich hier nicht exemplarisch und in concreto verlinken möchte, um mir nicht all die boulevardeske Abscheulichkeit und Gemeinheit hier aufs Blog zu holen. Am Ende ist das noch ansteckend. Lieber zurück zu Dir, meine liebe Ratlosigkeit, an die ich mich schmiegen will...

    Die Ratlosigkeit geht soweit, dass der Autor dieser Zeilen recht eigentlich ich-scheu ist. An manchen Tagen ist mir sogar das ''Ich'', das immer nach Autorenschaft und fokussierter Bewusstseinsbündelung auf ''mich'' als das hier benannte Individuum oder Subjekt verlangt, schon viel zuviel...dann will das Bewusstsein, das man ''ich'' zu nennen gewohnt und fast gezwungen ist, eine solche tiefe Seelenruhe, dass es sogar vor sich selbst die Ruhe sucht...solche Momente führen einen nahe heran an die Transzendenz, bis dann der Nachbar klingelt oder seinen Rasen mäht oder sägt oder Laub bläst oder...(aber ich verliere mich hier schon zuweit auf dem weiten Weg zu einem meiner nächsten Texte ''Der Mensch im Geräusch--Ohren haben keine Lider II)

    Die Seelenruhe wirft einen Menschen in die Zeitlosigkeit, überhaupt in Losigkeiten aller Art, auch die Angst ist man los, man kann anderen über die vollkommene Seelenruhe nur in aller Verlegenheit staunend berichten wie ein Tourist, der vor Ort keine Photos machen konnte und jetzt nur seufzend und sehnend wieder und wiederholt: ''Ach, das hättet ihr selbst sehen müssen.''

    Andere Dinge können wir ja dauernd selbst sehen, oder uns wird beim ''Sehen'' geholfen und so werden uns fortwährend mit medialer Brachialgewalt Bilder und Boulevard aufs Auge und ins Bewusstsein gedrückt. Auch gute Ratschläge sind immer wieder dazwischen, wir kennen das ja aus der digitalen Welt. App, App, App, das scheint zB der ultimate Ratschlag auf jede Lebensfrage zu sein: ''lasse Dich orientieren''! Schalte die Beliebigkeit aus, komme noch schneller zum ZIEL (meine Güte, was überhaupt ist ein Ziel?), finde dies und finde das in deiner unmittelbaren Nähe, kaufe hier noch das und dort noch dies (die App hat es gefunden, die App hat dich geführt), nimm teil hieran und daran, nimm teil, (wie schrecklich ist teilnehmen?), App, App, App und das halbe Leben ist schon so gut wie gelöst und nimm doch noch einen Gutschein mit und sei doch bitte so gut und lege dir einen Premium-Account zu und like und share mein/dein Leben, damit ich mich/dich wahrgenommen fühle...''...ich muss mir meine Zeitgenossen auch traurig vorstellen. Sisyphosse, die sich täglich neu ihre Apps aufs Smartphone laden.
    Fremdhilfe-Orientierte, die man in alle Ewigkeit wiederfinden wird. Dabei lautet doch das weise Gesetz: ''Du sollst Dich nicht finden lassen!''

    Ratlosigkeit, geboren aus Orientierungsunfähigkeit, die Angst erzeugt und die durch digitale Applikationen kompensiert und gelöst werden soll, nur um am Ende (collateral damage) doch nur wieder Ratlosigkeit zu erzeugen, die an Idiotie grenzt, ist nicht DIE Ratlosigkeit, der ich hier ihre Lieder singe oder die vielleicht ihre eigenen Lieder durch mich singt. Die Ratlosigkeit, die ich meine, will nicht orientiert sein, die ist persistent, die dringt durch jede Faser und bleibt, die klärt man nicht auf, die diagnostiziert und therapiert man nicht, die will nicht wissen, wo...die will nicht wissen, was...die will verpassen, die will ignorieren, die will treiben, die will und will wieder nicht...eine menschliche Kraft. Eine Kraft, die so manches Mal nicht mehr ein noch aus weiß, dies vielleicht auch gar nicht wissen WILL, ein Dahingestelltsein, wie man ja überhaupt in die Welt verschlagen und abgestellt wird, an Orten, in einem Organismus, den man nicht gewählt und in eine Zeit, die man sich nicht ausgesucht hat.
    Eine Kraft, die sperrig ist und träge, eine Kraft, die sich gegen jede Dynamik wendet, ein Impediment, eine faule Kraft, eine Schwer-Kraft und dann irgendwie doch eine flügeltragende Unbeschwertheit, ein Loslassen, eine Leichtigkeit, eine Losigkeit.

    Sehen Sie zB, heute ist mein Ich schon wieder zu sehr gebündelt, zu fokussiert, zu sehr Autor, der eben seine Eklogen auf die Ratlosigkeit singt, welche womöglich das gar nicht will, die womöglich gar nichts wirklich will und doch ist sie ja mir die wahre Applikation meines Geistes und darum muss ich ihr ja diese Loblieder verfassen. Diese Ratlosigkeit, diese liebe gute Kraft, ist der Generator meiner Seelenruhe, die ich nun wirklich ''meine'' nennen möchte, so lieb habe ich sie und so birgt sie mich. Was kann ich da wollen, dass Sie mir mit ihrer App kommen, mit Ihren Ratgeber-Links, mit Ihren Karriere-Tipps, mit Ihrer Angst, die ich auch noch teilen soll und von der Sie ersichtlich möchten, dass es auch meine Angst wird, weil Sie nicht verstehen, dass ich Sie nicht teile, Ihre Angst, die in Wirklichkeit daher rührt, dass Sie sich in allem orientieren LASSEN und nicht den Mut haben, das Geschenk der Ratlosigkeit anzunehmen, die Verlorenheit, die Orientierungslosigkeit, die Zelebration des Glückes, das daraus resultiert, wenn man sich treiben lässt und vom Weg abkommt und nicht sobald gefunden, re-definiert und neu verortet wird und gerade darum habe ich keine Angst, aber das verstehen Sie ja nicht, Sie wollen mir nur Tipps geben und generöse Ratschläge erteilen, wie andere schreiben, dass man sein Leben leben soll und wie Apps (''What would Google do?'') es einem vorgeben und neulich erst haben Sie wieder gelesen, dass...ach bitte, können Sie nicht einfach gehen und vergessen Sie bitte unbedingt Ihr Smartphone nicht und Ihre Phantasielosigkeit und profane Oberflächlichkeit, die Sie als manierliche Umgangsform anzubieten gewöhnt sind, gleich mit. Danke Ihnen vielmals, inspiriert haben Sie mich ja zu Genüge und auf mindestens fünf Texte, aber glauben Sie mir bitte auch: auf meinen Weg gleich werde ich Sie bereits vergessen haben und was soll Ihre digitale Zurüstung daran ändern, dass ich jeden Charakter an Ihnen vermisse? Schon jetzt zB, da ich Sie mit ''Sie und Ihnen'' tituliere, zerfallen Sie mir, zerfällt und fragmentiert sich alles, habe ich vergessen...

    Nun, es verhält sich gerade so, wie ich es oben beschrieb: die Seelenruhe ist ein prekärer Zustand und der schräge Jeff Jarvis-Cameo am Strassenrand von gerade eben (er stand da am Strassenrand im strömenden Regen und wischte sein Smartphone nun wirklich komplett ratlos und in Panik, aber da reagierte nicht viel, der Akku war leer und so hatte er Angst, am Strassenrand, im Regen an der dunklen Waldstrasse, die zu meiner Behausung führt), nun ein solcher Mensch kann einem die angemessene Indolenz schon einmal auf Zeit verleiden und die Ratlosigkeit auf eine kleine Weile beschädigen, der ich mich nun jedoch wieder auf eine lange Weile, die dabei nicht Ihre werden soll, lieber Leser, zuwenden möchte.

    ...nächstens mehr...

  • Loblieder der Herrlichkeit aus dem Jammertal oder: der Mythos vom gutgehenden Deutschen, der nicht jammern darf

    Für und gegen S. und T., welche schon alles ganz in Ordnung so finden, wie es ist...ganz ganz gut so wie es ist.

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    ''Während die halbe Welt voller Erwartung nach Europa schaut, blüht hierzulande eine bedrohliche Geschichts- und Selbstvergessenheit. Inmitten von Zuständen, die im weltgeschichtlichen Vergleich paradiesisch zu nennen sind, wächst eine Ignoranz heran, deren Schwester der Wahnsinn ist.''

    Reinhard Mohr, Linke Heuchler, FAZ vom 4.8.2014

    Verstärkt ist aus Kreisen konservativer und wirtschaftsliberaler Kreise als Replik auf klagende Bürger ein neues Narrativ entstanden, das jegliche Kritik am bestehenden Wirtschaftsmodell und dem status quo unserer Republik von vornherein im Keim ersticken möchte, ich nenne dieses Narrativ bewusst schief den ''Mythos vom gutgehenden Deutschen''.

    Der ''gutgehende Deutsche'' ist ein Modellbürger, der das Glück hat, mitten in Europa in paradiesähnlichen Zuständen (siehe Eingangszitat) zu leben. Und weil dieser Modelldeutsche schon im Paradies lebt, hat er auch gefälligst den verwöhnten Mund zu halten und sich nicht zu den Zuständen zu äußern. Wem es gesamtwirtschaftlich so gut geht, der kann doch unmöglich noch klagen wollen. Der Parameter ''allgemeiner Wohlstand'' ist in abstracto erfüllt, die drop-outs an den Rändern interessieren nicht (und sind nach konservativer Lesart ohnehin nur faule Säcke) und von den Grünen und NGO's und all dem Gedöns ist man ohnehin gewohnt, dass das Meckern und Zetern ihnen zum Habitus geworden ist, also kurz: es steht alles zum Besten mit Deutschland (während die Welt umher brennt). Man kann dieser Geisteshaltung übrigens auch den etwas holprigen, aber zutreffenden Begriff ''Merkelismus'' verpassen. Die Kanzlerin ist exakte Inkorporation dieses Denkens, aber das auszuführen, würde für heute wieder zu weit führen.

    Jedenfalls: diese Schmähung des mit den Zuständen unzufriedenen (deutschen) Bürgers durch konservativ-wirtschaftsliberale Kreise fiel erstmals im Gefolge der Proteste gegen ''das Projekt'' Stuttgart 21 auf. Hier tauchte zum ersten Mal der pejorative Begriff ''Wutbürger'' auf, mit dem auch die nichtkonservative Presse fortan im Übrigen sehr unreflektiert umging. Jegliches Erregungspotential, sei es nun mehr oder weniger berechtigt, wurde nun in seiner Legitimation heruntergedimmt auf seinen krawalligen und daher dubiosen Absender, eben den Wutbürger, der immer gleich für oder gegen alles auf die Palme (oder Juchtenkäfer-bewohnte Eiche) geht. Der schmähende Gesamteindruck, der so über protestierende Bürger geschürt werden sollte, war mit dem Label ''Wutbürger'' bestens erzeugt. Die Renitenz, die in diesem Begriff anklingt und die als skeptische Kraft zunächst nichts Schlechtes ist, soll als psychisch-affektive Disposition (Wut, Zorn, notorische Reaktanz) disqualifiziert und als nicht wirklich politisch inspiriert verunglimpft werden. (Zugestehen muss man allerdings, dass manche Gruppen von zB NGO's bei ihrer Benennung sich keinen wirklichen Gefallen damit getan haben, sich einiger Metaphern aus dem Begriffsumfeld der Hysterie zu bedienen wie per exemplum ''Aufschrei''. Wer aufschreit, neigt zum Kreischen und zur hysterischen Exaltatio, Kreischen wirkt immer überfordert, wahlweise: hirnlos.)
    Berechtigte wohlüberlegte Kritik dagegen als Wutbürgertum zu schmähen, stellt eine Gemeinheit dar, die natürlich nur konservativen Betonköpfen einfallen kann.

    Als Remedur gegen Jammer aus Habit und Langeweile empfiehlt sich also unserem Deutschland-Modellbewohner in seinem propagiertem Wohlstand und Wohlergehen der Verweis auf den Status quo im feudalen föderalen Bundes-Paradies Deutschland...in Deutschland hat man schon aus Prinzip nun das wutbürgerliche Maul zu halten, denn es geht uns hier gut, verordnet per Dekret.

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    Um es noch einmal zusammenzufassen: der ''Mythos vom Deutschen, der nicht jammern darf'' ist ein wirkmächtiges Narrativ der launischen Beschwichtigung und des Runtermoderierens von Kritik am bestehenden System durch Kräfte, die von ebendiesem bestehenden System vorzüglich und exzessiv profitieren, in die Welt gesetzt. Dieser Mythos ist eine wundervoll verlogene Durchhalteparole und bei alledem ein präsentierfähiges Mem, denn man kann so leicht darauf hereinfallen.

    Es gilt deshalb immer zu durchleuchten, wem ein solches pauschales Kritikererstickungs-Narrativ nützt, bzw zu fragen: warum eigentlich bedienen sich konservative wirtschaftsliberale Geister solcher Narrative?

    Zuallererst einmal: der auf den ersten Blick überzeugende Augenschein des ''Argumentes''! Das klingt dann in aller konservativen Plausibilität circa so:

    ''Na klar, geht doch allen prima hier, man meckert auf höchsten Niveau und mit Dach überm Kopf, selbst die ''ganz unten'' (hier lauert um die Ecke bereits wieder der Hartz-IV-Empfänger als härteste Abgrenzmetapher nach unten im Bundesrahmen), selbst die ganz unten'', die am lautesten plärren und von ''Staatsgeldern'' leben, obwohl sie nichts dafür tun müssen (die Rede ist hier weiterhin von zB Hartz-IV-Empfängern, nicht jedoch von profitgeilen CEO's und Investmentbankern), diese Parasiten am wirtschaftlich gestähltem deutschen Volkskörper also, schimpfen noch rum und haben daheim die neuesten HD-Flachbildschirmfernseher stehen. Die sollen auf ihren Luxusgeräten mal lieber gucken, wie es denen in Afrika und Asien geht, die nix haben und trotzdem bis zu 80 Stunden die Woche schuften müssen, damit sie durchkommen.''

    Das aber ist der Punkt, an dem die verlogene Dekadenz dieses Narratives vom Deutschen, dem es so gutgeht, dass er nicht jammern darf, komplett durchscheint: der westliche und natürlich auf den ersten Augenschein offensichtliche Wohlstand, auf den sich der derart Argumentierende beruft, hat ja geradezu zur Voraussetzung, dass Menschen in großen Teilen Afrikas, Asiens und Südamerikas bis zum Exzess ausgebeutet werden. Hierzulande wird zwecks dessen zwar auch eine Unterschicht ausgebeutet, aber sie wird auf vergleichsweise! hohem Niveau ausgebeutet (auch wenn das konservativ-wirtschaftsliberale Lager alle Kräfte daran setzt, den Ausbeutungsabstand zu den sogenannten Schwellenländern weiter nach unten schwinden zu lassen, sodass auch wir hier lernen, uns noch freiwilliger und billiger ausbeuten zu lassen), anderswo aber ist ein Ausbeutungsverhältnis unbedingte Voraussetzung für den exzessiven Kommando-Kapitalismus des Jahres 2014 ff. Der Mythos vom gutgehenden Deutschen besagt also recht eigentlich dies: ''Mensch, jetzt hör doch auf zu jammern oder Dich und das System zu kritisieren, für das und in dem du wirkst! Es ist doch alles gut, wir müssen die Menschen ''im Süden'' ausbeuten, damit wir so leben können und sei doch ehrlich: ein bisschen und seien es nur Almosen des westlichen Wohlstandes fällt doch auch auf Dich ab. Dir gehts doch nicht so schlecht, wie denen ''da unten'' in der Welt, die für unseren Wohlstand hinhalten.''

    Das Perfide an diesem Narrativ ist also auch, dass es das globale Ausbeutungsverhältnis gleich doppelt bestätigt und propagiert: es braucht den Billigstlöhner aus den Entwicklungsländern erstens, damit wir uns hier ein insellagen-ähnliches Wohlstandsparadies aufbauen und erhalten können und zweitens, damit wir ein wichtiges Argument gegen Kritiker dieses Systemes zur Hand haben: den Ausgebeuteten als absolutes Schreckexempel nach unten, das jedes Jammern über die Zustände hier im ''Paradies'' von vornherein verbietet. O-Ton: ''Denen geht es systembedingt scheisse, dir gehts, auch wenn du jammerst, systembedingt ok, mir gehts systembedingt richtig super und jetzt halt die Schnauze und mach Dich an die Mehrung der Volkswirtschaft, du Jammerlappen.''

    Recht eigentlich wird Ihnen also, sollten Sie einmal ähnlich klagen über die Verhältnisse hier in paradiso, lieber Leser, und jemand hält Ihnen entgegen: ''Ich verstehe gar nicht, warum in Deutschland immer so gemeckert wird.'', unterstellt, dass man im Paradies nicht klagen darf, weder über das Paradies noch über die Zustände ''in profundis'', also die Zustände da ''ganz unten'', oder von mir aus auch die dreckigen Zustände vor den Toren des Paradieses, wo sich der Müll und die Armseligkeit derart stapeln, dass hier und da der Wind den abscheulichen Gestank dieses Mülles zu uns herüberträgt und der Keim dieser Pestilenz sich schon ins Paradies zu begeben beliebt, hier und da und selbst Flüchtlinge aus den Vorhöfen zur Hölle in unserem liebevoll gehegtem Paradiese landen, was wir aber zu verhindern wissen mit einem Flüchtlingsabfangprogramm, das ungefähr so menschenfreundlich klingt wie ein Insektenvernichtungsmittel ''FRONTEX', über alles das dürfen Sie ja nicht klagen, lieber wohlständiger Leser, wenn nächstens wieder einer Ihnen erwidert, dass es anderen doch wohl unendlich schlechter gehe.

    Sehen Sie es bitte ein! Im wirtschaftsliberalen Paradies leben bedeutet immer auch: nach unten ist immer noch ausreichend Luft und wer jammert, der ist im System wohl noch nicht tief genug gerutscht. Ein Platz unter dem Trittbrett ist immer noch frei.

    ...nächstens mehr...

  • Primark! ''Ich konnte mich nicht entscheiden, also habe ich einfach beide gekauft.'' ---: oder meinetwegen auch: 'OMG, she's a Primaniac!'

    ''Wenn Primark jetzt keinen Fehler macht, könnte die Aufregung der Modekette sogar nützen.''

    aus: ''Primark: Großalarm im Teenie-Paradies'' von Lena Schipper, FAZ-Online vom 29.6.2014 (Link s. weiter unten)

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    "Für Primark schwänzen wir", sagt Jessica. 100 Euro hat sie dabei - und ein kleines schlechtes Gewissen: "Ja, klar, die Kleider von Primark werden bestimmt alle von Kindern genäht, aber ich kann mir kein T-Shirt für 30 Euro leisten."
    Beim irischen Discounter kosten T-Shirts 2,50 Euro. Die meisten verlieren schon nach einer Wäsche die Fassung. Jessica findet das: "Egal. Bei zwei Euro für ein T-Shirt schmeiße ich es eben weg, wenn es nicht mehr passt."

    Thorsten Schmitz, ''Primania in Deutschland'', aus: SZ vom 3.7.2014

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    ''Was von der Wirtschaft vorgelebt wurde, ahmten die Mädchen unreflektiert nach - die komplette Sexualisierung der Oberfläche...''

    aus: Arno Geiger, Alles über Sally

    Manchmal ist einem Autoren nicht anders geholfen, wenn er um ein konkretes Schreibthema kreist, aber wieder und wieder kommt ihm eine fixe Idee oder ein aufdringliches Phänomen dazwischen und lässt seinen ganzen Fokus auf das ursprüngliche Schreibziel schwinden, als dass er dann irgendwann verdrossen seinen Stift nehmen und sich entschieden die Fremdthematik von der Seele schreiben muss, damit er wieder frei für das eigentlich gemeinte Thema wird.

    Das Einschleichen eines Fremdthemas kann zB nun einmal wie in meinem persönlichen Falle ganz konkret daher rühren, dass einem wieder und wieder Leute mit Primark-Papptüten (mit ökologisch nachhaltigen Papiertüten auf in den exzessiven Konsumrausch, yeah!) in und über den Weg laufen, einem den Weg abschneiden oder gar zum Stolpern bringen, bis man bemerkt: hier rollt ein gesellschaftliches Phänomen für irgendetwas, das massiv schiefläuft über einen hinweg, für das Primark vorzüglich sein pars pro toto steht!

    Vor ein paar Tagen ging die irgendwie schauerlich anmutende Behauptung durch die Medien, in einigen Primark-Klamotten seien kleine, in Innentaschen eingenähte Notizzettel mit Hilferufen verzweifelter Textilverarbeiter aus Fabriken in Bangladesh oder gar chinesischen Strafgefangenen-Arbeitslagern aufgetaucht. Ermittlungen sollen nun ergeben haben, dass diese Zettel nicht authentischen Ursprunges seien, sondern Fälschungen von Aktivisten, die gegen die bekannte Billigproduktion von Textilien durch Primark protestieren wollten. Der Tenor, den sich Primark nach solchen Prüfermittlungen dann anmaßen kann, geht nun ungefähr so: ''Leute, alles gut, die Arbeitsbedingungen unserer Zulieferer in Asien sind zwar bekanntermaßen bescheiden, aber hey, die Zettel waren nur Fälschungen. Also, bitte bleibt tiefenentspannt, alles wie gehabt, alles gut.''

    Wer nicht glauben mag, dass dies wirklich der Tranquilizer-Tenor der PR-Abteilung von Primark ist, kann gern auf der Primark-Website deren neueste Verlautbarung zum aktuellen Geschehen lesen:

    http://www.primark-ethicaltrading.de/nachrichtenundhaeufigefragen/nachrichten/verlautbarung_von_primark_27_6_14

    Komplementär dazu lesen sich dann auch Nachrichten aus dem Wirtschaftsressort, z.B. in der ''geliebten'' FAZ, die es schaffen, den Fokus in Sachen Billigkonsum und dessen katastrophale Konditionen mal so völlig umzublenden HIN auf die bloße PR-Wirkung und die Imagebildung bestimmter Aktionen oder Nachrichten für das Unternehmen, WEG vom eigentlichen Grundproblem: Billigstproduktion von Textilien durch Billigstlöhner in Billigproduktionsländern. Man muss sich diesen FAZ-Artikel nur einmal in Ruhe (wirklich dies!) durchlesen, um zu verstehen, wie sehr es in den Führungsetagen bei dieser Problematik nicht um die Sache geht, sondern allein um das Ausbalancieren und Glattbügeln des Primark-Images:

    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/primark-grossalarm-im-teenie-paradies-13016261.html

    Das Eingangszitat meines Eintrages, dass oben verlinktem Un-Text entnommen ist, sagt eigentlich schon alles aus über den Zynismus unserer Zeit, die zynische Herrschaft. Letztlich geht es dem FAZ-Artikel allein darum auszuloten, wie sich die SOS-Zettel-Aktion nun auf das Unternehmen auswirkt und um die Interpretationsmächte der Marketingabteilungen, das alles für das Unternehmen zum Besten zu wenden. Fazit des Textes ist auch: ein veritabler und stadtbekannter Schmutzfink kann ohnehin unmöglich ein Image als Saubermann gewinnen, daraus folgt aber eine absolut positive Grundeinschätzung oder wie es im ärgerlichen Text heißt:

    '' In diesem Zusammenhang könnte es Primark sogar nützen, dass die Firma aus ihrem Billigimage nie einen Hehl gemacht hat. (...) ...der Markenkern des Unternehmens lautet einfach: Hauptsache billig. Die Kunden – hauptsächlich Mädchen im Teenageralter und junge Frauen – interessieren sich nicht für T-Shirts aus fair gehandelter Bio-Baumwolle, sondern für den Preis. (...) Der langfristige Schaden dürfte sich daher darauf beschränken, dass das Image von Primark ein bisschen schlechter wird. Große wirtschaftliche Verluste sind unwahrscheinlich. „Die Firma wird in den Kreisen ihrer Kritiker ohnehin schon mit billigen Klamotten und schlechten Arbeitsbedingungen assoziiert“, sagt Roselieb. Primark hat keinen Ruf zu verlieren.''

    Bottomline: wo der Anruch schon haftet, gibt es keinen Ruf zu verlieren. Nochmal zum Einprägen: der Schmutzfink kann nicht den Ruf des Saubermannes verlieren, er kann sich vielleicht höchstens hübsch und primark-bunt tarnen. Eine Abwandlung des urbekannten Sprichwortes würde in Bezug auf Primark also lauten: ''Ist der Ruf schon ruiniert, produzierts sich völlig ungeniert.'' Und gekauft wird allemal munter und bunter weiter.

    Man weiß ja die unbedarfte, im Großteil nunmal nachweislich weibliche ''young urban''- Kundschaft im Rücken. Sagen Sie nicht, dass das nichts bedeutet. Aber dazu in einer Weile mehr.

    Bevor ich mich an die Recherche auf u.a. der Primark-Website machte, zog es mich mit einer perversen Folgerichtigkeit zunächst einmal physisch an den Ort des Konsumterrors in eine Kölner Filiale. Wenn man es als intentionaler Nichtkäufer erst einmal hinein geschafft hat in den Tempel des totalitären 'consumerism', wird man direkt von dem überrollenden Sog wie Ameisen ausschwärmender Konsumentinnen erfasst. Erste Beobachtung: Männer, so man sie überhaupt sieht (und ich spreche hier auch von der Herren-Abteilung) sind hier reduziert auf das Tragen der Tiefseefischerei-Schleppnetz-ähnlichen und mindestens 70 cm tiefen Einkaufstaschen für das Hauling, die Primark zur Verfügung stellt und übernehmen ansonsten reine Lasttierfunktionen für ihre Konsum-Girlies.

    Dazu stehen an den Probier-Spiegeln aufheiternde Sprüche wie: ''You look fantastic, princess...'' und dergleichen.

    Erster Eindruck ansonsten am frühen Vormittag: alles ist sauber und ordentlich ausgestellt, kein Anschein von Anruch, kein Anschein von Discount (und das, wo man KIK-Preise bietet!), billige Optik wäre hier ein leichtsinniges Zugeständnis an eine Textildiscounter-Appearance, die es zu vermeiden gilt. Abends soll es dagegen in so mancher Filiale aussehen wie im Augias-Saustall, nachdem die Meute durchgezogen ist: ich habe mir einen weiteren Besuch allerdings erspart.

    Gut, wir müssen über Rana Plaza sprechen, das billigst hochgezogene Gebäude in Sabhar in Bangladesh, in dem am 24.4.2013 1127 Arbeiter und Arbeiterinnen ums Leben kamen, die u.a. für Primark und KIK nähten. Da hört und liest man ja immer vieles, wie aber reagierte Primark als einer der Abnehmer der Waren von dort eigentlich auf diese Katastrophe? Nun, man kann es sich hier anschauen:

    http://www.primark-bangladesh.com/de/unsere-arbeit-in-zusammenfassung/

    ...und man staunt, dass es da letztlich nur um Reparationen und finanzielle Kompensation für die Hinterbliebenen der Produktionskatastrophe geht. Da werden Beträge gewälzt und gelistet, die man den Familien gezahlt habe und zahlt und man habe ja auch neue gebäudeschutztechnische und brandschutzrechtliche Verträge unterzeichnet und überhaupt und alles wunderbar. Bottomline für diesen Part: viel ist nicht passiert, es wird munter weiter zu ähnlichen Konditionen billigst produziert. Ich habe noch viele Fragen an Primark und wer Fragen hat, die per Mail zunächst gar nicht beantwortet werden und/oder dann laschen 'copy and paste'-Textbaustein-Kleister aus den FAQ's als Antwort aus den PR-Abteilungen erhält, hätte also gleich in die FAQ's zum ''Ethical trading'' abtauchen können. Ah, eine Frage, die auch mir im Kopf herumspukt wird also häufig gestellt:

    '' Was tut Primark, wenn in seinen Fabriken schlechte Arbeitsbedingungen festgestellt werden?''

    Da sollte doch nach dem Rana Plaza-Vorfall so richtig der Hammer ausgepackt werden, falls da noch ein Zulieferer schlampt. Na..naja, das gestaltet sich leider nicht so einfach, wie es der kritische Kunde gerne hätte, wie wir aus dem klebrigen PR-Phrasengewitter von Primark erfahren müssen:

    ''Wir glauben an die Zusammenarbeit mit Lieferanten, damit diese sich verbessern können, um unsere ethischen Standards zu erreichen und einzuhalten. Nur sehr selten und als Mittel der letzten Wahl erwägen wir, einen Lieferantenvertrag zu beenden, weil der Verhaltenskodex nicht eingehalten wird. Ethische und nachhaltige Lieferketten zu bilden, ist oft eine Herausforderung, die nur mit einem Programm fortlaufender Verbesserungen, Lernerfahrungen und Bewertungen erreicht werden kann; mit einem Programm, das Engagement und Dialog fordert und fördert.''

    Möchten Sie nochmal eine Übersetzung in Klardeutsch über unseren bewährten Bullshit-Translator ''Deutsch-PR-Phrase / PR-Phrase-Deutsch''? Kein Problem:

    ''Wir vertrauen und glauben unseren Lieferanten, dass sie unseren windelweichen und so nur genannten ''ethischen Handel'' und ''Code of Conduct'' zumindest ein klitzekleines Bisschen einhalten. So gut wie nie und auch dann nur an Schaltjahren, wenn Weihnachten und Ostern mal wieder auf einen Tag fallen, mahnen wir einen Lieferanten ab und entziehen ihm dann den Auftrag. Ist auch alles nicht so einfach, wie ihr Wutbürger das meint. Wenn es zig Tote gibt, kann man hinterher ja immer noch hier und da die Gebäude für unsere ununterbrochene Billigproduktion etwas sicherer machen. Man lernt eben meistenteils erst im Nachhinein. Aber hey, Kopf hoch, alles gut, so ist das Leben: Hauptsache, wir haben drüber geredet und ihr geht weiter schön bei uns einkaufen. Und überhaupt, weil es grad noch so gut klingt: fördern und fordern, yeah!!''

    Natürlich war beim Rana Plaza-Building Primark bei weitem nicht der einzige Schmutzfink der billigen Produktion, das alleinige Festschießen auf den irischen Konzern wäre eine Unausgewogenheit. Aber der Truthahn, der seinen Hals am weitesten und prahlerisch-prächtigsten aus der Herde erhebt, liegt kurz darauf oft als erster gerupft auf dem kulinarischen Präsentierteller, daher dies. Soll auch heißen: selbst schuld, liebes Unternehmen.

    Denn die pfauenbunten Federn des Schmutzfink-Konzerns zeigt dieser gern auf dem Umweg seiner Werbung für ihn betreibenden (natürlich größtenteils weiblichen) Kunden z.B. und vor allen Dingen hier:

    http://www.primark.com/de/primania

    'Primania' stellt nun wirklich einmal eine Seite dar, die vor dem Hintergrund aller Zusammenhänge, dem scharfen Kontrast zwischen der elendigen Produktion durch unterbezahlte Arbeiter/innen in Bangladesh und der wohlstandsgetränkten Präsentation der ''Mode'' durch übersättigte weibliche Jugendliche der westlichen Welt einen frivolen Frevel auf die Spitze treibt, bei dem einem eine eiskalte Gänsehaut überfährt. Man ertappt sich dabei, wie man sich fast wünscht, der Miserabilismus der Zustände in Bangladesh übertrüge sich direkt auf die präsentiergeilen KonsumentINNEN dieser Bekleidung. Was übersehen sie bloß?

    Wie die Billig-Models ansonsten aussehen ist dem Konzern komplett wumpe, was jeder Leser beim Photo-Scrolling schon recht bald bemerken wird und welches ja prinzipiell auch sympathisch wäre, wäre da nicht dieser Verdacht: die züchten sich aber auch wirklich jeden Konsumenten sogleich noch schön zum kostenlosen Werbeträger heran. Und wann präsentiert man uns eigentlich die Arbeiterinnen in den Fabriken in Bangladesh in diesem Look?
    Immerhin auch emanzipatorisch: im Primark-Look sieht nach wenigen Wäschen jeder gleich billig aus.

    Die gleichen Photos in den gleichen Klamotten nach zehn, ach, was sage ich: nur fünf! Wäschen...das wäre doch einmal aussgekräftig...aber wir kommen vom Thema ab.

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    Am Primark-Phänomen entdeckt sich dem aufmerksameren Betrachter eine Grundkonstante der zynischen Herrschaft, hier im Bereich des Konsums: '' Wenn Du auf Discount gehst, sorge unbedingt dafür, dass der Glanz der Dinge das Elend und die miserable Bedingung ihrer Herkunft überstrahlt.''

    Mancher mag da an Frau Welt und ihren famosen Rücken denken:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Frau_Welt

    ...oder, rein ökonomisch gesprochen, an die trickreiche Maskierung der sogenannten 'externalisierten Kosten'. All die Kosten, die eigentlich auf keine Kuhhaut gehen und daher für den Konsumenten gar nicht erst eingepreist werden und die letztlich allein der Ausgebeutete im Ausbeutungsverhältnis zu tragen hat: die Natur z.B oder der ausgenutzte unterbezahlte Produktions- und Lagerarbeiter (übrigens egal ob in der Textilfabrik in Bangladesh oder an der Primark-Kasse in Berlin-Alexanderplatz). Die Kosten, die auf den Rücken anderer abgewälzt werden, während die Profiteure, die Ausbeuter im Ausbeutungsverhältnis, den Profit-Rahm mit ihrer goldenen Sahnekelle abschöpfen und den Konsumenten zum willfährigen Agenten ihrer Profitgier machen. Aber dazu können Sie ja hier noch einmal mehr lesen:

    http://raumgewinner.blog.de/2012/11/29/simulation-glueck-der-mensch-zeitalter-hyperiums-15259543/

    Der Glanz der Dinge muss das Elend ihrer Herstellung oder die miserable Bedingung ihres Daseins deutlich überstrahlen...dann tragen hierzulande die Mädels (vor allem nunmal die) eine Mode und ein (kann man es überhaupt so nennen?) : Denken? zur Schau, bei dem einem eigentlich gerne schlecht würde. Aber wir leben in der zynischen Herrschaft, hier kann man mit PR-Phrasen und in digital-infantiler facebook-Manier und mit dem Standardgospel: ''Ich weiß ja eigentlich schon, dass die Sachen billigst produziert werden, aber, hehe, naja...'', (worauf auf das ''naja'' meist keine substanzielle Aussage mehr folgt, der zuzuhören sich lohnen würde), sich noch bewährt aus jeder Primark-Filialbesuch-Zwickmühle herauswinden...die Legitimation dieser Frivolität bedient sich letztlich der kurzen Denkwege der Marktherrschaft: ''Kaufe (Dich) besinnungslos, dann wird der Rausch alle Bedenken zerstreuen. Dieser Rausch ist die reine Effizienz, die primäre Bestätigung der Folgerichtigkeit deiner Kauf-Handlung. Die Berauschung ist der höchste Wert und die wohltuende Legitimation deiner maximalen Entfernung von jedem kritischen Denken.''

    -----------------

    (Wer nun glaubt, ich hätte mit diesem Text den sehr kurzen Weg über die Konsumkritik hin zur generellen Misogynie genommen, täuscht sich vorerst noch.)

    For what it's worth?! :

    http://www.primark.com/de/primania/look/137471,weekend-nach-josie-louise-b

    Und wer ist hier eigentlich das überzeugendere fashion-victim? Die Arbeiterin, die täglich bis zu 14 Stunden in einsturzträchtigen Gebäuden billige Wäsche zusammennäht oder z.B. sie hier (als wirklich nur ganz beliebiges und auch ganz sicher beliebig austauschbares Exempel) :

    https://www.youtube.com/watch?v=EnLM_f_Rp0E

    ? Immerhin: man kann anscheinend ca. 20 min lang (sie fühlen sich an wie 60min, in denen gefühlte 364 Objekte besprochen werden) quasi-philosophisch über seine exzessiven Fangzüge im Konsumrausch referieren als sei dies das wichtigste Thema auf der Agenda, ein kritisches Wort zum Primark-Konsum vor dem Hintergrund aller Gegebenheiten dagegen?!...ach, lassen wir das. Ach, nochwas: Bei den overknee-Sockenpaaren (und den Ballerinas und den Portemonnaies) konnte sie sich zwischen den zwei Farben nicht entscheiden, also hat sie sich einfach beide gekauft, ich meine, bei dem Preis, da kann man sich das ja leisten.

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    ''Advertisements are here for rapid persuasion
    If you stare too long you lose your appetite
    but my nervous disposition doesn't agree with this...''

    Blur, Advert

  • Der Verschleiß und die Lästigkeit

    ''Seien Sie vorsichtig! – Auf dieser Route gibt es eventuell keine Bürgersteige oder Fußwege.''

    Info bei der Fußgängerroutenangabe Köln-Nippes nach Berlin-Schöneweide bei Google Maps

    Der Verschleiß ist wahrscheinlich das Grundgesetz der Zersetzung allen Lebens, jeder Lebensform, jeder physischen Einheit. Alles, was da körperlich vor- und zuhanden ist, nutzt sich ab, reibt sich ab, trägt sich dünn, und dann irgendwann: ''defuncto'', wie es auf Grabplatten verstorbener Bischöfe in Kathedralen und Kirchen oft heißt ''Hic requiescat defuncto'', ''An dieser Stelle ruht, nicht mehr funktionierend, der und der...'', sozusagen.

    Nun, jedenfalls: 'nicht mehr funktionierend', das will sagen: ein Körper ist dem Verschleiß unterlegen, sei dieser Körper rein biologisch, sei er rein technisch ein Gerät oder eine Gerätschaft, was auch immer: der Verschleiß ist das sichtbare Nagen der Zeit, manifest geworden am Körper. Sind irgendwann die Re-Organisationskräfte verbraucht, war es das dann auch und der Verschleiß hat sich durchgesetzt.

    Nicht zuletzt in Zeiten der geplanten Obsoleszenz, der Tatsache also, dass Dinge, Material und überhaupt technisches Gerät von vornherein perfide so konstruiert werden, dass sie innerhalb einer geplanten denkbar kurzen Zeit verschleißen und unbrauchbar werden (also ersetzt oder aufwändig repariert werden müssen und so Konsumanreize befeuern), in diesen Zeiten der konstruierten Hinfälligkeit also, ist der Verschleiß ein nicht zu überschätzender Faktor unserer Lebenswelt. Als notorisch-obsessiver Radfahrer erschließt sich mir der Verschleiß an meinem eigenen Rad unmittelbar. Kette, Kurbel, Ritzel, Mantel und dergleichen: immerzu ist etwas anderes verschlissen und abgenutzt am Objekt der Begierde. Das prekäre Leben manifestiert sich nicht zuletzt also am Rad und seinem Verschleiß: Kette, Kurbel, Ritzel, das alles einmal im Jahr neu macht ca. 210 Euro. Wird einem übrigens direkt am Tag 1 der Abholung des Rades aus einer solchen Reparatur selbiges am S-Bahnhof geklaut, hat man das gute gefühlte Recht, dort ein Pappschildchen am Radständer zu befestigen mit der berechtigten Aufschrift: ''Fahrraddiebe hängen!!''

    Wohin mit all dem Verschleiß und der Lästigkeit? Vielleicht der Versuch also, zumindest der Lästigkeit noch etwas abzugewinnen. Tendenziell allerdings bemerke ich gerade, dass ich über die Lästigkeit an selbem Orte zu anderer Zeit schreiben möchte. Aus aktuellen Anlass nun lieber noch mehr zum Verschleiß.

    Nur der ungebremste Kapitalismus der Jetztzeit kann den Verschleiß nahezu zur notwendigen Konstante seines eigenen Fundamentes geraten lassen. Wie überhaupt einige grobe Grundgesetze der Natur Grundgesetze des modernen Marktes sind. Ebenso wie die Natur fortwährend reproduziert, muss auch der Markt fortwährend reproduzieren und dabei wachsen, um sich selbst zu erhalten. Der Verschleiß kommt da als konstituierendes Element sehr gelegen. In Abwandlung des mephistophelischen Diktums lautet einer der Leitsprüche des modernen Kapitalismus: ''Denn alles, was entsteht ist wert, dass es schnell wieder zugrunde geht.''

    So auch mit dem Fahrradklau. Hier wird ja nun nicht nur ein Rad ersetzt werden müssen, sondern in der Zwischenzeit, bis das Rad ersetzt ist, fallen mir Kosten und Verschleiß an, die wiederum der Wirtschaft zugute kommen (davon habe ich so ziemlich nichts, außer der Mehrkosten, dem Aufwand und der Erschwernis). Und auch wenn das ''neue'' Rad ein gebrauchtes sein wird, generiert der Radklau Wirtschaftswachstum. Nach der reinen marktwirtschaftlichen Lehre also müsste ich mir nunmehr einen Ast freuen, aber es wäre ja einer, auf dem man nur leidlich sitzt und an dem man selbst sägt. Lassen Sie es mich wissen, wenn die Metaphorik hier gerade wankt. Nun, jedenfalls: was ich mir nun vorerst an teuren Busfahrkarten kaufen muss (abscheuliches Busfahren, eine unendliche Demütigung), um zu meiner Erwerbsstelle zu gelangen (auch muss ich mehr arbeiten, um den Schaden wieder reinzuholen) , ist eine Gemeinheit oder aber ich laufe zu ''meiner'' S-Bahnhaltestelle auf strammen 4km, was aber wiederum meine Fußepidermis und vor allem mal: meine Schuhe! maximal belastet. An dieser Stelle eine Beobachtung zum Verschleiß und der Obsoleszenz modernen Schuhwerkes: moderne Schuhe werden nicht mehr zum Gehen, Spazieren und Flanieren gefertigt, sondern sind allein modische Fussbekleidung. Wo altverdiente Wandersmänner wie Goethe oder Seume noch nach Italien wandern konnten mit nur maximal ein bis zwei neuen Sohlenbeschlägen unterwegs, schafft unser modernes Schuhpaar, das erst wenige Kilometer belaufen wurde, es nicht einmal, ca. 5 Gänge zur S-Bahn hin und zurück (also 40km) zu überstehen, ohne dass die Innensohle schon dünngetragen ist und der Gummiabhub unter der Sohle mir beachtliche Schrecken einjagt, so dass sich ein unebenes Gehgefühl und somit konsequent einige Zeit darauf archaische Blutblasen an den Füßen bilden. Weitere 35km haben mir das Schuhpaar (und anhängig meine Füße) schon fast vollständig verschlissen. Das sagt natürlich ebenso viel über die minimierte Köerperlichkeit des modernen Menschen aus wie über die Hinfälligkeit der modernen Warenwelt.

    Bleiben wir noch eine Weile bei der Lästigkeit des Spazierens oder Wanderns oder auch des Gehens, je nachdem, wie man es auffassen mag. Man mag sich kaum vorstellen, dass sich im zB 18. und frühen 19. Jahrhundert Geistesgrößen wie Jean Paul gern und absolut routiniert zu Fuß auf ihre Fernreisen quer durch Deutschland, ja teils gar durch Europa gemacht haben. Manchen von ihnen war die Mühsal des Laufens lieber und auch erkenntnisreicher als die oftmals gemeine Lästigkeit des Kutschenfahrens (welches nicht nur eine sitzfleisch- und nervenzehrende Angelegenheit in Anbetracht der miserablen Fahrwege der damaligen Zeit darstellte, sondern auch an eine ungemein entnervende Reisebürokratie gekoppelt war, bei der man aufgrund des Abgleiches und der Beschaffung von regional stets verschiedenen Reisepapieren oft länger in der Kutsche als zu Fuß brauchte, zumal wenn man den Schikanen unwilliger Beamter vor dem jeweiligen Ort ausgesetzt war). Dieses stoische Wandern strahlt natürlich eine erhabene Faszination aus: man macht sich mal auf und zieht gelassen seiner Wege. Eine schöne Stelle, an der sich der digitale Hanswurst und der analoge stoische Fußgänger treffen, stellt das ''Routen berechnen'' für Fußgänger bei Google Maps dar.

    Das Fußgängersymbol dort zeigt ein leicht gebückt gehendes, aber doch frohgemut entschlossenen Schrittes schreitendes Fußgängersymbolmännchen, das stoisch seiner Wege ziehen möchte. Gebe ich zB eine Straße in Köln an, von der aus ich gern nach einer Straße in Berlin-Kreuzberg spazieren möchte, zeigt mir Google Maps nach einer gewissen Berechnungszeit, die zwar merklich länger dauert als die für Autorouten, aber doch nur einige Sekunden beträgt, eine Route an, auf der unser frohgemuter Wandersmann 110 Stunden unterwegs wäre, mit insgesamt 486 Richtungs- bzw. Wegwechseln. Man kann den Fußgänger auch auf die imaginäre Route von wiederum Köln nach, sagen wir: Tscheljabinsk im fernen russischen Ural schicken, da hätten wir dann ca. 826 schlanke Stunden Fußweges. Zumindest unser digitales Fußgängersymbol gehts gelassen an. Etwas länger ist unser Spaziergänger zB unterwegs, wenn er von Köln-Weidenpesch nach Abottabad in Pakistan spazieren möchte, um dort zB auf einem Suq einen gemütlichen Kaffee zur Falafel zu sich zu nehmen, dieses wird dann 1.341 Stunden Fußweges in Anspruch nehmen (ein Weg).

    Es kommt nun auf die Tagesform und die Anpassungsfähigkeit an, inwiefern man die Erschwernis (hier am Beispiel physischer Fortbewegung) auch als Lästigkeit begreifen mag. Was bringt zB die Erschwernis des Pilgerns zur S-Bahn auf der 4.5km-Strecke mit sich, was das Radfahren nicht bietet? Nun, ich staune nicht schlecht: zum ersten Mal seit langer Zeit kommen nicht nur die Füße mal wieder länger in Gang als nur von hier auf die Pedale, sondern zB auch mein Denken! Mein Denken geht mit spazieren wie ein Hund Gassi an der Leine, begibt sich auf weite ungetretene Wege, erweitert sich, regt mich an und auf, findet seine Ideen, ordnet und sichtet, inspiriert und motiviert. Ein Teil meines Weges führt durch einen Eschen-Auwald, den ich sonst relativ leidenschaftslos bei 35km/h auf dem Drahtesel links und rechts an mir vorbeirauschen lasse, nun aber durchmesse ich den Auwald mit jedem meiner Schritte, das Auge nimmt Halt, verlangsamt den Schritt, heißt mich schauen, registrieren und wahrnehmen, heißt mich benennen und staunen. Ja, schon klar, dass auch dieser neugierige Blick, wo wir doch schon beim Thema sind, nach der 37. Wanderung hin zum S-Bahnhof verschleißen würde, aber nehmen wir den Fußmarsch einmal als die zunächst lästig wirkende Ausnahme, die er darstellt: wann bietet sich einem schon einmal eine solch faszinierende Chance zur Langsamkeit in der Hetze der digitalen Moderne? Der langsame Blick sieht das Wesentliche, zB den Kälberkropf und das niedliche Wald-Sanikel am Wegesrand und das langsame Denken wiederum denkt das Wesentliche. Gerade in dieser Langsamkeit des Gehens und des Denkens gewinne ich Zeit. Jegliche Eile fällt von mir ab.

    Diese wundervollen Erkenntnisse mildern meine Strafeinschätzung in Bezug auf den Raddieb von der Todesstrafe durch Hängen auf fünf Jahre Isolationshaft herab in einer Form aufscheinender Dankbarkeit. Ich bin zurückgeworfen auf die Erschwernis des Gehens, auf die Mühsal der langsamen Raumnahme, natürlich kann man so jedem gelaufenen Meter einen Namen geben und doch kommt man voran und jeder Schritt und jeder Blick bekommt eine ganz besondere Bedeutung. Irgendwann dann kommt der Punkt, an dem man keine Angst mehr hat vor einer Strecke, der Geist nimmt die Lästigkeit nicht mehr als Erschwernis war, sondern nähert sich tatsächlich einem meditativen Punkt. Das mühselige Durchmessen des Raumes wird zum Durchmessen des Geistes, eine analoge Be(s)tätigung, die eine Tiefe des vom Netz abgekoppelten Denkens frei Haus liefert, die man kaum noch vermutet hätte.

    Ebenso hat mein Geist nun diesen Text durchmessen und kam dabei wie neulich noch ich im Auwald von Hölzken auf Stöckscken, wie der Westfale meint. Will sagen: das Abschweifen sollte mir Tugend heißen. Und warum auch folgen Sie, lieber Leser, im Lesen wandernd einem erratisch Streifenden in seiner Fahrratlosigkeit durch abschüssiges Unterholz, der zunächst von Verschleiß erzählen und die Lästigkeit hintan gestellt wissen möchte, dann das alles abenteuerlich an moderne ökonomische Theorien rückkoppelt, nur um dann wieder plötzlich in verschobener nächtlicher Koffein-Euphorie in eine Eloge auf die selige Erschwernis der Fußreise zu verfallen und zu endigen? So sind wir bei alledem jedoch ein Stück Weges gemeinsam flaniert, Sie und ich, in einer lästigen Lesepilgerschaft auf sicher auch 486 Weg- und Richtungswechseln und doch irgendwo aufgebrochen und andernorts angekommen.

    ''1326. Rechts abbiegen auf G.T. Road/جی ٹی روڈ‎/N5
    Sie passieren Kitchens Fried Chicken auf der linken Seite in 500 m.''

    Info zu Richtungswechsel Nr. 1326 auf der Fußstrecke Köln-Weidenpesch nach Abottabad, Pakistan bei Google Maps

    ...naechstens mehr...

  • Nachrichten aus der informationsfreien Zone (ein Plädoyer auf nachhaltigen Journalismus und warum zudem die FAZ bitte sterben soll)

    Wenn ich mir eine informationsfreie bis informationsarme Zone denken soll, so kommt mir mitunter die tiefste Tiefsee in den Sinn. Oder ein Liveticker zB auf Spiegel online...wobei dieser Vergleich doch nicht hinhaut. Formulieren wir es anders: an anderer Stelle hatte ich eine Flut von Informationen, die es schafft, nichts mitzuteilen, was irgendwie von Belang wäre, Exformation genannt. Exformation ist ungefähr das Gefühl des Livetickers: ein Maximum an (unnötigen) Informationseinheiten erzielt am Ende ein Minimum an Sinn oder informationellem Mehrwert.

    Ich habe das starke Empfinden, dass Online-Zeitungen keinerlei Sinn machen, außer eventuell den, kurzzeitig zu unterhalten. Die wenigen guten online-Artikel der Zeitungen, die auch als Print-Version erscheinen und die überzeitlich wirken und von Belang sind, sind exakt die, die keine ''Refresh''-Funktion haben, nicht livegetickert werden und bei denen man nicht das Gefühl hat, dass hinter der hochskandalisierten Überschrift sich ein lautes ''Plopp'' verbirgt, der Sound also des Platzens einer informationellen Seifenblase. Also exakt die Art von Artikeln, die man auch im Print finden würde.

    Nicht das dort in Sachen Informationsnachhaltigkeit immer schon alles zum Besten gestanden hätte. Auch in nur-analogen Zeiten konnten Zeitungsaufmacher sich schon am nächsten Tag als üble Nullnummer erweisen, so dass man als analoger Leser dann oft mit der Befindlichkeit da stand: 'War da nicht vor ein, zwei Tagen noch was? Warum wird da jetzt mal so gar nicht mehr drüber berichtet?'
    Wobei es in digitalen Zeiten wiederum so ist, dass oft, um die ständig zu aktualisierenden Online-Newsportale zu füllen, wochen- bis monatelang über Dinge und Situationen berichtet und geschwafelt wird, die nie wirklich eine Nachricht wert waren, über die man länger als ein, zwei Tage hätte berichten müssen. Erwähnt seien hier nur, (dies durchaus angewidert, da ich nicht mehr gern so exemplarisch werde an diesem Orte meines Schreibens, denn das allzu Konkrete ist immer das Banale) per exemplum der einfach nur peinliche Seifenblasenjournalismus über den Geisterflug der MH-370, irgendwelche Schiffsunglücke vor Korea, die ADAC-Affäre und sonstige Havarien des Journalismus (erinnert man sich da überhaupt noch? Man hatte über Wochen hinweg das Gefühl, nicht die NSA, sondern der ADAC sei DAS Kernproblem unserer modernen Gesellschaft, so sehr hat der Medienapparat hier knallharten Investigativjournalismus begangen) etc. Kurz: es ist eine abscheuliche Boulevardisierung auch der bisher sich selbst für so anspruchsvoll haltenden und distinktiv sich begreifenden Leitmedien wie SZ, FAZ, Taz, etc. im Gange.

    Aber zugleich ist etwas ganz anderes geschehen: mehr als je zuvor neigen die grossen Leitmedien dazu, sich einander bis zur Unkenntlichkeit anzugleichen in ihrer Berichterstattung und Boulevardisierung. Eine unappetitliche Menge an bunten Häppchen wird einem da gereicht, das reicht über belanglose Netz-Meme, aus denen hyperinterpretierende Artikel gestrickt werden bis hin zu staatstragenden Riesen-Analysen und intellektuell drittrangigen Nachbetrachtungen zu den dümmsten Hype-Sendungen im Fernsehen (ich brauche hier keine Beispiele nennen, da jeder weiß, dass ich von Idioten-Castings gleich welcher Couleur und ähnlichen schmerzhaft peinlichen Formaten spreche), die zunehmend einen astreinen ''journalistischen'' Totalausfall und braven Begleitkommentar zu diesen Sendungen darstellen. Soll man wirklich hinnehmen, dass dies die Zukunft des Journalismus ist?

    Wenn Zeitungen und ähnliche Newsformate überhaupt noch einen Sinn machen sollen, dann sollten sie sich sogar wieder verstärkt auf den Print und seine Nachhaltigkeit konzentrieren. Eventuell artet dieser Text hier zu einer Elegie auf die Wochenzeitung aus. Auch wenn eine solche nicht schlechthin vor den Gefahren der Meldehysterie gewappnet ist, kann eine Wochenzeitung schon ihrer ganzen Natur gemäß doch damit umgehen, Nachrichten nach ihrer Nachhaltigkeit und Wertigkeit zu beurteilen. ''Zeitung'' kann jedenfalls nicht heißen: Dauerberieselung mit ''Nachrichten'' auf liveticker-Niveau und reißerischen Überschriften sowie nervigen Untertitel-Appetizern nach Schema F und im Sinne der search engine optimization.

    Information um der bloßen Information willen ist reine Exformation, ein leerer Mitteilungsreiz, siehe bitte auch hier zur Wiederholung:

    http://raumgewinner.blog.de/2011/08/21/publikum-bald-ganz-allein-return-the-information-to-sender-address-unknown-11701877/

    Überhaupt wird im Zuge dieser novophilen Meldesucht eine Hysterie aufgebaut, die die Bildung eines auf- und abgeklärten Diskurses und vernünftiger Diskussion von vornherein verwehrt. Wo vor lauter Vermelden und Kolportieren keine Pausentaste mehr gedrückt wird und keine letztgültige Einordnung eines Sachverhaltes/Themas erfolgt, bleibt jedes Geschehnis bloße Situation, die unklar im Raum wabert und vom Publikum nicht mehr begriffen und in den Gesamtzusammenhang ''der Dinge'' eingeordnet werden kann. Statt einer gewissen (wichtig allerdings: nicht-zynischen!) Abgeklärtheit erlebt man in der Berichterstattung Hysterie, Schaumschlägerei und eine Bedeutungsaufwertung noch der kleinsten mitzuteilenden Handbewegung zu einer großen politischen Geste, was insgesamt beim Leser nur ratloses Achselzucken oder wutschnaubende Kommentare auf dem Abtrittbrett unter dem Onine-Artikel hervorruft. So taugen dann zB die Kommentare unter den online-Artikeln vielfach als wohltuendes Korrektiv, füllen aber leider oftmals auch einfach nur eine stinkende Jauchegrube in all ihrem Hass, ihrer Verschwörungstheoretik und den absurden Mystifikationen und offenbaren, dass vermeintlicher common sense auch schnell zu common non-sense ausarten kann.

    Dass eine derartige Form des Journalismus in Formen der Propaganda hinüberragt, ist dabei offenkundig. Wie überhaupt unser Zeitalter der Propaganda (und dem Lobbyismus, was aber letztlich das Gleiche ist) anheimzufallen droht. Dies liegt nicht zuletzt am qualitativen Abfall des Journalismus und seiner selbstgewählten Gleichschaltung in Beliebigkeit. Auch hat der Journalismus mindestens seit Mitte der 1990er Jahre irgendwann wie abgesprochen damit begonnen, ein ziemlich unkritisches Verlautbarungsorgan der neoliberalen Propaganda zu werden und sich dafür mit Handkuss vor den dreckigen Karren spannen lassen.

    Immerhin hat die Ukraine-Krise endgültig den Graben zwischen dem Verlautbarungs-Journalismus und den Meinungen der aufbegehrenden Leserschaft derart stark freigelegt, dass sich im Zuge dessen viele Online-Zeitungen gezwungen sahen, erstmal explizit auf den Gegenwind vonseiten ihrer Leser zu sprechen zu kommen und ihm eigene Artikel zu widmen. Konservative Organe wie die FAZ (die in ihrer Verstocktheit immer lächerlicher wird und der ich wirklich den baldigen Tod an den Hals wünsche, dies aber aus privaten Gründen, die ich hier vorerst nicht näher erläutern werde und somit in meiner Alternativ-Überschrift zu diesem Eintrag fast schlichtweg gelogen habe, wie mir aber selbst gerade erst auffällt) , diese konservativen Organe also sage ich, haben sich anscheinend darauf verlegt, ihr lesendes und eifrig kommentierendes Publikum im Zweifel zu beschimpfen und in diesem besonderen Fall eben dieses Leserpublikum in seiner Gesamtheit als ''Putin-Versteher'' zu brandmarken, die allesamt der Putin-Propaganda verfallen sind, derweil die FAZ selbst tendenziöse Artikel kolportiert, die Russland als neue alte Sowjetmacht portraitieren wollen und den Westen als Gralsmacht universeller Heils-Vernunft darstellen.

    Das Problem, das ich sehe: die Auflösung der Verbindlichkeit der Leitmedien bzw ihre Trivialisierung durch Boulevardisierung beschwört die Auflösung des aufgeklärten Diskurses herauf. Will sagen: je mehr ''wir'' uns über Dinge unterhalten, deren Relevanz entweder nichtig ist oder uns in einem Maß an Beschleunigung ''informieren'', das uns bis zur Hysterie zerrüttet, desto mehr atomisiert und zerstäubt sich unser aufgeklärtes Weltbild. Was wir im Zuge des hässlichen Tausches erhalten werden, ist ein Blick auf die Welt, der im Sekundentakt neu skaliert und daher nicht mehr an die Vernunft, sondern allein an das reine hysterische Jetzt zurückgebunden ist. In der noch enger gezogenen Schlussfolgerung bedeutet das, dass der menschliche Geist sich zunehmend und zunehmend schneller verliert. Es ist schon jetzt nicht mehr als großes Wunder zu erachten, warum Verschwörungstheorien, Weltuntergangsgesänge und überhaupt Mythen (wenn auch in neuem Gewande) Hochkonjunktur haben. Man muss nur einmal das stündlich neu austarierte Geraune um die News, die aus der Ukraine eintreffen, beobachten...stündlich tischt irgendwer eine neue Interpretation der Situationen aus der Region auf, die abstrusesten Deutungen sind die willkommensten und der kleinste Darmwind eines pro-russischen Freischärlers wird zur kriegsvorbereitende Maßnahme umgedeutet. Es sind dies nicht zuletzt traurige Zeiten in unserer digitalen Welt.

    Die ''klassischen'' investigativen Leitmedien der analogen Zeit haben im Netz (das natürlich selbst Leitmedium ist, aber ein wenig verbindliches) auf Dauer auch in ihrer chimärischen Form als ''Online-Auftritt'', wenn sie wie beschrieben weitermachen, keine Chance mehr. Der qualitative Abfall ihres Inhaltes wird zum massiven Leserschwund führen, neigen sie sich dagegen noch mehr Richtung Boulevard, wie dies SPON bis zur Unkenntlichkeit zu tun bereit ist, verwandeln sie sich in reinen austauschbaren Junk-Journalismus. Die Zeitungen, die Print und Online bedienen, sollten entweder ihren Print stärken (denn die ''Sehnsucht'' nach langsam taktenderen und wirklich! informativen Artikeln zum Zeitgeschehen wird bald wieder zunehmen, man könnte das ''nachhaltigen Journalismus'' nennen) oder ihre Online-Sparte seriös halten bzw komplett einstampfen, um nicht austauschbar zu werden.

    Eine Publikumsbeschimpfung übrigens kann ich mir hier vielleicht auf meinem Privatblog erlauben, steht aber einer seriösen Zeitung wie der FAZ nicht an, weshalb ich wiederholt im Speziellen auf den Tod der FAZ plädiere. Sowas können sich Zeitungen fürderhin weder online noch analog erlauben: zu privatisieren und gegen die Leserschaft anzuschreiben, einfach weil man glaubt, dies und das doch noch sagen zu dürfen oder es mal wieder konträr anders als ''das Internet'' sehen zu müssen, wie dies ihr wirklich dummplappernder unverantwortlicher Redakteur Jasper von Altenbockum überaus gerne ostentativ tut. Für J. v. Altenbockum ist übrigens die NSA gar kein Problem, Edward Snowden kein Held, sondern ein simpler Delinquent, der vor US-Gerichte gehört und das Internet eine Instanz, der man das Vorratsdatenspeicherungsgesetz unbedingt zu gönnen hat oder lesen Sie selbst einfach mal unbedingt, was ich meine, warum dieser Mann intellektuell in seichten Wassern rudert:

    http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/eugh-zur-vorratsdatenspeicherung-justizminister-heiko-maas-rudert-zurueck-12885567.html

    Aha, Heiko Maas hat also vor ''dem Internet'' (was ist das denn?) gekuscht...ein derart weltfremder zeitenferner Geist wie Altenbockum sollte nicht ''verantwortlicher Redakteur'' des Innenressorts einer Zeitung sein, die sich selbst den gewagten journalistischen Aufbruch ins 21. Jahrhundert verordnen wollte.

    Dieser Eintrag darf durchaus verstanden werden als ein Aufruf zum politischen Bloggen, zum Durchatmen und dann Schreiben, zum Anderssehen und es dann mitteilen, als Plädoyer auf einen Diskurs, bei dem wir uns aus der Komfortzone herausbewegen und nur dann etwas mitteilen, wenn wir auch wirklich etwas zu sagen haben und nicht pausenlos belang- und geistlose Nachrichten aus der informationsfreien Zone senden, denn das tun die ''klassischen'' Medien schon mehr als zu Genüge. Nicht das Zeitalter per se ist hektisch, sondern wir sind es, wenn wir uns denkfaul hysterisieren LASSEN oder die Umwelt hysterisieren! Es geht immer auch langsamer und weniger...begebt euch in die Tiefe!!

    Dies alles, damit wir nicht nur noch Propaganda, BILD-Klone und Mode- und Kosmetik-Blogs lesen müssen. No offence...? Von wegen!!

    ...nächstens natürlich mehr...(ich habe ja nicht einmal angefangen)

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